Diverses Wie Mittelständler an lukrative Auslandsaufträge kommen

Während die heimische Wirtschaft schwächelt, stabilisiert sich der Aufschwung in den Schwellenländern. Auch deutsche Unternehmen können davon profitieren. Wir zeigen, wie Mittelständler an Aufträge in den sogenannten Bric-Staaten kommen und was sie rechtlich dabei beachten müssen.

Zum Glück war Claas Schulitz schneller als der Spamfilter seines E-Mail-Postfachs. Im Jahr 2007 hat Brasilien den Zuschlag für die Fußballweltmeisterschaft 2014 bekommen. Der deutschstämmige Architekt Marc Duwe aus dem Büro Setepla in São Paulo schrieb damals spontan eine denkbar allgemein gehaltene E-Mail an Kollegen in Deutschland, die er bis dato gar nicht kannte – darin die Frage: „Wollt ihr mit uns zusammenarbeiten?“

Claas Schulitz erinnert sich: „Das war ganz unverbindlich. Viele haben ihm wohl – typisch deutsch – zurückgeschrieben: Und wie stellen Sie sich diese Zusammenarbeit vor? Ich habe einfach geantwortet: Ja, wir können gern zusammenarbeiten.“ Das Ergebnis drei Jahre später: Schulitz, Architekt in Braunschweig, hat mit seinen brasilianischen Partnern von Setepla den Wettbewerb für das neue WM-Stadion in Brasiliens drittgrößter Stadt Salvador da Bahia gewonnen.

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Brasilien lockt nicht nur Fußballfans zur WM 2014. Schon im Vorfeld des Megaspektakels bieten sich in dem Land ungezählte Möglichkeiten für Unternehmer, viel Geld zu verdienen. Eine Auswahl von Großprojekten:


Brasilien lockt auf einer größeren Karte anzeigen

Großveranstaltungen beflügeln die Wirtschaft

Dort, in der nordöstlichen Drei-Millionen-Metropole an der Allerheiligenbucht, werden sie wieder tanzen in diesem Februar. Hunderttausende. Salvador da Bahia ist in jedem Jahr Schauplatz des größten Straßenkarnevals der Welt. Zu Beginn dieses Jahres ist die Freude und Zuversicht der Menschen in Brasilien besonders groß – und die Hoffnung, dass ihr Land nun endlich das Potenzial ausschöpft, das ihm schon so lange attestiert wird.

Vieles spricht derzeit dafür: Fußball-WM 2014 und zwei Jahre später Olympia in Rio de Janeiro. Der Bovespa-Index an São Paulos Börse stieg innerhalb des vergangenen Jahres um 83 Prozent. Experten rechnen mit einem Wachstum von deutlich über fünf Prozent in diesem Jahr. Investiert werden kann praktisch überall: vom Straßen- und Schienennetz sowie der Energieinfrastruktur über IT Projekte und Petrochemie bis hin zur Wasserwirtschaft – es gibt eine Menge zu tun in dem Land.

Das gilt allerdings nicht nur für Brasilien, auch die anderen führenden Schwellenländer aus der Bric-Gruppe sind interessant für deutsche Unternehmer, die neue Möglichkeiten für ihr Auslandsgeschäft suchen. Es mangelt nicht an Investitionschancen: So gibt es in Russland nicht nur Öl- und Gaswirtschaft, sondern auch Olympia. Sotschi wird mit Milliardenaufwand aufgemotzt – für die Winterspiele im Februar 2014.

Nötige Portion Enthusiasmus

Indiens Wachstum soll in diesem Jahr acht Prozent betragen, prognostizieren Experten. Und auch in China sollen die Bedingungen für ausländische Investoren weiter verbessert werden. Wer sein Geschäft entsprechend gut vorbereitet, juristischen Rat sucht sowie Land und
Leute studiert, kann die Neuaufträge fast schon spüren.

