Diverses Wenn Versicherer mit dem Alter spielen

Geht es nach der Assekuranz, lebt derselbe Mensch unterschiedlich lang - je nachdem, welche Versicherung er abschließt. Dabei rechnen die Unternehmen stets zu ihren eigenen Gunsten. Wir nennen Hintergründe und Auswege.

Der Unterschied ist frappierend. Wenn ein 45-jähriger Mann eine private Rentenversicherung abschließt, dann rechnen die Versicherer so, als ob er gut 91 Jahre alt wird. Wenn dieselbe Person aber eine Risikolebenspolice haben möchte, die im Todesfall zahlt, wird sie nach Schätzung der Versicherer lediglich gut 76 Jahre alt – eine Differenz von 15 Jahren. Bei jungen Frauen können die Altersunterschiede noch größer sein (siehe Tabelle 1 auf Seite 3).

Für die Assekuranz lohnt die unterschiedliche Betrachtung, denn die Prämien fallen umso höher aus, je extremer die Sterblichkeitsschätzungen sind. Und bei beiden Konstellationen rechnet die Branche zu ihren eigenen Gunsten. Logisch: Stirbt ein Kunde mit einer Rentenpolice früher als kalkuliert, brauchen die Versicherer weniger auszuzahlen. Und wenn die Kunden einer zeitlich begrenzten Risikolebensversicherung länger als erwartet leben, kommen die Unternehmen ebenfalls besser weg, weil sie für weniger Todesfälle aufkommen müssen.

Anzeige

Bis zu einem Viertel der Gewinne, die aus solchen Umständen entstehen, landen bei den Anbietern. Arno Gottschalk, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Bremen, nennt diese Gemengelage „irritierend“. Sie berge die Gefahr, dass die Versicherungsnehmer übervorteilt werden, glaubt der Experte.

Versicherer nutzen zweierlei Maß

Grundlage der umstrittenen Praxis sind die sogenannten Sterbetafeln. Sie verzeichnen die statistische Wahrscheinlichkeit, mit der eine versicherte Person in einem bestimmten Alter stirbt. Zugleich zeigen die Tafeln an, wie hoch die durchschnittliche Lebenserwartung ist. Für die Branche entwickelt hat sie die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV), der Zusammenschluss der Versicherungsmathematiker.

Es sind zwei Tafeln im Einsatz eine für Risikopolicen, eine für Privatrenten. Begründung für die Zweiteilung: Kundengruppen und Laufzeiten beider Angebote seien stark unterschiedlich. Hinzu kommen die Sicherheitspuffer. Sie sind wichtig, denn wenn sich die Versicherer zu ihren Ungunsten verrechnen, könnten die Gesellschaften pleitegehen. Deshalb erkennt auch Gottschalk prinzipiell an, das Streben nach Sicherheit liege „auch im Interesse der Versicherten“.

Doch wie groß sind die Puffer, und was kosten sie den Kunden? Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein hat den Fall eines 35-jährigen Mannes nachgerechnet, der eine private Rentenversicherung abschließen will. Inklusive Assekuranzpuffer beträgt seine Lebenserwartung 94 Jahre, ohne 84,4 Jahre. Die knapp zehn Jahre Unterschied haben Auswirkungen: Unter realistischen Annahmen, was beispielsweise Einzahlungen, Laufzeit und Kosten betrifft, läge die garantierte Rentenhöhe um knapp 31 Prozent über jener, die der Kunde derzeit bekommt (Tabelle 2, Seite 3). Angesichts dieser Zahlen sagt Kleinlein: „Versicherungen sind vermutlich teurer, als sie sein müssten.“ Wie umfangreich der Puffer sein muss, mag er zwar nicht exakt schätzen. „Ich bin aber ziemlich sicher, dass er zu hoch ist.“

Gefunden bei

boerseonline.de

Der Mathematiker hat für solche Untersuchungen eine eigene Sterbetafel kalkuliert, die zuerst in Vergleichen des Spezialmagazins „Ökotest“ Verwendung fanden und für ziemlichen Wirbel sorgten. Kleinlein betont, eine der Grundlagen seiner Berechnungen seien Sterbetafeln des Statistischen Bundesamts, denen man die Objektivität nicht absprechen könne. Ein Sprecher des Bundesamts erklärt allerdings auf Anfrage, sein Haus erstelle die Sterbetafeln nicht nach denselben Prinzipien wie die Versicherer. „Die Branche ist in ihren Berechnungen frei.“

Auch die Finanzaufsicht BaFin nimmt Kleinlein in Haftung. Sie habe bei der Konstruktion der Sterbetafeln mit am Tisch gesessen. Eine BaFin-Sprecherin bestätigt das, betont aber, die Entscheidung hätten allein die Vertreter des DAV getroffen. Die Sprecherin verteidigt die Beschlüsse der Aktuare. Laut Gesetz seien ausreichende Sicherheitsmargen nötig. Außerdem gebe es „anerkannte mathematische Verfahren“, die unangemessen hohen Puffern entgegenstünden.

