Diverses Zeitanlage

Es war einmal eine Witwe, die kam zum Auktionator ... So oder ähnlich beginnen viele Geschichten, die sich Uhrensammler gerne erzählen. Aber nur eine hat es zur Legende gebracht.

Also: Es war einmal eine Witwe, die kam zum Auktionator Stefan Muser in Mannheim. In der Handtasche trug sie eine alte Patek Philippe. Händler hätten ihr alle möglichen Summen zwischen 500 und 100.000 Euro für die Uhr geboten, sagte sie – ob Herr Muser es genauer wisse. Der Auktionator erkannte in dem Erbstück einen Chronografen von 1943 mit ewigem Kalender und schätzte ihn auf 500.000 Euro. Die Dame, erstaunt, denn die Uhr war bloß aus Stahl, bat ihn, sie zu versteigern. Das tat er. Man schrieb das Jahr 2004, und der Hammer fiel bei einer Million. Das Stück mit der Referenznummer 1518 ist die teuerste je in Deutschland versteigerte Armbanduhr.

„Wenn Patek-Philippe-Uhren zur Auktion kommen, sind allein die Bieterschlachten schon ein Erlebnis. Aber die Geschichten, die sich um die Uhren ranken, machen sie erst richtig spannend“, sagt Christian Pfeiffer-Belli, Chefredakteur des Magazins „Klassik Uhren“ und guter Kenner der Auktionsszene. Patek Philippe ist ein Phänomen: Die Uhren der Schweizer Manufaktur erzielen bei Versteigerungen generell Höchstpreise; der Wert einiger Klassiker ist in den letzten 30 Jahren um 600 Prozent gestiegen. „Uhren von Patek Philippe sind die einzigen, mit denen sich wirklich Geld machen lässt“, sagt Pfeiffer-Belli. Allerdings müsse man sich auskennen, Fachliteratur sowie alte Auktionskataloge studiert und die Referenznummern mit allen Varianten verinnerlicht haben. Ein gutes Netzwerk in der Branche sei sowieso unabdingbar. „Nur dann kann man sofort erkennen, warum die 1518 aus Stahl wertvoller ist als die aus Gold“, sagt Pfeiffer-Belli. „Von ihr wurden nämlich nur sechs Stück gebaut.“

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Solche Kuriosa reizen die Sammler, und die 170 Jahre alte Manufaktur bietet reichlich davon. Eine kaum überschaubare Menge an Einzelstücken, dazu Modelle von Berühmtheiten wie Albert Einstein und Marie Curie, Jugoslawiens Präsident Tito oder Queen Victoria sorgen für Gesprächsstoff.

Besonders gern wird die Geschichte von der „Henry Graves Supercomplication“ aus dem Jahr 1933 erzählt. Die Taschenuhr des New Yorker Bankiers war mit 24 Zusatzfunktionen lange die komplizierteste überhaupt. Graves‘ Uhr wurde 1999 bei Sotheby’s in New York versteigert: Es entbrannte ein Bieterkampf, bei dem sogar Patek Philippe auf der Strecke blieb. „Der Firmenchef Philippe Stern hatte dem Abgesandten ein Limit von zehn Millionen Dollar gesetzt“, sagt Pfeiffer-Belli. Zu wenig. Ein anonymer Käufer ergatterte die Beute für etwas mehr als elf Millionen Dollar. So viel war noch nie für eine Uhr ausgegeben worden. Stern hatte sie für das firmeneigene Museum in Genf kaufen wollen, das mit mehr als 4000 Exponaten auf 2800 Quadratmetern als bestsortiertes Uhrenmuseum weltweit gilt. Seltsam, dass die Uhr seit der Auktion trotzdem dort zu sehen ist.

