Finanzen + Vorsorge Der schüchterne Superökonom – US-Notenbankchef Bernanke wird 60

Ben Bernanke

Ben Bernanke© Federal Reserve

Ein Wort von Ben Bernanke kann Börsen taumeln oder jubeln lassen. Der Chef der US-Notenbank ist auch auf dem Olymp der Wirtschaftswelt ein ganz normaler Mann geblieben. Seinen 60. Geburtstag feiert er nun am Ende einer Bilderbuch-Karriere.

Für einen der mächtigsten Männer der Finanzwelt wirkt Ben Bernanke überraschend zurückhaltend. Der scheidende Chef der US-Notenbank Federal Reserve spricht seine marktbewegenden Worte stets mit ruhiger, fast ausdrucksloser Stimme. Temperamentvolle Gesten oder gebieterisches Gehabe sind nicht seine Sache. Von den Partys der Reichen und Bedeutenden in der Hauptstadt Washington hält er sich fern, lieber erledigt er daheim mit seiner Ehefrau Anna den Abwasch und löst Kreuzworträtsel, schrieb das Magazin „Time“ einst.

Was für ein Kontrast: Sein schüchternes Auftreten und sanftmütiges Gesicht hinter dem weißen Vollbart lassen kaum erahnen, welch immensen Einfluss Benjamin Shalom Bernanke auf das Wohl und Wehe der globalen Ökonomie hat. Er muss nur vage Andeutungen über leichte Änderungen der Geldpolitik seiner Zentralbank machen und schon brechen auf den Weltmärkten Tumulte aus. Allmachtsfantasien scheint das beim Fed-Chef nicht auszulösen. Auch seinen 60. Geburtstag an diesem Freitag wird er wahrscheinlich eher bescheiden feiern.

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Dabei könnte Bernanke, der sein Amt Ende Januar an Nachfolgerin Janet Yellen abgibt, angesichts seiner Bilderbuch-Karriere eine große Sause veranstalten. Fünf Jahre vor dem gewöhnlichen Rentenbeginn hat er eigentlich alles erreicht, was es in der Ökonomenwelt zu erreichen gibt. Schon als Jugendlicher fiel er durch seinen Intellekt auf. Mit elf Jahren gewann er den Buchstabierwettbewerb seines Heimatstaates South Carolina. Erst im bundesweiten Finale scheiterte er – am Wort „Edelweiß“, wie Biografen süffisant festhielten.

Harvard-Abschluss mit Bestnote

Den Test für die Zulassung zur Universität bestand der Sohn eines Apothekers und einer Lehrerin mit brillantem Ergebnis. Zuvor brachte er sich die Infinitesimalrechnung selbst bei, weil seine High School sie nicht auf dem Lehrplan hatte. Als Spross einer jüdischen Familie lernte er auch Hebräisch. In den Ferien machte er Gelegenheitsjobs, etwa als Kellner oder auf dem Bau.

Das Wirtschaftsstudium an der Elite-Uni Harvard schloss er mit Bestnote ab, den Doktortitel erwarb er am renommierten Massachusetts Institute of Technology. Fast 20 Jahre lehrte und forschte er als Professor an den berühmten Universitäten in Stanford und Princeton, bis er 2002 zur Fed wechselte.

Der damalige Präsident George W. Bush machte Bernanke 2005 zu seinem obersten Wirtschaftsberater, nur um ihn kurz darauf für den noch ruhmreicheren Posten an der Spitze der Notenbank zu nominieren. Das wirkt heute wie eine Ironie der Geschichte, hatte sich der Ökonom doch vor allem mit Forschung über die große Depression der 30er Jahre einen Namen gemacht. Nur eineinhalb Jahre nach seinem Antritt als oberster Währungshüter brach 2007 die heftigste Wirtschaftskrise seit damals über die größte Volkswirtschaft herein.

Zinssenkung auf historisch niedriges Niveau

Fachleute werden wohl noch lange darüber streiten, ob und wie sehr Bernanke dazu beigetragen hat, die US-Konjunktur wieder auf Trab zu bringen. Unter seiner Ägide hält die Notenbank seit Jahren den Zins bei knapp über Null Prozent und steckte zudem 3,5 Billionen Dollar in Staatsanleihen und Hypothekenpapiere. Das ist historisch einmalig und nicht ohne Risiko. „Dieser schüchterne, methodische Ökonom hat sich unter dem Druck zum vielleicht innovativsten und mutigsten Führer in der Geschichte der Fed entwickelt“, urteilte jüngst die „New York Times“. Darüber hinaus hat er der ehrwürdigen Federal Reserve einen neuen Stil verpasst, der auf mehr Offenheit setzt.

Völlig offen ließ Bernanke bisher, wie er sich seine Zeit nach dem Abschied vom Fed-Vorsitz vorstellt. Geht er wieder an eine Uni, sucht er sich einen lukrativen Posten im Bankensektor, berät der Republikaner künftig Politiker? Wahrscheinlich ist wohl, dass sich der Vater zweier erwachsener Kinder öfter im Stadion der Washingtoner Baseball-Mannschaft sehen lässt. Auch in den vergangenen Jahren schlich er sich häufiger in Jeans und mit einer Mütze auf dem Kopf zu den Spielen. Denn wenn er nicht gerade Märkte bewegt, ist Bernanke ein Mann von nebenan.

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