Finanzen + Vorsorge Geld frisst Zeit

Wer als Gründer auf staatliche Unterstützung hofft, sollte sich so früh wie möglich um die Finanzierung kümmern. Denn bis das Geld tatsächlich auf dem Konto ist, vergehen oft Monate.

Es war ein mühsamer Start, doch Sebastian Alexander, Chef von VivoSensMedical in Leipzig, ist überzeugt: Der Aufwand hat sich gelohnt. Mehr als zwei Jahre ist es her, seit er mit zwei Kollegen von der Universität Leipzig darüber nachdachte, wie aus einem Forschungsprojekt eine Firma werden könnte. Ausgangspunkt war ein Patent seines Schwiegervaters, des stellvertretenden Direktors der Universitätsfrauenklinik und Erfinders des Ovulasens-Ringes, eines Geräts, mit dem Frauen ihre Körpertemperatur überwachen und so ihre fruchtbaren Tage präzise vorhersagen können.

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Zehn Jahre lang schlummerte die Idee in der Schublade, dem Erfinder fehlten technisches Know-how und ein Geschäftskonzept. Beides brachte Sebastian Alexander mit, ihm fehlte nur noch das Geld. Der Staat half: Mit dem Exist-Gründerstipendium, einem Zuschuss speziell für Firmengründungen aus der Universität, würde er das Forschertrio um Alexander ein ganzes Jahr lang finanzieren. Zeit genug, um in Ruhe einen Businessplan zu entwickeln, erste Investoren zu suchen und das Unternehmen Vivosensmedical zu gründen.

Warten auf die erste Tranche

So weit die Theorie. Als die Gelder tatsächlich flossen, war schon ein Jahr ins Land gegangen. So lange hatten sich die Suche nach dem richtigen Fördertopf, das Abhaken diverser Absagen, das immer wieder neue Aufbereiten der Unterlagen und das Warten auf die Zusage hingezogen. „Wer Fördermittel will, braucht einen langen Atem“, stellt Alexander fest. Für den Wissenschaftler, der schon vorher regelmäßig allerlei Forschungsanträge gestellt und begleitet hatte, war das zwar nicht wirklich eine Überraschung. Aber doch anstrengend.

Zwölf Monate Wartezeit für ein Jahr finanzielle Sicherheit sind sicherlich ein Extremfall der Förderfinanzierung. Klar ist aber: Gründer, die auf öffentliche Hilfen bauen oder angewiesen sind, tun gut daran, sich so früh wie möglich ums Staatsgeld zu bemühen. Denn bevor zinsverbilligte Förderdarlehen oder Beteiligungskapital fließen, bis Bürgschaftsurkunden unterzeichnet und Zuschüsse genehmigt sind, können Wochen und Monate ins Land gehen.

Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Bei einem Teil der Programme sind bestimmte Antragsfristen einzuhalten – wer sich zu spät oder zum falschen Zeitpunkt kümmert, muss dann ein halbes oder gar ein ganzes Jahr warten. Manchmal sind die Gelder gegen Jahresende ausgeschöpft – dann kann sich die Entscheidung bis ins Frühjahr hinziehen. Und teilweise sind die Prüfer schlicht überlastet, weil mal wieder ungewöhnlich viele Anträge eingehen: So wurde die größte staatliche Förderbank KfW zuletzt im Sommer 2011 von einer Gründerwelle überrascht, die die Durchlaufzeit von drei auf zehn Wochen verlängerte. Warum genau sich die Kreditanträge manchmal extrem häufen, weiß auch bei der KfW keiner so genau, es komme eben immer wieder vor, berichten die Experten. Und dann kann es passieren, dass sich die Rechnungen beim Gründer schon stapeln, auf dem Konto aber noch Ebbe herrscht.

