Diverses Wenn Rentiere pinkeln

Gehören Sie auch zu den Glücklichen? Zu den wenigen Auserwählten die eine ganze Nacht im Museum verbringen dürfen? Was heißt: Den Film kenne ich schon!? Ich rede von keinem Kino-, sondern von einem Museumsbesuch. Ab Freitag können Sie sich für 1000 Euro pro Nacht im Berliner Museum "Hamburger Bahnhof" in einem Hotelzimmer einmieten.

Natürlich ist das Kunst. Was haben Sie denn gedacht? Sie werden damit Teil der Ausstellung „Soma“ des international bekannten Künstlers Carsten Höller. Wieso Unsinn? So etwas ähnliches hat der in Brüssel geborene Ex-Agrarwissenschaftler auch 2008 im New Yorker Guggenheim Museum gemacht. Die Amis haben sich damals um das Hotelzimmer gerissen – und die Butze in Berlin ist schon fast komplett ausgebucht.

Übrigens, das Zimmer wird vom Personal des Berliner Intercontis betreut. Sie brauchen also keine Angst zu haben, dass die traditionell eher bedächtig agierenden Museumswächter – also diese Damen und Herren, die bei Ausstellungen meist auf einem Stuhl in der Ecke sitzen – ihnen schnell noch eine Schlummerzigarre besorgen sollen. Schlafen ist natürlich keine Pflicht: Sie dürfen auch die ganze Nacht im Museum herumstromern und sich mit Kunst zudröhnen.

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Höllers Installation – eine Art lebendes Bild – erstreckt sich über die gesamte Halle. Blickfang sind überdimensionale, wild wuchernde Fliegenpilze. Aber auch Rentiere, possierliche Mäuse und knallbunte Kanarienvögel gehören zum Szenario. Etwa in der Mitte des Raums befindet sich das schwebende Hotelzimmer, das in den nächsten 80 Nächten jeweils ein bis zwei Personen beherbergen soll. Höller, der sich, bevor er die Kunst entdeckte, über die Geruchskommunikation von Insekten habilitierte, liebte solche Konstellationen.

Ich weiß: Jetzt wollen Sie natürlich wissen, warum die Ausstellung „Soma“ heißt. Das war in grauen Vorzeiten ein sagenumwobener Trank, der nicht nur Unsterblichkeit sondern auch Zugang zu göttlichen Sphären verleihen sollte. Angeblich wurde das Gebräu 2000 Jahre vor Christus von vedischen Völkern entwickelt. Alte Schriften preisen immer wieder die – höchstwahrscheinlich halluzinogene – Wirkung des geheimnisvollen Getränks. Leider gibt es keine Informationen mehr über seine Zusammensetzung. Bekannt ist lediglich (jetzt erschließt sich auch der Zusammenhang mit den Installationsobjekten), dass zu den Ingredienzien der Urin von Rentieren gehörte. Und die wiederum mussten vorher mit Fliegenpilzen gefüttert werden.

Nein, nein keine Angst: Natürlich müssen Sie dieses Zeug bei Ihrem Museumsbesuch nicht trinken. Falls Sie trotzdem ein anregendes Kaltgetränk mitzubringen gedenken, ist das natürlich Ihre Sache. Aber Vorsicht: Rentiere mit Fliegenpilzen füttern, davor rate ich Ihnen ab. Zumindest sollten Sie sich erst einmal beim Tierschutzverein über diese eigenwillige Art der Drinkzubereitung kundig machen. Vielleicht reicht Ihnen ja auch eine kleine Flasche Schampus. Und die Minibar des Hotelzimmers ist sowieso immer gut gefüllt.

Informationen: www.somainberlin.org/tickets.html

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