Diverses „Wir bleiben gerne in der eigenen Familie“

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt über die Vorzüge von Heimat, die Tugenden der Schwaben und die Spätzle-Connection.

Herr Hundt, was ist Heimat für Sie?
Heimat ist dort, wo ich persönlich verwurzelt bin und wo ich mich geborgen fühle. Für mich ist dieser Ort Uhingen und seine Umgebung. Dort habe ich die ersten 19 Jahre meines Lebens verbracht und bin später – nach dem Studium in Zürich und einer Station bei AEG und der Kraftwerkunion AG in Frankfurt – durch einen Zufall wieder dorthin zurückgekehrt.

Welche Rolle spielt in Zeiten der Globalisierung die Heimat, die regionale Basis eines Unternehmers?
Die Verwurzelung hat gerade im süddeutschen Raum große Bedeutung. Wir fühlen uns als Baden-Württemberger, die in Deutschland und in der Welt erfolgreich sein wollen. Wir sind ein homogener Kreis, der zusammenhält: Wirtschaft, Sport, Kultur, mit enger Verbindung zur Politik und zum Ministerpräsidenten. Ich weiß nicht, ob das in den nördlichen Bundesländern auch so ausgeprägt ist, aber es ist eine der schwäbisch-badischen Mentalität und der Struktur des Landes entsprechende Verhaltensweise.

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Warum?
Wir haben eine sehr ausgeglichene Wirtschaftsstruktur in Baden-Württemberg: Die 8500 Industrieunternehmen mit rund 1,2 Millionen Beschäftigten erzielten 2007 einen Umsatz von rund 300 Milliarden Euro. Von diesen Unternehmen sind 96 Prozent Betriebe mit weniger als 500 Mitarbeitern; die restlichen vier Prozent beschäftigen 42 Prozent aller Mitarbeiter. Daraus ergibt sich eine enge Vernetzung: Die meisten Firmen sind Zulieferer für einige dominierende Unternehmen wie Daimler, Bosch, Porsche oder Trumpf. Meine Unternehmensgruppe, die Allgaier Werke, liefert zum Beispiel 75 Prozent ihres Umsatzes ausschließlich an die Autoindustrie. So geht es hier vielen.

Woanders, zum Beispiel in Niedersachsen, der Heimat des VW-Konzerns, würde man diese Abhängigkeit beklagen.
Es ist doch eine gegenseitige Abhängigkeit: Die Autohersteller geben tendenziell immer mehr Wertschöpfung an die Zulieferer ab – auch wenn sich das gerade wieder etwas dreht und die Konzerne einige Aufträge in ihre Werke zurückholen. Aber langfristig hält der Outsourcing-Trend an. Wir müssen zwar einen harten Preiskampf bestehen, arbeiten aber durchaus partnerschaftlich zusammen.

Ist das der Grund, warum die baden-württembergischen Unternehmer erfolgreicher sind als andere?
Es gibt noch andere. Beispielsweise die Menschen im Südwesten: Der Baden-Württemberger ist leistungsorientiert und -willig, auch wenn sich da im Laufe der Zeit die Bewohner der anderen Bundesländer angeglichen haben. Die Baden-Württemberger sind traditionell Tüftler und Denker. Gerade in den inhabergeführten Betrieben ist der Chef oft einer, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat, der so lange bastelt, bis er ein neues Produkt erfunden hat und es dann in der ganzen Welt verkauft.

Sie loben den fleißigen Schwaben. Aber wird dessen Profil nicht immer stärker durch die Zugereisten, wie es im Schwäbischen so schön heißt, aufgeweicht?
Durch den wirtschaftlichen Erfolg haben wir viel Zuzug. Insofern wird das ganz typisch Schwäbische in seiner Ausprägung zunehmend zurückgedrängt. Auch der unmittelbare Personenbezug in den Unternehmen wird abgeschwächt.

Sind Sie mit der Landespolitik zufrieden?
Ja.