Wochen zwischen Theorie und Praxis

„Viele Gründer unterschätzen den Zeitaufwand“, warnt Michael Wandt, der Gründer mit seiner Firma Wabeco Subventionslotse in Sachen Fördermittel berät. „Außerdem rechnet kaum einer Verzögerungen ein.“ Den in Broschüren genannten Bearbeitungszeiten sollten Gründer besser nicht trauen, sagt er. Tatsächlich sind sie oft sehr viel länger als angegeben. Aus Wandts Erfahrungen und nach den Einschätzungen weiterer routinierter Berater hat impulse den realistischen Zeitbedarf ermittelt, mit dem Gründer bei den wichtigsten Fördertöpfen mindestens rechnen sollten, um nicht unversehens mittellos dazustehen.

Wer die Finanzierung in Angriff nimmt, sollte zudem bedenken: „Je höher der Förderanteil, desto länger dauert es, die Finanzierung auf die Beine zu stellen“, sagt Wandt. Dazu kommt: Nicht jede Förderbank ist gleich schnell. Er empfiehlt: „Wer genau wissen will, wie lange das Förderinstitut seines Landes gerade braucht, sollte dort mal anrufen.“

Nicht immer jedoch sind die Banken schuld – etliche Verzögerungen haben die Antragsteller selbst zu verschulden. Der Weg zum Fördergeld ist teilweise derart kompliziert, dass kaum ein Gründer es im ersten Anlauf schafft, all die Formulare und Berechnungen vorzulegen, die zur Bewilligung nötig sind. Das gibt selbst Dietmar Fabeck zu, der als Kundenberater für Gründer bei der KfW eigentlich dafür zuständig sein sollte, dass es mit dem Papierkram klappt: „Wir raten jedem Gründer, sich bei der Beantragung von Fördermitteln von einem Profi unterstützen zu lassen“, sagt Fabeck.

Theoretisch kann ein Kreditantrag, der Fabecks Haus am Montag erreicht, nämlich am Freitag schon wieder auf dem Weg zur Hausbank sein, schließlich verlässt sich die KfW beim Krediturteil auf das durchleitende Institut. Die praktische Erfahrung lehrt den KfW-Berater: Nichts zu vergessen beim Förderantrag, zu dem ein Businessplan, ein Finanzierungsplan über die ersten drei Jahre, Miet-, Pacht- und Lizenzverträge, Lebensläufe und Marktanalysen gehören, ist eine Herausforderung, die Laien häufig überfordert. Und dann kommt nach einer Woche nicht der gestempelte Antrag zurück, sondern nur der Auftrag zur Nachbesserung.

Außerdem müssen die Informationen so aufbereitet sein, wie es eine Förderbank erwartet. „Viele Gründer liefern etwa einen Liquiditätsplan, den wir nicht nachvollziehen können“, sagt Fabeck. Dann müssen sie nacharbeiten. Und das braucht Zeit – pro Rückfrage mindestens eine, oft zwei zusätzliche Wochen.

Manchmal kostet ein fehlendes Glied in der Antragskette aber auch noch viele Wochen mehr. Diese Erfahrung machte der Hamburger Jan Hinrichs, neuerdings Mitinhaber von Ribo im thüringischen Teistungen. Ribo baut fahrbare Verkaufsstände für Eis, Brötchen oder auch Kaffee und Gebäck. Hinrichs stieg zum 1. Januar dieses Jahres bei Firmengründer Karl Rittmeier als Vertriebschef und Mitgesellschafter ein. Er wird, so der Plan, die Firma später ganz übernehmen. Den Einstieg in die Selbstständigkeit würde er per Kredit finanzieren, das war von vornherein klar. „Nur als die Bank dann sagte, sie bräuchte noch eine Bürgschaft, zog sich die Übernahme gewaltig in die Länge“, sagt der 43-Jährige.

