Diverses Wie ein Aachener die Trödelbranche revolutionierte

Mit 15 ertrödelte er Büchergeld, mit 17 veranstaltete er seine ersten Märkte, dann mischte Norbert Hermanns die Flohmärkte mit seinen Ideen auf: Raus aus den Innenstädten! Vorkasse für Händler!

Es war ein Junge, der las viel. Mit 18
Jahren hatte er die deutsche Literatur
durch, klassische und zeitgenössische.
Heute sagt der Mann: „Ich war beseelt
von Literatur und Philosophie.“ Mitte
der 70er-Jahre kaufte er in Aachen
jeden Tag nach der Schule ein Buch. Er
bekam 25 Mark Taschengeld. Was nicht
reichte. „Ich brauchte ständig Geld, um
neue zu kaufen.“ Der Vater hielt schon
das Gymnasium für, nun ja, für überflüssig.
Der Sohn sollte die Spedition
übernehmen. „Für ihn war Philosophie
jenseits seiner Vorstellungskraft.“

Heute, mit 49, wirkt Norbert Hermanns
nostalgisch und nachdenklich,
wägt jeden Satz ab. Sitzt in seinem Büro,
vor loderndem Kaminfeuer, und überlegt
lange, welches Buch er zuletzt gelesen
hat. Fällt ihm nicht ein. Um welche Bücher
ging es ihm damals? „Handke, Borchert,
Kafka. Ich hab alles gelesen. 1000
Bücher, als ich anfing. Mindestens.“

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Bling! Die Idee.

Er fängt an mit Hans Thomas Lampert,
dem Klassenkameraden am Einhard-
Gymnasium. Sie fahren auf dessen blauer
Vespa zum Handball, an dem Abend
stellen Leute Sperrmüll raus. Bling! Die
Idee. Auch Lampert braucht Geld, er
steht auf alte Fords, will – bald macht er
den Führerschein – einen 15 M. Also trödeln
sie. Entdecken in Gerümpelbergen
„einen Gynäkologenstuhl, eine Beinprothese,
Bilder, kleine Möbel“. Bringen das
sonntags auf den Flohmarkt. Beim ersten
Mal macht jeder 250 Mark. „Umsatz
gleich Gewinn, unheimlich viel Geld!“

Schnell wird klar: Die Flohmärkte sind schlecht organisiert. „Ab und zu sagte
mal einer, ich mache den Veranstalter.
Kein Geschäftssinn, keine Werbung, kein
Know-how, kein Marketing. Das schrie
nach professioneller Organisation.“ Er
und Lampert „haben rumdilettiert“. Innerhalb
weniger Monate lernen sie das
Geschäft.

Eine Nostalgiewelle, keine Notzeit

„Es sind die fetten Jahre, die Keller
voll. Der Wandschrank der Oma ist plötzlich
schick. Selbst ihr Schmuck. Oder
Opas Hemd, hippiemäßig betrachtet.“
Eine Nostalgiewelle, keine Notzeit. Flohmärkte
sind Spaß, „ein Kommunikationserlebnis,
Kinder lernen, Spielsachen
zu verkaufen. Man kann sich auf den
Markt stellen, ohne als Loser zu gelten“.
Hermanns lernt: „Menschen wollen was
erleben.“

140 Händler sind beim ersten
Markt im Frühjahr 1980
dabei, das ist viel damals.
5000 D-Mark Umsatz,
1500 D-Mark Gewinn
für die zwei.
Heute veranstaltet
Hermanns’ Firma Melan
1000 Märkte im
Jahr, an 70 Standorten,
wöchentlich etwa 15 bis
20 Märkte. 32 Millionen Besucher. Jährlich.
Hermann will keine Gewinne und
Umsätze nennen. Er weiß, die anderen
Zahlen wirken.

Der Name Melan, den Hermanns erst
seit den 90ern führt, steht für „Meine
große Liebe Annette“ und stammt von einem
Partner, mit dem er sich einst für
den Markt Hamburg zusammentat. Da
Hermanns älteste Tochter – er hat vier
Kinder – Anke heißt, übernimmt er den
Namen. Er nutzt ihn für die Teile der Republik,
die er allein beackert.