Auch Johannes Lörper weist die Kritik zurück. Er ist stellvertretender Vorsitzender der DAV und zugleich Vorstandsmitglied bei Ergo, dem zweitgrößten Anbieter von Versicherungen für Privatkunden in Deutschland. Der Manager spricht von einer „schrägen Diskussion, die von sehr viel Unwissenheit geprägt ist – selbst beim einen oder anderen Mathematiker“. Die Kalkulation bei Privatrenten beruhe auf der Erfahrung, dass man jahrzehntelang den Zuwachs der Alterung systematisch unterschätzt habe. Geschehen sei dies beispielsweise bei den Sterbetafeln aus dem Jahr 1994, die von den aktuell gültigen von 2004 abgelöst wurden. Konsequenz des Fehlers: „Diese Kunden werden wohl weniger Rente bekommen als prognostiziert, dafür wird sie im Durchschnitt länger ausbezahlt“, sagt Lörper.

In die neue Sterbetafel sei der „Trend zum längeren Leben“ eingearbeitet, der in den Tabellen des Statistischen Bundesamts nicht im genügenden Maß ausgewiesen sei. „Das macht einen Großteil der Differenz aus.“ Hinzu komme ein Sicherheitszuschlag, der – je nach Lebensalter – im Bereich von zehn Prozent liegen könne. Bei den Berechnungen Kleinleins sei das Sicherheitsniveau hingegen „nicht ausreichend“. Es seien größere Zuschläge nötig – unter anderem, weil die Prognose über die Sterblichkeit der privat Rentenversicherten mit großen Unsicherheiten behaftet sei. „Deshalb sind wir gehalten, entsprechend vorsichtig zu kalkulieren“, erklärt Lörper.

Bei den Risikolebensversicherungen laufe die Berechnung hingegen anders. Weil die Policen üblicherweise nur für wenige Jahre abgeschlossen werden und spätestens bei Erreichen des Rentenalters enden, sei der Trend zur längeren Lebenserwartung hier nicht zu berücksichtigen.

Anbieter weisen Vorwürfe von sich

Den Verdacht, dass die Versicherer tatsächlich vom Auseinanderklaffen der Lebenserwartungen profitierten, weist Lörper weit von sich. Die Unternehmen kassierten von den sogenannten Risikogewinnen deutlich weniger als die maximal erlaubten 25 Prozent. „Dafür sorgt schon die Konkurrenz unter den Anbietern.“ Besonders deutlich werde das bei Risikolebensversicherungen. „Die meisten Unternehmen bieten hier Sofortrabatte von bis zu 50 Prozent. Da spielt die Sterbetafel quasi keine Rolle.“

Nach Angaben von Branchenexperten ziehen die Anbieter diese Rabatte entweder von der Bruttoprämie ab, die gemäß Sterbetafel kalkuliert ist. Oder sie erhöhen bei konstanter Prämie die Auszahlungssumme im Todesfall. Die Sofortrabatte sind allerdings nicht über die gesamte Laufzeit des Vertrags garantiert, weil sie von den tatsächlich erzielten Überschüssen abhängen.

Ergo-Mann Lörper verweist außerdem darauf, dass nicht jeder Versicherer verpflichtet ist, die Sterbetafeln der Branche zu akzeptieren. „Wer darunterliegen will, muss allerdings die Finanzaufsicht informieren und das gut begründen.“ Beispielsweise, indem Versicherer sehr viele eigene Daten vorlegen können. Dies sei etwa bei der Sofortrente der Hamburg-Mannheimer, die zur Ergo-Gruppe gehört, der Fall. Hier liege die Prämie um ein bis 1,5 Prozent niedriger. Begründung: Statistisch signifikant sei die Sterblichkeit etwas höher als bei anderen Versicherungskunden. Konkret geht es um das Phänomen, dass Menschen mit relativ niedrigen Einzahlungen etwas früher sterben als Personen mit größeren Summen.

Noch weiter geht der Marktführer Allianz. Nach Angaben einer Sprecherin sind bei sämtlichen Rentenversicherungen die Prämien niedriger, als es die branchenweiten Sterbetafeln vorgeben. Grund: Die Datenbasis bei der Allianz sei so groß, dass die Sicherheitszuschläge geringer ausfallen können. Den exakten Umfang der Abschläge wollte die Sprecherin „aus Wettbewerbsgründen“ nicht nennen.