Die Thüringer Aufbaubank stellte zwar schließlich die nötige Bürgschaft als Ersatz für fehlendes Vermögen – aber bis der Kredit unter Dach und Fach war, stand Hinrichs‘ Zukunft fünf Monate lang in den Sternen. „Ich habe das als einen recht nervenaufreibenden Prozess erlebt, denn wir waren uns ja inhaltlich sofort einig“, sagt Hinrichs. „Ich hatte meinen Job gekündigt, stand mit der Familie vor dem Umzug in die neue Heimat. Und nebenher lief ständig noch der Kreditantrag weiter.“

Die Aufbaubank nahm die Sache besonders ernst: Nachdem Hinrichs schon eine dicke Kladde übergeben hatte – mit Bilanzen, Unternehmenskonzept, Investitionsplan, Liquiditätsvorschau, seiner Wachstumsstrategie, sämtlichen Verträgen und einer privaten Schufa-Auskunft -, reiste eine dreiköpfige Delegation an, um den Betrieb und seine Macher vor Ort kennenzulernen. Erst acht Wochen nach dem Antrag lag die Bürgschaftsurkunde dann in der Post – und so lange bewegte sich bei der Bank rein gar nichts. Hinrichs‘ Fazit nach langem Zittern und glücklichem Ausgang: „Man sollte die finanziellen Hürden beim Start in die Selbstständigkeit nicht unterschätzen.“

Und selbst wenn alles glatt geht, fällt das Geld für Gründer nicht vom Himmel, ein paar Monate gehen eigentlich immer ins Land. Selbst bei Axel Rühlemann, dessen Weg durch die Förderinstanzen vollkommen problemlos verlief. Im April 2009 war der heute 43-Jährige mit seiner Familie nach 14 Jahren in den Vereinigten Staaten nach Deutschland zurückgekehrt. Als er keinen interessanten Job fand, entschied er sich, ein Unternehmen zu kaufen. Anfang Juni stellte ihm ein Makler die Georg Schmerler GmbH aus dem mittelfränkischen Veitsbronn vor. Das Unternehmen, das Schutzbrillen herstellt, stand aus Altersgründen für 1,3 Mio. Euro zum Verkauf.

Rühlemann hatte immerhin 250.000 Euro gespart, die er investieren konnte und wollte. „Für den Rest musste ich einen günstigen Kredit finden“, sagt er. Auch das gelang im Schnelldurchlauf: Innerhalb von zwei Monaten führte Rühlemann Gespräche mit zwei Banken, verhandelte mit den Altinhabern des Unternehmens über Kaufpreis und Übernahmebedingungen, erstellte einen Businessplan, verschaffte sich einen Überblick über die Bilanzen der vergangenen drei Jahre, sorgte dafür, dass der Steuerberater des Betriebs eine Liquiditätsplanrechnung für die künftigen drei Jahre zusammenstellte, und schloss eine Risikolebensversicherung in Höhe des Kredits ab. Ergebnis: Mitte Juli konnte er der Bank seine vollständigen Unterlagen übergeben, damit diese den Antrag für die Finanzierung über die LfA Förderbank Bayern stellen konnte.

Schneller schafft’s nur der Profi

Zwei Wochen später hatte Rühlemann die Zusage in der Tasche. Ende Juli stand damit die Finanzierung für die geplante Übernahme. Rühlemann legte sogar eine Extrarunde ein und verhandelte nach der Zusage der ersten Bank einen weiteren Kreditvertrag mit dem gleichen Förderprogramm zu besseren Konditionen bei einer anderen Sparkasse. „Ich war total überrascht, wie schnell das alles geht und zu welch günstigen Konditionen ich das ausstehende Geld bekomme“, sagt der Jungunternehmer.

Die Regel ist das nicht. Denn Rühlemanns Erfolg hat einen guten Grund. Der Mann hat nicht nur Betriebswirtschaft studiert, sondern zudem 14 Jahre lang im Vertrieb eines Werbeartikelherstellers gearbeitet und dann auch noch ein paar Jahre als Broker. Ein Verkäufer mit Finanzverstand also: „Einen Geschäftsplan zu erstellen und zu verkaufen fiel mir deshalb leicht“, sagt Rühlemann. Das dürften wohl nur die wenigsten Gründer von sich behaupten. Für alle anderen heißt die Devise: Besser früh drum kümmern. Denn Geld frisst Zeit.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 05/2012.

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