Diverses Wie sich Firmen selbst versorgen können

Strom wird immer teurer, Öl sowieso. Zahlreiche Firmen steigen deshalb auf Selbstversorgung um. Sie gewinnen Energie aus Sonnenlicht oder der Abwärme von Maschinen - und profitieren von staatlicher Förderung

Im Sommer kamen die Mitarbeiter der
Stahlgießerei Actech im sächsischen
Freiberg oft ganz schön ins Schwitzen.
Das Unternehmen fertigt Prototypen für
Autoteile, und in der Produktionshalle
herrschten häufig mehr als 40 Grad.
Einzige
Möglichkeit zu kühlen war das
Öffnen der Fenster. Doch die mussten in
der Nachtschicht aus Rücksicht auf die
Nachbarn geschlossen bleiben.

Diese Probleme gehören bei Actech
der Vergangenheit an. Mittlerweile arbeiten
die Angestellten des Stahlgießers
bei angenehmen 20 bis 25 Grad – im
Winter wie im Hochsommer. Denn die
Firma kühlt ihre neue Produktionshalle
mithilfe einer Geothermielösung. „Eine
Klimaanlage kommt gegen die Hitze in
der Stahlgießerei nicht an“, sagt Thorsten
Deutscher, Gebäudemanager bei
Actech. Jetzt fließt die Wärme über Röhren
aus der Halle tief in die Erde und
kommt gekühlt wieder hoch. „Diese
Technik ist für uns optimal.“

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Förderung gab den Anstoß

Wie Actech schauen sich viele Unternehmen
nach einer alternativen Energieversorgung
um und investieren in eigene
kleine Kraftwerke. Zu den Klassikern gehört
es, Energie aus Sonnenlicht oder der
Abwärme von Maschinen zu gewinnen.
Aber auch Brennstoffe wie Holzpellets
oder Biogas erleben einen Boom. „Das
Erneuerbare-Energien-Gesetz hat den
Stein im Jahr 2000 ins Rollen gebracht“,
sagt Björn Klusmann, Geschäftsführer
des Bundesverbands Erneuerbare Energie
(BEE). „Seitdem ist das Interesse an
Fotovoltaik, Pelletheizungen und kleinen
Blockheizkraftwerken groß.“ Denn mit
dem Gesetz fördert der Bund das Gewinnen
regenerativer Energien, indem er
eine Einspeisevergütung zahlt.
Der in der Vergangenheit stark gestiegene
Strompreis sorgt obendrein für
eine wachsende Nachfrage nach neuen,
cleveren Energielösungen.

Mittlerweile
stammt in Deutschland fast jede zehnte
verbrauchte Kilowattstunde aus erneuerbarer
Energie. Größte Lieferanten sind
dabei laut einer Studie des BEE Wind,
Wasser und Biomasse. Der Marktanteil
des sauberen Stroms wächst seit Jahren
stetig. Er betrug im Jahr 2006 noch vier
Prozentpunkte weniger als heute.
Und der Boom hat seinen Höhepunkt
noch nicht erreicht, glaubt der BEE-Chef.

Preissprünge bei Öl und Gas

„Klassische Ressourcen wie Öl und Gas
werden wieder teurer, bald gibt es neue
Preissprünge“, prognostiziert Klusmann.
„Der Kostendruck bringt sicherlich noch
mehr Unternehmer zu der Einsicht, dass
alternative Energie interessant ist.“Denn
mit einem eigenen Kraftwerk auf dem
Dach, im Erdreich oder im Heizkeller
koppelt sich eine Firma von den steigenden
Energiepreisen ab – und kommt in
der Regel sehr viel billiger an Strom als bislang mit den herkömmlichen Verträgen
der Energiekonzerne.

Teil 2: Die kleine Geldquelle auf dem Dach

Auch der Mittelständler Keller Lufttechnik
aus dem baden-württembergischen
Kirchheim reagierte entsprechend
auf die steigenden Preise. Die
Geschäftsführung
entschied sich für eine
Fotovoltaikanlage auf dem Dach einer
Produktionshalle. Diese Neuerung passt
ganz nebenbei auch gut zum Angebot
des Umweltspezialisten, dessen Produkte
in Industrieunternehmen unerwünschte
Gase, Feinstaub und Dämpfe aus der
Luft filtern.

Als Keller Lufttechnik vor drei Jahren
das Dach einer Produktionshalle sanieren
musste, plante Geschäftsführer Frank
Keller die Solaranlage gleich mit ein. Der
selbst erzeugte Strom fließt jetzt direkt
ins öffentliche Netz. „Mit dem neuen
Energierecht war klar, dass wir für jede
Kilowattstunde Geld vom Staat bekommen
– und das 20 Jahre lang“, sagt
Keller. „Wir haben also eine kleine Sparkasse
auf dem Dach.“

Höherer Ertrag als erwartet

Keller stieß aber auf ein Problem: Die
Fotovoltaikmodule
waren zu schwer für
das 30 Jahre alte Dach. Er brauchte ein
spezielles Tragesystem. Das verteilt das
Gewicht auf die Mauern der Halle. Seit
Ende Juli 2007 läuft die Anlage auf dem
10.000 Quadratmeter großen Dach. „Wir
speisen jährlich rund 350 Megawattstunden
ins öffentliche Netz ein. Das sind
sogar zwölf Prozent mehr, als wir erwartet
hatten“, freut sich der Unternehmer.
Jeden Monat bekommt die Firma eine
Abrechnung. Und über ein Onlineportal
kann Keller laufend beobachten, wie viel
Strom sein Dach gerade hergibt.

