Finanzen + Vorsorge Gegen den Strom

Es ist Krise, die Banken sind knauserig, Investoren rar. Trotzdem gründen zwei Hamburger eine Reederei. Ohne das notwendige Kapital. Das geht mit einem überzeugenden Geschäftsmodell und guten Kontakten.

Mit einer Antwort rechneten Alexander Tebbe und Lucius Bunk gar nicht. 12,5 Mio. Dollar waren die zwei Hamburger Reeder bereit, für die „Honest Rays“ zu bezahlen. Der fünf Jahre alte Stückgutfrachter dürfte neu mehr als 20 Mio. Dollar gekostet haben. Nun, im Februar 2011, verlangten die dänischen Eigentümer 15 Mio. Dollar. Ein Schnäppchenpreis, für Tebbe und Bunk aber immer noch zu teuer. Sie hatten erst im Oktober zuvor die Reederei Auerbach Schifffahrt gegründet und waren seither auf der Suche nach ihrem ersten Schiff.

Für das hatten sie klare Vorstellungen: Es soll mindestens zehn Prozent Rendite einfahren. Bei einem Preis von 12,5 Mio. Dollar schien das möglich. Nach etwa zwei Wochen die Überraschung: Die Schiffseigner akzeptierten das Dumpinggebot, mit einem kleinen Aufschlag von 200.000 Euro für Treibstoff und ein paar Serviceleistungen. Die Dänen hatten keine andere Wahl: Ohne sofortigen Verkauf hätten sie ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Und andere Interessenten gab es nicht. Im März 2011 konnten die Hamburger das Schiff in Schanghai übernehmen. „Wir hatten viel, viel Glück“, sagt Tebbe.

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Oh ja. Denn was in der Kurzfassung des Kaufs fehlt, ist seine Finanzierung. Und die machte das Geschäft richtig schwierig. Denn Tebbe und Bunk hatten keine 12,5 Mio. Dollar. Zum Auerbach-Start steckten sie im klassischen Gründerdilemma: Banken wollen keinen Kredit geben, solange nicht ausreichend Eigenkapital da ist. Investoren aber sind kaum zum Einstieg bereit, wenn es nicht mehr gibt als nur eine Geschäftsidee. Für die Jungreeder hieß das: kein Schiff, keine Investoren. Keine Investoren, keine Kredite. Keine Kredite, kein Schiff.

Was Tebbe und Bunk vorher gemacht haben

Dass das Schiff jetzt als „Maple Ingrid“ für Auerbach unterwegs ist, hat zwei Gründe: viel Überzeugungsarbeit und der unermüdliche Kontaktaufbau zu potenziellen Geldgebern.

Die Grundlage für beides – Expertise und ein geschäftliches Netzwerk – hatten sie sich zuvor erarbeitet. Tebbe, 30, ist gelernter Schifffahrtskaufmann und studierte Schiffsfinanzierung. Zuletzt arbeitete er als Finanzierungsspezialist bei Ocean Partners Shipping, einem Hamburger Emissionshaus für Schiffsfonds. Und Bunk, 33, hatte ein Managementprogramm bei der Reederei Ernst Russ absolviert, für die er zuletzt das Büro in Schanghai leitete. So lernt man das Handwerk und jede Menge Leute aus der Branche kennen.

Mit Auerbach wollen die Jungreeder binnen fünf Jahren eine Flotte von etwa zehn Schiffen zusammenkaufen, und das inmitten einer tiefen Branchenkrise. Die Charterraten für Containerschiffe sind auf einigen internationalen Routen um über 80 Prozent eingebrochen; auch bei Massen- und Stückgutfrachtern fielen die Sätze. Und die Preise dürften unter Druck bleiben, weil noch zahlreiche Containerriesen in den Werften Chinas auf den Stapellauf warten. Trotz anhaltenden Wachstums des weltweiten Frachtvolumens rechnen Experten mit Überkapazitäten bei den Schiffen.