Im Büro von Schulitz + Partner, zwei Gehminuten vom Hauptbahnhof Braunschweig entfernt, arbeitet Claas Schulitz im engsten Kollegen- und Familienkreis mit Vater Helmut und Bruder Marc, beide Architekten. Von hier aus plant er seine nächsten Schritte beim Stadionbau in Salvador. Einen Monat nachdem Brasilien den Zuschlag für die WM erhalten hatte, war das alte Stadion der Stadt im November 2007 noch Schauplatz eines Unfalls: Acht Menschen stürzten in den Tod, als eine Tribünenreihe während eines Spiels unter der Last der Zuschauer abbrach. Pfusch, veraltete und morsche Bauten – ein Klischee von Brasilien hatte sich wieder einmal bestätigt. Zum letzten Mal, beschloss die Regierung des Bundesstaats Bahia und schrieb den Wettbewerb für ein neues Stadion international aus. Claas Schulitz und seine Mitstreiter gingen als Gewinner hervor. Danach passierte: erst einmal nichts.

„Nachdem wir den Wettbewerb gewonnen hatten, war lange Zeit gar nicht klar, wie es jetzt weitergehen würde. Ich denke, wir haben das Richtige gemacht – und einfach weiter an unser Konzept geglaubt und daran gearbeitet.“ Diese Extraportion Enthusiasmus trotz unsicherer Rahmenbedingungen müssen Unternehmer bei einem Engagement in Schwellenländern mitbringen. Dass er trotz monatelanger Unsicherheit nicht die Nerven verloren hat, zahlt sich jetzt aus. Und dass er immer wieder vor Ort war – neunmal in den vergangenen zwei Jahren. Bis zu drei Wochen am Stück.

Zwei Tage vor Weihnachten erhielt er endlich die Nachricht: Der Vertrag mit dem Generalbauunternehmer ist unterschrieben, das neue Stadion wird nach seinen Plänen gebaut. Jetzt kommt es für den deutschen Architekten darauf an, mit Verträgen, Verhandlungen, vor allem aber mit Verständnis für die lokalen Partner seine Pläne durchzusetzen, damit am Ende auch tatsächlich sein Stadion gebaut wird, so wie er es entworfen hat. „Bei der Arbeit vor Ort zeigen sich ja erst die kleinen Unterschiede, die aber wichtig werden können: So bauen die Brasilianer etwa überhaupt nicht mit Gipskartonplatten, was bei uns Standard ist. Stattdessen werden dort fast alle Wände gemauert.“

WM, Olympia und noch viel mehr

Um Aufträge rund um die Fußball-WM zu ergattern, sollten deutsche Firmen Kontakt aufnehmen mit den erfolgreichen Generalunternehmern, rät Brasilien-Experte Thomas May, Rechtsanwalt im Düsseldorfer Büro der Kanzlei CMS Hasche Sigle. „Für Projekte rund um die Weltmeisterschaft und später noch Olympia können sich deutsche Firmen auch ohne brasilianische Partner bemühen – theoretisch.

Es ist aber davon auszugehen, dass die großen brasilianischen Baukonzerne vorrangig zum Zuge kommen. Als Konsortialführer sind die jedoch an der Beteiligung deutscher Unternehmer interessiert. Da liegen die Chancen für den Mittelstand.“ Alle reden über die Prestigeprojekte Fußballweltmeisterschaft 2014 und Olympia in Rio de Janeiro 2016. Aber Anwalt May rückt die Dimensionen zurecht: „Die Investitionssummen für die beiden Sportevents sind relativ klein im Vergleich zu den langfristigen Infrastrukturprogrammen. Wasserbewirtschaftung, Verkehrswege, aber auch hochaktuelle Entwicklungen wie grüne Technologien – da gibt es für deutsche Mittelständler überall Chancen in Brasilien.“ Schließlich geht es um Hunderte Milliarden, die in den kommenden Jahrzehnten investiert werden sollen.

Der Staat als Kunde

Für Brasilien und viele andere Schwellenländer gilt: Die ganz großen Aufträge vergeben der Staat und staatlich kontrollierte Unternehmen – Konzerne wie Petrobras, der brasilianische Gas- und Ölgigant, an dem der Staat 58 Prozent der Anteile hält. Der Energieriese will unter anderem die enormen Gas- und Ölvorkommen im Atlantik im sogenannten Pre-Salt-Bereich, also noch unterhalb der Salzschicht unter dem Meeresboden, erschließen.

