Diverses Wie Unternehmer die soziale Marktwirtschaft retten

Zerstört der globale Superkapitalismus unser Wirtschaftssystem? Die Bürger sind verunsichert, die Politiker orientierungslos. Zum 60. Jahrestag von Ludwig Erhards Modell ergreifen die Unternehmer das Wort. In einer exklusiven impulse-Studie bekennen sie: Erfolgreiches Wirtschaften und Solidarität sind ein starkes Doppel. 78 Prozent verteidigen die Soziale Marktwirtschaft. Ihre wichtigste Forderung: Es muss sozialer zugehen.

Unternehmer Dieter Reitmeyer ist ein Revolutionär. Er kümmert sich um die, die es auf dem Arbeitsmarkt am schwersten haben: die älteren Arbeitslosen. Für sie führt normalerweise kein Weg in den Beruf zurück, wenn sie ihren Job einmal verloren haben. Anders bei Reitmeyer, Chef der Redi-Group, einem stark wachsenden technischen Dienstleister für die Automobilindustrie mit inzwischen 1500 Mitarbeitern: Er bietet Ausgemusterten eine zweite Chance. Sein Credo: „Wer Menschen führen will, muss Menschen mögen.“

Auf eigene Kosten qualifizierte er 100 arbeitslose Ingenieure jenseits der 50 in einem „Training on the Job“. 80 davon schafften es in die Festanstellung. Für die meisten war es der Weckruf in ein neues Leben, das Ende der Lethargie. Reitmeyer glaubt, ein Erfolgsmodell für ganz Deutschland gefunden zu haben. Um Zweifler zu überzeugen, zieht er das Ganze noch größer auf. Er will 550 Menschen, alt und arbeitslos, wieder in Arbeit bringen. Bis 2010 hält er sogar 4000 Jobvermittlungen für möglich.

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Reitmeyer will eine Welle auslösen, die über die Republik rollt. Er sagt: „Ich war schon in 102 Ländern, aber ich kenne keines, wo die Menschen so viel Potenzial besitzen.“ Er glaubt an den Standort und dessen Prinzip – die Soziale Marktwirtschaft. „Wir finden unseren Erfolgsweg, damals wie heute.“

Ein Optimist trotzt der Angst. Das Land fürchtet sich vor eiskaltem Weltkapitalismus, die Bürger sehen ihren Wohlstand schwinden und trauen der Sozialen Marktwirtschaft nicht mehr, die Volksparteien haben keine Kraft oder keinen Mut, etwas dagegenzusetzen – da macht sich ein Erfolgs­unternehmer diese Aufgabe zu eigen. Hat rheinischer Kapitalismus, also Ökonomie mit sozialem Maß, wirklich eine Chance gegen globalen Turbowettbewerb? Ja.

Die deutsche Marktwirtschaft widersteht Turbulenzen auf den Finanzmärkten und punktet erfolgreich gegen aggressive Auslandskonkurrenz. Sie ist Garant für den Wohlstand der Menschen. Und nicht nur Unternehmer Reitmeyer ist ihr feuriger Verfechter. Eine große Mehrheit der Wirtschaftsführer bekennt sich zum marktwirtschaftlichen und sozialen Modell – und lebt es in der Praxis. Das zeigt eine exklusive impulse-Studie. 78 Prozent der Unternehmer halten die Soziale Marktwirtschaft nach wie vor für zeitgemäß und für das beste Modell überhaupt. Weil sie nicht nur den größtmöglichen ökonomischen Erfolg für alle garantiert, sondern weil sie unsere Gesellschaft im Kern zusammenhält.

Die Ergebnisse basieren auf ausführlichen Interviews des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Dessen Chef Professor Manfred Güllner und sein Team haben 103 Familienunternehmer befragt, in allen Ecken der Republik, durch alle Branchen und über alle Unternehmensgrößen hinweg, da­runter auch Weltmarktführer mit mehr als 1000 Mitarbeitern.

Es lebe die Solidarität

Herausgekommen ist ein Bericht zur Lage und Zukunft der Nation. Denn die Unternehmer geben nicht nur Auskunft darüber, wo die Republik steht. Sie schreiben auch eine Reform­agenda für die Kernbereiche Politik, Steuern, Arbeitsmarkt, Sozialsysteme und Bildung. Und sie zeigen ihre Bereitschaft, persönlich als Vorbild vo­ranzugehen. So entsteht der Deutschland-Plan – von Wirtschaftslenkern entwickelt und dank ihrer Initiative örtlich oft schon Realität. impulse stellt beispielhaft fünf Unternehmer vor, die sich bereits in der gesellschaftlichen Debatte zurückgemeldet haben und die selbst zukunftsweisende Standards setzen.