Und mit dem Ministerpräsidenten?
Sehr. Das Klima stimmt. Günther Oettinger ist offen für die Fragen und Sorgen der Wirtschaft und setzt sich sehr für ihre Belange ein. Ich erkenne viel Zustimmung und Sympathie für ihn. Die Bedeutung der Landespolitik für die Wirtschaft nimmt aber ab. Bis auf die Bildungspolitik, die in Baden-Württemberg mit einem guten Schulniveau, drei Exzellenz-Universitäten und zahlreichen Forschungseinrichtungen hervorragend ist, und die Wirtschaftsförderung werden die Standortbedingungen auf der Bundesebene bestimmt.

Wie groß muss man als Unternehmer denn sein, um von Herrn Oettinger wahrgenommen zu werden?
1,80 Meter, preußisches Gardemaß (lacht). Ich weiß nicht, ob es eine Grenze gibt. Das ist eher eine Frage des eigenen Engagements und nicht so sehr der Unternehmensgröße. Wer sich an der landespolitischen Diskussion beteiligt, hat diesbezüglich Vorteile. Der Ministerpräsident organisiert viele runde Tische zu wichtigen Themen, und daran nehmen kleine und große Unternehmen teil.

Im Rest der Republik wird das baden-württembergische Netzwerk als Spätzle-Connection tituliert. Lebt die noch?
Ja, die gibt es – und das bewerte ich sehr positiv.

Wie?
Ich gebe ihnen mal ein Beispiel: Der VfB Stuttgart…

…dessen Aufsichtsrat Sie vorsitzen…

…ist das sportliche Zentrum für Wirtschaft, Politik und auch Kultur. Das gilt nur für den Württemberger Teil; die Badener haben mit Karlsruhe, Hoffenheim und Freiburg fußballerisch ihre eigenen Lieblingsvereine. In den vergangenen Jahren haben wir den VfB Stuttgart, der von der einheimischen Wirtschaft getragen wird, als sportliche Verkörperung der Region präsentiert. Wir sind einer der wirtschaftlich bestsituierten Vereine der Bundesliga und konnten mit der Deutschen Meisterschaft 2007 auch einen fantastischen sportlichen Erfolg feiern. Bei den Heimspielen sind neben dem Ministerpräsidenten häufig auch zwei, drei Minister und ein großer Kreis führender Wirtschaftsleute anwesend, deren Firmen im Stadion Logen haben. Das Stadion ist damit ganz zwangsläufig ein Ort der Begegnung?…

…wo man auch Geschäfte macht?
Natürlich. Wenn ich dort bin und beispielsweise mit verantwortlichen Mitarbeitern unserer Kunden zusammentreffe, können wir auch über einen anstehenden Auftrag oder eventuelle Probleme sprechen. So funktioniert das.

Funktioniert das in Stuttgart anders als in Köln oder Hannover?
Das kann ich nicht beantworten, dafür fehlt mir der Vergleich. Fakt ist aber, dass wir hier schon eine sehr enge, intensive Bindung der Personen haben. Das gilt nicht nur für den sportlichen Bereich, sondern auch für die Kultur. Die Internationale Bachakademie in Stuttgart unter der Leitung von Helmuth Rilling wird ebenfalls von der Wirtschaft gefördert. Beim VfB Stuttgart haben wir im vergangenen Jahr die Intendanten der Oper, der Theater und anderer kultureller Einrichtungen zu einer Diskussion über Sport und Kultur in Stuttgart eingeladen und im Anschluss gemeinsam ein Spiel angeschaut. Viele der Künstler waren das erste Mal bei einem Fußballspiel – und waren begeistert. Jetzt planen wir gemeinsame Veranstaltungen zwischen Sport und Kultur.

Wo sehen Sie die Schwächen Baden-Württembergs?
Die wirtschaftliche Struktur des Landes birgt natürlich auch Risiken: Die kleinen Unternehmen mit geringer Kapitalkraft sind auf ständigen Erfolg angewiesen. Zudem sind wir industrielastig; der Dienstleistungssektor ist im Vergleich zu anderen Bundesländern unterentwickelt. Wir haben zwar ein paar Leuchttürme wie SAP oder die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), aber auf dem Gebiet müssen wir weiter aufholen.