Die lassen sich aber nur mit teuren neuen Bohrplattformen und Spezialgerät fördern. Bei diesem Megaprojekt kommen Lars Rolners Spezialschiffe ins Spiel. Rolner, Managing Director von SAL Schiffahrtskontor Altes Land, plant sein Brasilien-Engagement von Steinkirchen aus, einem kleinen Ort westlich von Hamburg, am Südufer der Elbe. Sein Unternehmen schickt eine Flotte von Schwerlastschiffen quer über die Weltmeere auf Spezialmissionen für superschwere und sperrige Ladungen. „Energie- und Stromerzeugung sowie Öl und Gas – auf diesen Feldern bietet Brasilien für uns große geschäftliche Chancen. Sich einen neuen Markt erschließen, das macht ja auch den Reiz für den Unternehmer aus“, sagt er. Bisher läuft alles glatt: „Man darf sich Brasilien nicht als ein Abenteuer vorstellen, in dem es für Unternehmer zwangsläufig drunter und drüber geht. Das Land ist gut organisiert, die Geschäftspartner hochprofessionell. Ich bin positiv überrascht. Wir sind von unserem starken Engagement in Brasilien überzeugt.“

Fernab von deutschen Gerichten

Wenn ein Unternehmer so interessante Vorhaben entdeckt und eine Auslandsinvestition plant, ist bald kompetenter Rechtsrat vonnöten. Seinen brasilianischen Kollegen stellt Rechtsanwalt May ein gutes Zeugnis aus: „Die Rechtsberatung in Brasilien ist auf europäischem Niveau. Es empfiehlt sich, immer auch Anwälte aus dem Zielland, am besten aus der Region, heranzuziehen.“ Deutsche Kanzleien arbeiten heute eng mit versierten Kollegen an vielen Investitionsstandorten zusammen – zu Honoraren, die auch Mittelständler schultern können. Gute Empfehlungen bei der Anwaltssuche geben die Außenhandelskammern.

Experten raten bei Engagements in Schwellenländern außerdem zu Schiedsklauseln, um im Ernstfall Streit außerhalb der lokalen Justiz beilegen zu können. Denn Gerichtsverfahren können sehr zäh und langwierig sein. Alle vier Bric-Staaten sind dem Schiedsabkommen der Vereinten Nationen von 1958 beigetreten. „Damit verpflichten sie sich, Entscheidungen kompetenter Schiedsgerichte in internationalen Rechtsstreitigkeiten anzuerkennen und – ganz wichtig – in ihrem Land auch zu vollstrecken“, sagt Jens-Peter Eickhoff, Rechtsanwalt im Kölner Büro von DLA Piper. „Für Mandanten ist das immer wieder verblüffend: China etwa erkennt zivilrechtliche Urteile aus Deutschland nicht ohne Weiteres an“, erklärt Eickhoff, „wohl aber ausländische Schiedssprüche,
die auf Basis des Uno-Abkommens vollstreckt werden.“

Den Rubel rollen lassen in Russland
Das Land bietet derzeit gute Möglichkeiten für deutsche Unternehmer. Denn Russland will seine Sonderwirtschaftszonen (SWZ) für ausländische Investoren noch attraktiver machen.

Aktuelle Lage In den SWZ gibt es Steuererleichterungen, Subventionen und Extraunterstützung durch die Verwaltung. Neben Industrie- und Produktions-, Technologie-, Entwicklungs- sowie Touristikzonen gehören Häfen und Flughäfen zu den SWZ. Ein neues Gesetz soll vor allem durch die Senkung der Mindesthöhe der Investitionen mittelständische Unternehmen anlocken.

Börse Der RTS-Aktienindex stieg im vergangenen Jahr um 127 Prozent.

Korruption Auf der Liste von Transparency International belegt Russland den 146. Platz (von 180).

