Diverses Wie sich Firmen mit FBI-Tricks gegen Spionage schützen

John E. Reid war Cop. Im Chicago der 40er Jahre zitterte die Halbwelt vor ihm. Wen er einmal in die Mangel nahm, der plauderte. Heute gehört die Reid-Technik zu den Standards beim FBI. In Deutschland hilft die Methode, Sicherheitslücken in Firmen aufzudecken.

Reid hatte aus seinem Bauchgefühl heraus ein System entwickelt. Selbst die härtesten Hunde knackte der Polizist in seinen Verhören. In den Verhören mischte er harmlose mit provozierenden Fragen – und beobachtete die körperlichen Reaktionen der Befragten. „Menschlicher Lügendetektor“ nannten ihn deshalb seine Kollegen.

Heute gehört die Reid-Technik zu den Standards bei FBI und CIA. Die Verhörmethode ist markenrechtlich von der Firma John E. Reid & Associates geschützt. Doch nicht nur Mörder und Verbrecher lassen sich mit Reid überführen. In Deutschland hilft die Methode, Sicherheitsrisiken für Unternehmen aufzudecken.

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Schwarze Schafe aussortieren

Peter Wiedemann, Direktor bei der Sicherheitsberatung Prevent, ist einer der wenigen Reid-Experten in Deutschland. Durch die spezielle Interviewtechnik versucht er schwarze Schafe aus Unternehmen fern zu halten, bereits begangene Straftaten aufzudecken und forensische Prozessanalysen anzufertigen.

Wird eine Führungsposition in einem Unternehmen neu besetzt, kann es sein, dass Wiedemann im Auswahlgremium sitzt. Gibt es Zweifel an der Biografie des Bewerbers, schlägt Wiedemanns Stunde. „Bewerbungen sind zu einem nicht unerheblichen Teil falsch oder bewusst unvollständig“, sagt der 46-Jährige.

Später stellt sich oft heraus: „Wirtschaftskriminelle haben bereits bei ihrer Einstellung gelogen.“ Für den Bewerber ist Wiedemann nur ein externer Berater – so wird er vorgestellt. Dass seine Fragen tiefer dringen, ahnt der Bewerber nicht.

Die Technik, die Wiedemann anwendet, ist an Reid angelehnt. Der Originalmethode aus den USA liegt ein Fragenkatalog von 18 immer gleichen Fragen zugrunde. „Die sind nicht alle auf Deutschland übertragbar“, sagt Wiedemann. Der Grundgedanke sei aber der gleiche.

Das Prinzip erklärt Wiedemann anhand von Fragen, die bei polizeilichen Vernehmungen verwendet werden. Es gibt keine Fragen, auf die mit Ja oder Nein geantwortet werden kann. Der Befragte muss sich Gedanken machen: „Was soll mit dem Täter passieren, wenn es nach Ihnen ginge?“ Oder: „Mit wem haben Sie darüber gesprochen, dass Sie heute bei der Polizei vorgeladen sind?“

Wiedemann erklärt: „Ein Täter reagiert anders als ein Unschuldiger. Jemand, der zu Unrecht einer Straftat bezichtigt wird, redet mit seinem Umfeld über das Unrecht, das ihm gerade durch die Vorladung widerfährt. Der wahre Täter schweigt eher.“

Aber wichtiger noch als die eigentliche Aussage ist die Reaktion des Befragten. „Es geht immer um die Abweichung vom Normalen.“

Die ersten Minuten eines „Interviews“ sind Smalltalk. Wiedemann forscht das Sprach- und Verhaltensmuster seines Gegenübers aus. Spricht er in langen oder kurzen Sätzen? Welches Vokabular benutzt er? Dialekt oder Hochdeutsch? Leise oder laut? Dann beobachtet Wiedemann Mimik und Gestik. Wippt er mit dem Fuß? Kratzt er sich oft am Kopf? Spielt er mit dem Stift? Wie ist seine Sitzhaltung?

Erst der Smalltalk, dann der Stress

Der Ex-Polizist wechselt dann vom Banalen ins Fachliche, stellt verhaltensprovozierende Fragen, wie er es nennt. Kurz: Er erzeugt Stress. „Die Reaktion darauf ist bei jedem anders“, sagt Wiedemann. Deshalb müsse er zunächst ermitteln, wie sein Gegenüber darauf reagiere. Eine Vernehmung ist nichts anderes als Kommunikation.

Nach dem wissenschaftlichen „Eisbergmodell der Kommunikation“ sind dabei nur 20 Prozent verbal, 80 Prozent dagegen nonverbal, wie Gestik und Mimik. Lügen ist anstrengend, erfordert hohe Konzentration. Sie muss zu den bereits gegebenen Antworten passen. Darf keine Zweifel wecken. Muss bei folgenden Fragen berücksichtigt werden. Das ganze in einer erheblichen Stresssituation.

Die Energie für das Lügen muss an anderer Stelle abgezogen werden, dort fehlt sie dann. Verhaltensänderungen sind die Folge. Vom Hochdeutsch verfällt der Befragte plötzlich in Dialekt. Seine Satzstruktur ändert sich. Oder er wird zappelig. Zeichen dafür, dass er lügt.

Die Interviewtechnik wird in vielen Bereichen bei der Prävention und Aufklärung von Wirtschaftsdelikten eingesetzt. „Bei der forensischen Prozessanalyse beispielsweise wollen wir feststellen, wo in einem Unternehmen Schwachstellen sind. Dazu reden wir mit möglichst vielen Mitarbeitern, teilweise mehrere Stunden“, sagt Wiedemann.

Dabei gehe es nicht darum, einen Schuldigen zu finden, sondern um Abläufe kennenzulernen. „Bei einem normalen Gespräch werden die Mitarbeiter nur das wiedergeben, wie es laufen sollte, wie die Bestimmungen sind. Das ist für uns uninteressant. Wir wollen wissen, wie der Betrieb wirklich funktioniert.“

Ein Beispiel: Der Firmenparkplatz liegt hinter dem Firmensitz. 800 Meter sind es bis zum Haupteingang. Dort wird jeder Besucher vom Wachpersonal überprüft. Ohne Dienstausweis kein Einlass. Doch der Weg ist lang. Also haben Mitarbeiter eine Abkürzung ausgearbeitet. Derjenige, der als erstes morgens im Büro ist, öffnet eine Hintertür. „Das ist noch kein Verbrechen, zeigt aber, dass es Möglichkeiten gibt, am Wachpersonal vorbei in das Gebäude zu gelangen“, sagt Wiedemann.

Wiedemann hat die Vernehmungsmethode vor knapp zehn Jahren bei der bayerischen Polizei gelernt. Damals war Udo Nagel Kriminaldirektor in München. Er hörte von Reid über einen Kollegen, der an einem Austauschprogramm mit dem FBI teilgenommen hatte. Der spätere Hamburger Innensenator ließ Experten aus den USA zu Seminaren einfliegen. Heute ist Nagel
Vorstandsmitglied bei Prevent.

Doch in Deutschland konnte sich die Reid-Methode nicht durchsetzen. Das liegt zum einen daran, dass in den USA andere Rechtsgrundsätze gelten. So ist es in den Staaten beispielsweise erlaubt, beim Verhör zu behaupten, die Polizei habe die Fingerabdrücke des Beschuldigten am Tatort gefunden. In Deutschland ist dieser Trick deutschen Fernsehkommissaren vorbehalten, in der Praxis jedoch verboten. Zum anderen mussten geplante Seminare ausfallen, da die Firma Reid keinen deutschsprachigen Trainer mehr zur Verfügung stellen konnte.

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