Wie denn?Es gibt etwa intensive Bemühungen vonseiten der Landesregierung, das Geschäftsfeld der LBBW auszubauen.

So zukunftssicher ist der Bankensektor ja auch nicht mehr. Wie viele Landesbanken braucht Deutschland denn noch? Sie haben als Mitglied des LBBW-Verwaltungsrats Einblick in die Szene.
Die Struktur der Landesbanken wird sich in den kommenden fünf bis zehn Jahren verändern. Ich stimme mit Sparkassen-Präsident Heinrich Haasis, übrigens auch ein Baden-Württemberger, überein, dass wir am Ende des Prozesses nur noch zwei bis drei Landesbanken haben werden – vielleicht eine im Süden und eine im Norden. Der Weg ist vorgezeichnet.

Wie wichtig ist es für eine Region, dass sie ein großes Finanzinstitut beheimatet?
Ein Land wie Baden-Württemberg mit einer starken, erfolgreichen Wirtschaft, die sehr exportorientiert ist und weiter verstärkt ins Ausland expandiert, braucht eine starke Bank.

Aber da gibt es mit der Deutschen Bank oder dem neuen Geldriesen Commerzbank/ Dresdner Bank doch auch potente Partner in Frankfurt.
Wir schwäbischen Unternehmer bleiben gerne in der eigenen Familie und nehmen uns einen Stuttgarter Partner. Das Geschäftsmodell der LBBW und der BW Bank ist stark mittelstandsorientiert und hat eine enge Bindung zur hiesigen Wirtschaft. Das gilt auch für Allgaier: Unsere Hausbanken und damit Partner für die wichtigsten Geldgeschäfte sind die BW Bank und die Kreissparkasse Göppingen.

Stehen regionale Banken enger zum Unternehmen, wenn es mal Probleme gibt?
Das ist der Fall. Eine Kreissparkasse in Göppingen hat ein vitales Interesse, eine Firma zu halten, auch wenn sie wackelt.

Zurück zu den Defiziten: Wo muss Baden-Württemberg noch aufholen?
Wir haben beträchtliche Infrastrukturprobleme im Raum Stuttgart. Der Ausbau des Flughafens muss angegangen und die Situation im Straßenverkehr verbessert werden. Baden-Württemberg liegt in dieser Hinsicht hinter anderen Bundesländern zurück. Wir waren zu sehr Geberland und haben in anderen Regionen Straßen finanziert; jetzt wird es angesichts der knappen Kassenlage immer schwieriger, das bei uns nachzuholen.

Und wie steht es mit der Attraktivität der Region für qualifizierte Fachkräfte?
Die ist hoch, was die interessanten Jobs und die Lebensqualität angeht. Aber der Baden-Württemberger ist auch eher ein zurückhaltender Mensch. Er ist zunächst nicht übertrieben zugänglich und bleibt gerne unter seinesgleichen. Ich persönlich empfinde das zwar nicht als Nachteil, aber ich könnte mir vorstellen, dass Ausländer, die wir künftig dringend als Fachkräfte benötigen, dies möglicherweise etwas kritisch sehen. Ein Amerikaner, Chinese oder Inder wird sich in Frankfurt möglicherweise schneller wohlfühlen als im ländlich geprägten Baden-Württemberg.

Umtriebiger Schwabe
Der 70-Jährige hat „viel Freude am Gestalten“ und engagiert sich für die Wirtschaft und den Sport.

Der Verbandsfunktionär
Seit 1996 ist der gebürtige Schwabe Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Zuvor war er lange Jahre Verhandlungsführer bei den Tarifrunden in der baden-württembergischen Metallindustrie.

Der Unternehmer
Sein Unternehmen, den Autozulieferer Allgaier in Uhingen, leitete er 33 Jahre lang und wechselte 2008 an die Spitze des Aufsichtsrats.

Der Fußball-Fan
Für den VfB Stuttgart schlägt sein Herz – und als Aufsichtsratschef überwacht er seit 2002 die Geschicke des Vereins.

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