Diverses Worauf sich Unternehmer einstellen müssen

Während sich Banker und Politiker weiter streiten, ob es sie überhaupt gibt, ist die Kreditklemme für viele Firmen längst Realität. Womit Chefs rechnen müssen.

Als Michael Menges Anfang März
mit seinem Berater bei der Berliner
Volksbank über einen Kontokorrentkredit
sprach, war er optimistisch.
„Mir wurde gesagt, dass ich gute Chancen
hätte“, erinnert sich der Geschäftsführer
von Menges Solutions, einer
Firma, die Produktionslösungen für die
Druckindustrie entwickelt. Dann begann
die Zeit des Wartens. „Der zuständige
Banker wechselte. Wir mussten mehrfach
dieselben Formulare ausfüllen, wurden
immer wieder vertröstet“, sagt der
Unternehmer. Noch Anfang Juli sei ihm
Hoffnung gemacht worden. Doch ein
paar Tage später gab es eine Ablehnung.

Kein Geld von der Volksbank.
100.000 Euro wollte der Berliner. Zum
ersten Mal hatte er für die 2005 gegründete
Firma einen Kredit beantragt. Der
Grund: Im Herbst war ein Kunde pleitegegangen,
Menges auf einer Rechnung
über 70.000 Euro sitzen geblieben. Als
im März die branchenübliche Frühlingsflaute
einsetzte, fehlte ihm Geld, um
Lieferanten, Miete und seine zehn Mitarbeiter
zu bezahlen. Menges musste
trotz voller Auftragsbücher drei Männer
entlassen und handelte mit den Zulieferern
längere Zahlungsziele aus. Das
rettete ihn – vorerst.

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Schlechte Bonität trotz Gewinn

Warum er keinen Kredit bekam? Die
Bilanz für das Jahr 2008 sei zu schlecht
gewesen, vermutet Menges. Seine Bonität
reiche daher nicht aus, sei ihm erklärt
worden. Und das, obwohl er trotz des
Zahlungsausfalls Gewinn gemacht hatte
und auch in diesem Jahr, davon ist er
überzeugt, profitabel bleiben wird.
Die Berliner Volksbank wollte sich unter Verweis auf das Bankgeheimnis zu dem Vorgang nicht äußern.

Gibt es sie, oder gibt es sie nicht – die
Kreditklemme? Für Menges ist die Antwort
klar: Es gibt sie. Mit dieser Not ist
der 45-Jährige nicht allein. Jedes sechste
Unternehmen ist schon 2008 mit einem
Kreditwunsch abgeblitzt, hat die
Wirtschaftsauskunftei Creditreform ermittelt.
Und im Juni wurde von 42 Prozent
der Unternehmen die Kreditvergabe
der Geldhäuser als „restriktiv“ eingestuft.
Im August 2008, kurz bevor die Weltwirtschaft
abstürzte, lag der Wert nur bei
knapp 29 Prozent.

Seit Wochen schon ermahnt daher eine
erstaunliche Koalition aus Wirtschaftslobbyisten,
Politikern und Notenbankern
die Finanzbranche, wieder vermehrt Kredite
zu vergeben. Die Argumente sind
teils sachlich-fundiert, teils polemisch-drohend.
Arbeitgeberpräsident Dieter
Hundt beklagt, dass sich Kredite „erheblich
verteuert“ hätten. Europas oberster
Währungshüter, EZB-Präsident Jean-
Claude Trichet, appelliert an die Institute,
„ihrer Verantwortung gerecht zu werden“
und die historisch niedrigen Zinsen
auf Zentralbankgeld an die Unternehmen
weiterzuleiten. Bundesfinanzminister
Steinbrück droht
gar mit „nie da gewesenen
Maßnahmen“, wenn der Kredithahn
nicht geöffnet werde.

