Diverses „Wer das Fressen gibt, ist der Chef“

Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp über autoritäre Führung, emotionale Chefs, bevormundete Spieler – und warum die Wirtschaft kreativer ist als der Fußball.

Herr Klopp, wie oft kommt es vor, dass Sie in Firmen über Führung sprechen?

Klopp: Ich bekomme so viele Anfragen, dass ich täglich einen Vortrag halten könnte. De facto mache ich das fünf-, sechsmal im Jahr. Ich arbeite seit 2001 als Trainer, es verging nicht einmal ein Jahr, da meldeten sich schon die ersten Unternehmen bei mir. Meistens sind das Versicherungen und Banken.

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Haben Sie zunächst gezögert?

Klopp: Nein, ich wollte es unbedingt austesten, und siehe da: Es ging problemlos. Meist ist das Thema ja Motivation. Das scheint ein dringendes Anliegen zu sein. Jeder braucht Leute, die motiviert sind, aber in der Wirtschaft ist offenbar keiner von sich aus motiviert. Als ob alle einen Trainer benötigten, der ihnen in den Hintern tritt und sagt: Los geht’s.

Teilen Sie diesen Pessimismus?

Klopp: Ich sehe das völlig anders. Bei den meisten Menschen kommt die Motivation aus ihnen selbst heraus. Jeder arbeitet doch lieber erfolgreich, als vor sich hinzuwursteln.

Wenden sich die Firmenchefs mit bestimmten Problemen an Sie?

Klopp: Ich habe vor der Führungsriege einer Baumarktkette gesprochen. Die haben vom Thema achtmal so viel Ahnung wie ich. Die wollten einfach wissen, wie es im Sport abläuft. Fußball ist in Deutschland der öffentlichste Wirtschaftszweig überhaupt. Jeder redet mit, jeder hat seine Meinung, jeder macht sich Gedanken. In anderen Branchen ist es möglich, ein Problem auch mal auszusitzen. Treffe ich als Trainer eine Entscheidung, die sich womöglich als falsch erweist, stehe ich sofort heftig in der Kritik. Damit vernünftig umzugehen ist nicht immer leicht.

Was haben Fußball und Wirtschaft denn gemeinsam?

Klopp: Es geht etwa darum, die besten Talente zu verpflichten und aus diesen wertvolle Mitarbeiter zu formen. Bei uns heißt das: Training, Training, Training. Und es ist wichtig, frech zu agieren. Das bedeutet nicht, morgens den Chef abzuklatschen, sondern Ideen zu entwickeln, kreativ zu sein. Im Fußball ist Letzteres schwieriger als in der Wirtschaft. Ich habe elf Spieler auf dem Platz, in diesem System muss ein Rad ins andere greifen. In der Firma darf einer schon mal rumspinnen, und es kann absolut förderlich sein.

Sie haben einmal gesagt, Sie plauderten vor Ihren Kunden einfach drauflos.

Klopp: Das stimmt insofern, als ich mir vorher keine großartigen Gedanken mache. Ich berichte über meine Erfahrungen als Trainer. Darüber, wie ich mit meinen Mitarbeitern umgehe, wie erfolgreiche Zusammenarbeit aussieht, wie Menschenführung funktioniert. Darauf muss ich mich nicht eigens vorbereiten. Mein ganzes Leben ist meine Vorbereitung.

Lesen Sie Motivationsbücher?

Klopp: Nein, ich habe auch noch nie ein Fußballbuch gelesen. Als ich von meinen ersten Vorträgen zurückgekommen bin und mich meine Frau Ulla fragte, worüber ich gesprochen hätte, mochte ich ihr das kaum sagen, weil ich die Reaktion befürchtete: „Also darüber redest du? Das ist doch banal.“ In Wirklichkeit kommt es nur auf den gesunden Menschenverstand an. Auch in Führungsfragen.

Und wie drückt der sich bei Ihnen aus?

