Diverses Wo man alte Unternehmer-Tugenden neu entdecken kann

Der Schlusspunkt der April-Ausgabe 2007 stammt von Armin Laschet (46), Mitglied des Kabinetts der NRW-Landesregierung. Der Christdemokrat und Jurist ist Minister für Generationen, Familie und Frauen - und zudem Deutschlands einziger "Integrationsminister". Denn bislang hat keine andere Landesregierung die Integration von Zuwanderern zur offiziellen Ministeraufgabe erhoben.

Realität und öffentliche Wahrnehmung stimmen
nicht immer überein. Ein gutes Beispiel
hierfür ist die Lebenswirklichkeit der Unternehmer
mit Zuwanderungsgeschichte in unserem
Land. Wer weiß schon, dass Einwanderer
rund eine Million Menschen in Deutschland
beschäftigen? Das entspricht drei bis vier Prozent
aller Arbeitsplätze.

Nicht-deutschstämmige Unternehmer sind Teil des Wirtschaftslebens in ganz unterschiedlichen Branchen: nicht mehr nur in den „klassischen“ Billiglohnsektoren wie dem Lebensmittel- und Textilhandel oder der Gastronomie. Immer mehr Migranten gründen Existenzen im Transport-, Tourismus-, Bau- oder Kfz-Gewerbe. Inzwischen haben hierzulande fast zehn Prozent aller Zuwanderer ihre eigene Firma – Tendenz steigend.

Anzeige

Diese engagierten Unternehmer werden,
weil sie dicht am Markt operieren und durch
ihre Mehrsprachigkeit insbesondere mit nichtdeutschen Kunden den Dialog pflegen können, mittel- und langfristig Wettbewerbsvorteile erzielen. Das gilt besonders für die Regionen mit einem hohen Anteil an Zuwanderern in der Bevölkerung. Blicken wir nach Nordrhein-Westfalen: In manchen Gebieten, etwa im Ruhrgebiet oder in der wirtschaftlich florierenden Rheinschiene zwischen Düsseldorf und Bonn, haben nicht-deutschstämmige Unternehmer oft die Nase vorn. Sie investieren, schaffen Arbeitsplätze, erweitern ihre Marktpräsenz und erschließen sich so neue Absatzmöglichkeiten.

An Rhein und Ruhr wird deutlich: Betriebe von
Selbständigen nicht-deutscher Herkunft verfügen
über Qualitäten, die vielen alteingesessenen
Unternehmen verloren gegangen sind.
Solche Tugenden liegen vor allem im Arbeitseinsatz und in der Betriebsstruktur. Studien des Mannheimer Instituts für Mittelstandsforschung und des Deutschen Instituts für Urbanistik haben ergeben, dass Unternehmer mit Zuwanderergeschichte im Durchschnitt drei bis sechs Stunden pro Woche länger arbeiten als deutsche Selbständige. Das macht sich bezahlt: Allein die von türkischen Zuwanderern geführten Betriebe erwirtschaften einen jährlichen Umsatz von etwa 24,7 Milliarden Euro.

Anders als Deutsche sind Zuwanderer besonders
stark in den wettbewerbs- und arbeitsintensiven
Bereichen des Handels und des Gastgewerbes
vertreten. Wer aber meint, die oft kleinen
Betriebe hätten kaum Beschäftigungswirkung,
irrt. Hochgerechnet auf die Gesamtwirtschaft
haben türkischstämmige Betriebe bis
heute rund 260.000 Arbeitsplätze geschaffen, italienischstämmige 240.000 und griechischstämmige 109.000. Diese drei Gruppen stellen aber gerade einmal die Hälfte aller Selbständigen mit Zuwanderungsgeschichte in Deutschland.

Die Fakten belegen, dass Initiativen, die Zuwanderer zur Selbständigkeit ermuntern, keine
multikultihaft angehauchte Sozialpolitik sind,
sondern nüchternem wirtschaftspolitischen
Kalkül folgen. Deshalb wird die NRW-Landesregierung
die Zusammenarbeit zwischen dem
Land und den ausländischen Wirtschaftsverbänden, etwa der deutsch-türkischen Handelskammer,
intensivieren.

Der Erfolg vieler Unternehmer mit Zuwanderungsgeschichte ist keinesfalls selbstverständlich. Dort, wo er wahr wurde, wurde er es vor allem deshalb, weil die Kooperation zwischen den Generationen von Zuwandererfamilien gepflegt wird. Familiäre Werte wie Verantwortung füreinander oder der Zusammenhalt in Krisenzeiten genießen noch einen hohen Stellenwert.

Ähnliches gilt für die Personalstruktur: Alte
und Junge arbeiten unter einem Dach. So können
sich langjährige Berufserfahrung und jugendlicher
Elan gegenseitig befruchten. Den
von manchen deutschen Betrieben bekannten
Jugendwahn bei der Auswahl von Mitarbeitern
kennen die meisten Zuwandererfirmen jedenfalls nicht.

Auch bei deutschen Unternehmen standen
diese Werte einst hoch im Kurs. Sonst wäre die
Wirtschaft nach 1945 sicher nicht so schnell aus
den Ruinen des Krieges emporgewachsen. Es ist
unsere gemeinsame Aufgabe, sie heute wieder
neu zu entdecken.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...