Diverses Werkbank statt Schulbank

Schulabbrecher haben kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Die Hamburger Produktionsschule Altona bietet diesen jungen Menschen die Möglichkeit, praxisnah doch noch einen Abschluss zu machen und sich so direkt für eine Ausbilung zu qualifizieren.

Als Steven Schmidt vor einem Jahr an die Produktionsschule im Hamburger Stadtteil Altona kam, wusste er, dass dies seine letzte Chance sein würde – auf einen Schulabschluss und auf eine Lehrstelle. Schmidt hatte seine Hauptschule in Brandenburg nach der neunten Klasse ohne Abschluss geschmissen. Er hatte „null Bock auf Schule“, Unterricht geschwänzt und „nur Sechsen geschrieben“.

Ein Sozialarbeiter erzählte ihm von der Produktionsschule. Dort arbeitet Schmidt nun neben dem Unterricht in einer Küche, er kauft Gemüse ein, kalkuliert Mittagessen, kocht. „Das liegt mir mehr als Schule“, sagt er. Im Sommer wird der 19-Jährige seinen Hauptschulabschluss machen und dann eine Ausbildung zum Koch in einem Vier-Sterne-Hotel beginnen.

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Theorie und Praxis miteinander verknüpfen

So wie Steven Schmidt verlassen in Deutschland jährlich rund 60.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Sie haben meist keine Chance auf eine Lehrstelle und werden oft von einer berufsvorbereitenden Maßnahme in die nächste geschickt. Die Produktionsschule fängt diese Jugendlichen mit einem besonderen pädagogischen Ansatz auf: Im Zentrum steht nicht der Unterricht im Klassenraum, sondern die praktische Arbeit in Werkstätten. „Wir wollen Theorie und Praxis besser miteinander verknüpfen“, sagt Schulleiter Thomas Johanssen.

Für den Hauptschulabschluss lernen die Schüler täglich zwei Stunden Mathe, Englisch oder Deutsch. Andere Fächer fallen weg. Stattdessen produzieren die Schüler in Werkstätten im Auftrag von Kunden wettbewerbsfähige Waren und Dienstleistungen – unter realen Arbeitsbedingungen: Die Produkte müssen hohen Qualitätsansprüchen genügen und werden zu marktüblichen Preisen angeboten. „Die Aufträge sind echt und haben Deadlines. Dadurch lernen die Schüler, selbstständig zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen“, sagt Johanssen. Zusammen mit den Werkstattlehrern bauen sie Möbel, bieten Catering an, entwerfen Flyer oder drehen Werbefilme für Firmen. Dadurch kann die Schule jährlich Einnahmen von gut 100.000 Euro erzielen. Und: Durch die Kontakte zu Betrieben werden Praktika und Ausbildungsplätze vermittelt.

„Die Arbeit ist eine völlig neue Erfahrung für die Schüler“, sagt Joachim Böcker, Lehrer in der Tischlerwerkstatt. „Das sind Jugendliche, die sind vorher überall rausgeflogen. Hier werden sie in alle Prozesse eingebunden.“ Wenn ein Möbelstück gebaut wird, sprechen sie mit den Architekten, fahren mit zu den Räumlichkeiten, schleifen und schrauben wochenlang an Türen und Griffen. Sie sehen das Ganze entstehen und bekommen dafür auch ein kleines Gehalt, 150 Euro Schülergeld im Monat. „Man kann die Jugendlichen nicht am Schreibtisch verändern“, sagt Böcker, wohl aber an der Werkbank. Rund 60 Prozent der Schüler schaffen ihren Abschluss, jeder Dritte von ihnen unterschreibt einen Ausbildungsvertrag.

Vorbild aus Dänemark

Bevor Thomas Johanssen 1999 Hamburgs erste Produktionsschule gründete, war er selbst Berufsschullehrer und hat jahrelang die Lustlosigkeit der Schüler in den Klassen erlebt: „Ich war dadurch vollkommen frustriert.“ Als er von dem dänischen Modell der Produktionsschulen erfuhr, wollte es dies sofort in Hamburg umsetzen.

In den vergangenen elf Jahren haben rund 540 Schüler die Produktionsschule Altona (PSA) besucht. Es könnten noch mehr sein, denn „wir kriegen viermal so viele Bewerbungen, wie wir Plätze haben“, sagt Johanssen. In den kommenden zwei Jahren sollen weitere hinzukommen. Die Stadt Hamburg will bis 2011 zehn Produktionsschulen mit insgesamt 3,9 Millionen Euro fördern.

An der PSA reichen die Zuschüsse der Behörde, jährlich 400.000 Euro, jedoch nicht aus, um die Kosten zu decken. „Wir sind auf die Erträge aus den Werkstätten angewiesen“, sagt Johanssen. Deshalb will er nächstes Jahr eine fünfte Werkstatt einrichten, eine Konditorei oder eine Schneiderei.

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