Im Frühjahr 1980 hat er, der Flohmarkt-
Mozart, die Idee. Sie kommt aus
dem Nichts. Ist was Kreatives. Nein, nur
scheinbar ein spontaner Geniestreich.
Weil er schon die jung gesammelte Erfahrung
hat. Weil er über Flohmärkte
anders als andere nachdenkt.
Er hat „die grundlegende
Idee für die Zukunft der
Branche. Nicht in Innenstädten,
besser wäre
auf den Parkplätzen
der Einkaufszentren.“

11. Mai 1980: der erste große Markt

Die Vorteile sind gigantisch:
Händler können
ihre Autos am Stand lassen,
müssen weniger tragen. „Das war
bequem, sie mussten nicht nachts um
zwei Uhr anfangen und ranschleppen.
Die Plätze waren garantiert. Das war der
entscheidende Vorteil.“
Das Datum des ersten großen Marktes,
lacht Hermanns, werde er nie vergessen.
Es ist der 11. Mai 1980, auf dem Parkplatz
von Plaza in Aachen, heute Real.

Hermanns
studiert damals auf Druck des Vaters
Wirtschaftswissenschaften, muss das
Studium selbst finanzieren, er ist schon
bekannt auf den Flohmärkten Aachens,
Kölns, des Ruhrgebiets. Er studiert nebenbei,
vor Prüfungen lernt er nachts.
Der Tag gehört der Firma.
„Ich hab meine beste Jeans angezogen.
Nein, die war in der Wäsche, also
die zweitbeste. Saß eine halbe Stunde im
Vorzimmer von Herrn Bauer. Ich war
nervös, es ging um meine Existenz, dachte
ich. Ich kriegte meinen Atem nicht unter Kontrolle. Subjektiv war es eine Seinoder-
Nichtsein-Situation. Er fand mich
niedlich, wie ich da nervös saß, gab mir
den Parkplatz für 200 D-Mark. Nächstes
Mal 1000 D-Mark.“

Man tauscht und vermietet Rechte

Heute gelten andere
Preise. „Die Firmen suchen seriöse Partner
für zehn Jahre, um die Marktmiete
im Immobilienwert einzurechnen.“ Mit
der Metro-Gruppe hat Melan einen Vertrag,
weltweit. Wenn ein Flohmarkt auf
einem Metro-Parkplatz stattfindet, dann
mit Melan. Andere schließen ebenfalls
Exklusivverträge mit Ketten. Man
tauscht, vermietet Rechte.

Als es losgeht – 1980 in Aachen – wird
erstmals richtig Werbung gemacht, „bei
Ausstellern und bei Besuchern“. Ab jetzt
ist es Business. „Die fanden es alle niedlich,
dass da zwei Kinder kamen. Die Behörden,
die Händler, alle.“ Auf Erfolge
folgen Niederlagen. „Im Winter hatten
wir unglaubliche Tiefen. Ich wusste
nicht, wie ich meine Telefonrechnung
zahlen sollte.“ Geschweige die Angestellten.

Der Durchbruch? „Am 19. Juli 1981,
Einkaufszentrum Hürth. Der Manager
stand auf Rekorde. Er wollte den größten
Flohmarkt Deutschlands.
Bekam er.“ 2000 Händler
wollten, 1208 Händler
kamen unter. 80 000
Besucher, bis dahin
unvorstellbare Zahlen.
„Ein Flohmarkt, der
uns entglitt. Wir mussten
sogar Händler abweisen.“
Die Branche spricht über
die beiden. „Wir waren 20 Jahre
alt, die Großen der Branche. Doch es war
ein Desaster. Wir hatten nicht genug Leute,
so viele Händler abzukassieren.“

Vorkasse für Händler

Er
lernte. 1985 regnete es an 42 Sonntagen
im Jahr, sagt Hermanns, also liefen die
Märkte nicht, fuhren die Händler meist
um 11 Uhr ab, weil sowieso niemand
kam. „Ich hatte die Erkenntnis, wir müssen
die Händler binden. Vorkasse.“ Diese
Idee wurde innerhalb von 14 Tagen
von der ganzen Branche übernommen.
Man schaute bereits auf den Jungen mit
den Ideen. Die Händler machten mit,
denn Hermanns bot Werbung, Publikum.

