Diverses Wie Sie Ihre Zahlen geheim halten

Helle Aufregung im Mittelstand: Bundesjustizministerin Brigitte Zypries zieht in puncto Offenlegungspflichten die Zügel deutlich straffer an. Ab 2007 sollen sämtliche GmbHs und GmbH & Co KGs ihre diskreten Daten über Vermögens-, Ertrags- und Finanzlage in eine öffentliche Datenbank einspeisen. Sodass die Konkurrenz ungehemmt schnüffeln kann - online am PC.

Und wer mit seinen Zahlen hinter dem Berg halten will, muss mit Geldbußen von bis zu 50.000 Euro rechnen – bei ausgeprägten Geheimniskrämern auch mehrfach. „Das wird richtig ungemütlich“, kommentiert Ralf Kurtkowiak, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater bei Bormann Demant & Partner in Hamburg.

Ungeliebte Pflicht

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Der Gesetzentwurf aus dem Zypries-Ministerium trifft ins Mark. Denn die meisten Mittelständler schließen ihre Bilanzen oder Gewinnrechnungen am liebsten im Tresor ein, um sie vor neugierigen Blicken von Mitbewerbern oder Geschäftspartnern zu verbergen. Sie fürchten um ihre Wettbewerbsposition, wenn die Konkurrenz Einsicht in die Kalkulationsgrundlagen und Gewinnmargen bekommt. „Als Marketinginstrument setzt man den Jahresabschluss im Mittelstand nur selten ein“, bestätigt Steueranwalt Klaus D. Höfner von Peters, Schönberger & Partner in München.

Grundsätzlich gilt: Je größer die Firma ist, desto mehr Zahlen und Fakten muss sie herausrücken – über die aktuelle Geschäftslage sowie die Perspektiven. Wer das nicht will, sollte Auswege prüfen und so weit wie möglich vorbereiten . „Die Zeit drängt“, mahnt Experte Kurtkowiak, „denn die firmenindividuelle Ausweichstrategie muss stehen, bevor das Gesetz da ist.“ impulse gibt Unternehmern die Handlungsanleitung für diskrete Jahresabschlüsse.

Eigentlich müssen deutsche Kapitalgesellschaften schon seit 1990 Bilanzen, G+V oder Anhang beim Handelsregister zu Protokoll geben. Auf
Druck der EU. Grund: Wer für die
Schulden der Firma nur begrenzt haften
will, soll wenigstens die Gläubiger
über die finanzielle Situation ordentlich
informieren (Prinzip Gläubigerschutz).
Seit fünf Jahren gilt dies auch
für GmbH & Co KGs, die klassische
Rechtsform für größere Firmen im
Mittelstand. „So furchtbar viele Unternehmer
hat das bislang nicht interessiert“, weiß Berater Kurtkowiak.

Neun von zehn betroffenen Firmen
haben sich erfolgreich gedrückt. Gegenüber
Konkurrenten und auch dem
Handelsregister konnten sie sich dabei
auf diverse Verfahren vor deutschen Gerichten berufen. Bis der Europäische
Gerichtshof im Frühjahr
2005 für Klarheit sorgte: Die Offenlegung
der Zahlen im Handelsregister
muss sein (Aktenzeichen C 435/02).

Gleichwohl duckten sich viele Firmenchefs
erst einmal weiterhin weg.
Denn das Handelsregister darf bis dato
nur dann die Jahreszahlen der Firmen
eintreiben, wenn Gesellschafter,
Gläubiger oder der Betriebsrat dies
ausdrücklich verlangen. Und auch
nur dann ist ein Ordnungsgeld möglich.
„Damit konnten wir ganz gut
leben“, sagt ein Unternehmer, der seinen
Namen lieber nicht nennen will.
„Die Banken wissen sowieso alles,
und den Betriebsrat bedienen wir auf
dem kleinen Dienstweg.“

Erste Opfer

Das reicht künftig nicht mehr. Wer
Firmendaten zu veröffentlichen hat,
muss das ab 2007 zeitnah erledigen.
Zahlen und Erläuterungen sind spätestens
zwölf Monate nach dem Abschlussstichtag
an ein neues Unternehmensregister
zu melden. Und zwar elektronisch und ohne besondere Aufforderung. Das Register achtet
peinlich genau darauf, dass die Firmen
ihre Pflichten erfüllen. Ansonsten
setzt es Bußgeld.

Die ersten Opfer dieser neuen
Zwangsmaßnahmen werden Unternehmen
mit einem abweichenden
Wirtschaftsjahr sein. Zum Beispiel:
Ist der Jahresabschluss zum 28. Februar
2007 fällig, hat die Konkurrenz
allerspätestens ab März 2008 ungehinderten
Einblick.

