Finanzen + Vorsorge Drohende Flaute

In der Krise sind die Banken knauserig wie nach der Lehman-Pleite. Leidtragende sind Unternehmen, die Millionenkredite für Großprojekte brauchen.

Für Walter Döring fiel Weihnachten bereits auf den 21. Dezember. An diesem Tag erreichte den stellvertretenden Vorstandschef von Windreich eine Nachricht aus London. Die badische Firma, die Windkraftanlagen plant, finanziert und baut, würde eine Auszeichnung erhalten für den „Wind Deal of the Year“. Das Fachblatt „Project Finance International“ (PFI) hatte Windreichs Großprojekt Global Tech I zum besten Windprojekt des Jahres gekürt. „Eine schöne vorgezogene Bescherung“ war der Gewinn des PFI Award für Döring. Und außerdem der Lohn großer Mühen für ihn und seine Vorstandskollegen. Denn die Finanzierung von Global Tech I – einem Offshorewindpark mit 80 Mühlen, 140 Kilometer vor der deutschen Küste – war ein gewaltiger Kraftakt.

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Nervenaufreibende Verhandlungen

Rund 1,7 Mrd. Euro musste Windreich auftreiben. Und das gestaltete sich viel schwieriger, als Döring erwartet hatte – proklamierte Energiewende hin oder her. Das Problem war, bei privaten Banken Kredit zu bekommen. Und zwar für ein Drittel der Kosten – ein für derartige Infrastrukturprojekte üblicher Anteil. Doch das gelang nicht. Gerade mal ein Sechstel des Volumens finanziert die Kreditwirtschaft. Döring ist genervt: „Es kann eigentlich nicht sein, dass die Banken den kleinsten Teil beitragen und dass man dazu auch noch mit 20 Banken reden muss. Vor allem, weil da gerade ein gigantisches neues Geschäftsfeld entsteht.“ Die 270 Mio. Euro Kredit gab letztlich ein Konsortium aus 16 Banken. Eine schwierige Konstellation: „Die Verhandlungen dauern ewig. Schließlich hat man mehr als ein Dutzend Banker unter einen Hut zu bringen.“

Dass in diesen Tagen der Bau des Windparks überhaupt beginnen kann, liegt daran, dass zwei Stadtwerke, ein Energiehändler, ein wohlhabender Ex-Unternehmer und ein weiterer Projektentwickler für mehr als ein Drittel der nötigen Investitionen mit Eigenkapital einstehen. Und an der massiven staatlichen Unterstützung: Etwa 500 Mio. Euro kommen von der Europäischen Investitionsbank. Und noch einmal 280 Mio. Euro gab die bundeseigene KfW Bankengruppe.

Sicher ist die Finanzierung von Milliardenprojekten stets schwierig. Doch die frustrierenden Erfahrungen von Windreich-Vorstand Döring machen inzwischen auch Unternehmer, die deutlich weniger Kapital benötigen. Und das deutet auf ein größeres Problem hin: Die Geldhäuser sind knauserig. Zwar kann von einer Kreditklemme keine Rede sein – wenigstens noch nicht (siehe Kasten Seite 104). Doch da, wo es um komplexe, riskantere oder schlicht größere Finanzierungen geht, also bei langfristigen Projekten, bestätigen Mittelständler wie Marktbeobachter: Die Geldbeschaffung ist sehr schwierig geworden.

Das liegt nur zum Teil an Sorgen um die Konjunktur oder Zweifeln am Geschäftsmodell des Schuldners. Vielmehr haben die Geldhäuser mit hauseigenen Problemen zu kämpfen. Die Schuldenkrise einiger Euro-Länder bringt die Institute in die Bredouille. Der Wertverlust von Staatsanleihen reißt große Löcher in die Bankbücher. Das engt den Spielraum bei der Kreditvergabe ein. Hinzu kommen verschärfte Anforderungen an die Kapitalausstattung der Institute. „Das Kreditangebot der Banken leidet unter schärferen regulatorischen Anforderungen und erheblichen Schwierigkeiten bei der Refinanzierung“, sagt Norbert Irsch, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe. Die Konsequenz: „Noch ist die Lage stabil. Aber für das laufende Jahr erwarten wir eine Eintrübung des Kreditneugeschäfts“, sagt Irsch.