Die deutschen Banken kontern die
Angriffe
mit Zahlen: Im laufenden Jahr
seien mehr Kredite an Firmen vergeben
worden als im Vorjahr. Rechnet man aber
die Mittel heraus, die sich Finanzinstitute
jüngst untereinander geliehen haben,
ändert sich das Bild. Das Kreditvolumen
an Firmen im Euro-Raum außerhalb des
Finanzsektors sinkt: von Februar bis Mai
um 16,3 Milliarden Euro.
Der Grund: Die Institute entdecken
das Vorsichtsprinzip wieder. Die bereits
über Deutschland hinwegrollende Insolvenzwelle
lässt sie hohe Kreditausfälle
befürchten – Schätzungen zufolge bis zu
170 Milliarden Euro bis Ende 2010. „Wir
haben kein Problem, einen Kredit zu
vergeben“, erklärt Deutsche-Bank-Chef
Josef Ackermann. „Wir haben ein Problem
der Kreditwürdigkeit.“

„In Anbetracht Ihrer wirtschaftlichen Situation“

Restriktivere Darlehensvergabe
Die Finanzbranche reagiert mit Verschärfungen
ihrer Kreditpolitik. In einer Befragung
von Bankern durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
Ernst & Young gaben
57 Prozent an, sie rechneten in den
kommenden sechs Monaten mit einer
restriktiveren Darlehensvergabe.
Unternehmern dürfte eine schwierige
Zeit bevorstehen. Wenn sie nicht bereits
begonnen hat. Wie für Peter Welz. Am
9. Juni erhielt der Chef der Baufirma
J. K. Welz aus Maroldsweisach einen
Brief der Sparkasse Ostunterfranken. Die
Hausbank schrieb, sie erwäge „in Anbetracht
Ihrer wirtschaftlichen und finanziellen
Situation“ eine Kündigung des Kontokorrentkredits.
Tags darauf klingelte
bei Welz das Telefon. Ein Lieferant beschwerte
sich, ein Scheck sei geplatzt.

Wenig später bestätigte die Bank per Fax
die Kündigung der Kreditlinie. Am 30. Juni
musste Welz Insolvenz beantragen.
Die Gründe, weshalb die Firma nicht
mehr als kreditwürdig galt, seien ihm nicht erläutert worden, sagt Welz. Die
Geschäfte seien gut gelaufen, die Aufträge
hätten bis Jahresende gereicht. Der
Berater der Firma, Helwig Frank, glaubt,
die Ursache zu kennen: „Starker Wettbewerb,
wenig Eigenkapital. Baufirmen
sind vielen Banken zu riskant.“ Die Sparkasse
Ostunterfranken teilte auf Anfrage
mit, man habe „noch nie einen Kredit
gekündigt,
nur weil ein Unternehmen zu
einer bestimmten Branche gehört“.

Fest steht jedoch, dass die für die Kreditvergabe
entscheidende Bonitätsbeurteilung
auch von der Branche abhängt. Hier
kommen die Eigenkapitalrichtlinien ins
Spiel. Nach den Basel-II-Vorgaben müssen
Banken für Kredite an Firmen mit
schlechterem Rating mehr eigene Mittel
vorhalten als bei Unternehmen mit Toprating.
Konjunkturabhängige Branchen
wie Automobil-, Maschinenbau oder eben
Bau sind daher zurzeit im Nachteil.

Manch ein Unternehmer hat die Brisanz
der Lage aber noch nicht erkannt,
meint Ulrich Schürenkrämer, Geschäftsleiter
Firmenkunden bei der
Deutschen Bank. „Viele merken
noch nicht, dass sie nicht
mehr in einer Zeit leben, in
der Kredit für jeden und zu
jeder Zeit zu günstigen Konditionen
verfügbar ist.“

Kaum noch langfristige Kredite

Das
Problem: In der Krise, wenn
Firmen Liquidität benötigen,
um den Konjunktureinbruch
zu überstehen, erlaubt es Basel
II den Geldhäusern gar nicht,
die Retter zu mimen.

Erschwerend
kommt hinzu, dass die Krise
bei fast allen Instituten, egal
ob Großbanken, Sparkassen oder
genossenschaftlichen Geldhäusern,
riesige Löcher beim Eigenkapital
gerissen hat. Geld, das die
Banker mit teils waghalsigen Wetten
an den Kapitalmärkten verzockt
haben – und das nun fehlt.