Klopp: Mein roter Faden ist: Wie, glaube ich, sollte man mit mir umgehen, damit ich mit Freude arbeite und total leistungsbereit bin? Das ist die einzige Maxime, nach der ich handle. Vor 15 Jahren herrschten im Fußball noch ganz andere Umgangsformen. Da erteilten Trainer Befehle, und Fragen waren nicht zugelassen.

Wollen die Spieler heute mitreden?

Klopp: Fragen zulassen kannst du nur, wenn du bei den Jungs die Autorität hast. Und ihren Respekt. Oft fragt man sich ja, wie eine Führungskraft in diese Position gekommen ist. Zunächst einmal muss eine Person mehr vom Fach verstehen als die anderen. Das ist die Grundvoraussetzung für Erfolg.

Wissen ist Macht?

Klopp: Jedenfalls müssen sich Führungskräfte kontinuierlich weiterbilden. Wer in einer überkommenen Position verharrt, ist schnell weg vom Fenster. Und das vollkommen zu Recht.

Was fasziniert Manager so am Fußball?

Klopp: Fußball wird an Ergebnissen gemessen und läuft unter extremem Druck ab – das ist natürlich spannend. Dazu leben wir ein wenig vom Mythos. Weil die meisten Fußball gespielt, es aber nie so richtig hinbekommen haben, ist das Interesse riesig. Viele meinen, sie hätten es als Profi schaffen können, wenn mit 16 nicht die Mädels dazwischengekommen wären. Als hätte es die bei uns nicht gegeben. Wenn ich hier ins Trainingszentrum komme und das Schild lese „Nur für Spieler, Trainer und Betreuer“, bin ich mitunter erstaunt: „Oh, ich darf durch.“ Außenstehende wissen: „Ich darf hier nicht rein.“ Deshalb wollen sie erfahren, was in der Kabine abgeht. Zudem ist die Bedeutung des Fußballs nach der WM 2006 weiter gestiegen.

In Mainz kamen Sie aus der Menge der Spieler und mussten diese plötzlich führen. Hat Ihnen dabei jemand geholfen?

Klopp: Das meiste habe ich aus mir selbst heraus gestaltet. Ich war vorher ein absoluter Führungsspieler. Zu mir kamen die Jungs, wenn etwas mit ihrer Abrechnung nicht stimmte. Ich habe dann den Schatzmeister angerufen und nachgefragt, wo die Prämie bleibt. Das war in meinem Leben immer so: In der Schule war ich erst Klassensprecher, später als durchschnittlich politisch Interessierter Schulsprecher. Man hat mir wohl zugetraut, Hitzefrei besser durchzusetzen als andere.

In der Öffentlichkeit werden Sie als Kumpeltyp gesehen. Ihre Spieler sagen, Sie seien ein autoritärer Trainer.

Klopp: Das mit dem Kumpeltyp war nicht zu ändern. Ich kam aus dem Spielerkreis und hätte kaum sagen können: „Freunde, ab heute werde ich gesiezt.“ Ich hatte immer die Gelassenheit, mit veränderten Situationen gut umgehen zu können. Und da sind wir beim Thema Führungskräfte. Wie oft wird ein Mitarbeiter zum Abteilungsleiter, sitzt im Großraumbüro drei Schreibtische weiter und verändert sich im Sekundentakt? Menschen, die mit Macht nicht umgehen können, taugen nicht zur Führungskraft. Es war sonnenklar, dass die Jungs weiter „Kloppo“ zu mir sagen. Ebenso, wer fortan das Sagen hat.

Also haben Ihre Spieler recht?