1985. Es ist das Jahr, in dem die beiden
Partner feststellen: Es geht nicht
mehr gemeinsam. Lampert,
so Hermanns, war zu gemütlich.
„Dem ging es
darum, genug Geld für
ein nettes Studentenleben
zu verdienen, noch
einen Ford 17 M dazu.“
Mehr nicht. Anders er,
der nicht mal mehr Bücher
liest. Er steht unter
Strom, ist um 7 Uhr im Büro,
der Partner kurz vor Mittag, schaut
mal rein, geht essen. „Er hatte zu viele
Ängste, scheute das Risiko. Er hatte einfach
eine andere Idee von Unternehmertum.
Ich war mit beiden Füßen auf dem
Gaspedal, er auf der Bremse.“ Sie trennen
sich in Frieden.

„Ich bin geschrumpft, gewachsen,
geschrumpft, gewachsen“

Lampert sagt über Hermanns, den er
seit dem zehnten Lebensjahr kennt: „Er
wollte stärker expandieren als ich. Größe
ist nicht alles in dem Geschäft.“ Und
so teilen sie die Firma und die Märkte.
Der Ex-Partner ist in der Eifel und in
Sachsen-Anhalt noch im Geschäft. Gemütlicher.
„Ich bin geschrumpft, gewachsen,
geschrumpft, gewachsen“, sagt Lampert.
Im Gegensatz zu Hermanns. Der
sagt: „Das Ziel hat sich stark gewandelt.“ Geschäftsideen, Erfolge. Gewerbeimmobilien,
Bürogebäude, Gewerbeparks,
„immer als Übung für Einkaufszentren,
so oft wie wir auf Parkplätzen
waren, wir haben Know-how.“

Till Schüler hat acht Jahre für Hermanns
gearbeitet, als Geschäftsführer.
War dabei, als es losging mit Projektentwicklungen.
Die Flohmärkte wurden
Milchkühe, das Geld floss in den Bau von
Einkaufscentern: Grundstücke kaufen,
Architekten beauftragen, Genehmigungen
holen, sogenannte Ankermieter dazu,
bauen.

Schüler: „Das erste Projekt
war in Brehna bei Bitterfeld, wir fokussierten
uns auf Shoppingcenter.“ Nach
Brehna kamen andere in Ostdeutschland.
Dann Aachen. Die Arkaden dort
ließ Hermanns planen und bauen. Verkaufte
sie fertig. Andere Projekte in Aachen
und Düsseldorf hielt er, verwaltet
sie bis heute. Und immer ging es voran.

Das „amerikanische Alles-geht-man-muss-nur-wollen“

„Hermanns ist ein Querdenker im positiven
Sinn. Mit Visionen“, sagt Schüler.
Zwei Jahre lebt Hermanns Mitte der
90er-Jahre in den USA, in Kennebunkport,
nahe dem Kennedy-Anwesen, dirigiert
die Firmen am Telefon und per Fax,
E-Mails gibt es damals noch kaum. Von
dort bringt er das „amerikanische Alles-geht-
man-muss-nur-wollen“ mit zurück
nach Deutschland. Und ein starkes Renditestreben.

Silke Böge, die lange für
Hermanns arbeitete, erinnert sich an die
Zeit: „Es war anstrengend, die Zeitverschiebung,
das Hin und Her, dieser
Input zu jeder Uhrzeit.“
Das Telefon klingelt in seinem
Büro, Hermanns muss
etwas klären, es geht um
ein millionenschweres Bauprojekt.
Zurzeit arbeiten seine
Firmen an Projekten mit etwa 300
Millionen Euro Investitionssumme. Das
Flohmarktgeschäft hat er delegiert, in
der Zentrale arbeiten 35 Leute. Auf den
Märkten 400, wenige fest, viele Jobber.

