Diverses Wir können auch anders

Der Ölpreis hält sich auf Rekordniveau - doch die deutsche Wirtschaft hat den Schock bislang gut weggesteckt. Wer Energiespartechnik anbietet oder Ölstaaten beliefert, kann sich vor Aufträgen kaum retten.

Plötzlich stürzt Niels Stolberg in seinem Büro auf die Knie, blättert wie wild in einem Ordner mit bunten Wetterkarten herum, fährt mit der Hand ein paar Mal über den Pazifik und ruft aufgeregt: „Und da ballern wir dann schön mit dem Wind rüber.“

Am Morgen hat der Chef der Bremer Reederei Beluga mit dem Kapitän der „MS Beluga SkySails“ telefoniert, die gerade den Panamakanal durchfahren hat und auf dem Weg nach Europa ist. Das macht Stolberg jeden Morgen. Der 160 Quadratmeter große Zugdrachen des schwimmenden Schwertransporters steht gut im Wind. Wenn es so weitergeht, wird das Schiff auch auf dieser Passage ein Fünftel weniger Treibstoff brauchen als früher ohne Segel. So etwas ist Gold wert in Zeiten wie diesen. „Für uns ist der hohe Ölpreis eine große Chance“, sagt Stolberg, „denn so kann ich meine Mitbewerber auf Distanz halten.“

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Lange Zeit glaubten Experten, dass ein Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel (159 Liter) die deutsche Wirtschaft in eine tiefe Rezession stürzen würde. Mittlerweile kostet das Fass 126 Dollar, und es sieht nicht danach aus, dass der Preis dramatisch fallen wird. Dennoch ist der Absturz bislang ausgeblieben. Im internationalen Vergleich sind deutsche Firmen für solche Krisen gut gerüstet: Sie haben früh in effiziente Technik investiert, verfügen über exzellente Geschäftsbeziehungen mit Öl produzierenden Ländern und gehören bei innovativer Technik zu den Vorreitern. „Die teure Energie nützt der deutschen Wirtschaft mehr, als sie ihr schadet“, sagt Roland Döhrn, Leiter der Konjunkturabteilung am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).

Wettbewerbsvorteil: Deutschland profitiert von hohen Preisen

Zumindest im ersten Quartal haben die hohen Energiekosten die Wirtschaftsbilanz nicht trüben können. Im Gegenteil: Das Bruttoinlandsprodukt wuchs gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 2,6 Prozent. „Diese Zahlen sind ein echter Hammer – im positiven Sinn“, sagt Döhrn.

So kurios es klingt: Jetzt zahlt sich für manches Unternehmen aus, dass Energie hierzulande schon früher teurer war als anderswo. Viele haben zeitig in energiesparende Technik investiert, um ihren Kostennachteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz wettzumachen. „Die deutsche Volkswirtschaft ist deutlich energieeffizienter als die meisten anderen“, sagt Andreas Biermann von der Internationalen Energieagentur, einer Interessenvertretung der westlichen Verbraucherstaaten. Heute wird mit demselben Energieeinsatz doppelt so viel Bruttosozialprodukt erwirtschaftet wie in den 70er-Jahren.

Die Investitionen zahlen sich jetzt aus. „Mit ihren sparsamen Anlagen haben die deutschen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil“, sagt Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie Agentur. Die von Bund und Privatunternehmen finanzierte Organisation trommelt seit Jahren für den ressourcenschonenden Einsatz von Öl und Strom in Unternehmen. Inzwischen finden die Experten nicht mehr nur bei Technikern und Ingenieuren Gehör. „Das Thema Energieeffizienz ist auf der Ebene der Vorstandschefs angekommen“, sagt Claudia Funke, Leiterin des Hightech-Sektors bei McKinsey.

So wie bei Beluga. Als Niels Stolberg vor einigen Jahren zum ersten Mal von einem Segel hörte, das riesige Schiffe durch die Weltmeere ziehen soll, war er skeptisch. Dennoch ließ er die Technik der Hamburger Firma SkySails in einer Versuchsanlage testen. Die Ergebnisse haben ihn überzeugt. Jetzt setzt das erste von insgesamt 56 Schiffen der Beluga-Flotte die Segel, so oft es der Wind zulässt. Mit einem größeren Tuch will Stolberg künftig täglich bis zu zehn Tonnen Treibstoff einsparen.

Der Zugdrachen ist nicht die einzige Technik, mit der der Reeder seine Treibstoffrechnung niedrig halten will. Weil die Windunterstützung nicht für die komplette Flotte geeignet ist, arbeiten Stolbergs Leute an einem Schiff, das mit Unterstützung von Brennstoffzellen oder Solarmodulen fahren soll. Der Bremer richtet sogar ein Kompetenzzentrum mit eigener Forschungsabteilung ein. Experten aus unterschiedlichen Fachrichtungen beschäftigen sich dort damit, Schiffe noch sparsamer zu machen. Zwischen 4 und 5 Mio. Euro im Jahr lässt sich Beluga die Tüftelei kosten. Eine Menge Geld für ein Unternehmen mit 270 Mio. Euro Umsatz, doch für Stolberg eine Investition, die langfristig hilft, auskömmliche Margen zu erzielen.

