Finanzen + Vorsorge Auf und nieder

Mit Finanzspritzen aus speziellen Programmen stärkten viele Mittelständler ihre Kapitalbasis. Das Gros der Firmen muss das Geld jetzt zurückzahlen. Wenn das so einfach wäre.

Ihre Namen strotzten vor Kraft. Sie hießen Heat und Force oder Preps, und sie sollten den deutschen Mittelstand fit machen für die Zukunft. Programme, aufgelegt von Banken, mit denen sich Unternehmen eine Art Vitamininjektion für ihre Bilanzen verabreichen konnten, mit günstigem Kapital. Um die nächste große Investition wuppen zu können, den anstehenden Wachstumsschritt wackelfrei zu gehen.

Mezzanine-Kapital hieß die Wunderdroge. Mehr als ein Dutzend Programme für diese ­Finanzierungsform hatten Banken ab 2004 aufgelegt. Bis 2007 erhielten mehrere Hundert Mittelständler aus diesen Geldtöpfen rund 4,7 Mrd. Euro. Mezzanine – abgeleitet vom ­italienischen Wort für Zwischengeschoss – ist eine Mischform aus Fremd- und Eigenkapital. Der Clou: Weil die Banken diese Mittel als Eigenkapital werten, stärkt es die Kreditwürdigkeit.

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Gleichzeitig haben die Geldgeber, anders als bei echtem Eigenkapital, kaum Mitspracherechte. Der Vorteil für die Kreditinstitute: Sie konnten das Risiko auf Investoren am Kapitalmarkt abwälzen. So wurden Tranchen, meist im niedrigen einstelligen Millionenbereich, aus verschiedensten Regionen und Industrien gebündelt und am Markt verbrieft. Wegen der Risikostreuung gaben sich die Investoren mit Zinsen von etwa fünf bis neun Prozent zufrieden – individuelles Mezzanine ist deutlich teurer, üblich sind niedrige zweistellige Prozentsätze.

Mittlerweile steht in vielen Unternehmen die Rückzahlung des geliehenen Geldes an, und nicht jeder Finanzchef hat einen Plan, wie er das hinkriegen soll. Manche Experten warnen vor einer Pleitewelle unter Deutschlands Mittelständlern, weil 2013 und 2014 die großen Programme aus den Jahren 2006 und 2007 auslaufen. Rund 1,6 Mrd. Euro werden bald ­fällig. Die Ratingagentur Fitch warnt bereits vor signifikanten Refinanzierungsrisiken.

Fest steht: Es wird nicht bei allen so glatt ­laufen wie bei der Brauerei Oettinger, die vor knapp sieben Jahren 10 Mio. Euro aufnahm, um eine Übernahme zu stemmen. „Uns war von Anfang an klar, dass es in den Fälligkeitsjahren eine starke Nachfrage nach Kapital geben würde“, sagt Michael Mayer, kaufmännischer Geschäftsführer der Brauerei. Deshalb habe die Firma bereits Ende 2010 die Refinanzierung ­zusammen mit den Konsortialbanken geplant und sich mit Alternativen auseinandergesetzt, rechtzeitig, rund drei Jahre vor Fälligkeit.

Optionen für die Schuldentilgung

Mayer prüfte verschiedene Optionen, etwa die Rückzahlung per Schuldscheindarlehen und Anleiheemissionen. Diese Lösungen hätten ­zumindest Liquidität gebracht. „Grundsätzlich bevorzugen wir bilaterale Lösungen, etwa mit unseren Banken“, sagt Mayer.

Letztlich half den Bierbrauern der große Durst ihrer Kunden und die gute Konjuktur. „Wir konnten die gute wirtschaftliche Lage nutzen und mit unseren Erträgen das Eigenkapital hochfahren“, sagt Mayer. Das liegt seinen Angaben zufolge bei stolzen 42 Prozent. Deshalb sei Oettinger nun in der Lage, das Mezzanine-Kapital Mitte dieses Jahres mittels Bankkrediten zurückzuzahlen.

Bei vielen anderen Firmen dürfte die Rückzahlung weniger reibungslos verlaufen. Harte Fakten, wie viele Unternehmen vor echten Schwie­rigkeiten stehen, gibt es nicht – nur Schät­zungen verschiedener Experten: Zwischen 30 und 35 Prozent der Firmen, die Mezzanine-Programme genutzt haben, könnten Probleme mit der Anschlussfinanzierung haben oder noch bekommen, heißt es.

