Diverses Wohltäter im Krisentief

Zahlreiche Unternehmer haben eigene Stiftungen gegründet und viel Geld eingezahlt. Dort soll es eigentlich Erträge für gute Zwecke erwirtschaften. Doch die Konjunkturflaute macht engagierten Spendern wie Globetrotter-Geschäftsführer Andreas Bartmann einen Strich durch die Rechnung.

Was hat der Regenwald in Costa
Rica mit der Finanzkrise zu tun?
Andreas Bartmann weiß auf
diese Frage, bei der die meisten erst einmal
ins Grübeln kämen, sofort eine Antwort:
„Uns fehlt Geld zur Aufforstung.“
Bartmann ist Geschäftsführer des Outdoor-
Ausrüstungshändlers Globetrotter
und hat gemeinsam mit den Gründern
des Unternehmens, Klaus Denart und Peter
Lechhart, im vergangenen Jahr die
„Stiftung Globetrotter Ausrüstung“ ins
Leben gerufen. Ihr Geld für Projekte zur
Armutsbekämpfung, Völkerverständigung
oder eben zum Pflanzen von Bäumen
in Costa Rica erhält die Einrichtung
aus den Kapitalerträgen, die das Stiftungsvermögen
abwirft.

Und das war zuletzt nicht viel. „Bisher
können wir den Stiftungsgedanken gar
nicht umsetzen“, klagt Bartmann. „Die
Rendite ist einfach zu gering.“ Der Grund:
Das Vermögen liegt als Festgeld bei der
Hausbank. Doch weil das Zinsniveau
weltweit rasant gesunken ist, sind die Erträge
mager. Viel mehr als zwei Prozent
Zinsen sind aktuell kaum drin.

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Spendenpools im Risikodilemma

Mehr als 16.000 gemeinnützige Stiftungen
gibt es in Deutschland. Ihr Kapital –
geschätzte 100 Milliarden Euro – stammt
meist von Unternehmerfamilien wie
Thyssen, Bosch, Herz (Tchibo) oder ihren
Firmen, aber auch von Sportlern wie
dem Ex-Tennisprofi Michael Stich oder
Showstars wie dem Komiker Eckart von
Hirschhausen.

Und die Zahl der Stiftungen
wird immer größer. Ausgelöst durch
Verbesserungen der steuerlichen Rahmenbedingungen
im Jahr 2007, kam es
allein in den vergangenen zwei Jahren zu
mehr als 2000 Neugründungen.

Zwar gibt es auch den einen oder anderen,
der damit vor allem Steuern sparen
möchte, die meisten Gönner spenden aber
für den guten Zweck. Solche Stiftungen
wie die der Globetrotter-Gründer stecken
jetzt in einem Dilemma. Per Gesetz sind
sie dazu verpflichtet, ihre Substanz zu erhalten.
Es ist Stiftungen verboten, das Vermögen
auch nur in Teilen aufzuzehren.
Daher scheuen die meisten Unternehmer
schon geringe Risiken, ziehen dürftig verzinstes
Festgeld und Staatsanleihen anderen
Anlagen vor. So aber fehlt das nötige
Geld für gute Taten. Dabei gibt es durchaus
clevere Strategien, die bessere Erträge
bei kalkulierbarem Risiko erbringen.

„Das Problem hat sich in den vergangenen
Monaten durch die Zinssenkungen
rasant verschärft“, sagt der Essener
Steuerberater Lothar Pues, der viele Stiftungen
zu seinen Mandanten zählt. „In
diesem Jahr werden viele von ihnen ihre
laufenden Ausgaben nicht mehr finanzieren
können.“ Auch deshalb, weil bei so
mancher Stiftung gleichzeitig das Fundament
bröckelt. Entweder, weil frisches
Geld üblicherweise aus Firmengewinnen
stammt, die derzeit nur spärlich fließen.
Oder aber, weil Unternehmensanteile die
Basis bilden, deren Wert durch die Wirtschaftskrise
eingebrochen ist.

Drastische Wertverluste

Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar
Hopp etwa hat im vergangenen Jahr
geschätzt eine Milliarde Euro verloren,
weil ihr Vermögen fast ausschließlich aus
Aktien der Waldorfer Softwareschmiede
besteht, die drastisch an Wert einbüßten.
Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbands
Deutscher Stiftungen,
schätzt das Minus aller Stiftungen im vergangenen
Jahr auf durchschnittlich zehn
Prozent. Angesichts geschrumpfter Substanz
und dürftiger Renditen herrscht in
den Stiftungskassen zurzeit oft triste
Leere.
Für die engagierten Schenker wird
es Zeit, eine neue Balance zu finden zwischen
minimal notwendiger Rendite und
maximal akzeptablem Risiko.