Über ordentliche Gewinne und hohe Wachstumsraten freuen sich auch die Anbieter alternativer Energietechnologien. „Je höher der Ölpreis, desto besser laufen die Geschäfte“, sagt Björn Klusmann vom Bundesverband Erneuerbarer Energien (BEE). Allein im ersten Quartal wuchs die Fläche zusätzlich installierter Sonnenkollektoren gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent – und das allein in Deutschland.

Sonnenkollektoren, Wasser- und Windkraftanlagen deutscher Hersteller sind ein Verkaufshit im Ausland. 2007 exportierte die Branche Anlagen im Wert von 8,5 Mrd. Euro, 2010 sollen es fast doppelt so viele sein. „Jetzt zahlt sich aus, dass in Deutschland schon früh stabile Rahmenbedingungen für den Ausbau erneuerbarer Energien geschaffen wurden“, sagt BEE-Präsident Johannes Lackmann.

Am anderen Ende der Kette – den Herstellern von Produktionstechnik – läuft es ebenfalls rund. Der hohe Ölpreis erhöht den Anreiz vieler Unternehmen im In- und Ausland, ihren alten Maschinenpark gegen neue, effizientere Anlagen auszutauschen. „Beim jetzigen Ölpreis rechnen sich viele Technologien, die bei 30 Dollar pro Barrel noch ganz anders bewertet wurden“, sagt Thorsten Herdan, Energieexperte beim Branchenverband VDMA.

Das spürt zum Beispiel EBM-Papst im baden-württembergischen Mulfingen. Das Unternehmen mit einem Umsatz von rund 1,1 Milliarden Euro und 10.000 Mitarbeitern stellt Ventilatoren her, die in Klimaanlagen, Heizungen und Kühlgeräte eingebaut werden. Seit gut fünf Jahren bietet der Mittelständler Modelle mit stufenlos regelbaren Motoren an, die halb so viel Energie verbrauchen wie herkömmliche Bauteile. Als die neue Technik auf den Markt kam, war die Nachfrage mau: „Damals war etwa der Stromverbrauch einer Kühltruhe im Supermarkt fast völlig egal“, erinnert sich Hans-Jochen Beilke, Vorsitzender der Geschäftsführung.

Inzwischen stößt er bei Kunden auf offene Ohren, wenn er seine regelbaren Ventilatoren anpreist. „Energieeffizienz ist inzwischen das Thema Nummer eins“, sagt Beilke. „Die Nachfrage hat sich schon im Zuge der Klimadebatte deutlich beschleunigt. Jetzt kommen die steigenden Ölpreise noch hinzu – das hat richtig Schub gebracht.“ Die Erlöse mit den Sparpropellern wachsen um rund 15 Prozent im Jahr, der Anteil am Gesamtumsatz ist auf 60 Prozent geklettert – die alten Ventilatoren werden fast nur noch als Ersatzteil verkauft.

Klettern die Öl- und Energiepreise weiter, muss sich Beilke um sein Geschäft nicht sorgen. Je höher die Verbrauchskosten, desto größer die Bereitschaft rund um den Globus, für die effizienten Ventilatoren und Motoren gut doppelt so viel zu zahlen wie für energiefressende Konkurrenzgeräte. „In ein bis zwei Jahren sind die höheren Anschaffungskosten wieder drin“, sagt Beilke, „und wenn die Energiepreise weiter steigen, geht das noch schneller.“

Die positiven Exporteffekte überwiegen die schwache Binnennachfrage in Deutschland, so RWI-Ökonom Döhrn. „Das ist der Grund, warum der Konsum nur mittelmäßig wächst, die Gesamtwirtschaft aber trotzdem gut läuft.“

Wachstumstreiber sind nicht zuletzt die Ölexporteure selbst: Lateinamerika, Russland oder die arabische Welt erzielen enorme Rohstofferlöse. Dieses Geld wird nun ausgegeben – für Produkte made in Germany. „Die gestiegenen Kosten durch teureres Öl und Gas wurden 2007 zu mehr als einem Drittel kompensiert durch zusätzliche Lieferungen nach Russland sowie in den Nahen und Mittleren Osten“, sagt Volker Treier, Chefökonom des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Allein in den ersten zwei Monaten des laufenden Jahres – damals stieg der Ölpreis erstmals über 100 $ – nahmen die deutschen Exporte in die Opec-Staaten um zehn Prozent zu.

Vom Kaufkraftschub in Abu Dhabi, Riad und Moskau profitieren hierzulande sogar Betreiber von Boutiquen oder Hotels. Für Städte wie München sind die wohlhabenden Touristen aus den Ölstaaten zum wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. 250.000 Übernachtungen arabischer Touristen registrierte man 2007 an der Isar – gut ein Drittel mehr als im Vorjahr, als der Ölpreis im Schnitt noch bei 65 $ lag. Pro Tag geben die Gäste aus dem Mittleren Osten etwa 1000 Euro aus. Ein arabischer Gast des Münchner Hotels „Vier Jahreszeiten“ etwa entdeckte beim Besuch des örtlichen Mercedes-Händlers einen Smart und war von dem Mini-Auto so begeistert, dass er gleich 20 Stück auf einmal bestellte – als Souvenir für die Familie.

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