Diverses Wenn das Geld die Kunst liebt

Philomene Magers und Monika Sprüth standen alle Crashs des Kunstmarkts durch. Und gingen aus jeder Krise gestärkt hervor. Heute vertritt ihre Galerie neun der 50 größten lebenden Künstler. Ein Geschäftsbericht.

Berlin-Mitte, Oranienburger Straße, Donnerstagabend. Es ist kalt. Vor dem Haus Nummer 18 stehen junge Hipster, reden englisch, französisch, deutsch. Drinnen schieben sich Hunderte durch Gänge und Säle. Getränke werden verteilt, es wird diskutiert, geschaut. Was wie eine Party wirkt, ist eine Vernissage in der Galerie Sprüth Magers. Kaufen wird niemand was, aber das sei nicht verwunderlich, sagt Philomene Magers: „Die Eröffnung ist für die Künstler, damit sie eine direkte Resonanz erfahren.“ Verkauft wird davor und danach.

Die Galerie Sprüth Magers ist ein Global Player des Kunstmarkts. Traditionell dominieren Amerikaner und Briten, aber es gibt ein paar Deutsche, die oben mitspielen. „Das ist eine der wichtigsten Galerien Europas, nein, der Welt. Da können in New York nur ein paar wenige mithalten“, sagt Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler und zuvor Leiter der Art Basel. Ihn beeindrucke die Liste der Künstler, die die beiden Frauen vertreten: Andreas Gursky, Cindy Sherman, Ed Ruscha oder Thomas Demand, insgesamt gut 40 Namen. „Da sind die wichtigsten Künstler unserer Zeit dabei“, sagt Keller. „Das haben die aufgebaut, nicht zusammengekauft.“ Von der Liste der „50 größten lebenden Künstler der Welt“, aufgestellt von der Datenbank Artfacts, vertreten die beiden Deutschen neun. Rekord.

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Die Galerie ist in den ehemaligen Räumen des Psychologischen Instituts der Humboldt-Universität untergebracht, hat eine Dependance in London und beschäftigt drei Dutzend Mitarbeiter. Eine Eröffnung wie an diesem Abend in Berlin ist die Kür. Die Pflicht besteht aus einer Mischung aus persönlicher Betreuung, althergebrachter Museumsarbeit, Verkauf, Freundschaftsdienst und Diplomatie. Es gibt eine Menge ungeschriebener Gesetze. Wer die nicht kennt, kann einpacken. Eines davon: Über Geld spricht man nicht. Ihren Umsatz, vermutlich ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag, geben die Frauen nicht preis. Weltweit ist der Handel mit Kunstwerken in den vergangenen 20 Jahren explodiert – mit neuen Käuferschichten im Nahen und Fernen Osten, in Russland, Europa und den USA. 2006, so eine Studie, wurde weltweit für 43,1 Milliarden Euro Kunst verkauft. Neuere Zahlen gibt es nicht.

Auf einmal Ansturm aus Amerika

Der Tag nach der Eröffnung. Der Ort: das Besprechungszimmer der Galerie. Zwei schwarze Sofas stehen über Eck, davor ein niedriger Tisch. An der Wand ein Gemälde von George Condo. Monika Sprüth trägt einen schwarzen Rolli, einen schwarzen Rock, schwarze Motorradstiefel. Philomene Magers ein helles Ballonkleid, Wollleggins, Ballerinas.

„Der Markt hat sich völlig verändert, seit wir angefangen haben“, sagt Monika Sprüth. „Aber es hat sich schon damals angedeutet, was in den letzten 15 Jahren klarer wurde: dass Kunstsammeln Mode wird. Es war auf einmal in bestimmten Schichten schick, Kunst zu kaufen.“ Ein neuer Geschäftszweig des Kunsthandels entstand: die Spekulation. „Auf einmal kamen die Händler aus den USA nach Köln. Wenn die von einer interessanten Galerie hörten, haben sie im großen Stil eingekauft.“

Damals, als die Amerikaner nach Köln kamen, hätten beide alles richtig gemacht, sagt Piroschka Dossi, Autorin von „Hype! Kunst und Geld“. „Es gab einen massiven Trend zur Fotografie.“ Die Frauen vertraten einige der renommiertesten Fotokünstler. Der Umsatz des Segments stieg von 1998 bis 2008 um 1270 Prozent.

Monika Sprüth, Architektin und Stadtplanerin, hatte 1983 umgesattelt, in Köln eine Galerie eröffnet, um Werke des Malers Andreas Schulze zu zeigen; wenige Jahre später stieß Philomene Magers, deren Mutter schon in Bonn eine Galerie hatte, dazu. Schulze, heute Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, zählt bis heute zum Künstlerstamm – eine Kontinuität, die selten ist in einem Markt, in dem erfolgreiche Künstler von Konkurrenten umworben werden wie Fußballstars. „Es ist einzigartig, dass all diese Beziehungen so lange dauern“, sagt Keller. „Das ist völlig untypisch für den Kunstbetrieb.“ Sprüth und Magers hätten einen langen Atem. „Baldessari zum Beispiel war jahrzehntelang ein Insidertipp, nie ein großer Geldbringer. Sprüth und Magers hielten zu ihm, jahrzehntelang. Heute ist er ein ganz, ganz Großer.“ Und ein Teurer.

