Finanzen + Vorsorge 100 Jahre Fed: Das Schwierigste kommt noch

Die ersten 100 Jahre waren oft turbulent für die Federal Reserve. Die Notenbank steuerte die USA durch Krisen, Kriege und Katastrophen. Nun fragen sich viele: Sind ihre Werkzeuge in der immer komplexeren Weltwirtschaft stumpf geworden?

Die Unterschiede liegen manchmal im Detail. Bei der Federal Reserve (Fed) kann dieses Detail auch schon mal aus zehn Milliarden Dollar bestehen. Um diesen Betrag – die US-Zentralbank nennt ihn „bescheiden“ – soll künftig die monatliche Unterstützung für die angeschlagene Wirtschaft gesenkt werden. Dass die Fed nun Monat für Monat „nur noch“ 75 Milliarden Dollar aus der Notenpresse zaubert, ist für die Aktienmärkte rund um die Welt eine große Sache.

Tatsächlich ist der geldpolitische Schritt ein bedeutendes Symbol: Die weltweit mächtigste Zentralbank befindet sich pünktlich zu ihrem 100. Geburtstag in einer Zäsur. Nicht nur steht sie nach acht Jahren vor einem Führungswechsel, weil Ben Bernanke den Vorsitz zum Februar an seine bisheriger Stellvertreterin Janet Yellen abgibt. Auch muss die Fed – da sind sich die meisten Experten einig – ein ganz neues Kapitel in ihrer Geschichte aufschlagen.

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Jahrelange Nullzinspolitik

Auf Yellen wartet die Mammutaufgabe, die Fed aus einem beispiellosen Krisenmodus zurück in die Normalität zu führen. Niemand weiß, ob das nach Jahren der Nullzinspolitik und billionenschwerer Anleihekäufe möglich ist, ohne Verwerfungen auf den Weltmärkten auszulösen. Ja, eigentlich weiß auch niemand, was in Zeiten global vernetzter Volkswirtschaften noch Normalität ist.

„Unsere bescheidene Reduzierung spiegelt die Annahme der Fed, dass der Fortschritt in Richtung ihrer ökonomischen Zielen anhält“, sagte Bernanke gewohnt gewunden bei der letzten Pressekonferenz seiner Amtszeit am Mittwoch. Seine Rhetorik der Vorsicht ist kaum überraschend: Schon als er im zurückliegenden Frühjahr die bloße Idee des sogenannten Tapering äußerte, löste er rund um den Globus Schockwellen aus. Dabei bedeutete das nur, dass die Fed ihre Geldpolitik ein kleines bisschen anzieht, aber längst nicht an Zinsanhebungen denkt.

Schwellenländer zitterten vor einem massiven Kapitalabfluss, weil Investoren auf höhere Zinseinnahmen daheim hofften. Hypothekenzinsen stiegen, was dem Häusermarkt wehtat. Aktienhändler befürchteten einen Rückfall in düstere Zeiten. Dabei hatte die Fed gar nichts angerührt. „Wir machen nicht weniger“ für die Wirtschaft, bekräftigte Bernanke am Mittwoch gar, obwohl gerade die Abstriche bekanntgeworden waren.

Kritik an Geldschwemme

Die rhetorische Windungen belegen, was Bernanke jüngst in seiner Rede anlässlich des 100. Geburtstages offen aussprach: Die gewählten Werkzeuge für den Kampf gegen die zurückliegende Finanzkrise sind „beispiellos sowohl in ihrem Umfang als auch in ihrer Tragweite“. Sie seien „kontrovers“, gestand er ein, „aber notwendig“.

Kritiker hingegen beschuldigen ihn, mit der Geldschwemme eine neue Blase geschaffen zu haben, die wie zuletzt 2007 das Finanzsystem zusammenkrachen lassen könnte, wenn sie platzt. „Man kann in einem modernen Markt nicht für immer die Zinsen drücken, ohne Schäden zu verursachen“, sagt Mohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pimco.

Manche behaupten gar, die Fed sei exakt 100 Jahre nach der Gründung am Tiefpunkt ihres Einflusses angekommen. Trotz extremer Eingriffe in den Markt habe sie ihre beiden Aufträge nicht erledigen können: Die US-Arbeitslosigkeit sei immer noch zu hoch, die Inflationsrate immer noch zu niedrig. „So mächtig die Notenbanker scheinen, sie wissen, dass ihre wahre Macht begrenzt ist“, meint das „Wall Street Journal“.

Arbeitsauftrag: Wohlstand der US-Bürger erhalten

Es gibt verschiedene Meinungen, wie Yellen die Zentralbank in ein erfolgreiches zweites Jahrhundert führen kann. Manche fordern, die Fed solle sie ihre Maßnahmen an neuen Zielen messen. Nicht mehr ungenaue Daten wie die Arbeitslosenquote sollten die Geldpolitik leiten, sondern etwa das besser messbare Bruttoinlandsprodukt.

Andere sagen, sie solle sich nur auf den Kampf gegen die Inflation konzentrieren. „Das Doppelmandat ist eine massive Ablenkung“, meint die konservative Hoover Institution der Stanford University in Kalifornien. „Es ist wesentlich wünschenswerter für die Fed, dass sie eine Aufgabe gut erledigt, als zwei Aufgaben schlecht.“

Ob es zu großen Reformen bei der politisch unabhängigen Fed kommt, ist fraglich. Im Selbstverständnis der Notenbanker ist tief verankert, dass sie nicht nur für die Regulierung von Finanzinstituten, sondern für den Wohlstand der Amerikaner verantwortlich sind.

Womit die Finanzwelt aber rechnen kann, ist eine weitere Ausweitung der von Bernanke revolutionierten Kommunikation. Im Vergleich dazu, dass die Fed noch in den 90er Jahren nicht einmal Termine bekanntgab, wann sie über die Zinsen entscheiden wird, ist sie heute regelrecht ein offenes Buch.

Auch Yellen will sehr auf diese „Forward Guidance“ bauen – also mit genauen Angaben, was von der Notenbank in Zukunft geldpolitisch zu erwarten ist, die Märkte beruhigen. Ob sich Kommunikation als Mittel für den schmerzfreien Ausweg aus der ultralockeren Geldpolitik eignet, wird sich herausstellen. Das letzte Wort haben die wie immer Finanzmärkte – denn sie sind am Ende doch mächtiger als die Fed.

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