Eine Herausforderung, vor der auch
Friedrich-Wilhelm Werner steht. Der
Gründer des Modeschmuckhändlers
Bijou
Brigitte hat im vergangenen Jahr
mit seiner Frau Brigitte vier Millionen Euro
in der neu gegründeten gemeinsamen
Stiftung angelegt. Das Kapital schlummert
aktuell auf einem Tagesgeldkonto
der Hamburger Sparkasse (Haspa). Werners
ernüchternde Rechnung: „Bei zwei
Prozent Zinsen bleiben uns am Ende des Jahres gerade einmal 80.000 Euro,
um den Stiftungszweck zu finanzieren.“
Noch gar nicht berücksichtigt hat er die
Verwaltungskosten.

Doch das Resultat ist
ihm klar: „Mit den niedrigen Erträgen
lässt sich einfach nichts machen“, sagt
Werner. Alle geplanten Projekte – die
Stiftung
soll bedürftige Kinder unterstützen
– liegen erst einmal auf Eis.

Ein höheres Risiko bei der Geldanlage
will er dennoch nicht eingehen, „auch
wenn mir eine Rendite von fünf oder
sechs Prozent natürlich lieber wäre“.
Werner will stattdessen die Stiftungskasse
mit weiterem Kapital aus seinem
Privatvermögen auffüllen. Eine weitverbreitete
Grundhaltung unter Stiftern.
„Die Mehrheit will möglichst überhaupt
keine Risiken eingehen“, sagt Andreas
Meyer, Leiter des Stiftungsmanagements
der Haspa.

So sicher ist Ihr Stiftungsvermögen

Vorgaben setzen

Präzise Anlagerichtlinien sind Pflicht
für die Kontrolle des Vermögensverwalters.
Anlagestrategie, Gewichtung von Asset-
Klassen und Tabus für einzelne Anlageformen
gehören unbedingt in den Regelkatalog.
Aber auch Vorgaben, wann der
Geldmanager den Stifter informieren
muss – etwa wenn Verluste drohen oder
die Rendite nicht mehr stimmt.

Rücklagen bilden

Stiftungen sind verpflichtet, Erträge zeitnah
zu verwenden. Bis zu ein Drittel des
Geldes dürfen Stifter aber einlagern, um
spätere Renditelücken auszugleichen. Die
Vorsorge lohnt, wie sich in diesen Tagen
zeigt. Experten raten, mindestens ein Viertel
der Erträge zu verwahren.

Spekulationen meiden

Oberstes Ziel jeder Stiftung ist der Kapitalerhalt.
Das Kapital ist schließlich auf
Ewigkeit angelegt und soll langfristig
Erträge
erwirtschaften. Stifter sollten
also hohe Anlagerisiken meiden und besser
in konservative Anleihen, Pfandbriefe
und Immobilien investieren. Spekulative
Geschäfte mit Einzelaktien oder undurchsichtige
Finanzmarktderivate sind tabu.

Selbst aufpassen

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser: Denn
nicht alle Vermögensverwalter halten sich
an Vorgaben der Stifter. Nur wer regelmäßig
selbst Depotauszüge studiert, weiß, wie
es wirklich ums Stiftungskapital steht. In
Krisenzeiten raten Experten, noch öfter auf
die Zahlen zu schauen – im Zweifel täglich.

Damit aber entgeht ihnen die Chance,
mit kaum größerem Wagnis deutlich bessere
Ergebnisse zu erzielen – zumindest
langfristig. „Stiftungen müssen stärker
als bisher Anlageformen kombinieren,
wenn sie ausschütten und das Kapital erhalten
wollen“, sagt Meyer. Er rät zu
mehr Diversifizierung, also Investments
in unterschiedliche Anlageformen von
Aktien über Immobilien bis zu Unternehmensanleihen.
Durch die Streuung wirken
sich Verluste einzelner Anlagen nicht
so stark auf das Portfolio aus. Gleichzeitig
profitieren die Stiftungen aber von
hohen Wertzuwächsen mit Investments,
die als Einzelposition zu riskant wären.

Geldprofis setzen das Konzept häufig
mit einer sogenannten Core-Satellite-
Strategie um. Der Großteil des Kapitals
(Core) fließt in Anlageklassen, die eine
stetige Rendite bei geringem Risiko erwarten
lassen – etwa Staatsanleihen oder
Immobilien. Einen kleinen Teil (Satellite)
steckt der Verwalter in riskantere Anlageklassen,
die die Gesamtrendite in die
Höhe treiben sollen, ohne den Bestand
des Stiftungsvermögens zu gefährden:
Aktien, Rohstoffe oder Hedge-Fonds.