Kredit nur zu horrenden Zinsen

Die ersten Leidtragenden der Entwicklung sind Unternehmer, die für Großprojekte, die sich erst über viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte rentieren, eigene Tochterfirmen, sogenannte Projektgesellschaften, gründen. Diese Vehikel brauchen langfristige Kredite, die aus den Erträgen in der Zukunft bedient werden sollen. Typisch sind solche Cashflow-Geschäfte bei Großvorhaben ab etwa 20 Mio. Euro. Zum Beispiel im Bausektor, wo es wie bei Straßenabschnitten oder Technologieparks um Immobilien geht, die sich erst im späteren Betrieb rechnen. Besonders hart aber trifft es Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien: Windparks oder große Solarkraftwerke.

Unternehmer, die in diesen Branchen tätig sind, berichten derzeit alle von ähnlichen Problemen. Wenn sie überhaupt eine Finanzierung bekommen, dann fast ausnahmslos nur zu horrenden Zinsen.

Und selbst wer einen Kreditvertrag hat, kann nicht sichergehen, dass seine Bank ihm treu bleibt. Denn einige Geldhäuser müssen ihr Geschäft zurückfahren – und verkaufen deshalb Kreditengagements an andere Finanzinstitute oder auch Hedge-Fonds weiter (siehe impulse 1/2012, Seite 13). Der Grund: Refinanzierungsmittel für 15- oder 20-jährige Darlehen bekommen die Kreditinstitute derzeit schlicht nicht, berichtet ein Banker: „Der Markt ist tot.“

Verzweifelt gesucht: Projektfinanziers
Weil Banken sich zieren, müssen Projektentwickler verstärkt alternative Geldquellen anzapfen. Wer dafür infrage kommt:
Der Staat Wo immer der Markt in Finanzierungsfragen versagt, tritt die bundeseigene Förderbank KfW auf den Plan. So auch im Geschäft mit Projektfinanzierungen. Allein 5 Mrd. Euro Darlehen will die KfW für Offshore-Windanlagen bereitstellen.
Finanzinvestoren Private-Equity-Häuser wie Brancor Capital Partners und Hedge-Fonds wie der US-Riese Blackstone investieren derzeit kräftig im Energiesektor, bevorzugt in sogenannte Cleantech-Projekte. Auch Versicherer und Pensionskassen sind an langfristigen Einnahmequellen interessiert. Vorteil für Projektentwickler: Große Namen als Investoren erleichtern die Verhandlungen mit Banken. Denn sie wissen: Kommt es zu Schwierigkeiten, können die milliardenschweren Fonds schnell Kapital nachschießen.
Großunternehmen Wer ein Infrastrukturprojekt über Jahre finanzieren will, braucht eine tragfähige Bilanz. Viele Industriekonzerne und Versorger strotzen dank großer Anlagevermögen vor Kraft, genau wie manche Stadtwerke. Nachteil: Solche Geldgeber wollen bei der Planung oft mitreden.
Kapitalanleger Mittelständler können es auch am Kapitalmarkt versuchen: erstens mit standardisierten Schuldscheindarlehen, die Banken in Paketen weiterverkaufen. Oder zweitens mit Unternehmensanleihen. Allerdings lassen sich Anleger meist nur mit sehr üppigen Zinsen locken.

Volkhard Emmrich, geschäftsführender Gesellschafter der Münchner Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner, hält die Lage für prekär: „Wenn man sich anschaut, wie viel Geld die Banken derzeit über Nacht bei der Zentralbank parken, statt es sich untereinander zu leihen, gleichen die Zustände der vergangenen drei Monate jenen nach der Lehman-Pleite“, sagt der Finanzierungsexperte. „Projektfinanzierungen werden in dieser Lage in den kommenden Monaten schwierig bleiben.“

Eine einzelne Bank davon zu überzeugen, ein Projekt komplett allein zu stemmen, ist ebenfalls fast unmöglich, weil die Institute Klumpenrisiken scheuen. Insider berichten, dass viele Banker inzwischen die Order haben, grundsätzlich keine Einzelkreditzusagen über mehr als 20 Mio. Euro zu geben. Und wer sich mit mehreren Banken arrangieren muss, kann nicht länger darauf bauen, dass eine von ihnen die Führungsrolle übernimmt und dann ein Syndikat anderer Banken steuert.