Hermanns sagt, er sei größter Flohmarktveranstalter
der Republik, am Rhein aktiv,
an der Ruhr, in Norddeutschland, im
Osten. Auf großen Flächen. Es gibt noch
einige Große in der Branche, Hochberg
in Ahrensburg oder Flohmaxx in Oldenburg
zum Beispiel. Aber die starteten
acht, neun Jahre nach Hermanns. Und sind nur in ein, zwei Bundesländern aktiv.
Anders als Melan.

Die Flohmarktbranche ist ein Zirkus

Die Flohmarktbranche ist ein Zirkus,
jeder ist der Allergrößte, hat die Megasensation.
Hermanns aber hat Allergrößtes:
den riesigen Aston Martin, der in
Aachen
schon mal lässig im Halteverbot
steht. Das Haus Ficht, eine um 1900 erbaute,
mittelalterlich anmutende Burg in
einem Waldstück im Südviertel, beschrieben
im Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler.
Und die Frau, Ruth, preisüberhäufte
Urologin, die schon an der
Universität Harvard lehrte.

Hermanns erzählt gern von den Anfängen.
Das Ramschgeschäft ist ein simples:
Man braucht einen Platz und die Erlaubnis
der Behörde. Aufsteller, die bezahlen.
Gutes Wetter. Leute, die kommen. 20 000,
30 000 sind gut. Das heißt: Werbung machen,
locken. Der Ablauf am Sonntag
muss organisiert werden, von Jobbern.
Das gilt als der harte Teil. Der Umgang
mit den Behörden als der ganz harte.
„Wir waren besser als andere in der Lage,
die Händler schnell zu den Plätzen zu
bringen. Wir haben Verkehrschaos auf
den Zufahrten verhindert.“

Hermanns sagt, er habe
alles in ein System gebracht,
Muster entwickelt,
Fließbandeffekte.
E 137617 steht auf
Laufzetteln, der Buchstabe,
die ersten Zahlen
sind die Marktnummer,
Deutschland ist in N, S, W
und E geteilt. Die drittletzte
Zahl ist der Monat, die letzten zwei
der Markttag. Die haben Kategorien, je
nach Attraktivität. Es gibt Dachzuschläge,
Unterkategorien. 1a-Lagen, 1b-Lagen,
2a-Lagen, 2b-Lagen. Samstage sind
schwarz, Sonntage rot, Feiertage grau.
Bezahlt werden laufende Meter. Entsorgungsgebühr,
Reinigungskaution. Auf jedem
Markt steht ein Melan-Bus, in dem
Marktleiter und EDVler sitzen. Dienstleistungen
werden zugekauft: WC-Container,
Strom, Wasser, Reinigungspersonal,
technische Abwicklung, Lieferanten,
Verkehrsregelung.

Trends erkennen

Trends müsse ein Marktbetreiber erkennen:
„Derzeit haben wir einen Accessoire-
Hype, also haben wir Anbieter
gesucht. Asiatische Geschichten gehen
schon länger.“ Hermanns
spricht, als wäre es Kunst.
Betont, wie viele Künstler
auch, die Sekundärtugenden.
Um fünf Uhr
vor Ort sein sei normal.
Plakate, Handzettel
druckt, entwirft Melan
wieder selbst.

Jede Mitarbeiterin,
jeder Mitarbeiter
leitet ab und zu Märkte.
Auch seine Tochter Bianca, die seit
einigen Jahren in der Firma arbeitet. „Ich
gehe immer noch gern auf Flohmärkte.
Ich begeistere mich an der Organisation“,
sagt der Aachener. Wie er Bücher liebte,
faszinieren ihn Abläufe. Das ist kein Verrat
an Literatur, sondern ein Verschieben
von Enthusiasmus.
Er legt Holzscheite in den Kamin. Entspannt.
Von den anderen Projekten, die
ihn jetzt umtreiben, erzählt er wenig.
Und nicht in dem Ton, in dem er von
Flohmarktstorys schwärmt. „Ach“, sagt
er später am Telefon, er habe Max Frisch
angefangen, „Gantenbein“. Sein erstes
Buch in 24 Jahren.

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