Finanzen + Vorsorge Börsenrekorde und Immobilieneuphorie: Hat sich die US-Wirtschaft erholt?

Gute Nachrichten über die Wirtschaft – das wird für die Amerikaner allmählich wieder zur Gewohnheit. Die Erinnerung an die schwere Rezession verblasst mit steigenden Häuser- und Aktienpreisen. Ist die Zeit reif für Euphorie – oder platzt sie wie eine Blase?

 

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Der Abgesang auf die weltgrößte Volkswirtschaft wirkt wie verstummt. Nahezu alle Konjunkturdaten scheinen düstere Prognosen für die amerikanische Ökonomie vergessen lassen. Ein Abstieg in die Zweitklassigkeit? Davon ist inmitten der Börsenrekorde an der Wall Street, unablässig steigender Häuserpreise und stetiger Erholung auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr viel zu hören. Selbst die extremen Staatsschulden sind gerade kein Aufreger. Man könnte meinen, die USA sind sechs Jahre nach ihrer großen Finanzkrise wieder gesund.

Kein Wunder, dass sich amerikanische Verbraucher so optimistisch äußern wie seit fünf Jahren nicht mehr. „Sie sind eindeutig guten Mutes über künftige Wirtschafts- und Arbeitsmarktaussichten“, sagt Lynn Franco, der Direktor für ökonomische Daten beim New Yorker Conference Board. Das Forschungsinstitut misst einmal im Monat die Stimmung der Konsumenten und verzeichnete im April die besten Werte seit der Krise. Und dass, obwohl zu Beginn des Jahres die Sozialabgaben für nahezu alle Angestellten deutlich zulegten und immer noch Millionen ohne Job sind.

Hauptgrund für die Entspannung: Viele Amerikaner fühlen sich finanziell wieder flüssiger. Allein in diesem Jahr legte der Dow Jones Aktienindex um knapp 18 Prozent zu – und damit viele private Ersparnisse. Auch die Häuserpreise erholten sich im Land der Eigenheimbesitzer deutlich von der Immobilienkrise – sie steigen derzeit so schnell wie seit 2006 nicht mehr. Alles in allem machten die Amerikaner seit der Rezession ihren Vermögensverlust von rund 16 Billionen Dollar (12,4 Bio. Euro) wieder gut.

Aufschwung kommt inzwischen auch bei der Bevölkerung an

Das gilt natürlich eher für die Mittel- und Oberschicht, denn sie besitzen Häuser und Aktien. Doch der Aufschwung kommt laut Ökonomen bei großen Teilen der Bevölkerung an. Monat für Monat schafft die Wirtschaft derzeit im Schnitt mehr als 200 000 neue Arbeitsplätze.

Die Erwerbslosenquote sank zuletzt auf 7,5 Prozent – von mehr als 10 Prozent vor knapp vier Jahren. All die guten Nachrichten führen dazu, dass die Verbraucher deutlich mehr Geld ausgeben. Um 3,4 Prozent stiegen die Konsumausgaben aufs Jahr gerechnet zwischen Januar und März. Gespart wurde dagegen deutlich weniger.

2,4 Prozent Wirtschaftswachstum im ersten Quartal

So betrug das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2,4 Prozent, wie eine zweite Schätzung am Donnerstag ergab – angesichts massiver staatlicher Einsparungen ein Wert, mit dem Fachleute gut leben können. „Es gibt viele Daten, die zeigen, dass die Konjunktur heilt. Sogar schneller als wir bisher dachten“, sagt Michelle Meyer, Volkswirtin der Bank of America dem TV-Sender CBS.

Doch die plötzliche Euphorie geht in den USA vielen Experten zu weit. Ihrer Meinung nach ist die führende Wirtschaftsnation längst nicht aus dem Gröbsten heraus. Vor allem die tickende „Schuldenbombe“ bereitet ihnen Sorgen. Zwar hat das Budgetbüro des Kongresses gerade die Defiziterwartung für dieses Jahr um 200 Milliarden auf 642 Milliarden Dollar gesenkt und auch für künftige Jahre ihre Prognose deutlich verbessert. Aber der Mangel an einem langfristigen, glaubwürdigen Plan für Sozial- und Steuerreformen sei „besorgniserregend“, warnt etwa der Internationale Währungsfonds IWF.

Der „Tag X“ im September

Zumal vor allem die Politiker in Washington das Land auch wieder ruckzuck in eine ökonomische Vertrauenskrise stürzen könnten. Die selbstgesteckte Schuldengrenze von knapp 16,4 Billionen Dollar ist seit Mitte Mai um rund 300 Milliarden Dollar überschritten – und ihre als Ausnahme befristete Aussetzung durch den Kongress bereits abgelaufen. Könnte Finanzminister Jack Lew nicht so gut mit den Finanzreserven jonglieren – etwa durch eine 60 Milliarden Dollar Einmalzahlung des staatlich kontrollierten Baufinanzierers Fannie Mae – wäre die US-Regierung bereits jetzt zahlungsunfähig.

Dank seines Spielraumes sei der „Tag X“ aber erst im September zu erwarten, teilte Lew kürzlich mit. Spätestens dann droht neuerlich massiver Streit zwischen den Demokraten und Republikanern über den richtigen Weg aus den Schulden. Vor zwei Jahren brachte der drohende Staatsbankrott  der USA die Abwertung ihrer Kreditwürdigkeit ein – und immense wirtschaftliche Kopfschmerzen. „Um eine Wiederholung der zerstörerischen, waghalsigen Politik zu vermeiden, die sich 2011 ereignete, sollte der Kongress die Gefahr der Zahlungsunfähigkeit so schnell wie möglich bannen“, schrieb Lew an die Gesetzgeber. Er weiß, dass die Erholung auf wackeligen Beinen steht.

 

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