Bernd Papenstein, der bei PricewaterhouseCoopers (PwC) mittelständische Kunden in ­Finanzierungsfragen berät, sieht für die Pro­bleme einen Grund: „Damals bekamen auch schwächere Unternehmen das Kapital zu relativ geringen Preisen.“ Das zeigten auch die ­Bonitätsnoten der bald fällig werdenden Papiere. Die überwiegende Mehrheit der von Fitch ­analysierten Papiere hat eine Ratingnote im ­unteren Non-Investmentgrade-Bereich, auf Deutsch: Ramschniveau. Bei den bald fälligen Mezzanine-Tranchen sei die Wahrscheinlichkeit für Ausfälle „deutlich angestiegen“, sagt Eberhard Hackel, Direktor des Verbriefungsanalyseteams von Fitch in Frankfurt.

Das hat auch damit zu tun, dass in der Folge der 2007 ausgebrochenen Finanzkrise der Markt für Verbriefungen von Schuldtiteln völlig zusammengebrochen und eine Neuauflage von Mezzanine-Programmen seither unmöglich ist. Auf diesen Geldquell können Firmen bei der Ablösung der Schulden nicht setzen. „Wer sich nicht rechtzeitig um eine Anschlussfinanzierung kümmert, für den könnte es wirklich das Aus bedeuten“, warnt PwC-Experte Papenstein.

Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen? Zwar dürften viele deutsche Firmen dickere Finanzpolster als noch vor sieben bis acht Jahren haben, doch werden wohl nur die wenigsten in der Lage sein, das Mezzanine-Kapital vollständig aus ihren Barreserven zurückzuzahlen.

Die richtige Mischung finden

Daher müssen die Firmen bei der Anschluss­finanzierung auch über einen Mix aus verschiedenen Finanzierungsformen nachdenken. Klassische Instrumente wie Bankkredite, Schuldscheindarlehen oder Anleihen kommen für Unternehmen mit hoher Bonität infrage (siehe Kasten oben). Wer finanziell schwächer aufgestellt ist, sollte die Aufnahme von Beteiligungskapital in Erwägung ziehen. Neben dem Einstieg von Investoren ist das etwa über ein En­gagement von speziellen Fonds möglich, die individuelles Mezzanine anbieten.

Welche Schwierigkeiten die Anschlussfinanzierung bereiten kann, zeigt das Beispiel Metabo. Nur ein ausreichender Zeitpuffer und letztlich die Bereitschaft der Eigenkapitalgeber, ­Zugeständnisse zu machen, konnten bei dem Werkzeughersteller aus Nürtingen das Äußerste abwenden – die Insolvenz.

Metabo hatte sich 2006 am Mezzanine-Markt bedient, aus einem Programm namens Prime/Smart Mezzanine, das die LBBW zusammen mit der HSH Nordbank aufgelegt hatte, mit Fälligkeit im Jahr 2013. Dem Vernehmen nach soll es sich dabei um einen höheren einstelligen Millionenbetrag gehandelt haben.

„Die Konditionen waren unschlagbar, und Mezzanine wurde ein wichtiger Baustein in der Finanzierung“, sagt Hans-Heribert Engels, der die Abteilung Konzernfinanzierung leitet. Bis zu diesem Zeitpunkt finanzierte Metabo sich ganz traditionell – vor allem über Bankkredite. Ab 2006 kam unter anderem Mezzanine als Ergänzung hinzu, machte etwa 15 bis 20 Prozent der Finanzierung aus.

So weit, so gut. Doch das eigentliche Problem des zu geringen Eigenkapitals verschob Metabo in die Zukunft. Die Hoffnung, in der Folgezeit operativ stärker zu werden und das Eigenkapital aus eigener Kraft erhöhen zu können, verpuffte schließlich endgültig im Jahr 2011. Damals entschloss sich Metabo zur Restruk­turierung und suchte nach einem Investor.

Im August 2012 konnte der Werkzeughersteller den Einstieg des französischen Finanzinvestors Chequers Capital als Mehrheitsgesellschafter verkünden. Zwischen den Parteien wurde Stillschweigen zu den Details vereinbart. Nur so viel: Man habe positiv mit allen Kapital­gebern zusammengearbeitet und schließlich die Transaktion erfolgreich abschließen können, die dem Konzern Wachstumskapital und eine attraktive, langfristige Finanzierung sichert. Das Mezzanine-Problem sei damit gelöst.

Der Weg von Metabo dürfte für viele Unternehmer der letzte Ausweg sein. Schließlich ­lassen sich gerade Mittelständler nur ungern ins Geschäft reinreden, was fremde Investoren aber schon aus eigenem Interesse gern tun.

