Finanzen + Vorsorge Firmenwerk und Staates Beitrag

Vorbei die Zeiten, in denen schwächelnde Unternehmen Fördermittel als letzten Rettungsanker nutzten. Die 25 Milliarden Euro, die der Staat jedes Jahr für Gründung, Forschung und Nachfolge einsetzt, macht starke Firmen noch stärker. Wie Sie mehr aus den Fördermitteln herausholen.
Autoren: Holger Externbrink, Olaf Wittrock

„Aufwendig, langwierig und oftmals teuer“, Alexander Stricker,
Chef der Kölner IT-Firma Charamel, hatte keine gute Meinung
über Fördermittel. „Die meisten Angebote offerierten kaum
günstigere Zinsen als die Banken. Und dafür war uns der
Aufwand, die vielen Formulare auszufüllen, zu groß“, so der
Unternehmer, dessen Firma sogenannte Avatare,
Computerfiguren mit menschlichem Antlitz, programmiert.

Bis Stricker vor vier Jahren auf das Forschungsprojekt „Virtual
Human“ stieß. Hier gab es nicht nur günstige Forschungsmittel,
sondern auch Kontakte zu Industrieunternehmen und
Wissenschaftlern. „Das Netzwerk ist für uns mehr wert als die
reine Finanzierung“, sagt Stricker. Inzwischen ist Charamel
eine der wenigen Firmen, die die Grundlagenforschung der
Wissenschaft in marktfähige Produkte umsetzt und vertreibt.

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Der Ruf von Fördermitteln hat sich grundlegend gewandelt.
Weg vom letzten Strohhalm für schwache Firmen, hin zum
strategischen Finanzierungsinstrument für erfolgreiche
Unternehmer. Fünf von ihnen hat impulse eingeladen, ihre
persönlichen Erfahrungen mit öffentlichen Finanziers zu
schildern: Gemeinsam mit Ingrid Matthäus-Maier, der neuen
Chefin der staatlichen Förderbank KfW Bankengruppe, haben
sie in Frankfurt am Main über Sinn und Effizienz der
öffentlichen Unterstützung diskutiert.

Ihr Resümee ist eindeutig: Fördermittel sind weniger als
Rettungsanker oder billiges Geld interessant, Unternehmer
möchten einen zusätzlichen Nutzen. Gründer erwarten neben
Startgeld Kontakte zu anderen Geldgebern, Nachfolger wollen
zum Beteiligungskapital Risikoteilung, Forscher wie Stricker
erhoffen sich Kontakte zu Kollegen. Und expansionsfreudige
Unternehmer wünschen flexible Partner.

Damit sie ihrem Förderauftrag gerecht werden, stellen sich KfW
und EU darauf ein. Die 25 Milliarden Euro, die im vergangenen
Jahr an Mittelständler flossen, vergaben sie nicht mehr nach
dem Gießkannenprinzip. Für jede Finanzierung verlangen sie
eine genaue Beschreibung der Investition, führen eine
Bonitätsprüfung durch und knüpfen die Zahlung an
Bedingungen.

So versuchen sie, Darlehen, Bürgschaften, Zuschüsse oder
Beteiligungskapital passgenau einzusetzen. Matthäus-Maier:
„Wir wollen nicht nur fördern, sondern auch fordern“. Welche
Förderprogramme sich am besten eignen und außerdem einen
Zusatznutzen bieten, hat impulse für Sie
zusammengetragen.

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„Die Fördermittel-Landschaft verändert sich dramatisch“,
bestätigt Michael Wandt, der Unternehmer bei der Suche nach
geeigneten Mitteln berät. Zwar bilden die weit über 1.000
Förderprogramme von EU, Bund, Ländern und Kommunen
noch immer einen unübersichtlichen Flickenteppich. Gleichwohl
erkennt Wandt eine wachsende Ausrichtung am Markt:
„Neuere Angebote decken oft genauer den Bedarf kleinerer
Firmen ab“, sagt der Fördermittel-Experte. So hat zum Beispiel
die KfW Mittelstandsbank ihren „Unternehmerkredit“ mit
flexiblen Laufzeiten und unterschiedlichen Zinsbindungen
ausgebaut, der sich zudem mit Geld aus anderen Töpfen
verknüpfen lässt. Wandt: „Durch solche
Kombinationsmöglichkeiten lassen sich Fördermittel auch in
strategische Finanzierungen einbinden.“