Christian Lange, Vermögensverwalter
des Münchner VZ Vermögenszentrums,
investiert für risikoscheue Stifter aktuell
rund 50 Prozent des Kapitals in festverzinsliche
Wertpapiere wie Bundesanleihen
oder Pfandbriefe. Den Rest verteilt
er auf Immobilien, Rohstoffe und Aktien. „Mit dieser Aufteilung kann man Schwankungen
kontrollieren und das Stiftungsvermögen
auch in schwierigen Phasen
erhalten. Gleichzeitig ist eine auskömmliche
Rendite wahrscheinlich.“

So viel zur Theorie. Die Praxis kann
weniger erfreulich sein. Das Crashjahr
2008 hat selbst bei Profis mit langjähriger
Erfahrung entsetztes Staunen ausgelöst.
Die Finanzkrise packte die Märkte in
einer Totalität, die auch lehrbuchmäßige,
angeblich sichere Investmentkonzepte
scheitern ließ. Denn nahezu alle Anlageklassen
brachten Verluste. Hat eine
Stiftung drei Prozent Rendite erzielt, war
sie schon extrem erfolgreich. Zwar verweisen
die Vermögensverwalter nur zu
gern auf das ungünstige Marktumfeld.
Doch mitunter tragen die Portfoliomanager
wenigstens eine Mitschuld an der
miesen Performance.

Stiften: für immer und ewig

Die Grundlagen

Stiftungen sind Institutionen,
die mit einem
dafür gewidmeten
Vermögen
einen speziellen
Zweck verfolgen. In der Praxis geht es
meist um gemeinnützige Ziele. Das Stiftungsrecht
ist in jedem Bundesland etwas
anders organisiert. Eines aber haben alle
Stiftungen gemeinsam: Das Stiftungskapital
darf weder nachträglich entnommen
noch verspekuliert werden. Und die Erträge
aus der Kapitalanlage müssen in den Stiftungszweck
fließen. Die Stiftungsaufsichten
der Länder kontrollieren stichprobenartig,
ob die Regeln eingehalten werden.

Die Steuern

Kapitalerträge gemeinnütziger Stiftungen
sind steuerfrei. Seit 2007 können zudem bis
zu eine Million Euro, bei Verheirateten zwei
Millionen, steuersenkend in eine Stiftung
eingebracht werden. Auch Zustiftungen in
bestehende Vermögen senken die Steuerlast.
Wer für laufende Projekte spendet,
kann ebenso Sonderausgaben abziehen:
maximal 20 Prozent vom Einkommen.
Achtung: Da Kapitalerträge durch die Abgeltungsteuer
nicht mehr der Einkommensteuer
unterliegen, haben Unternehmer
im Ruhestand oft kaum noch Steuern, die
sie sparen könnten.

Die Firmenstiftungen

Auch Unternehmen können als Stiftungen
organisiert sein, selbst wenn sie nur dazu
dienen, Gewinne an die Familie auszuschütten.
Die Rechtsform soll oft Erbstreitigkeiten
verhindern, denn auch Firmen sind
als Stiftungen auf Ewigkeit angelegt. Eine
Mischung aus Gemein- und Eigennutz
bieten Doppelstiftungen. Hier führt meist
eine Familienstiftung die Firma. Der
Gewinn
kommt zum Teil der Familie zugute,
der Rest ist für gemeinnützige Zwecke. So
machen es etwa Bertelsmann oder Bosch.

Nicht nur, dass unnötig üppige Gebühren
oft große Teile der Rendite fressen.
So kommt es vor, dass Verwalter das Kapital
häufiger umschichten als nötig, um
die Kauf- und Verkaufsspesen hochzutreiben.
„Andere wiederum tun viel zu
wenig und legen das Geld einfach nur
weg“, sagt Christine Pöschel, Geschäftsleiterin
Vermögenscontrolling
bei der
WSH Deutsche Vermögenstreuhand, die
für sehr reiche Privatanleger die Leistung
von Vermögensverwaltern kontrolliert.