Derartige Risiken scheuen die Banken. Große Schiffsfinanzierer wie etwa die Commerzbank ziehen sich aus dem Geschäft zurück. „Selbst solide, konservativ finanzierte Schifffahrtsunternehmen haben in Deutschland im Moment große Schwierigkeiten, Kredite zu bekommen“, sagt Carsten Wiebers, Leiter der Schiffsfinanzierung der Förderbank KfW Ipex. „Im Grunde sind die beiden Gründer vier Jahre zu spät dran“, sagt ein Banker, der anonym bleiben will. „Heute bekommen sie zwar billige Schiffe, aber kein Geld mehr.“

Das bekamen Tebbe und Bunk zu spüren. Bei etwa einem Dutzend Schiffsfinanziers wurden sie vorstellig. Geld wollte keiner geben. „Die klopften uns auf die Schulter und sagten, wir sollten wiederkommen, wenn wir fünf Schiffe haben“, erzählt Tebbe. Dabei gefiel den Bankern sogar, was ihnen die Gründer zu erzählen hatten. Denn das Auerbach-Konzept unterscheidet sich in wichtigen Punkten von den klassischen Geschäftsmodellen der Branche.

Ab in die Nische

Die meisten Reedereien sind heute entweder reine Schiffsmanager ohne eigene Flotte. Oder sie haben zwar eigene Schiffe, überlassen sie aber gegen Gebühr, der sogenannten Charter, Dritten für den Warentransport. Auerbach dagegen will von der gesamten Wertschöpfung der Handelsschifffahrt profitieren. Und das in einer Nische abseits der riesigen Containerschiffe: Stückgutfrachter, die alles transportieren, was nicht mehr in die Stahlboxen passt.

Auch bei der Finanzierung geht das Startup neue Wege. Während der Großteil der Flotten deutscher Reeder über Fonds finanziert ist, denen jeweils ein einzelnes Schiff gehört, können sich bei Auerbach Investoren an der gesamten Reederei beteiligen. Das mindert das Risiko der Anleger, wenn eins der Schiffe mal Verluste macht. „Wenn ich heute neu anfangen würde, ich würde es genauso machen“, sagt der Chef einer der großen Reedereien. Und ein Schiffsbanker, der ebenfalls ungenannt bleiben möchte, sagt: „Das ist das Zukunftsmodell.“

Solches Lob nutzt im Heute wenig. Als das Geld für den Kauf der „Honest Rays“ hermusste, hatten sie keine Bank, die 60 Prozent der Summe als Kredit stellen wollte. Eine letzte Chance sah Tebbe noch: Er rief einen Banker bei einer Regionalbank aus Niedersachsen an, den er vor Jahren flüchtig kennengelernt hatte. Zwar finanziert das Geldhaus sonst nur Reeder aus seinem Geschäftsgebiet. Doch der aufgefrischte Kontakt öffnete den Hamburgern die Tür: Bunk und Tebbe bekamen einen Termin.

Unternehmer, nicht Eigentümer
Für Investitionen brauchen die Auerbach-Gründer viel Kapital. Das geben ihnen die Mitgesellschafter. Je mehr, desto weniger gehört den Reedern von ihrer Firma. Wie das Modell funktioniert
Das Unternehmen Auerbach Schifffahrt ist eine GmbH & Co. KG. Das Management obliegt der GmbH in dem Konstrukt. Dies ist die Bunk & Tebbe GmbH, die zu jeweils 50 Prozent den Auerbach-Gründern Lucius Bunk und Alexander Tebbe gehört. An der KG können sich Investoren beteiligen.
Die Gründer Bunk und Tebbe sind Geschäftsführer der GmbH und damit für die operative Führung der Reederei verantwortlich. Im Gesellschaftsvertrag ist zudem geregelt, dass die Gründer nur aus dem Unternehmen gedrängt werden können, wenn ein „durch Vorsatz geprägter wichtiger Grund“ vorliegt.
Die Gesellschafter Derzeit gehören Bunk und Tebbe weniger als zehn Prozent der Firma. Der Rest ist Eigentum von aktuell elf Kommanditisten, die jeweils in Höhe ihres Reederei-Anteils am Erfolg beteiligt sind. Um die langfristige Existenz des Unternehmens im Interesse der Gründer zu sichern, ist in der Gesellschafterversammlung für einen Katalog von Entscheidungen eine Dreiviertelmehrheit erforderlich, zum Beispiel für den Verkauf.
Der Beirat Der aktuell vierköpfige Beirat ist von den Anteilshaltern gewählt und stimmt strategische Entscheidungen mit Bunk und Tebbe ab.

