Finanzen + Vorsorge Die schleichende Enteignung: Inflation knabbert an Ersparnissen

EZB-Präsident Mario Draghi, hier bei seiner ersten Pressekonferenz Ende 2011.

EZB-Präsident Mario Draghi, hier bei seiner ersten Pressekonferenz Ende 2011.© EZB

Schlechte Zeiten für Sparer: Weil die Europäische Zentralbank die Zinsen im Euroraum tief hält, werfen Sparbuch, Tagesgeld & Co. derzeit nur wenig ab. Doch das Problem geht tiefer: Die Inflation ist zwar im Rahmen, aber höher als der Zins - Sparer verlieren real viel Geld.

Experten schlagen Alarm: Die extrem niedrigen Zinsen in Europa vernichten das Vermögen der Deutschen und belasten die private Altersvorsorge. Das Problem: Derzeit sind die Zinsen für Anlagen in sichere, festverzinsliche Produkte wie Termingelder, Spareinlagen oder auch Bundesanleihen deutlich niedriger als die Inflationsrate. Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater warnt: „Damit ist die reale Verzinsung, das heißt Zinsen minus Inflation, negativ. Der Sparer tappt in die ‚Realzinsfalle‘.“

Nach Berechnungen der Postbank kosten die extrem niedrigen Zinsen in Europa Sparer hierzulande Milliarden. Demnach verlieren die Sparvermögen bei Banken in Deutschland allein in diesem Jahr real rund 14 Milliarden Euro an Wert. Sollte die Inflationsrate im kommenden Jahr auf 2,0 Prozent ansteigen, würde sich die reale Entwertung auf 21 Milliarden Euro erhöhen.

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An sich ist die Inflation in Deutschland derzeit im gewünschten Rahmen. Im Juli kletterte sie auf 1,9 Prozent und damit auf den höchsten Wert des Jahres. Sie liegt aber weiter unter dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB), die eine Jahresteuerung knapp unter zwei Prozent anstrebt. Da die Notenbank im Kampf gegen die Krise im Euroraum jedoch den Leitzins auf das Rekordtief von 0,5 Prozent gedrückt hat, werfen Sparbücher weniger ab, als die Inflation real nimmt. „Der natürliche Feind des Sparers ist die Inflation“, betont Postbank-Chefinvestmentstratege Marco Bargel.

EZB will Zinsen weiter niedrig halten

EZB-Präsident Mario Draghi hatte angekündigt, dass die Notenbank die Zinsen „für längere Zeit auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau“ halten wird. Doch nicht nur die Bundesbank sieht negative Folgen bei anhaltend billigem Geld: „Mit dauerhaft niedrigen Zinsen geht die Gefahr einher, dass nach einer gewissen Zeit die Preise steigen.“ Deshalb fordert Bundesbankpräsident Jens Weidmann: „Die Leitzinsen sollten rechtzeitig wieder angehoben werden, wenn sich in der Zukunft zunehmender Preisdruck abzeichnet.“

Andernfalls bekämen insbesondere Sparer die Folgen niedriger Zinsen zu spüren, erklärt die Bundesbank: „Liegen die Zinssätze für Sparanlagen unterhalb der Inflationsrate, dann wird die Geldanlage zum Verlustgeschäft. Der reale Wert des Sparvermögens sinkt. Vorsorgen und Sparen wird so immer unattraktiver.“

BVR: Zinsniveau gefährdet Altersvorsorge 

Ökonom Kater spricht bereits von finanzieller Repression: Die hoch verschuldeten Euro-Staaten bauen ihre Schulden auf Kosten der Sparer ab. Auch von schleichender Enteignung ist die Rede. Dabei ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht, wie Kater betont: „Die Wirkung der niedrigen Zinsen auf das bestehende Geldvermögen wird sich jedes Jahr etwas erhöhen, weil höhere Zinsbindungen auslaufen und durch niedriger verzinste Anlagen ersetzt werden.“ Das angelegte Geld verliere also stetig an Kaufkraft.

Der Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken betont, dass Sparzinsen unterhalb der Inflationsrate auch die private Altersvorsorge in Deutschland gefährden. Eigentlich müsse die private Vorsorge erhöht werden, um die Kürzungen der Leistungsansprüche aus dem staatlichen Sozialversicherungssystem zu kompensieren, sagt BVR-Vorstandsmitglied Andreas Martin. Doch das Gegenteil sei der Fall, die Sparquote sei angesichts niedriger Zinsen auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 2003 gesunken.

Gemeinsam mit dem Sparkassenverband (DSGV) und dem Verband der Versicherungswirtschaft (GDV) wetterte der BVR schon vor Monaten gegen die lockere Zinspolitik auf Kosten der Sparer: „Sinkende Zinsen bedeuten einen sinkenden Anreiz für das Sparen und Vorsorgen. Dabei müssen die Menschen heute mehr als bisher vorsorgen, um ihren Lebensstandard im Alter zu sichern.“ GDV-Präsident Alexander Erdland malt ein düsteres Bild: „Wenn die Zinsen nicht bald wieder auf ein marktgerechtes Niveau steigen, entsteht ein riesiges Folgeproblem: Große Lücken in der privaten Altersversorgung der künftigen Rentner.“

2 Kommentare
  • Martin Hark 21. Oktober 2013 17:44

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich habe mich jüngst mit demselben Thema beschäftig. Es stellte sich mir die Frage ob eine hohe Inflation (Hyperinflation) oder eine Deflation schlimmer ist. Betrachtet man die Inflation, so wird man schnell feststellen, dass ein gewisses Maß für die Wirtschaft gesund ist. Steigt diese jedoch über eine gewisse Höhe (Hyperinflation) so ist sie immens bedrohlich. In einer gesunden Wirtschaft wird es immer Konjunkturzyklen geben. Je nach Zyklus herrscht entweder eine Inflation oder Deflation vor. Erst der Eingriff seitens der Staaten / Zentralbanken mithilfe der Geldpolitik führt zum ausufern beider Seiten. Die Ursache für eine hohe Inflation (Hyperinflation) wird immer in der Geldpolitik gelegt. Eine normale und gesunde Deflationsphase (Wirtschaftsabschwung) wird in der Regel nicht zugelassen. Die Zentralbanken versuchen diese Phase mit der Geldpolitik zu umgehen. Die daraus resultierende expansive Geldpolitik stellt die Grundlage für eine Hyperinflation dar. Einer sehr hohen Inflationsphase geht somit meist eine Deflationsphase voraus, auch wenn diese durch die expansive Geldpolitik oftmals nicht zu sehen ist. Ob eine jetzt Deflationsphase oder eine hohe Inflationsphase schlimmer ist, kann meiner Meinung nicht eindeutig beantwortet werden. Bei einer Hyperinflation kann ein Neustart (in der Regel ein Währungsneustart) schneller vonstattengehen. Die Auswirkungen finden hierbei in einem sehr kurzen Zeitfenster statt. Das Endergebnis einer Deflation ist meist nichts anderes … jedoch wird der Crash in der Regel nach hinten verschoben …

  • Bernhard Bichler 13. August 2013 17:59

    Guter Bericht zur Inflation

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