Ein Befund, den Unternehmer Volker Lange aus der Praxis
bestätigt. Der 42-Jährige stieg beim Schaltanlagenbauer
Elektro-Bau Rubach Ende 2006 vom Mitarbeiter zum größten
Gesellschafter auf. Um den Unternehmensgründer
auszuzahlen, der seine Firma aus Altersgründen verkaufen
wollte, brauchte Lange nicht nur Kredit. Auch das Risiko des
Management-Buy-out (MBO) wollte er auf möglichst viele
Schultern verteilen. Gemeinsam mit seinen Hausbanken
Dresdner Bank und Hamburger Sparkasse organisierte er einen
Mix aus Eigenkapital, Darlehen und Bürgschaften. „Die privaten
Banken haben an mehreren Stellen öffentliche Gelder
organisiert“, berichtet Lange. Am Ende stand ein
hochkomplexes Paket, das die Risiken zwischen ihm, den
Banken und dem Staat aufteilte.

Ohne die Haftung öffentlicher Stellen würde so manche
Innovation erst gar nicht Realität. Beispiel: Hansgrohe AG.
Eigentlich bräuchte der Sanitärausrüster gar keine Fördermittel.
Doch als die AG jüngst ein sehr umweltschonendes
Galvanisierungswerk zur Kunststoffmetallisierung aufbauen
wollte, setzte auch der große Mittelständler auf Staatsgelder.
„Wichtiger als die Finanzierung ist die Haftungsbeteiligung des
Staates. Sie ermöglicht es, größere Risiken einzugehen“, erzählt
Vorstand Richard Grohe. Die Geschäftsbanken würden bei
solchen Projekten nicht immer gleich Feuer und Flamme sein,
so der Enkel des Firmengründers von Hansgrohe.

Um weit mehr als staatliche Zuschüsse geht es auch bei der
Forschungsförderung. Neben günstigem Geld interessiert die
meisten Selbständigen der Kontakt zu den wissenschaftlichen
Netzwerken. Dafür sind freilich hohe bürokratische Hürden zu
überspringen. Denn bei der EU, die in diesem Segment das
meiste Geld bereitstellt, gelten internationale Projekte als
besonders förderungswürdig. Meist lohnt nur ein Antrag im
Verbund mit mehreren Firmen aus verschiedenen Ländern. Der
Lohn: Das Geld fließt oft in Form von Zuschüssen, die die
Unternehmer – anders als etwa zinsgünstige Darlehen – nicht
zurückzahlen müssen.

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Die guten Kontakte kommen gratis hinzu: „Für uns hat sich die
Mitarbeit an einem solchen Forschungsnetzwerk als idealer Weg
zur Geschäftsentwicklung erwiesen“, berichtet Charamel-Chef
Stricker. Unter Leitung des Deutschen Forschungszentrums für
Künstliche Intelligenz begleitete er vier Jahre lang die
Entwicklung virtueller Lernsysteme: „Das ermöglichte uns den
Kontakt zur VW-Autostadt, für die wir ein Programm erstellt
haben, mit dessen Hilfe Besucher im Dialog mit unseren
Avataren lernen, wie ein Auto konstruiert wird.“

Bei Firmengründungen zahlt sich die Förderung bisweilen gleich
doppelt aus. „Der neue High-Tech Gründerfonds funktioniert als
regelrechter Durchlauferhitzer für privates Kapital“, hat der
Berliner Gründercoach Thomas Schröder beobachtet, der unter
anderem Ole Tangermann von den Vorzügen des stattlichen
Risikokapitals überzeugt. Der bekam für die Entwicklung neuer
Shopping-Software Ende Januar eine halbe Million Euro aus
dem 272 Millionen Euro schweren Fonds – und lockte gleich
zwei andere Finanziers an: „Der Fonds prüft genauso wie ein
privater Geldgeber“, berichtet Tangermann: „Das erleichtert es
anderen Investoren, sich ebenfalls zu engagieren.“

Und manchmal kann sich der Griff in den Fördertopf noch
auszahlen, wenn er sich rein finanziell kaum noch rentiert.
Nämlich, wenn die Zusatzkonditionen so attraktiv sind, dass die
Offerten der privaten Banken nicht mithalten können. Als der
Wirt Andreas Hörger sein Gasthaus zum Bio-Hotel erweiterte,
waren die KfW-Gelder zwar nicht günstiger, aber sie lassen ihm
mehr Zeit mit der Rückzahlung. Hörger muss erst nach zwei
Jahren anfangen, die Schulden zu tilgen. Seine Bank hätte
einer solchen Klausel nie zugestimmt.

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