Welche Daten und Fakten zu veröffentlichen
sind, entscheidet sich nach
drei Größenklassen – kleine, mittlere
und große Firmen. Wo der eigene Betrieb
einzusortieren ist, richtet sich
nach Umsatz, Bilanzsumme und Anzahl
der Mitarbeiter. Experte Kurtkowiak:
„Auf dieser Betriebsgrößenklaviatur
lässt sich trefflich spielen.“

So etwa nach dem Muster des Lebensmitteldiscounters
Aldi: Aufteilen und verstecken heißt die Devise. Wer dies zum Vorbild nimmt, spaltet die Firma in einzelne selbständige Geschäftsbereiche auf. Beispielsweise für
verschiedene Regionen oder Funktionsbereiche (wie Fertigung, Vertrieb).
Für das neue „Elektronische
Handels- und Unternehmensregister“ werden so aus einem Großbetrieb
mit umfassenden Veröffentlichungspflichten mehrere Kleinfirmen – und
die Konkurrenz hat das Nachsehen.

Wer keine Lust auf die Veröffentlichung
der eigenen Zahlen hat, kann
gleichwohl schauen, was bei der Konkurrenz
los ist. Denn viele Firmen
werden sich dem Veröffentlichungszwang
beugen. Oder viel zu spät reagieren.
Da wird es einiges zu lesen
geben, auch im Internet. Berater Kurtkowiak:
„Dazu schon mal www.unternehmensregister.de als Favorit im Internetbrowser
speichern.“ Das elektronische Unternehmensregister soll zum 1. Januar 2007 online gehen.

Auf der folgenden Seite finden Sie fünf Gegenstrategien, wie Sie möglichst wenige oder gar keine Zahlen veröffentlichen müssen.

Möglichst wenige oder gar keine Zahlen veröffentlichen müssen: Wie die Chefs von GmbHs oder GmbH & Co KGs mit dem
neuen Unternehmensregister Verstecken spielen können. Völlig legal und ohne Furcht vor Zwangsgeldern.

Strategie 1: Raus aus der GmbH

Einzelfirmen und reine Personengesellschaften
(OHG, KG) sind von den Publizitätspflichten
nicht betroffen. Die Inhaber
von GmbHs oder GmbH & Co KGs sollten
daher die verschärften Pflichten zum Anlass
nehmen, ihre Rechtsform zu überdenken.
Die Umwandlung funktioniert ohne
Auflösung der stillen Reserven (Berater
einschalten). GmbH-Chefs könnten als künftige
Personengesellschafter auch noch
Vorteile bei der Gewerbe- und Schenkungsteuer einkalkulieren.

Strategie 2: Betriebsgröße variieren

Der Umfang der Veröffentlichungspflichten
richtet sich im Wesentlichen nach der Höhe
von Umsatz und Bilanzsumme. Wer kurz vor
Ende des Geschäftsjahres in die nächste
Größenklasse zu rutschen droht, prüft, ob
er Umsätze in den nächsten Abrechnungszeitraum
drücken kann. Geht es um die Bilanzsumme,
werden Spielräume bei der
Bewertung des Betriebsvermögens ausgelotet.
Etwa indem Forderungen oder Warenbestände
mit einem kräftigen Abschlag
in der Bilanz auftauchen. Überflüssige Liquidität
kommt per Gesellschafterbeschluss
den Anteilseignern als Ausschüttung
zugute. Außerdem: Für Maschinen,
EDV-Anlagen, Fahrzeuge oder gar Immobilien
gilt die Devise „Leasen statt kaufen“.
Auf diese Weise hält der Firmenchef Anlagevermögen
und somit Bilanzsumme unter
den kritischen Werten.

Strategie 3: Vollhafter installieren

Publizitätspflichten treffen grundsätzlich
nur Firmen, bei denen allein eine GmbH mit
ihrem Vermögen haftet oder die Rolle des
voll haftenden Gesellschafters übernommen
hat. Alle Zahlen bleiben unveröffentlicht,
sobald neben der Kapitalgesellschaft
eine natürliche Person für die Firmenschulden
aufkommen muss. Das kann auch ein
Familienangehöriger sein, der nur über ein
eher bescheidenes Privatvermögen verfügt.
Wichtig: Im Gesellschaftsvertrag wird
vereinbart, dass der neue Gesellschafter
sich aus der Geschäftsführung oder der
Vertretung der Firma nach außen komplett
herauszuhalten hat.

Strategie 4: Konzern basteln

Wer mit mehreren separaten Firmen im In- und
Ausland unterwegs ist, schaltet diesen
eine Holding als Muttergesellschaft vor.
Für die Veröffentlichungsvorschriften heißt
das, dass alle Firmen wie eine einzige behandelt werden können („befreiender Konzernabschluss“). Die kritischen Daten der
einzelnen Unternehmen verschwinden in
der großen Masse und sind damit für Mitbewerber ohne Wert. Umsatz, Kosten, Eigenkapital
und Gewinn lassen sich im Einzelnen
nicht mehr ermitteln.

Strategie 5: Firma neu sortieren

Ist eine Firma allein zu groß und damit voll
auskunftspflichtig, gliedert der Chef einzelne
Geschäftsbereiche in selbständig operierende
Einheiten aus. Beispielsweise Einkauf,
Fertigung, Service, EDV oder Verwaltung.
Das kostet zwar eine Kleinigkeit, doch
es lohnt sich. Für das neue Unternehmensregister
zählen jetzt statt einer großen
mehrere kleine Firmen. Mit geringen Umsätzen
oder Mitarbeiterzahlen. Und wenigen
Veröffentlichungspflichten.

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