Die Studie wischt mit verblüffenden Ergebnissen das weit verbreitete Vorurteil vom Tisch, Unternehmer seien die Abzocker der Na­tion – weil sie maximale Gewinne aus ihren Mitarbeitern pressen, dabei minimale Löhne zahlen wollen und am liebsten null Steuern. Das Gegenteil ist richtig. Mit ihren Visionen entwerfen sie eine Neue Soziale Marktwirtschaft, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen fair behandelt. Die Familienunternehmer treten an, für eine sozialere und gerechtere Gesellschaft zu kämpfen. Da sie nach eigenem Urteil in den letzten Jahren teils gut weggekommen sind, fordern sie jetzt den Nachschlag für ihre Leute.

So hat der Deutschland-Plan wenig mit den Sanierungsprogrammen der FDP und des CDU-Wirtschaftsflügels gemein. Und mancher Verband wird mit Schrecken erkennen, auf welch einsamem Ego-Trip er bislang unterwegs ist. Denn:

Eine Mehrheit der Unternehmer findet, dass nicht sie, sondern die Arbeitnehmer die Verlierer unseres Steuersystems sind. Ein Paukenschlag: 40 Prozent wären bereit, einen höheren Spitzensteuersatz zu akzeptieren, wenn mit den Einnahmen untere Einkommen entlastet würden.

In den Arbeitsbeziehungen hat ein gelockerter Kündigungsschutz längst keine Top-Priorität mehr. Familienunternehmer sorgen sich stärker um eine vernünftige Teilhabe der Beschäf­tigten an den Firmengewinnen.

Die Rente mit 67 ist den Familienunternehmer zufolge erst einmal He­rausforderung genug für Arbeitnehmer. Für zwingend erforderlich halten sie eine stärkere Steuerfinanzierung der Sozialkassen – damit würden sie sich selbst sogar der Vorteile von Beitragsbemessungsgrenzen und Privatversichertenstatus berauben.

Die meisten Firmenchefs wollen keine Privatisierung des gesamten Bildungssystems. Die Politik soll aber den Föderalismus überwinden und die Gesetzgebungshoheit für Bildung dem Bund übertragen.

Der Bürgerunternehmer

Forsa-Chef Manfred Güllner sieht sich durch die Ergebnisse bestätigt: „Unternehmer sind eben auch Familienväter, Vereinsmitglieder und Bürger ihrer Stadt – und als ein Teil der Gesellschaft wünschen sie ein gutes Zusammenleben.“ Er sagt: „Sie haben immer den Ausgleich der Interessen im Blick.“Der Unternehmer als Retter der Sozialen Marktwirtschaft? Die Befunde sprechen dafür.

Das Institut für Demoskopie Allensbach fragte die Bürger danach, welche Gruppierung ihrer Meinung nach über eine erfolgreiche Zukunft Deutschlands bestimme. Ergebnis: Die Unternehmer führen die Rangliste an, noch vor der Politik. Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher: „Der Bevölkerung ist sich bewusst, wie sehr ein Land von seinen Führungseliten abhängt.“Es stimmt schon, die Wirtschafts­elite hielt lange still. Linksruck, Managerschelte, schwindende Akzeptanz der Marktwirtschaft – viele duckten sich weg. Doch jetzt beginnt das Umdenken.

„Die Unternehmer merken, wie unverzichtbar ihre Vorbildrolle in unserer Marktwirtschaft ist, denn aus großer wirtschaftlicher Kraft folgt große gesellschaftliche Verantwortung“, sagt Nils Ole Oermann, Wirtschaftsethiker aus Berlin: „Nach den jüngsten Korruptionsskandalen spüren gerade auch Unternehmer, dass von ihnen erwartet wird, diese Republik zum Besseren zu verändern.“Einmischen, Präsenz zeigen, vorbildlich handeln – das ist ihre mutige Parole.

