Diverses Wir müssen lernen, viel radikaler zu denken

Anton F. Börner, 49, ist Präsident des Bundesverbands des deutschen Groß- und Außenhandels, Vizepräsident von Euro Commerce, dem europäischen Gesamtverband des Handels, und Inhaber eines Sanitär- und Heizungsgroßhandels in Ingolstadt mit 300 Mitarbeitern.

Ein einziges Wort genügt, um in Deutschland Ängste auszulösen. Es heißt „radikal“. Lösungen
verbieten sich per se, wenn sie das Etikett radikal tragen. Und da sind wir bei einem der Hauptgründe für die anhaltend magere Konjunktur
und für das viel zu behagliche Reformtempo:
Wir trauen uns nicht mehr radikal zu denken. Dies gilt für die Politik genauso wie für die Wirtschaft. Genau das aber ist es, was wir
jetzt brauchen – Mut zu großen Schritten.
Dabei lassen sich schnell Beispiele
finden, wie man mit etwas Wagemut
Deutschland wirklich verändert.

Erstens: die Lockerung des Kündigungsschutzes.
Wir brauchen nur in Länder zu schauen, in denen leichter entlassen werden kann. Dort wird auch schneller wieder eingestellt, wie das Beispiel Dänemark beweist. Wenn das aber so ist, dann brauchen wir die Lockerung des Kündigungsschutzes
oder besser noch seine Preisgabe für kleinere und mittlere Betriebe mit bis zu 40 Mitarbeitern. Denn die stellen insgesamt die Mehrzahl der Arbeitsplätze in Deutschland. Nur wer sie
von ihren Fesseln befreit, erhöht die
Beschäft igungschancen von Millionen
Arbeitsuchenden.

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Zweitens: Wir müssen die festgefügte
Tariflandschaft aufbrechen. Wir
Unternehmer, die kleinen und mittelständischen
mehr als die großen, brauchen bei der Gestaltung der Arbeitsbedingungen größere Freiheiten.
Ein moderndes Tarifrecht muss Bündnisse für Arbeit auf betrieblicher Ebene möglich machen und eine Abweichung vom Flächentarifvertrag ohne
Zustimmung der Tarifvertragsparteien erlauben. Auf ein Entgegenkommen der Gewerkschaft en werden die Arbeitgeberverbände noch lange warten
können. Hier geht es um Posten, Macht und Einfluss, und wer trennt sich schon freiwillig davon?

Drittens: die Verlängerung der zulässigen täglichen Arbeitszeit. Die Deutschen müssen künftig mehr arbeiten und weniger Urlaub machen.
Wir brauchen deshalb eine Lockerung des starren tariflichen Arbeitszeitkorsetts durch tarifvertragliche Öffnungsklauseln, Arbeitszeitkorridore und Arbeitszeitkonten. Sollten sich die Gewerkschaften auch hier widersetzen, kommen wir an gesetzlichen
Öffnungsklauseln nicht vorbei.

Viertens: Wir müssen Abschied
nehmen von der Öko-Illusion der
vergangenen Jahre. Das heißt: Wir
sollten den Irrtum in unserer Gesellschaft
wieder zulassen und Mut zum
Risiko belohnen. Denn die Zukunftsentwicklung
ist offen, nicht berechenbar
oder gar beherrschbar. Die
weit verbreitete Technikfeindlichkeit
gefährdet unsere Zukunft. Konkret:
Wir müssen uns beispielsweise um
die Embryonenforschung aktiv kümmern.
Und der Wiedereinstieg in die
Kernenergie ist unverzichtbar.

Fünftens: Der Einzelne muss mehr Risiko eingehen. Um Leistung zu bringen und kreativ zu sein,
braucht der Mensch einen Schuss Adrenalin.
Bei einer Vollkasko-Absicherung entsteht ein solches Klima nicht. Wettbewerb dagegen macht erfinderisch. Das gilt auch für unser Sozialsystem. Warum soll die gesetzliche
Krankenversicherung nicht einen Krankenversicherungsvertrag anbieten, bei der der Arbeitnehmer sich für eine eingeschränkte Lohnfortzahlung entscheiden kann? Warum kann ich
nicht verschiedene Verträge und Bonusleistungen
vergleichbar machen?

Dies alles schafft mehr Wettbewerb, senkt die Ausgaben der Krankenkassen und entlastet Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Auch die Arbeitslosenversicherung braucht Wahlmöglichkeiten. Warum lässt man Arbeitnehmer nicht entscheiden, ob sie im Fall der Arbeitslosigkeit auf die ersten 30 Tage
Arbeitslosenunterstützung verzichten?
Weil sie es sich zutrauen, in dieser
Zeit einen neuen Job zu finden.
Und weil sie so gewaltig bei den Beiträgen
sparen. Wer sich besser absichern
will, muss dann mehr zahlen.

Wenn wir unsere Hausaufgaben machen, ist auch in Deutschland ein dauerhaft es jährliches Wachstum von mehr als zwei Prozent drin. Und das brächte dann wirklich neue Arbeitsplätze in großer Zahl.

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