Diverses Wer macht das Rennen?

Durch die Globalisierung werden Inder und Chinesen zu Konkurrenten deutscher Jungunternehmer. impulse besuchte drei Gründer in drei Ländern - und kehrte mit überraschenden Eindrücken zurück.

Zunächst: Für diese Geschichte sind Vorurteile an der Garderobe abzugeben. Denn Fu Minyan aus Shanghai ist keine Bedrohung unseres Wohlstands, die Firma des Inders
Ashwin Naik frisst nicht westliche Konkurrenten – und Karsten Jerschke aus Oberbayern ist auch kein Opfer. Diese Geschichte wagt ein Experiment – den Blick hinter die Kulissen der Globalisierung.

In der Liga der Konzerne jagen uns die Aufsteigernationen China und Indien Angst und Schrecken ein. Die Industrial und Commercial Bank of China legte kürzlich den weltgrößten Börsengang mit 22 Milliarden
Dollar hin. Es drängen chinesische Versicherer und Automobilhersteller nach Europa. Der indische Stahlproduzent Mittal schluckte jüngst den Luxemburger Stahlkonzern Arcelor.
Und das Wachstum der Bangalorer IT-Firma Infosys scheint grenzenlos: Sie brauchte 23 Jahre für die erste Umsatzmilliarde, 23 Monate für die zweite – die dritte kann sie jetzt wohl in
23 Wochen schaffen.

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Doch hier soll es um die unternehmerische
Welt abseits von Größe und Megawachstum gehen: Wie und unter welchen Bedingungen agieren kleine und mittlere Unternehmen in
China und Indien? Welche Chancen bleiben deutschen Firmenchefs? Für erste und überraschende Erkenntnisse muss man nicht reisen. Auf dem Papier, im internationalen Vergleich, haben wir die Nase vorn. Auch in den mutmaßlichen Raubkatzenstaaten kämpfen Unternehmer mit den Widrigkeiten
des Systems. Den Rest verzerren die Größenverhältnisse: In der relativen Perspektive verlieren drei Millionen chinesische Hochschulabgänger pro Jahr viel an Wucht.

Klack, klack – so hallt es, wenn Fu Minyan, 35, durch Shanghais Straßen zu Geschäft sterminen eilt. Eine zierliche Frau in blassroter Jacke mit langen, glänzenden Haaren und einer zarten Stimme. Das Zerbrechliche an
ihr täuscht, sie ist erfolgreiche Unternehmerin
und handelt mit schwerem Gerät: Ihre Shanghai Mindac Machinery Equipment verkauft Maschinen und Fördersysteme für die Stahl- und Kohleindustrie. 15 Mitarbeiter, 65 Millionen Renminbi Jahresumsatz, was sechs Millionen Euro entspricht.

Fu Minyan hat ihre 2002 gegründete Firma in Shanghai registrieren lassen, weil es hier Freiheiten gibt wie nirgendwo sonst in China. Und doch ist
der Kommunismus mit seinen zentral
gelenkten Behörden und Parteikadern präsent. Es hat sie viel Mühe und Zeit gekostet, die mögliche Steuerbefreiung fürs erste Firmenjahr zu bekommen. „Die Beamten sind zäh, und ihre Vorgaben stimmen fast nie
mit der unternehmerischen Wirklichkeit
überein“, erzählt sie in fließendem
Englisch. Der Staat bleibt allgegenwärtig. „Wenn die Regierung
den Stahlsektor für überhitzt hält,
kürzt sie Investitionen und Kreditlinien“, klagt sie. „Unternehmen bleiben auf ihrer Ware sitzen.“ Schon selbst erlebt? „Oh ja, leider.“

Trotz aller Schikanen, im Land grämt man sich nicht. „Der unternehmerische Spirit ist beeindruckend“, beobachtet etwa der Duisburger Wirtschaftsprofessor und China-Experte Markus Taube: „Eine ganze Generation hat Dollar-Zeichen in den Augen.“ Das rückständige Sozialsystem und die hohe Arbeitslosigkeit schubsen auch Zögerliche in die Selbständigkeit.

Und doch wundert sich Toni Piёch, der seit 2004 in Peking lebt und
eine Medienfirma vertritt, über die Angst vor Chinas Angriffslust: „Die Leute sind generell nicht sehr international ausgerichtet“, sagt er. Es hapere zudem an Kreativität. Piёch: „Auch
wenn es wie eine Klischee klingt – die
Chinesen sind große Kopierer.“

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Die Treue zur Heimat

Liegt hier der Grund, warum Indien in Zukunft eine größere Wachstumsstory als China erzählen könnte? „Indien hat innovative und strategisch denkende Unternehmertypen, wie wir sie aus Deutschland kennen“, sagt Michael von Hauff , Ökonom an der TU Kaiserslautern mit ausgewiesener Indien-Expertise. Weiteres Plus: Tausende Inder, die auf Wanderjahren
in den USA oder Europa Wissen und Fertigkeiten erworben haben, kehren zurück in die Heimat.