Um die Gefahr einer solchen Einmischung ins Geschäft in Grenzen zu halten, kann Individual-Mezzanine eine Alternative sein. Einer der größten Beteiligungsgeber aus dem Privat­bankensektor für diese Finanzierungsform ist die Commerzbank, die sich über ihre Sparte ­Commerz Beteiligungskapital (CBG) an Unter­nehmen ab einem Jahresumsatz von 12,5 Mio. ­Euro wendet, in der Handelsbranche liegt die Eintrittsschwelle bei 25 Mio. Euro. Daneben gibt es zahlreiche Angebote von den genossenschaftlichen Instituten oder der NRW Bank.

„Wir verzeichnen eine deutliche Nachfrage von jenen Firmen, die einst auf Standard-­Mezzanine setzten“, sagt etwa Peter Güllmann, Bereichsleiter Beteiligungen bei der NRW Bank, die einen Mittelstandsfonds von rund 75 Mio. Euro bereithält. Von 1 Mio. bis zu 10 Mio. Euro sei die übliche Größenordnung, die die NRW Bank abdecken könne. Vereinzelt könne man auch mit bis zu 20 Mio. Euro Kapital bereit­stehen.

Wie im normalen Leben gilt allerdings: Maßanfertigungen sind teuer. Bei Individual-Mezzanine sind Zinssätze von 12 bis 15 Prozent üblich. Etwas mildernd wirkt, dass meist nur ein hoher einstelliger Zinssatz fix vereinbart wird. Der Rest muss nur gezahlt werden, wenn es der Firma finanziell gut geht.

Nicht für jeden passend: Anleihen

Mittels Anleiheemission refinanzierten der Saft­hersteller Valensina und der Schnapsbrenner Underberg ihre Mezzanine-Schulden. Die Firmen, rechtlich selbstständig, aber beide in der Hand des Unternehmers Wilfried Mocken, platzierten ihre Papiere im vergangenen Jahr an der Börse Düsseldorf, einem der Markt­plätze für Mittelstandsanleihen. Valensina wie Underberg zahlen gut sieben Prozent Zinsen an die Anleihegläubiger.

Doch nicht für jeden Standard-Mezzanine-Nehmer ist der Kapitalmarkt der geeignete Weg. „Da die überwiegende Mehrheit der Unternehmen Standard-Mezzanine in einer Größenordnung von 3 bis 10 Mio. Euro aufnahmen, ist eine Anleiheplatzierung schon allein vom Volumen oft nicht passend“, sagt PwC-­Experte Papenstein. Zwar kann man in Düsseldorf Anleihen ab einem Volumen von 10 Mio. Euro platzieren. Doch die Fixkosten, etwa für die Erstellung des Verkaufsprospekts und für das Rating, schlagen dann noch deutlicher zu Buche als etwa bei größeren Emissionen.

Valensina etwa schätzte in seinem Verkaufsprospekt die Gesamtkosten der Emission auf 4,6 Prozent des Emissionserlöses. Für das Unternehmen scheint die Lösung trotz der Belastung passend zu sein. Der Saftproduzent nahm insgesamt 50 Mio. Euro auf und gab an, mit dem Geld vor allem seine neue Wachstumsstrategie und das Marketing finanzieren zu wollen. Für Unternehmen, die trotz solcher Alterna­tiven bislang nicht an frisches Geld gekommen sind, gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer. Denn inzwischen sind auch die Geldgeber von Mezzanine-Kapital durchaus mal zum Einlenken bereit, auch wenn das bisher wegen der standardisierten Verträge als schlichtweg ausgeschlossen galt.

„Wir sehen hier allseits ein Bemühen um sinnvolle Lösungen“, sagt PwC-Berater Papenstein, „in Einzelfällen sind Investoren nun so auch zu Verhandlungen bereit.“ In Notsituationen würden die Mezzanine-Geber mitunter Abschläge hinnehmen, bevor das gesamte Geld verloren sein könnte, meint mancher Experte, der mit solchen Verhandlungen vertraut ist. Der Kontakt zu den Gläubigern würde sich aber ­äußerst schwierig gestalten, da er meist über ­einen Treuhänder im Ausland vermittelt wird. Zudem seien Investoren in der Regel nur bei gemeinschaftlichem Verzicht aller Gläubiger des Unternehmens bereit, Abstriche hinzunehmen. Auch im Fall Metabo sollen die Mezzanine-­Geber auf einen substanziellen Teil ihres ein­gesetzten Kapitals verzichtet haben, heißt es.

Schließlich will am Ende ja keiner der Beteiligten riskieren, dass das gesamte schöne Unter­nehmensgebäude zusammenbricht, nur weil ein Zwischengeschoss mal wieder renoviert werden musste.

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