Thomas Kemmerich ist einer, der sich traut. Der 43-jährige Friseur-Unternehmer und Chef von 420 Mitarbeitern sagt: „Wer Veränderung will, muss den Mund aufmachen.“ Anfang 2007 ist er bei der FDP in Erfurt politisch aktiv geworden – und wurde Kreisvorsitzender. „Die Mindestlohndebatte hat mich in die Politik getrieben“, erzählt er. Im Herbst will er sich zum Spitzenkandidaten für den Landtag aufstellen lassen. Schon jetzt hat er Durchschlagskraft bewiesen. Aus seiner Feder stammt der innovativste Tarifvertrag im deutschen Friseur-Handwerk. Das Stundengehalt von knapp vier Euro wird jetzt bei guten Umsätzen aufgestockt. Kemmerich weiß: „Die beste Medizin gegen politischen Populismus ist unternehmerische Überzeugungskraft.“Startet nun das Comeback der politischen Unternehmer?

Erst in der vergangenen Ausgabe hat impulse beschrieben, dass in den Parlamenten kaum Selbständige vertreten sind. Dies ist das Ergebnis einer Entwicklung über Jahrzehnte. Die aktuelle Forsa-Umfrage macht jetzt Hoffnung: Sieben Prozent der Befragten haben vor, sich in Zukunft politisch zu engagieren. Ein Viertel gibt an, ohnehin schon aktiv zu sein. Sie meinen damit aber nicht nur harte Parteiarbeit, sondern auch das Engagement in Verbänden, Stiftungen und Vereinen.Wirtschaftsethiker Oermann sieht hier das Prinzip der Nachhaltigkeit wirken: „Eine einseitig profitorientierte Strategie führt langfristig kaum weiter. Heute ist gesamtgesellschaftliches Engagement nötig, auf das auch Kunden und Mitarbeiter verstärkt achten.“ Es braucht da keine staatlichen Diktate.

Antreiber vor Ort

Sabine Schönberger, 41 Jahre, Stahlbauunternehmerin mit 28 Mitarbeitern, geht freiwillig mit gutem Beispiel voran. Sie verfolgt das Thema Fami­lienfreundlichkeit mit Herzblut und leistet auch durch persönlichen Einsatz mehr als so manches Großunternehmen. Ihren Mitarbeitern bietet sie Kinderbetreuung im Betrieb, weniger Montageeinsätze für Väter, Lebens­arbeitszeitkonten für längere Familienurlaube. Sie hat dafür schon etliche Auszeichnungen erhalten. Doch von staatlichen Verpflichtungen hält sie gar nichts: „Während die Politik Probleme nur diskutiert, schafft die Wirtschaft flexible Lösungen.“

Auch Matthias Dornbracht, Chef des gleichnamigen Armaturenherstellers, ist privat unterwegs – als Bildungssponsor. Fünf Schulen unterstützt er seit Jahren mit Geld und Ideen. „Als großer Arbeitgeber in der Region haben wir eine soziale Verpflichtung“, sagt Dornbracht. Mitarbeiter des Unternehmens sind an den Schulen vor Ort, organisieren in Projekttagen kleine Lehrwerkstätten und trainieren die Schüler für eine erfolgreiche Bewerbung. Sogar die Lehrer sind eingebunden. Dornbracht vermittelt ihnen, was die Industrie heute für Anforderungen an Schulabgänger stellt. Beifall kommt vom Rektor einer Hauptschule: „Die Praktiker aus der Wirtschaft kommen bei unseren Schülern sehr gut an. Wenn die vor der Klasse stehen, wirken sie glaubwürdiger und überzeugender als jeder Lehrer.“

Jerzy Bartosiewicz, 54, steht hinter seinem Chef Dieter Reitmeyer. Seit Ende des vergangenen Jahres hat er von ihm bekommen, woran er selbst bisweilen nicht mehr geglaubt hatte: einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Er ist einer der 80 Jobsucher, die im Qualifizierungsprogramm des Unternehmens ihre Chance genutzt haben. Er sagt:“Das Angebot war mein Glücksfall. Wo sonst bekommt man als über 50-Jähriger die Gelegenheit, sich noch einmal im Beruf zu beweisen?“Unternehmer Reitmeyer sieht es pragmatischer: „Ich stelle die Älteren nicht ein, weil ich ein feiner Kerl bin, sondern weil sie soziale Kompetenz und wertvolle Führungserfahrung besitzen.“

Seine Jobinitiative versteht er auch als Selbstfindungsprogramm für seine Mitarbeiter: Sie sollen ihre eigenen Potenziale erkennen, entwickeln und nutzen. Auch im Inte­resse Deutschlands. „Wir haben in der Globalisierung nur dann eine Chance, wenn wir weiterhin besser sind als der Durchschnitt.“Schwarz, Rot, Stolz – diese Attitüde erklärt vielleicht auch, wie überraschend die Unternehmen gegenüber impulse die deutsche Steuerpolitik beurteilen. Wohl und Wehe der Mitarbeiter haben sie immer im Auge. Die ständige Komplizierung des Rechts sehen sie als Problem, nicht aber die Steuerbelastung an sich.

