Finanzen + Vorsorge EZB senkt Leitzins auf Rekordtief von 0,25 Prozent

EZB-Präsident Mario Draghi, hier bei seiner ersten Pressekonferenz Ende 2011.

EZB-Präsident Mario Draghi, hier bei seiner ersten Pressekonferenz Ende 2011.© EZB

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins im Euroraum überraschend erneut gesenkt - auf das Rekordtief von 0,25 Prozent. Die Entscheidung löste an der Börse Kurssprünge aus. Der Euro hingegen stürzte um mehr als ein Prozent ab.

Die Europäische Zentralbank (EZB) verschärft ihren Krisenkurs. Die Notenbank reagierte am Donnerstag auf die zuletzt extrem niedrigen Inflation im Euroraum und senkte ihren Leitzins auf das Rekordtief von 0,25 Prozent. Das teilte die Notenbank nach einer Sitzung des EZB-Rats in Frankfurt mit.

Die Börse feierte die Entscheidung mit einem Kursfeuerwerk: Der Deutsche Aktienindex Dax schoss binnen Minuten nach der Bekanntgabe um fast 100 Punkte auf mehr als 9150 Punkte in die Höhe. Im Gegenzug fiel der Eurokurs rapide von mehr als 1,35 auf unter 1,34 Euro.

Anzeige

Die Teuerung im Euroraum war im Oktober auf 0,7 Prozent gesunken – den tiefsten Stand seit vier Jahren. Das hatte Forderungen nach noch billigerem Zentralbankgeld und einem Leitzins noch unter dem bisherigen Rekordtief von 0,5 Prozent neue Nahrung gegeben. Das billige Geld soll helfen, eine deflationäre Abwärtsspirale aus fallenden Verbraucherpreisen und schwachem Wirtschaftswachstum zu verhindern.

EZB wird Leitzinsen für längere Zeit niedrig halten

Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite und Investitionen und kurbeln so die Wirtschaft an. Das stärkt den Preisauftrieb. Die EZB sieht Preisstabilität bei knapp unter 2,0 Prozent Jahresteuerung. Zuletzt lag die Inflationsrate im Januar bei 2,0 Prozent, seither teils deutlich darunter. Üblicherweise orientiert sich die EZB nicht an einzelnen monatlichen Inflationsdaten, sondern am mittelfristigen Ausblick. Hier erwartet die Zentralbank jedoch auch in nächster Zeit keine großen Veränderungen, sondern stellt sich nach eigenen Angaben auf eine „längere Phase niedriger Inflationsraten“ ein. Details dazu will sie bei der Vorlage ihrer neuen Prognosen im Dezember nennen.

Auch die Zinsen sollen niedrig bleiben: Der EZB-Rat gehe davon aus, dass sie im Euroraum für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder darunter liegen werden, sagte EZB-Präsident Mario Draghi.

Mehrheit der Ökonomen hatten mit Zinspause gerechnet

Die meisten Ökonomen hatten vor der Ratssitzung mit einer Zinspause gerechnet. Der historische Zinsschritt kommt auch deshalb überraschend, weil die Wirtschaft im Euroraum die Rezession verlassen hat und 2014 – auch nach EZB-Prognosen – wieder wachsen wird.

Für Deutschland mit seiner relativ robusten Konjunktur gilt schon das bisherige Zinsniveau als zu niedrig. Und da Banken bereits extrem günstig an Geld kommen, es aber nicht an Unternehmen weiterreichen, ist umstritten, ob die erneute Zinssenkung in den Krisenländern positive Auswirkungen haben wird.

Bankenverband kritisiert Zinssenkung

Der Bundesverband deutscher Banken kritisierte unterdessen die Senkung des Leitzinses: „Angesichts des schon seit Längerem sehr niedrigen Zinsniveaus werden die konjunkturellen Effekte […] allenfalls sehr gering ausfallen“, sagte Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer. Er erwartet durch den Zinsschritt keine nennenswerte Belebung der Kreditvergabe in Peripherieländern wie Spanien und Griechenland.

Mittel- bis längerfristig würden die Risiken der Niedrigzinspolitik weiter zunehmen, kritisierte Kemmer. „Insbesondere die Gefahr von falschen Risikoeinschätzungen, verzerrten Investitionsentscheidungen und Vermögenspreisblasen.“ Die Angst vor einer Abwärtsspirale aus sinkenden Verbraucherpreisen und schwachem Wirtschaftswachstum hält der Bankenverband für übertrieben – ernsthafte Deflationsrisiken seien nicht auszumachen.

Versicherungen: „Fatales Signal für Altersvorsorge-Sparer“

Vor allem Sparer bringt das niedrige Zinsniveau in die Bredouille. Denn derzeit sind die Zinsen für Anlagen in sichere, festverzinsliche Produkte wie Termingelder, Spareinlagen oder auch Bundesanleihen deutlich niedriger als die Inflationsrate. Der reale Wert des Sparvermögens sinkt.

Für Sparer sei die Zinssenkung daher ein fatales Signal, kritisierte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. „Eine Abkehr von der Politik des billigen Geldes ist mehr als überfällig.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...