Ein freundlicher Mann um die 50 empfing sie, Sachbearbeiter für Schiffsfinanzierungen. Tebbe und Bunk legten zwei Din-A4-Blätter auf den Tisch. Auf dem ersten ein Schaubild mit dem Geschäftsmodell von Auerbach. Auf dem zweiten die Investitionsrechnung für die „Honest Rays“. Eigentlich war alles wie sonst, und doch gab es einen Unterschied: „Der Mann hatte die Ärmel hochgekrempelt.“ Zwei Stunden stellte der Banker Fragen. Danach schien er überzeugt zu sein. Zwar gebe es seit Jahren keine Neukunden mehr, sagte er, aber er wolle die Sache mit dem Vorstand besprechen.

Drei Tage später kam das Okay. Einzige Bedingung: Der Kredit würde nur ausgezahlt, wenn das Eigenkapital, rund 4 Mio. Euro, vollständig eingezahlt sei.

Es wurde hektisch. In vier Wochen sollte das Schiff übernommen werden; bis dahin musste die komplette Summe auf dem Firmenkonto liegen. Nun musste sich zeigen, ob sie in den Monaten zuvor gute Arbeit geleistet hatten. Fast täglich waren Tebbe und Bunk unterwegs gewesen, um Kontakte zu potenziellen Kapitalgebern zu knüpfen. Hier ein Frühstück, dort ein abendlicher Vortrag – bei Vereinen, Verbänden oder auch Parteien. „Es gibt keine Veranstaltung, auf der man die beiden nicht trifft“, sagt ein Hamburger Reeder. Bunk erklärt: „Wir mussten einen Fuß in die Tür bekommen.“

Nach der Kreditzusage sprachen sie ein gutes Dutzend finanzstarke Geschäftsleute erneut an, ob sie jetzt, da es ein Schiff gebe, einsteigen wollten. Matthias Ruttmann, Geschäftsführer der Reederei MST, sagte als einer der Ersten zu. Mit knapp mehr als 1 Mio. Euro, 25 Prozent des Eigenkapitals, beteiligte er sich. „Vor allem aus Sympathie“, sagt der Unternehmer. Er kennt Lucius Bunk schon seit Jahren aus seiner Zeit in Schanghai. „Ich weiß ja, dass es Startups schwer haben“, sagt Ruttmann. „Mein Vater hat das ja auch erlebt.“ Jürgen Ruttmann hatte die Reederei 1985 gegründet, mit einem Schiff und einem Investor. Heute hält MST mit einem Schwesterunternehmen mehr als 50 Schiffe.

Sieben weitere Investoren zahlten die noch offene Summe ein, der letzte erst wenige Tage vor der Übernahme des Schiffes am 30. März in Schanghai. Seitdem fährt die „Maple Ingrid“ unter der Auerbach-Flagge, weißes Ahornblatt auf blauem Grund.

Ob das Modell funktioniert, ist bisher nicht absehbar. Noch bietet Auerbach sich gar nicht selbst als Logistiker an, sondern hat die „Maple Ingrid“ für drei Jahre an die schwedische Reederei Thorco Shipping verchartert. „Wenn wir fünf oder sechs Schiffe haben, können wir die Befrachtung selbst machen“, glaubt Bunk.

Dann tritt Auerbach in Konkurrenz mit vielen anderen Anbietern. Ein harter Wettbewerb, dem sich Bunk und Tebbe stellen müssen. Vor allem in Ostasien, wo das Stückgutgeschäft überwiegend läuft. Daher war Bunk, der fließend Chinesisch spricht, gerade erst drei Wochen in der Region unterwegs. Vielleicht schon 2013 wird „Auerbach Shanghai“ gegründet.

Doch erst einmal soll nun ein zweites Schiff her. Derzeit verhandeln die Auerbach-Gründer den Kauf eines weiteren Frachters mit einer japanischen Reederei. Nur über den Preis muss man sich noch einigen. Sollte das gelingen, wird es dieses Mal nicht hektisch: Die Finanzierung steht. Im September 2011 haben die Auerbach-Gesellschafter eine Kapitalerhöhung beschlossen. Drei weitere Finanziers haben danach Anteile gezeichnet. Und was den Kredit angeht: Bei der Bank in der Provinz wurden wieder die Ärmel hochgekrempelt.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 03/2012.

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