Fast jeder Zweite hält einen durchschnittlichen Einkommensteuersatz von bis zu 30 Prozent für durchaus gerecht – zum Vergleich: Die überwiegende Zahl der Personenunternehmen zahlt heute 20 Prozent oder weniger. Viele würden höhere Steuern akzeptieren, wenn andere dafür mehr Netto in der Tasche behielten. Und wenn es gerechter zuginge, würden knapp neun von zehn Firmenchefs ihren Steuerbeitrag öffentlich machen.

Die Unternehmerschaft hat tief gehende Lösungsansätze zur Modernisierung der Sozialen Marktwirtschaft im Gepäck und wagt auch etwas. Das merkt man im Gespräch mit Götz Werner. Der Gründer der Drogeriekette dm hinterfragt das deutsche Steuersystem grundsätzlich. Er glaubt, dass Steuern auf Einkommen und Erträge kontraproduktiv sind. Sie bestrafen die Menschen für ihre Leistung und lähmen den Initiativdrang. Sein eigenes Zukunftsmodell: Die direkten Steuern werden abgeschafft. Die indirekten Steuern auf den Verbrauch steigen dafür drastisch – um allen Bürgern ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1500 Euro zu zahlen. „Die Menschen hätten mehr Sicherheit, mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Auch das Ehrenamt und die Mutterrolle würden gesellschaftlich endlich honoriert“, sagt Werner.

In der impulse-Befragung votiert ein Viertel der Familienunternehmer für diesen radikalen Schnitt. Ein beachtlicher Erfolg für Werner, der lange Zeit in Talkshows als Träumer dastand, heute aber auch von Politikern ernst genommen wird.Trotz der Eigeninitiative der Unternehmer geht es ganz ohne Politik dann doch nicht, schließlich setzt sie die Rahmenbedingungen. Die Gefahr besteht, dass die politische Elite die frischen Ideen aus den Chefetagen schlichtweg ignoriert.

Die Befragten der impulse-Studie erkennen, wie Merkel und Co inzwischen jede wirtschaftspolitische Vernunft an der Garderobe abgegeben haben. 72 Prozent sind mit der gegenwärtigen Politik mehr oder weniger unzufrieden. Lediglich 18 Prozent sehen Parteien noch als Vertreter ihrer Interessen. Und nun soll nach der Bundestagswahl 2009 ein Wunder geschehen und der wirtschaftspolitische Geist über die Hauptstadt kommen? Der umfassende Deutschland-Plan der Firmenchefs – ist er mehr als eine Utopie?

„Im Moment scheint es wenig Anlass zur Hoffnung auf eine neue Reformbereitschaft nach den Wahlen zu geben“, sagt Michael Eilfort, Vorstand der Stiftung Marktwirtschaft. Zu prinzipienvergessen und rein tagespolitisch denkend kommen ihm viele Volksvertreter vor. Gleichwohl erkennt er in der Krise der Politik eine günstige Gelegenheit für die Wirtschaft zum Kontern. „Mit mehr Offensive und persönlichem Engagement können Unternehmer sehr wohl Wortführerschaft zurückgewinnen.“ Und: Bei anhaltender Globalisierung und lahmender Konjunktur werde schon bald auch wieder wirtschaftliche Vernunft gefragt sein. Wer dann 2009 in Berlin das Ruder hält, ist noch völlig unklar.

Reicht es für Schwarz-Gelb? Liegt alle Hoffnung auf Jamaika? Oder müssen wir einer Großen Koalition eine bessere zweite Spielzeit wünschen? So oder so: Jede Regierung wäre gut beraten, den Plan der Unternehmer aufzugreifen. Denn er favorisiert den Markt und ist doch sozial – dieser Zweiklang gelingt Schwarz-Rot seit zweieinhalb Jahren

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