Doch Verbraucherschützer Gottschalk sieht noch eine weitere Ungereimtheit, was die Lebenserwartung nach den DAV-Kalkulationen betrifft die „undifferenzierte Übertragung“ der Sterbetafeln auf Riester-Renten und einen Teil der betrieblichen Altersvorsorge. Begründung: Die Bevölkerungsgruppen, auf die solche Angebote vornehmlich zielten, habe eine geringere Lebenserwartung als der besser situierte Kundenkreis der klassischen privaten Rentenversicherung. Laut Ergo-Vertreter Lörper ist solch ein Zusammenhang jedoch statistisch nicht nachzuweisen. Außerdem finde laut Gesetz die Abrechnung bei Riester getrennt von jenen Kunden statt, die eine ungeförderte Versicherung haben.

Wer hat nun recht die Kritiker der aktuellen Sterbetafeln oder deren Befürworter? Manfred Poweleit, Herausgeber des Brancheninformationsdiensts „map-report“, fällt ein salomonisches Urteil: „Wenn der Lebensversicherer ein bisschen mehr Luft in die Sterbetafeln hineintut, ist das sehr gut.“ Es sei eine historische Erfahrung der letzten Jahrzehnte, dass die Zunahme der Alterung systematisch unterschätzt wurde. „Allerdings muss man gewaltig aufpassen, dass nicht in großem Umfang Versichertengelder in Konzernkassen landen“, sagt Poweleit.

Und was können Kunden tun, wenn sie den Beteuerungen der Versicherer nicht glauben wollen? Aus Sicht von Mathematiker Kleinlein bieten sich in Sachen Privatrenten nur wenige Möglichkeiten, eben weil fast jeder in der Branche dieselben Sterbetafeln verwendet. Positive Ausnahmen gebe es allenfalls bei wenigen Angeboten zur Rürup-Rente, etwa bei den Versicherern Soka-Bau und Kölner Pensionskasse, und bei einigen Offerten in der betrieblichen Altersversorgung.

Klar ist: Wenn es um die Zeit nach der Berufstätigkeit geht, können Produkte von außerhalb der Versicherungsbranche eine gute Alternative sein. Wer in Einzelaktien, Fonds, Zertifikate, Gold, Immobilien, Anleihen oder andere verzinsliche Angebote investiert, sollte sich zwar ebenfalls über seine mögliche Lebensdauer Gedanken machen; sonst droht Altersarmut. Doch konkrete Sterbetafeln haben keinen Einfluss.

Für Riester-Interessierte gilt das allerdings nur eingeschränkt. Bei Fonds- oder Banksparplänen spielen in der Einzahlungsphase und auch über längere Strecken des Auszahlungszeitraums die Sterbetafeln zwar keine Rolle. Doch ab dem 85. Geburtstag des Kunden werden sie relevant. Denn zu diesem Stichtag wird das übrig gebliebene Guthaben laut Gesetz in eine Versicherung überführt und dann erfolgt die Auszahlung gemäß den Sterbetafeln.

Ganz ohne solche Kalkulationen geht es lediglich bei Wohn-Riester. Seit dem Jahr 2008 kann angespartes Riester-Kapital in eine selbst genutzte Immobilie investiert oder mit Riester-Zulagen eine laufende Immobilienfinanzierung getilgt werden. Für Bauherren ist das sinnvoll, da Kreditzinsen in der Regel höher sind als Anlagezinsen. Und die Lebenserwartung spielt bei beiden Versionen keine Rolle.

Tabelle 1: Kalkulierte Lebenserwartungen im Vergleich

Mann Frau Mann Frau Mann Frau
Lebensalter 30 30 45 45 50 50
Private Rentenversicherungen¹ 94 98,1 91,5 95,7 90,8 95
Risikolebensversicherungen² 75,8 80,3 76,4 80,8 76,9 81,1
Statistisches Bundesamt³ 84,7 89,4 83,7 88,1 83,5 87,9

1) Sterbetafel DAV04R-Aggr.; 2) Sterbetafel AV08T; 3) Sterbetafel Destatis V2

Quelle: DAV, „Ökotest“

Tabelle 2: Privatrente mit und ohne Sicherheitspuffer

Sterbetafel garantierte Rentenhöhe Lebenserwartung
Kalkulationstafel der Versicherer¹ 176,55 € 94,0 Jahre
Kalkulationstafel ohne Sicherheitspuffer² 230,97 € 84,4 Jahre
Differenz 30,8 Prozent 9,6 Jahre

1) DAV04R-AV; 2) mc Sel 75 (von Math Concepts Kleinlein für „Ökotest“ entwickelt) Quelle: Math Concepts Kleinlein

Geschlecht: männlich; Alter bei Vertragsbeginn: 35; Vertragsbeginn: 01.01.2010; Rentenbeginn: 01.01.2040; Rentengarantiezeit: fünf Jahre, Todesfallschutz bis Rentenbeginn: Beitragsrückgewähr; Garantiezinssatz: 2,25 Prozent; Kostenquote: zehn Prozent; Kosten im Rentenbezug: 1,5 Prozent der Rente; Zillmersatz: vier Prozent der Beitragssumme; Jahresprämie: 1200 €

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...