„Das
Jahr 2009 hat nicht gut begonnen, aber
seit April lacht das Solarherz“, berichtet
der Unternehmer. Die Investition werde
sich nach heutigem Stand schon in spätestens
zwölf Jahren amortisiert haben.
Immerhin vier Jahre früher als ursprünglich
ausgerechnet.

Die nächste Solaranlage hat Keller
deshalb bereits geplant: „Wir haben
noch 25.000 Quadratmeter auf anderen
Produktionshallen frei. Die müssen wir
sowieso bald sanieren“, erklärt der Mittelständler.
In zwei Jahren sei die Solartechnik
bestimmt noch einen beachtlichen
Entwicklungsschritt weiter und das
Preisniveau gesunken. „Dann lohnt sich
Fotovoltaik noch mehr“, schätzt Keller.

Teil 3: „Die Anlage deckt unseren gesamten Wärme- und Kältebedarf“

Auch Gebäudemanager Deutscher von
der Gießerei Actech hat Gefallen an der
Selbstversorgung gefunden. Nachdem
die Geothermieanlage ihren Zweck
erfüllt,
ist jetzt für eine weitere Produktionshalle
ein unterirdisches Kleinkraftwerk
geplant.

Actech-Geschäftsführer Florian Wendt
hatte sich schon vor Jahren über die
Technik informiert. So schaute er sich
zum Beispiel gemeinsam mit Deutscher
eine Anlage in einem anderen Unternehmen
an. Heute hat er die Technik unter
dem eigenen Dach: Dort liegt ein sogenanntes
Sondenfeld. Es besteht aus
zwölf u-förmigen Rohren, die 125 Meter
tief in die Erde reichen. Die Temperatur
in dieser Tiefe beträgt rund elf Grad. Die
Flüssigkeit in den Rohren kühlt sich auf
diese Temperatur ab, läuft nach oben
und sorgt für ein angenehmes Klima in
der Halle. Dann strömt die warme Flüssigkeit
wieder zurück in die Erde, gibt
dort die Wärme ab und fließt so gekühlt
wieder nach oben.

Kraft aus Licht,
Wasser und
Bioabfällen

Wer im eigenen Betrieb Energie erzeugen
will, muss sich zunächst für eine Technik
entscheiden. Welche geeignet ist, hängt
auch davon ab, ob der Unternehmer
Strom oder Wärme erzeugen will. Ein
Überblick, wie Regenerativkraftwerke
funktionieren.

Bioenergie

Holz, Raps und organischer Abfall ersetzen
traditionelle Brennstoffe wie Öl und
Gas. Die gängigste Form sind sogenannte
Holzpellets. Sie bestehen aus Holzspänen
und kommen als Brennstoff in
einen Heizkessel. Heizungen für Biomasse
kosten zwar etwas mehr als herkömmliche
Gas- und Ölbrenner, dafür sind die
Betriebskosten niedriger.

Erdwärme

In einer Tiefe von 100 Metern herrschen
konstante Temperaturen von etwa zehn
Grad. Das machen sich Erdwärmeanlagen
zunutze. Über Rohre im Erdreich zirkuliert
eine Flüssigkeit, die im Sommer ein Gebäude
kühlt. Im Winter erhitzt die Anlage
mithilfe einer Wärmepumpe das Heizungswasser
auf etwa 35 Grad. Die sogenannten
Erdwärmetauscher lassen
sich auch mit einer Klimaanlage koppeln.

Sonnenenergie

Fotovoltaikanlagen wandeln Sonnenlicht
in Strom um. Unternehmen können ihn
selbst verwenden oder ins öffentliche
Netz einspeisen. Solarthermische
Anlagen
nutzen dagegen die Wärme
der Sonne. In besonders beschichteten
Kollektoren auf dem Dach erhitzt sich
eine Flüssigkeit, mit der man heizen und
Wasser erwärmen kann.

Wasserkraft

Generatoren nutzen die Strömungsenergie
von Flüssen. Durch den Wasserdruck
bewegt sich ein Rad oder eine
Turbine. Ein Generator wandelt diese
Drehbewegung in Strom. Windenergie
Windräder gehören mittlerweile zum
Landschaftsbild in Deutschland. Vor
allem in Küstennähe. Sie erzeugen –
wie Wasserkraftwerke – den Strom aus
Bewegungsenergie mithilfe eines
Generators. Windkraft ist nach Biomasse
derzeit die am häufigsten eingesetzte
alternative Energie.

In der Actech-Halle steht eine gängige
Heizungs- und Lüftungsanlage. „Sie ist
auf die Geothermie abgestimmt und verteilt
wie bei einem normalen System die
gekühlte Luft in den Räumen“, erklärt
Experte Deutscher. Nach dem ersten Jahr
blickt er zufrieden auf die Ergebnisse:
„Die Anlage deckt unseren gesamten
Wärme- und Kältebedarf in der Produktion.“
Strom oder Gas zum Heizen oder
Kühlen braucht Deutscher überhaupt
nicht mehr.

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