Sicherheit Die Gefahr politischer Instabilität sowie das Sicherheitsrisiko für ausländische Investoren werden mit „medium“ eingeschätzt. („Risk Map 2010“, Control Risks)

Russische GmbH Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (Abkürzung: OOO) ist die am weitesten verbreitete Gesellschaftsform. Zwei Gründungsdokumente sind Pflicht: Gründungsvertrag und Satzung. Mindestkapital: 10?000 Rubel. Die Übertragung und Verpfändung von Gesellschaftsanteilen bedarf notarieller Form. Ähnlich dem Aktionärsregister einer AG muss eine OOO eine Gesellschafterliste mit Angabe der jeweiligen Höhe der Beteiligung führen.

Geschäfte machen im Reich der Mitte

In China fühlen sich deutsche Unternehmer schon lange wie zu Hause. Künftig, so will es die Staatsführung in Peking, sollen ausländische Investoren noch besser unterstützt werden.

Aktuelle Lage Neue Richtlinien sollen es ausländischen Investoren (Kapitalgesellschaften und Einzelpersonen) ermöglichen, rein ausländische oder ausländisch-chinesische Partnerschaftsgesellschaften zu gründen. Bei Registrierung, Buchhaltung und Steuern gelten Regelungen wie für eine rein chinesische Partnerschaftsgesellschaft. Diese Rechtsform ist etwa für Träger freier Berufe von Bedeutung.

Börse Der Shanghai Composite Index verbuchte 2009 ein Plus von 80 Prozent.

Korruption China belegt auf der TI-Liste Platz 79 (von 180).

Sicherheit Das Risiko politischer Unruhen wird wie auch das Sicherheitsrisiko für ausländische Investoren mit „medium“ eingeschätzt. („Risk Map 2010“, Control Risks)

Chinesische GmbH Bei der Limited Liability Company (LLC) beschränkt sich die Gesellschafterhaftung auf deren Anteil am Stammkapital (Mindeststammkapital: 30?000 Yuan). Organe der LLC sind Vorstand, Gesellschafterversammlung und Aufsichtsrat, dem in größeren LLCs ein Arbeitnehmervertreter angehören muss. Gesetzliche Vertreter der LLC können der Vorstandsvorsitzende und andere Mitglieder der Geschäftsführung sein.

Rupien zählen in Indien

Der Subkontinent gehört zu den attraktivsten Wirtschaftsregionen.

Aktuelle Lage Die Regierung hat verfügt, dass alle Lizenz- und Technologieverträge, in denen die Zahlung von Lizenzgebühren oder Abschlagszahlungen vorgesehen ist, unabhängig von der Höhe des Entgelts im Wege des automatischen Verfahrens (Automatic Route of Approval) zu registrieren sind. Eine Genehmigung seitens des Project Approval Boards oder des Foreign Investment Promotion Boards ist nicht mehr erforderlich. Ziel ist die Förderung der Einfuhr von Hochtechnologien. Das ist eine wichtige Vereinfachung: Bislang unterlagen Lizenz- und Technologietransferverträge Vorschriften des indischen Lizenzvertragsrechts, wonach Verträge nur dann von der Automatic Route of Approval umfasst waren, wenn die Lizenzgebühr die Grenze von fünf Prozent des Binnen- und acht Prozent des Exportumsatzes nicht überschritt. Abschlagszahlungen durften bislang höchstens zwei Millionen Rupien betragen.

Börse Der Sensex legte 2009 um fast 82 Prozent zu.

Korruption Auf der TI-Liste der korruptesten Staaten belegt Indien Platz 84 (von 180).

Sicherheit Das persönliche Risiko für ausländische Investoren und die Gefahr politischer Instabilität werden mit „medium“ angegeben. („Risk Map 2010“, Control Risks)

Indische GmbH Die Private Limited Company muss ein Mindestkapital von 100?000 indischen Rupien aufweisen. Die Haftung der Gesellschafter ist auf ihre jeweilige Einlage beschränkt. Organe der Private Company sind die Gesellschafterversammlung und das Board of Directors. Die Gesellschafterversammlung entscheidet über die Zusammensetzung des Board of Directors sowie über die wesentlichen Angelegenheiten der Gesellschaft.

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