Auf die Frauen gesetzt

Die beiden fingen klein an: Zunächst kooperierten sie, teilten sich Stände auf Messen. Sie merkten, dass sie sich gut ergänzten und in der Männerdomäne gemeinsam stärker waren als allein. Künstlerinnen waren Exoten, es gab sie, aber sie hatten niemanden, der sie vertrat. Das war die Chance: Sie gründeten eine GbR und setzten sich mit Verve für die Kunst junger Frauen wie Cindy Sherman, Jenny Holzer oder Rosemarie Trockel ein. Alle drei sind mit sechsstelligen Preisen für große Arbeiten heute längst Teil des Establishments.

Ihr Geschäft besteht nicht nur darin, Ausstellungen zu organisieren und zu warten, bis jemand kauft. Sie müssen Käufern den Eindruck vermitteln, Einzigartiges erwerben zu können. Und auch das reicht nicht aus, um zu reüssieren. Galeristen müssen Künstler managen wie Schauspielagenten ihre Schauspieler. „70 Prozent der Arbeit sind Organisation“, sagt Magers, das Verkaufen mache 30 Prozent aus. Die Galerie übernimmt alles, was nötig ist, damit Künstler Kunst machen können. Besorgt ihnen ein Atelier und Material. Beschafft Geld, kümmert sich um die Abwicklung wie ein Produzent beim Film. Wenn Ausstellungen anstehen, laufen Leihverkehr, Transport, Zollerklärungen über sie.

Vor allem aber muss die Wellenlänge stimmen. „Man muss die Komplexität des Künstlers verstehen und auch die Komplexität des Marktes“, so Sprüth. „Es gibt Künstler, die finden es toll, von null aus enorm hohe Preise zu erzielen. Wir sind eine Galerie, die das Gegenteil propagiert. Wir haben die Vorstellung, dass sich die Künstlerkarriere langsam entwickeln sollte. Gewinnmaximierung ist nicht unbedingt eine langfristige Strategie.“ Magers ergänzt: „Wenn der Künstler das Gefühl hat, dass wir ihn dienend unterstützen, bleibt er.“

Natürlich muss eine Galeristin ihre Käufer gut kennen, um einzuschätzen, wer sich für welches Werk interessieren könnte, und es ihm gezielt anzubieten. Einer der Käufer ist Klaus Schmidt, Anwalt und Gründer mehrerer Steuerkanzleien in Köln, Berlin und Dresden. Er betrachtet Kunst als Investment. „Seit mehr als 30 Jahren ist Sprüth Magers für uns wichtigste Anlaufstelle für die zeitgenössische Kunst.“ Die beiden seien Garanten für Qualität. Schmidt hat bei ihnen Werke von Baldessari, Demand, Sherman und Trockel gekauft.

Der Handel mit zeitgenössischer Kunst hat Eigenheiten: Mit Künstlern gibt es keine schriftlichen Verträge. Kreativleistung lässt sich nicht bestellen wie ein neues Auto. „Verträge machen keinen Sinn“, so Sprüth, „entweder es funktioniert, oder es funktioniert nicht.“ Viel hängt am Zwischenmenschlichen. „Es macht wirklich Spaß mit den Damen“, sagt der Künstler Thomas Demand. Er könne sich auf ihre Loyalität verlassen. Sie hätten „fast schon altmodische Grundsätze, was ihr Geschäftsgebaren anbelangt“.

Beim Verkauf eines Werks teilen sich Künstler und Galerie den Erlös 50 zu 50. Ausgelegte Produktionskosten oder Vorschüsse werden verrechnet, dafür tragen Galeristen die Kosten für den Betrieb der Galerie. Mehr als vier Prozent vom Umsatz werden an die Künstlersozialkasse abgeführt. Was bleibt, gibt der Galerienverband mit zehn Prozent des Gesamterlöses an. Ob die Zahlen verlässlich sind, ist schwer zu sagen, zumal sich Sprüth Magers von der Masse der Galeristen abheben. Sie tun, wozu nur wenige bereit sind: Bei besonders erfolgreichen Künstlern geben sie sich mit geringeren Anteilen zufrieden; auch so binden sie Künstler.

Manchmal müssen sie Entscheidungen fällen, die sie aus freien Stücken nicht getroffen hätten. Als eine Fotografie von Andreas Gursky 2001 in New York für 1,2 Millionen Dollar versteigert wurde und er zum teuersten lebenden Fotokünstler wurde, „waren wir gezwungen, die Preise anzuheben und auf 400.000 Euro zu gehen“ – obgleich sie das nicht wollten. Doch: „Wir mussten verhindern“, so Sprüth, „dass Leute bei uns kaufen und die Sachen drei Monate später auf Auktionen erschienen.“

Der Schweizer Verleger Michael Ringier hat seine Kunst nicht ersteigert, sondern bei Sprüth Magers gekauft. Er hatte die Galeristinnen während seiner Wanderjahre in Köln kennengelernt. Bevor er das Familienerbe in der Schweiz antrat, arbeitete er drei Jahre als impulse-Ressortleiter. „Sie haben mir damals die Augen für Kunst geöffnet.“ Er lobt ihren „Instinkt für das Richtige und das Wichtige“. Zentrale Werke seiner Sammlung von Baldessari, Trockel, Gurski, Sherman, Fischli und Weiss oder Alighiero Boetti stammten aus der Galerie.

Oranienburger Straße, Freitagmittag, es ist kalt. Die Party ist vorbei. Jetzt, am nächsten Tag, kommen Besucher einzeln, mit Terminen, Leute, die Anrufe von Sprüth oder Magers bekommen haben. Gekauft wird danach. Und nicht wenig.

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