Stattdessen wollen alle Institute am Verhandlungstisch sitzen – was zu einer nervigen Prozedur werden kann. Das weiß auch Thomas Sandner, Vorstandsvorsitzender von Abakus Solar aus Gelsenkirchen, der weltweit Fotovoltaikprojekte konzipiert. „Da die Banken sich gegenseitig nicht mehr unbedingt vertrauen, sind Syndikatsfinanzierungen per se schwieriger geworden, was insbesondere bei Großprojekten zu Problemen führt“, sagt Sandner.

Bei den Club-Deals verschlechterten sich die Konditionen oft

Was es heißt, statt mit nur einem Syndikats- oder Konsortialführer mit mehreren gleichberechtigten Banken in Verhandlungen gehen zu müssen, erklärt Uwe Sager von der Unternehmensberatung Corporate Financial Advisory aus Hofheim im Taunus, der sich auf die Begleitung von Projekten mit erneuerbaren Energien spezialisiert hat. Bei den sogenannten Club-Deals verschlechterten sich die Konditionen oft, weil eine Bank höchstens zehn Jahre Laufzeit wolle. Die nächste bestehe auf jährlich gleichen Tilgungsraten, die dritte verlange einen höheren Zins, berichtet Sager von seinen Erfahrungen. „Und der Kunde bekommt unterm Strich das schlechteste Angebot von allen diskutierten Varianten.“

Ganz abgesehen davon, dass doppelte und dreifache Gebühren fällig werden, wenn jede Bank sich zum Co-Arrangeur ernennt. Außerdem sei es kaum noch möglich, Konkurrenz zwischen verschiedenen Finanziers herzustellen, berichtet der Berater, wenn doch ohnehin regelmäßig alle, die überhaupt infrage kämen, zusammenhielten. Sagers trübes Fazit: „Dieselbe Art Risiko kostet heute fast doppelt so viel wie vor der Finanzkrise.“

Dazu mischt sich die ausgeprägte Risikoscheu der Finanzierer. Windreich etwa musste, um die Kreditzusage aller 16 Banken zu erhalten, Wartungsverträge seiner Lieferanten vorweisen, die für sämtliche Schäden an den Propeller-Kolossen haften. Darüber hinaus musste die Firma auf Druck der Banken eine Allgefahrenversicherung abschließen. Allein diese Police zu beschaffen dauerte zwei Jahre.

Selbst für so sichere Projekte wie jene mit Solaranlagen, bei denen die Risiken und Erträge kalkulierbar sind, ist inzwischen nur schwer eine Finanzierung zu bekommen. Immer wieder muss Abakus-Chef Thomas Sandner gegen die schlechte Stimmung argumentieren, die sich beim Thema Solarstrom in regelmäßigen Abständen breitmacht. „Das geht so weit, dass vor allem Großbanken per Vorstandsbeschluss ein Engagement in der Solarbranche ausschließen, selbst wenn es um die Finanzierung im Kernbereich des Unternehmens geht“, sagt Sandner.

Banken in der Kreditklemme

„Als ein mittelständisches deutsches Unternehmen, das in der Solarbranche tätig ist, bekommt man mehr und mehr das Gefühl, von Banken grundsätzlich als Problemfall eingestuft zu werden.“ Zuletzt spürte Sandner das bei einem nicht mal sonderlich großen Projekt: In Königswinter bei Bonn hat Abakus gerade als Generalunternehmer Solarzellen auf 21 Dächer städtischer Gebäude montieren lassen und die Flächen samt Sonnenkollektoren für 1,4 Mio. Euro an einen privaten Investor verpachtet. Die Suche nach einem Kreditgeber für den Pächter erwies sich als zähester Teil des gesamten Projekts, erst nach mehreren Absagen fand sich eine Bank.

Was Sandner nur kopfschüttelnd kommentieren kann, ist für Banker in diesen Tagen offensichtlich wirklich ein Problem. Egal ob sie eigentlich an die Technik glauben, von der Güte eines Entwicklers überzeugt sind und darauf vertrauen, dass das Erneuerbare-Energien-Gesetz auch weiterhin hohe Erlöse garantiert: Wenn ihnen schlicht die Verschuldungskapazität fehlt, können sie gar keine größeren Engagements mehr eingehen.

Ran an die Schulden
Die Kreditversorgung im Mittelstand scheint in der Breite nicht gefährdet – jedenfalls noch nicht. Bevor sich das ändert, sollten Unternehmer vorsorgen. So geht’s:
Eigenkapital stärken
Die wichtigste Vorsorge gegen drohende Engpässe überhaupt: eine solide Eigenkapitalquote. Was genau „solide“ heißt, ist nicht nur branchenabhängig. Auch gehen die Vorstellungen der Banken oft weit über die der Kunden hinaus. Faustregel: 20 Prozent sind gerade so auskömmlich, 30 Prozent besser. Wer drunterliegt, sollte dringend Gewinne einbehalten. Oder Geld von Gesellschaftern nachschießen.