Vor allem langfristige Kredite
über fünf Jahre und mehr gibt es
kaum noch. „Der Markt ist vollständig
versiegt“, konstatiert Ulrich
Schröder, Chef der KfW Bankengruppe.
Die Geldhäuser verweisen darauf,
dass in der Rezession auch kerngesunde
Unternehmen nicht investieren
wollen. „Händeringend“, sagt Hans-Joachim
Tonnellier, Chef der Frankfurter
Volksbank, suche er Firmen, „die kreditfähig
und kreditwürdig sind“.

Die Wirklichkeit sieht anders aus

Die Wirklichkeit sieht mitunter anders
aus. Wagt ein Unternehmer trotz Krise
die Expansion, zeigt sich manche Bank
misstrauisch. So wollte eine Bäckereikette
aus der Lausitz mit einem Kredit
von rund einer Million Euro neue Filialen
einrichten und die Produktpalette
erweitern. Ende 2008 hatte der Mittelständler
mit mehr als 100 Angestellten
sein Konzept dem Firmenkundenbetreuer
in der Filiale einer Großbank vorgestellt.
Seither warten die Bäcker auf eine
endgültige Entscheidung des Instituts.

Häufiger Grund für solche Verzögerungen:
Personalwechsel in der Bankfiliale.
Die neuen Sachbearbeiter müssen
sich erst einarbeiten. Zudem können die
Banker vor Ort häufig nicht über die
Vergabe der Kredite entscheiden.
Das läuft zumeist über sogenannte
Credit Officer in
regionalen Großniederlassungen
oder über
die Zentrale am
Stammsitz des
Instituts. In
jedem
Fall aber werden Anträge akribisch geprüft.
Das braucht Zeit. Zudem verlangen die
Banker heute weit mehr Informationen
als noch vor ein bis zwei Jahren. Detaillierte
Planungen über drei Jahre mit
Prognosen
von Umsatz und Rentabilität
sind inzwischen Standardanforderungen.

„Vor allem Unternehmen, die noch nie
einen Kredit benötigt haben, erleben nun
einen Kulturschock“, berichtet Hans-
Joachim Reinhardt von der Frankfurter
Industrie- und Handelskammer. Der gewünschte
Finanzstrip fällt ihnen schwer.
Sie versuchen, mit einem Minimum an
Information ans Ziel zu gelangen.

Das geht meist schief, zumal die Unternehmer
auf die Gespräche in der Bank
oft schlecht vorbereitet sind. „Mindestens
drei Viertel der Unternehmer haben
kaum banktaugliche Unterlagen“, sagt
Josef Moser, ein Ex-Banker, der heute
Unternehmen bei der Kapitalbeschaffung
berät und unterstützt.

„Grosser Erfolg“

Die KfW Bankengruppe stellt für mittelständische
Unternehmen seit Anfang März
15 Milliarden Euro bereit, um einer möglichen
Kreditklemme entgegenzuwirken.
Eine
Auswertung des Bundeswirtschaftsministeriums,
die impulse exklusiv vorliegt,
zeigt, wohin das Geld fließt.

Kleine Summen gefragt

Bis zum 10. Juli gingen bei der KfW 1757
Kreditanträge ein. Davon wurden bislang
765 Kredite mit einer Gesamthöhe von
1,23 Milliarden Euro zugesagt. 753 Anträge
stammten von Firmen mit einem Jahresumsatz
unter 500 Millionen Euro. Die
meisten der Unternehmen dürften von
dieser
Umsatzgrenze aber weit entfernt
sein, denn über die Hälfte der bewilligten
Kredite waren kleiner als 250 000 Euro,
knapp 200 weitere Kredite lagen unter der
Grenze von einer Million Euro.

Wenige Ablehnungen

273 Firmen erhielten einen Ablehnungsbescheid,
189 zogen ihren Antrag von sich
aus wieder zurück. Die Bewilligungsquote
von 75 Prozent sei „ein großer Erfolg“, sagt
Hartmut Schauerte, Staatssekretär im
Wirtschaftsministerium und Mittelstandsbeauftragter
der Bundesregierung.