Klopp: Aber sicher. Ich besitze seit Kurzem einen Hund, das lässt sich gut vergleichen. Wer das Fressen gibt, ist der Chef. Und in meinem Job: Wer die Aufstellung macht, ist der Chef. So einfach ist das. Ich habe vor meinem ersten Spiel als Trainer den Fehler gemacht und bin auf alle Zimmer gegangen, umden Jungs zu erklären, wer spielt und wer nicht. Das habe ich einmal gemacht und nie wieder. Niemand diskutiert mit mir vor dem Spiel, warum er nicht spielt. Kein Spieler und keiner aus dem Umfeld. Weil sich niemand die Woche über so viele Gedanken über die Aufstellung macht wie ich. Und ich zusätzlich über alle Informationen verfüge.

Ihre Kollegen Felix Magath und Louis van Gaal betonen gern ihren autoritären Führungsstil. Gefällt Ihnen das?

Klopp: Grundsätzlich gilt: Lieber sollen elf Mann das Gleiche falsch machen, als dass jeder macht, was er will. Im ersten Fall ist die Chance zu gewinnen wesentlich größer als im zweiten. Da verlierst du mit Sicherheit.

Aber ohne mündige Mitarbeiter ist eine erfolgreiche Firma doch nicht zu führen.

Klopp: Andererseits gibt es klare Vorgaben, die die Spieler zu befolgen haben. Das ist nicht respektlos, im Gegenteil: Sie verlangen danach, damit das Ganze nicht aus den Fugen gerät.

Also doch knallharte Bevormundung?

Klopp: Ich lasse mich auf meine Aufgabe mit allem ein, was ich habe. Das erwarte ich auch von den Spielern.

Stimmt es, dass Sie zwei Ihrer Spieler zum Friseur geschickt haben?

Klopp: Ich habe Kevin Großkreutz darauf hingewiesen, dass es anders besser aussieht. Und Neven Subotic hat selber entschieden, sich von seinen Rastalocken zu trennen.

Legen Sie besonderen Wert darauf, dass Spieler charakterlich ins Team passen?

Klopp: Arschlöcher werden verkauft. Definitiv. Aber es gibt fast keine. Eine Profimannschaft im Fußball ist eine äußerst homogene Gemeinschaft. Stellen Sie sich vor, Sie gehen als Modelleisenbahnfreak in einen Märklin-Klub: Da ist sofort eine Verbindung da – das passt. Wenn ich mich für jemanden entschieden habe, nehme ich seine Eigenheiten komplett in Kauf. Ich will sie ja nutzen. Ich will nicht, dass die Jungs immer nett sind oder sich viermal am Tag die Zähne putzen. Das große Ganze muss stimmen, dafür müssen die Spieler auch ihre Individualität einbringen.

Wie schwören Sie Ihre Spieler auf ein Ziel ein? Reden und nochmals reden?

Klopp: Ich bin kein schlechter Geschichtenerzähler und kann Zusammenhänge so formulieren, dass mein Gegenüber einsieht: Es lohnt sich, es gemeinsam anzugehen. Du findest täglich Dinge, die beispielgebend sind. Und die musst du in die Köpfe transportieren. Menschen können viel erreichen, wenn sie sich mit Haut und Haaren auf etwas einlassen.

Wie viel Nähe lassen Sie im Umgang mit Ihren Spielern zu?

Klopp: Ich mag meine Spieler und lasse sie das spüren. Ich bin stolz auf sie und gehe den Weg mit ihnen. Aber in dem Moment, wo einer den vorgegebenen Pfad verlässt, gibt es richtig was zwischen die Hörner. Beim ersten Mal geht es noch durch, beim zweiten Mal schon weniger, beim dritten Mal ist die Sache definitiv erledigt. Und das wissen sie genau.

Im Stadion treten Sie sehr emotional auf. Sie verbergen weder Ihre Freudentränen noch Ihre Wut. Wie viel Gefühl darf eine Führungskraft zeigen?

Klopp: Ich bin nur rund ums Spiel emotional. Im Alltag agiere ich komplett reflektiert. Da hat alles seinen Plan. Aber im Spiel kann ich nicht sagen: „Wärest du so nett, einen Tick schneller zu laufen?“

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