Pöschel hat erlebt, wie Portfoliomanager
trotz offensichtlicher Crashgefahr
im September 2008 die Aktien nicht aus
ihren Kundendepots warfen. Andere
trennten sich zu spät von Anleihen
schwacher Bonität. „Gerade in der Krise
gingen viele vermeintliche Anlageprofis
zu nachlässig mit Stiftungsgeldern um“,
schimpft Pöschel. „Das war teilweise unverschämt.“

Das Risiko ganz ausschließen können
Stifter kaum – denn die groben Fehler
zeigen sich zumeist erst im Nachhinein.
Und dann rächt sich, dass viele Stifter
sich nicht intensiv mit Geldfragen beschäftigen,
„weil ihnen das Wissen und
die Muße fehlen“, wie Hans Fleisch vom
Stifterverband beobachtet.

Um böse Überraschungen möglichst
erst gar nicht zu erleben, sollten Stifter ihren Geldmanagern strikte Vorgaben
machen. „Schriftlich fixierte Anlagerichtlinien
sind absolut zwingend – bei jeder
Stiftungsgröße“, sagt Vermögensverwalter
Lange. In einem Investmentkodex
sollte bestimmt sein, welche durchschnittliche
Zielrendite anzupeilen ist,
wie viel Risiko der Geldmanager eingehen
darf und in welche Anlageklassen er
wie stark investieren soll. Portfoliowächterin
Pöschel rät, laufend zu kontrollieren,
ob sich die hoch bezahlten Spezialisten
auch an die Regeln halten: „Bei Verstößen
gilt: Geld sofort abziehen und
einem neuen Verwalter anvertrauen.“

Die Vorgaben erleichtern auch die
Zusammenarbeit
im Alltag, denn jeder
Verwalter braucht Freiräume, in denen
er ohne Rücksprache mit dem Stifter
handeln kann. „Nur dann lassen sich
kurzfristige Marktchancen nutzen“, sagt
VZ-Experte Lange.

Bei Alexander Brochier kommen Banker
nicht umhin, viel und lange zu diskutieren.
Der Geschäftsführer einer Gebäudetechnikfirma
aus Nürnberg und Gründer
der Alexander Brochier Stiftung setzt
auf das Prinzip Chefsache. Der Franke ist
Unternehmer mit Leib und Seele – und
so führt er auch seine Stiftung. Er überprüft,
welche Projekte gefördert werden,
sucht nach Kooperationspartnern und
behält das Kapital im Auge. „Alle Unterlagen
über die Stiftungstätigkeit, die Anlagen,
Einnahmen und Ausgaben landen
auf meinem Tisch“, sagt Brochier. „Ich
mache meiner Bank klare Ansagen.“ Der
Träger des Deutschen Stifterpreises 2006
ist gut mit diesem Grundsatz gefahren.
Seine 1992 gegründete Stiftung hat über
die Jahre mit einem breit diversifizierten
Portfolio jährlich fünf bis sieben Prozent
Rendite erzielt. Das reichte für den Bau
eines Kinderhauses in Tschechien und
zweier Kindergärten in Bayern.

Risiken im Blick behalten

Im Jahr 2008 freilich konnte die Stiftung
nicht die sonst gewohnten Wertzuwächse
verzeichnen. Im Gegenteil: Brochier
fuhr ein Minus von neun Prozent ein.
Doch der Mäzen war umsichtig genug,
Schlimmeres zu verhindern. „Als sich die
Finanzkrise auf Deutschland auszuweiten
begann, haben wir alle Aktien verkauft“,
sagt er. Das große Gemetzel am
Aktienmarkt sei dem Stiftungsportfolio
so erspart geblieben.

Die Turbulenzen an den Kapitalmärkten
in den vergangenen eineinhalb Jahren
machten deutlich, wie wichtig Risikomanagement
ist. Nur wer seine Investments
permanent im Blick hat, kann
rechtzeitig reagieren und Umschichtungen
im Portfolio vornehmen. „Stifter müssen
sich darüber im Klaren sein, dass Renditechancen
und Risiko in einem direkten
Zusammenhang stehen“, sagt Alois Ebner,
Leiter der Münchner Niederlassung
der Schweizer Privatbank Vontobel.
Alexander Brochier hat das stets
beherzigt.
Der erfahrene Unternehmer
sorgte vor und gab nie die kompletten
Erträge
des Stiftungsvermögens für Projekte
aus, sondern bildete Rücklagen für
schwierige Zeiten. Das Geld steht ihm
nun zur Verfügung, um akute Liquiditätslöcher
zu stopfen. Zwar kann er wahrscheinlich
nicht alle für dieses Jahr geplanten
Projekte umsetzen. „Die Folgen
der Finanzkrise können wir aber recht
gut abfedern“, freut sich Brochier. „Wir
haben deutlich geringere Sorgen als
andere
Stiftungen.“

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