Finanzen + Vorsorge Auf Renditejagd mit dem Bäcker-Bond

Bäcker, Metzger, Ökobauer: Mit eigenen Anleihen wollen Mittelständler ein Stück Unabhängigkeit gewinnen. Privatanleger greifen gerne zu, sollten jedoch auf der Hut sein.

Bonds vom Bäcker, Naturaldividende vom Metzger, der Fußballverein nicht nur auf dem Platz als Gewinnbringer, der Ökobauer als Investment – Privatanleger suchen nach Alternativen, seit Banken als Zockerbuden verschrien und Sparzinsen eher bescheiden sind. Die Euro-Schuldenkrise hat die Verunsicherung noch genährt. Da scheint das Wertpapier vom Kaufmann um die Ecke vertrauenswürdiger – und mit Zinsen von sieben bis zehn Prozent allemal lukrativer.

90.000 Euro etwa will der Nürnberger Metzger Jörg Weckerlein bei seinen Kunden einsammeln, um eine zwölfte Filiale zu eröffnen. „Fette sieben Prozent Zinsen“ jährlich verspricht er ab 100 Euro Anlage. Wer 1000 Euro oder mehr investiert, dem winken zehn Prozent. Ausbezahlt werden die Zinsen in Form von Einkaufsgutscheinen für Weckerleins Metzgerei.

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„Ich will unabhängiger werden von der Hausbank“, sagt Weckerlein. „Ich habe festgestellt, dass die Hausbank mich in gewisser Weise eingetaktet hat. Alles was darüber hinausgeht, müsste ich mit neuen Sicherheiten belegen und die habe ich nicht.“ Seit Dezember vertreibt Weckerlein seine „Wurstaktie“, die ein Genussschein ist, also dem Inhaber keinen Einfluss auf das Geschäft gibt. Etwa 40 Investoren hat Weckerlein nach eigenen Angaben inzwischen gefunden. Wie viel sie angelegt haben, sagt er nicht.

Mittelständler nutzen verstärkt Anleihemärkte, um Kapital zu besorgen. „Dass die Zahl der Anleiheemissionen deutscher Unternehmen zunimmt, ist unter anderem auf die restriktivere Kreditvergabe der Banken und auf den beträchtlichen Refinanzierungsbedarf der Unternehmen zurückzuführen“, sagt Matthias Hellstern von Moody’s.

Mehr als 30 börsennotierte Mittelstandsanleihen in Deutschland binnen zwölf Monaten zählte die Close Brothers Seydler Bank im vergangenen September. Dabei sammelten die Unternehmen knapp 1,7 Mrd. Euro ein. Der Markt habe noch Luft nach oben, befanden die Experten der Bank in diesem Februar.

Auch die Bäckerei Heberer setzt erstmals in der 121-jährigen Unternehmensgeschichte auf eigene Bonds. 12 Mio. Euro will das Familienunternehmen mit Wurzeln im hessischen Offenbach mit seiner 2011 aufgelegten „Jubiläumsanleihe“ bis diesen August einwerben. Fast 7 Mio. Euro seien schon zusammen, sagt Unternehmenssprecher Ralf Beke-Bramkamp. „Die meisten Zeichner bewegen sich zwischen 5000 und 20.000 Euro, stammen aus dem Rhein-Main-Gebiet und sind Leute, die das Unternehmen gut kennen.“

Im Werbeprospekt verspricht die „Wiener Feinbäckerei Heberer“ für fünf Jahre jährlich sieben Prozent Zinsen, von „goldenem Handwerk“ und „knusprigen Fakten“ ist die Rede. Kein Wort zu möglichen Risiken der Inhaber-Schuldverschreibung, wie das Papier im Fachjargon heißt.

„Gegen diese Anlageklasse ist nichts einzuwenden, Anleger müssen sich aber darüber im Klaren sein, dass sie ihr Geld komplett verlieren können“, sagt Niels Nauhauser, Anlageexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Ich rate generell davon ab, Geld in einzelne Unternehmensanleihen zu stecken.“

„Brot wird immer gegessen“

Bei Heberer müssen Investoren den 122 Seiten starken Verkaufsprospekt wälzen, um über Risiken aufgeklärt zu werden. Die Unternehmensgruppe stehe bei Kreditinstituten mit rund 26 Mio. Euro in der Kreide, heißt es dort. „Sollte die Heberer-Gruppe nicht in der Lage sein, die Bankkredite zum Datum der Endfälligkeit im Dezember 2013 zurückzuzahlen oder eine Verlängerung der Laufzeit der Kredite zu erwirken …“ könnte das „unmittelbar bestandsgefährdend“ sein.

Der Heberer-Sprecher sagt, das sei rein theoretisch. „Sieben Prozent ist eine vernünftig durchgerechnete Rendite, die das Unternehmen dank seiner guten Entwicklung auch bedienen kann.“ Die Bäckerei mit ihren gut 350 Filialen kommt auf einen Jahresumsatz von 115 Mio. Euro (2010) – Maxime: „Brot wird immer gegessen.“

Abgewickelt wird der Handel mit Anleihen in der Regel über die Börse, derzeit größter Handelsplatz für Mittelstandsanleihen in Deutschland ist Stuttgart. Die Nürnberger „Wurstaktie“ und die Heberer-Anleihe werden nicht öffentlich gehandelt. „Fairness zwischen Rendite und Risiko wird relativ gut erreicht, indem eine solche Anleihe börsennotiert ist“, sagt Verbraucherschützer Nauhauser.

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