Wegen solcher Rekordsummen kursiert in der Branche immer mal wieder das Gerücht, mancher Hersteller würde über anonyme Bieter den Preis seiner Uhren hochtreiben. „Patek sicher nicht“, beruhigt Pfeiffer-Belli. „Schon die ersten Armbanduhren, die in den frühen 1980ern versteigert wurden, erzielten hohe Preise.“ Und das, obwohl die Bieter damals ein sehr überschaubares Grüppchen darstellten – das hauptsächlich Taschenuhren jagte.

Helmut Crott, lange Jahre Auktionshausbesitzer und heute Spiritus Rector der umfassendsten Datenbank zum Thema Patek Philippe, schätzt, dass weltweit höchstens ein Dutzend Sammler bei Preisen von mehr als einer Million noch mitbieten. Der Zirkel omnipotenter Interessenten ist also klein. Und das Patek-Museum scheint nicht mehr viele Lücken aufzuweisen. Von den 1400 Uhren, die 2007 in den großen Auktionen auftauchten, waren für Firmenchef Stern schätzungsweise gerade mal 20 interessant.

Doch unterhalb der Millionengrenze ist der Markt noch lange nicht gesättigt. Angelockt durch die immense Wertentwicklung der letzten Jahre, machen auch schwarze Schafe der Szene zu schaffen. Eine Uhr bekommt das Armband oder die Schatulle eines anderen, kostbareren Modells – solche Tricks treiben den Preis leicht um zehn Prozent in die Höhe. Bei einer Uhr für 100.000 Euro ein erheblicher Reibach.

Schlimmer noch: Nach Insiderinformationen sind vor 26 Jahren Blankozertifikate der Firma auf den Schwarzmarkt geraten. Wie, ist unklar, fest steht: Ein Zertifikat garantiert Echtheit und damit einen hohen Preis. Hier bietet Helmut Crotts Datenbank „The Source Tech Data“ einen Ausweg. Mit ihrer Hilfe könne er Insignien und Drucke vergleichen und so selbst vorgetäuschte Originalzertifikate entlarven, sagt Crott. Allerdings wird der 62-Jährige nur in Ausnahmefällen für Privatsammler tätig, denn er hat Verträge mit Sotheby’s und Christie’s geschlossen. Davon profitieren die Bieter: Bevor eines der Auktionshäuser eine Patek Philippe anbietet, gibt Crott seine Expertise ab. Seine Datenbank erfasst jede in den letzten 40 Jahren in Versteigerungen gehandelte Patek-Uhr mit ihrem genauen Zustand und ihrer Vorgeschichte. Crotts Faktensammlung ist so detailliert, dass man mit ihr sogar herausfindet, ob das aktuelle Zifferblatt eines Modells tatsächlich das originale ist.

Für Einsteiger eine zu komplexe Materie? „Auch manch neues Modell hat das Zeug zum Klassiker“, sagt Pfeiffer-Belli. Gute Kandidaten seien Sondereditionen wie die Jahreskalender zum 125. Geburtstag von Juwelier Wempe. Daneben verdient die aktuelle Kollektion Beachtung, etwa die 2006 für 19.980 Euro vorgestellte „Nautilus“ mit Mondphase. Nur ein Jahr später erzielte ein einmaliges Sondermodell mit Titangehäuse bei einer Auktion von Antiquorum 525.000 Euro – die mit Abstand teuerste von 35 versteigerten Uhren. Eine solche Blitzkarriere hat selbst bei Patek Seltenheitswert.

Auktionshäuser

Fachliteratur

  • Martin Huber, Alan Banberry: „Patek Philippe, Genève – Armbanduhren“, Ineichen, z.B. über Patek Philippe Library, www.patek.com
  • Giampiero Negretti, Paolo DeVecchi: „Patek Philippe – Komplizierte Armbanduhren“, Könemann, z.B. über Amazon
  • Osvaldo Patrizzi: „Collecting Patek Philippe Wristwatches“, zweibändig, Guido Mondani, z.B. über Antiquorum The Source Tech Data Helmut Crott, www.thesourcetechdata.com

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