Finanzen + Vorsorge Gesunde Mitglieder, gesunde Kasse

Ausgerechnet eine der kleinsten Krankenkassen Deutschlands erwirtschaftet die höchsten Überschüsse. Grund dafür sind ihre gesunden Mitglieder. Sind die Kleinkassen ein Erfolgsmodell für die Zukunft? Die Antwort darauf liefert eine Reise in die schwäbische Provinz.

Das Städtchen Metzingen bei Stuttgart hat zwar nur 22.000 Einwohner, dafür aber rund 100 Outlet-Stores – von Nike und Adidas bis zu Esprit oder Tommy Hilfiger. Berühmtester Sohn von „Outlet-City“ ist Hugo Boss, dessen Herrenmode-Marke hier immer noch ihren Sitz hat. Aber nicht nur für Mode-Schnäppchenjäger ist Metzingen von Interesse, sondern auch für Leute, die eine günstige Krankenkasse suchen.

Hier gibt es mit der G&V Betriebskrankenkasse eine der kleinsten und zugleich profitabelsten sogenannten geöffneten gesetzlichen Krankenkasse Deutschlands. Sie hat zwar nur rund 2000 Mitglieder, erwirtschaftet aber – pro Versichertem – von allen gesetzlichen Kassen die höchsten Überschüsse. 204 Euro waren es 2011 – selbst der Branchenriese Techniker Krankenkasse sieht daneben mit 122 Euro blass aus.

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2009 beschließt der Verwaltungsrat, die G&V – 1884 als Betriebskrankenkasse des Tuchherstellers Gaenslen&Völter gegründet – für alle Baden-Württemberger zu öffnen. Und noch im selben Jahr schüttet sie als eine der ersten gesetzlichen Krankenkassen Prämien aus. 72 Euro erhält jedes Mitglied von seinen Beiträgen zurück. Im vergangenen Jahr verbucht die kleine Kasse einen Überschuss von immerhin 383.000 Euro. Und für 2012 rechnet sie mit einem Plus in ähnlicher Größenordnung.

Sparsam durch und durch

Dafür spart die Kasse an allen Ecken und Enden: Wo große Kassen wie die Barmer GEK Reflexzonenmassagen und Tai-Chi-Kurse bezahlen, belässt es die G&V BKK bei einfachen Zusatzleistungen, etwa den Kosten für eine Hautkrebsvorsorge. Außerdem verzichtet die Kasse auf ein Kundenmagazin und ein eigenes Call-Center, ja sogar auf ein Verwaltungsgebäude.

Die Niederlassung, in der Metzinger Fußgängerzone und fernab vom Outlet-Trubel, ist Verwaltungssitz und Kundenberatungsstelle in einem. Zwei Beratungsschalter, ein paar Schreibtische, ein Kopierer und eine Teeküche gibt es hier. Die Vorstandsetage – ein fensterloser gefliester Raum mit Besprechungstisch, ein paar Stühlen und Schränken voller gelber Aktenordner – befindet sich im Keller. Hier tagt der Verwaltungsrat, bestehend aus drei Versicherten und dem Vorstand Winfried Baumgärtner, im kalten Licht von Neonröhren.

Kooperation zwischen Klein und Groß

Auch Hansjörg Nill, Verwaltungsleiter der G&V BKK, sitzt mit im Keller, wenn dort über die Ausschüttung der nächsten Prämie beraten wird. Früher sei der Verwaltungsapparat sogar noch kleiner gewesen, erzählt er. „Vor fünf Jahren hat der Vorstand noch selbst die Kunden beraten.“ Weil das auf Dauer nicht zu schaffen war, vereinbarte die G&V BKK 2007 eine Zusammenarbeit mit der mhplus, einer Krankenkasse mit heute rund 570.000 Mitgliedern. Seitdem erledigt die für die Kleinkasse die Verwaltungssachen mit. Und ihr Vorstand Winfried Baumgärtner ist gleichzeitig Vorstand bei der G&V. Und das gratis. Auch Hansjörg Nill von der mhplus firmiert parallel als G&V-Verwaltungsleiter. Dass das Call-Center der mhplus für die Kunden beider Kassen da ist, versteht sich fast schon von selbst. 120.000 Euro bezahlt die G&V BKK im Jahr für diese Kooperation.