Umschulden
Langfristige Kredite werden in den kommenden Jahren durch strengeres Aufsichtsrecht immer schwieriger zu bekommen sein. Wer kann, verhandelt jetzt mit der Bank und verwandelt kurzfristige Darlehen in mittelfristige. Das Zins-Dauertief hält die Kosten dafür unten.

Offen informieren
Banker scheuen Risiken mehr denn je. Unternehmer müssen also regelmäßig Geschäftszahlen und Pläne liefern, vor allem aber warnen, bevor es kriselt. Das verschafft ihnen den nötigen Vertrauenskredit.

So ist mit der in Abwicklung befindlichen Westdeutschen Landesbank gerade ein langjähriges Schwergewicht in der Projektfinanzierung ausgefallen. Und die Commerzbank – immerhin der größte Mittelstandsfinanzier unter den privaten Geschäftsbanken – muss bereits für das, was sie derzeit in ihrem Kreditbuch führt, bis Jahresmitte 5,3 Mrd. Euro zusätzliches Eigenkapital beschaffen, um Auflagen der Europäischen Bankenaufsicht zu erfüllen. Geld für neue Projektkredite ist da schlicht nicht drin.

Jedenfalls wird die Commerzbank in diesem Jahr wohl weniger Geschäft machen als noch 2011 – da flossen allein 800 Mio. Euro in Projekte mit erneuerbaren Energien. „In diesem Jahr wird das Neugeschäft sicherlich geringer ausfallen“, sagt der zuständige Bereichsleiter Jan-Philipp Gillmann. Er spricht von einer strategischen Verschnaufpause. Die Bank versuche derzeit eher, neue Partner für das Bestandsportfolio zu gewinnen, Versicherungen etwa oder auch kleinere Banken, statt in der Breite neue Engagements einzugehen. „Grundsätzlich bleiben Projektfinanzierungen aber ein sehr attraktives Geschäft, auch weil sie kaum konjunkturabhängig sind“, sagt Gillmann. „Wenn wir da trotzdem vorsichtiger werden, liegt das nur daran, dass wir auf der Refinanzierungsseite weniger ins Risiko gehen.“

Wenn doch, dann fordern sie vom Kunden zusätzliche Sicherheiten – und Haftungsmasse. Manfred Wendt, geschäftsführender Gesellschafter der Johann Bunte Bauunternehmung aus Papenburg, beobachtet die Situation mit großer Sorge. Denn was die Banken dem Mittelständler inzwischen an Eigenmitteln abverlangen, stellt das Geschäftsmodell Projektfinanzierung teilweise vollständig infrage.

Seit Beginn der Finanzkrise im Herbst 2008 habe sich die Basis für solche Projekte dramatisch verschlechtert, sagt Wendt. „Früher haben die Kreditinstitute Eigenkapitalquoten von etwa 20 Prozent verlangt – teilweise sogar deutlich weniger“, sagt Wendt. „Nach 2008 sind die geforderten Quoten dann auf 40, 50 oder 60 Prozent gestiegen. Das ist gleichbedeutend mit einer Halbierung bis Drittelung der Rendite. Damit ist die klassische Projektfinanzierung wirtschaftlich weitgehend nicht mehr darstellbar.“

Die Firma Bunte, die von Autobahnen bis zu Pipelines engagiert ist, sucht nun verstärkt nach kapitalkräftigen Partnern, um größere Bauvorhaben zu stemmen. Parallel dazu belassen die Gesellschafter inzwischen große Teile der Gewinne in der Firma und stärken das Eigenkapital – auch um Projektgesellschaften besser ausstatten zu können.

Einen anderen Ausweg aus der Kreditklemme sieht Bunte-Chef Manfred Wendt nicht – denn ein Ausstieg aus dem Projektgeschäft kommt für ihn nicht infrage. „Dazu ist der Bereich strategisch viel zu wichtig für uns.“ Angesichts der schlechten Lage bleibt sonst nur noch eines: Hoffnung. Schließlich kann es angesichts der aktuellen Lage eigentlich nur besser werden.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 02/2012.

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