Liegt hier der Grund, warum Indien in Zukunft eine größere Wachstumsstory als China erzählen könnte? „Indien hat innovative und strategisch denkende Unternehmertypen,
wie wir sie aus Deutschland kennen“, sagt Michael von Hauff , Ökonom an der TU Kaiserslautern mit ausgewiesener Indien-Expertise. Weiteres Plus: Tausende Inder, die auf Wanderjahren in den USA oder Europa Wissen und Fertigkeiten erworben haben,
kehren zurück in die Heimat.

Klick, klick – Ashwin Naik, 33, schreibt unbeirrt am Laptop, während der Volvo-Linienbus über
schlechte Pisten im südwestindischen
Bundesstaat Karnataka holpert. Er ist ein heimgekehrter Ausreißer. Mit 24 Jahren ging der studierte Biochemiker und Mediziner in die USA. Beim Gen-Superstar Craig Venter forschte
er an der Entschlüsselung des menschlichen
Genoms. „Das Gefühl, an Sinnvollem zu arbeiten, hat meinen unternehmerischen Geist befeuert“, erzählt er.

Die Leidenschaft steckt im Namen seiner indischen Firma: Vaatsalya – was so viel wie pflegende Liebe bedeutet. Naik will ein Netz von Gesundheitszentren für die Landbevölkerung schaffen. Drei Krankenhäuser mit 55 Mitarbeitern managt er schon, in zehn Jahren sollen es 50 sein. Er
sitzt oft im Überlandbus, manchmal vier Tage die Woche. Er pendelt zwischen den Standorten Hubli, Gadag und Karwar, ein Dreieck halb so groß wie Deutschland. Für verwöhnte Europäer eine Strapaze. „Ich muss doch nicht selber fahren“, sagt Naik.

Geduldig ertrug er auch das Gründungsprozedere. Ein Revisor half ihm durch den Paragrafendschungel. Und nach 70 ausgefüllten Dokumenten gab es Vaatsalya dann endlich. „Inder sind in vielen Lebenslagen an Bürokratie gewöhnt“, so Experte von Hauff . „Den jetzt politisch
begonnenen Abbau erleben sie quasi
als Befreiungsschlag.“

Verlässliche Zahlen gibt es nicht, aber bauchgefühlt sehen Beobachter eine neue Generation risikobereiter Unternehmer heranwachsen. Eine Bedrohung für deutsche Gründer? „Nein, die Inder schätzen uns und unsere Art des Wirtschaftens“, sagt von
Hauff . Seine Prognose: „Es wird viele
Kooperationen zwischen deutschen
und indischen Firmen geben, also eine
Win-Win-Situation für beide.“

Neues Deutschland?

Kooperation? Win-Win? Karsten Jerschke, 37, tickt anders im Moment. „Wir wollen den Wettkampf um die Poleposition immer gewinnen“, sagt der Unternehmer aus Landsberg am Lech. Schwarzmaler hierzulande, wie der Publizist und Spiegel-Redakteur Gabor Steingart, halten solche Willenskraft für fast ausgestorben. Er meint: In Deutschland werde auf Halten gespielt, nicht auf Sieg.

Das mit der Pole kommt bei Jerschke nicht von ungefähr. Seine Firma 3C-Carbon entwickelt und produziert Leichtbauteile für Autohersteller und Motorsport. Es geht rasend
voran. Seit der Gründung 2003 ist die
Mitarbeiterzahl auf 60 angewachsen, der Umsatz auf 4,2 Millionen Euro. Seinen Einsatzwillen und 100-Stunden-Arbeitswochen bezahlt der ehemalige Radleistungssportler damit, dass sein Wettkampfgewicht verloren ist. Ihn wurmt das, er sagt aber auch: „Ich würde derzeit auf der Welt nichts lieber tun, als Unternehmer zu sein.“

Sein Wunschzettel an die Politik ist nicht bescheiden. „Zeitlich begrenzte Absenkung der Lohnnebenkosten für Jungunternehmer“ schreibt er drauf. Außerdem: „Befristete Lockerung im Arbeitsrecht.“ Er hätte gern „mehr Banken, denen auch sehr gute Business-Pläne reichen statt Sicherheiten
wie Omas Reihenhaus“. Doch Jerschke sieht für Gründer auch Katalysatoren im System: die Förderinstitutionen zum Beispiel. „Ohne Mittel der bayerischen Förderbank in entscheidender Phase wäre unser Erfolg so nicht möglich gewesen.“

Vor dem Märchenschloss Neuschwanstein
endet die Reise: Fototermin mit Jerschke. Verlierer- und Gewinnernationen? Pauschal nicht zu beantworten. Gesichert ist nur, dass es im Wettlauf keine reservierten Plätze mehr gibt. Und gekniffen scheint bei Unternehmern weltweit immer das andere Geschlecht: Die drei Gründer sind unverheiratet und kinderlos.

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