Begehrte Bürgschaften

Noch lebhafter als das Kreditgeschäft
entwickelt
sich die Nachfrage nach staatlichen
Bürgschaften. Die regionalen Bürgschaftsbanken,
die Bürgschaften bis zwei
Millionen Euro vergeben, bewilligten bis
zum 10. Juli 2371 Anträge mit einem durchschnittlichen
Betrag von 160 000 Euro. Die
Länder vergaben darüber hinaus bisher
296 Bürgschaften. Von Timo Pache

Ein weiteres Grundproblem macht der
Münchner Berater in einer ungeschickten
Ansprache durch die Bankkunden
aus. Da wird über negative Erfahrungen
mit anderen Geldhäusern schwadroniert
oder in Fachchinesisch über das eigene
Geschäftsmodell referiert. „Das schreckt
eher ab, als dass es nützt“, weiß Moser.
Stephan Paul, Professor am Institut für
Kredit- und Finanzwirtschaft der Ruhr-
Universität Bochum, spricht deshalb von
einer „Kommunikationsklemme“.

Tatsächlich haben viele Firmen, die
seit Jahren im Umgang mit Bankern
geübt sind, weniger Schwierigkeiten, an
Liquidität zu gelangen. Der kleine DSL-Netzbetreiber
Inexio aus Saarlouis etwa
konnte Anfang dieses Jahres seine Kreditlinie
ausweiten. Und das, obwohl die
Firma mit rund 2,5 Millionen Euro Umsatz
und 33 Mitarbeitern noch im vergangenen
Jahr rote Zahlen schrieb. Doch
Gründer David Zimmer wendet täglich
mehrere Stunden dafür auf, den Kreditgebern
Geschäftsverlauf, Projekte und
Strategie zu erläutern – schriftlich, telefonisch
oder im persönlichen Gespräch.

Das spricht sich herum. Auch Banken,
mit denen der Telekomzwerg bisher keine
Geschäfte machte, boten den Saarländern
ihre Dienste bereits an. So viel Banker-Engagement erleben
Unternehmer jedoch in aller Regel nur,
wenn das Geldhaus an der Geschäftsbeziehung
auch verdienen kann. Kaum
rentabel ist für die Institute die Vermittlung
von öffentlichen Förderkrediten.

Bonitätsprüfung obliegt den Geschäftsbanken

Das Geld kommt von der KfW; die Bonitätsprüfung
der Firmen und die Beantragung
der Darlehen aber obliegt den
Geschäftsbanken. Ein zeitintensiver Job
für die Geldhäuser, der wenig abwirft.

„Einige Kundenbetreuer sagen Unternehmern,
sie hätten keine Chance auf
ein KfW-Darlehen, um ihnen dann einen
hauseigenen, teureren Kredit anzubieten“,
moniert Klaus-Peter König, Steuerberater
aus dem hessischen Hochheim,
der zahlreiche Mittelständler bei Verhandlungen
mit ihren Banken unterstützt. Da überrascht es nicht, dass die
KfW bislang lediglich Kredite über gut
1,2 Milliarden Euro bewilligt hat.

Erschwert wird der Weg zum Staatsgeld
aber auch durch die komplexen Bedingungen,
die Firmen erfüllen müssen.
So dürfen zwar grundsätzlich Unternehmen
Geld bekommen, die vor dem 1. Juli
2008, also vor Beginn der Finanzkrise,
noch nicht in einem finanziellen Engpass
steckten. Wen die Krise jedoch bereits
richtig erwischt hat, der kann trotzdem
durchs Raster fallen. Werden laufende
Kredite nicht mehr bedient, gibt es mitunter
keine Staatshilfe. Gerade wenn die
Not besonders groß ist, handeln Banker
daher oft korrekt, wenn sie beim Wunsch
nach Geld aus dem Konjunkturpaket
abwinken.

Für krisengeschüttelte Firmen ergibt
sich so ein düsteres Szenario. Denn auch
eine baldige konjunkturelle Erholung
bringt wohl keine rasche Entspannung
der Lage. Der Grund: Die schlechten
Bilanzen des Jahres 2009 belasten die
Bonität der Unternehmen noch länger.
Die „richtige Klemme“, erklärte KfWChef
Schröder kürzlich, komme „erst im
Aufschwung“.

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