Insgesamt belaufen sich die Verwaltungskosten der G&V auf jährlich rund 250.000 Euro respektive sieben Prozent ihrer Einnahmen. Das sind rund zwei Prozentpunkte mehr als bei den großen Kassen, die mit ihren Kundenmagazinen, riesigen Verwaltungspalästen und üppigen Vorstandsgehältern reinklotzen. Für den Direktor des Instituts für angewandte Gesundheitsökonomie in Bayreuth, Peter Oberender, ist das logisch. „Die G&V BKK“, lautet seine Diagnose, „ist zu klein, um sich effizient zu verwalten.“ Er sagt sogar: „Ich halte es für völlig ausgeschlossen, dass Kassen mit weniger als 10.000 Versicherten langfristig erfolgreich sein können.“ Oberender hat den Zusammenhang zwischen Größe und Verwaltungskosten bei Krankenkassen empirisch untersucht und bilanziert: „Die geringsten Verwaltungskosten haben Kassen mit etwa 180.000 bis 1,8 Millionen Versicherten.“

Der Grund, warum die G&V BKK den großen Konkurrenten in Sachen Überschuss voraus ist, liegt folglich woanders: Ihre Versicherten verursachen unterdurchschnittlich geringe Kosten. Nur 1500 Euro gab die G&V BKK im Jahr 2011 pro Versichertem für medizinische Leistungen aus. Bei der größten gesetzlichen Kasse, der Barmer GEK, waren es gut 1000 Euro mehr. Bei anderen Großkassen sind die Zahlen ähnlich. Dass die G&V so billig wegkommt, liegt an ihrem Standortvorteil. „Hier rennt man nicht wegen jedem Zipperlein zum Arzt“, sagt Verwaltungsleiter Nill. Gesundheitsökonom Oberender bestätigt das: „In einer ländlichen Struktur ist die Inanspruchnahme von Leistungen deutlich geringer als in der Stadt.“

Die Kasse profitiert außerdem von der geringen Arbeitslosigkeit in der Region. Nur 3,6 Prozent der Menschen sind hier ohne Job, bundesweit ist die Quote fast doppelt so hoch. Gut für die Kasse: Denn Arbeitslose sind doppelt so häufig krank wie Arbeitnehmer. Das geht aus dem Gesundheitsbericht 2011 des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen hervor. Hinzu kommt, dass die G&V BKK relativ junge Versicherte in der Kartei hat. Im Schnitt sind sie gerade mal 37 Jahre alt. Bei der Barmer GEK ist der Altersschnitt acht Jahre höher.

Unterm Strich gilt also: Sind die Mitglieder gesund, ist die Kasse es auch. „Das liegt daran, dass die Kassen aus dem Gesundheitsfonds pro Versichertem eine Kopfprämie erhalten – unabhängig davon, wie gesund oder krank der Versicherte ist“, erläutert Gesundheitsökonom Oberender. Die Gesundheit der Mitglieder sei mithin der wichtigste Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg einer Kasse. „Dass die Politik den Eindruck erweckt, Kassen könnten sich effizienter verwalten und dadurch wesentlich sparen, ist Unsinn“, kritisiert Oberender.

Kleine Kasse, großes Risiko

Dass sie nur gesund bleibt, so lange ihre Mitglieder es sind, weiß man auch bei der G&V BKK. „Wenn wir einen schwerkranken Versicherten bekämen, etwa einen Bluter, dann wären unsere Rücklagen Ruck-Zuck aufgebraucht“, so Nill. Gesundheitsökonom Oberender empfiehlt deshalb, schnell unter das Dach einer großen Kasse zu flüchten.

Zahllose Kassen haben das in der Vergangenheit schon getan: Nicht einmal jede zehnte der rund 1800 gesetzlichen Krankenkassen, die es 1970 noch gab, hat es ins Jahr 2012 geschafft. In Metzingen aber will man selbständig bleiben und hat sich gegen schwere Krankheitsfälle beim großen Kooperationspartner abgesichert: Bei Zahlungsschwierigkeiten, würde die mhplus mit einem Darlehen aushelfen. Um langfristig überleben zu können, muss die G&V trotzdem wachsen.

Dafür will die sie im kommenden Jahr eine Rekordprämie auszahlen: Obwohl Nill keine genaue Zahl nennen will, wird die Kasse wohl über 150 Euro an ihre Versicherten zurückzahlen – mehr als jede andere gesetzliche Krankenkasse der Republik. Das soll viele Mitglieder anlocken, sehr viele.

Einen Vorstoß in den fünfstelligen Mitgliederbereich hält Nill für möglich. Das Schicksal der Kasse wird davon abhängen, wie gesund die sind, die neu dazu kommen.

Überschüsse und Rücklagen der G&V BKK
(Quelle:Unternehmensangaben)
Jahr Vermögen zum 31.12. Überschuss (Veränderung des Vermögens gg. Vorjahr in %) Veränderung des Vermögens gg. Basisjahr 2008
2009 472.074 € + 196.665 € (+71,41 %) + 196.665 € (+71,41 %)
2010 821.382 € +349.308 € (+73,99 %) +545.973 € (+198,24 %)
2011 1.204.708 € + 383.326 € (+46,67 %) + 929.299 €
(+ 337,43 %)
Überschuss für 2012: rund 300.000 €

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