Finanzen + Vorsorge „Globale Standards nutzen“

Sind internationale oder deutsche Bilanzregeln besser? Die Experten Liesel Knorr und Frank Reuther sprechen im impulse-Interview über Befürchtungen im Mittelstand und den Neustart des Normierungsgremiums DRSC.

impulse: Herr Reuther, der Konzern Freudenberg ist in Familienbesitz. Dennoch bilanzieren Sie nach den internationalen Regeln für börsennotierte Unternehmen, IFRS. Warum?

Reuther: Freudenberg macht 75 Prozent seines Umsatzes im Ausland. Wir haben über 400 rechtliche Einheiten weltweit. Das deutsche Bilanzrecht war im Ausland schwer zu erklären.

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Durch eine IFRS-Konzernbilanz sprechen nun alle Einheiten die gleiche Sprache. Unterm Strich konnten wir so unsere Kosten für das Rechnungswesen reduzieren, obwohl die Erstellung eines IFRS-Abschlusses für sich genommen deutlich aufwendiger ist als nach dem Handelsgesetzbuch, HGB.

impulse: Viele deutsche Mittelständler scheuen die hohen Transparenzanforderungen der IFRS und erstellen ihren Jahresabschluss lieber nach dem HGB. Sollten die internationalen Vorschriften den deutschen angeglichen werden?

Knorr: Das HGB hat sich bislang nicht als Exportschlager erwiesen. Wenn andere Länder in Europa und darüber hinaus andere Regelungen vorziehen, können wir zwar einen Schutzwall um Deutschland aufbauen, nicht jedoch den Rest der Welt zwingen, unsere Vorstellungen zu übernehmen.

Aber auch deutsche Unternehmen sollten die Möglichkeit haben, globale Standards zu nutzen.

Reuther: Das Problem sind ja nicht die Bewertungsvorschriften der IFRS, sondern der Umfang der Berichterstattung und der Veröffentlichungsvorschriften. Ein Euro ist eben ein Euro. Die Frage ist aber, ob ich diesen Euro meinen Wettbewerbern zeigen muss.

impulse: Was also müsste sich ändern?

Reuther: Die Grundsätze der Bilanzierung sollten bei den IFRS stärker im Vordergrund stehen und nicht die Informationswünsche von Investoren oder anderen Interessengruppen. Die Berichterstattung sollte modular aufgebaut sein. Das heißt, kapitalmarktorientierte Unternehmen müssten die volle Transparenz bieten, bis hin zur Offenlegung aller genutzten Finanzinstrumente. Je nach Exponierung am Kapitalmarkt oder den involvierten Interessengruppen könnte man beim Umfang der Berichterstattung Abstufungen vornehmen. Für Familienunternehmen würde dies deutlich reduzierte Offenlegungspflichten bedeuten.

impulse: Bliebe das Problem der enormen Komplexität.

Reuther: Ja, das stimmt. Die etwa 3000 Seiten umfassenden IFRS-Regeln müssten deutlich entschlackt werden.

impulse: Speziell für kleine und mittlere Unternehmen wurde daher die abgespeckte Variante IFRS for SME mit gerade einmal 230 Seiten Umfang entwickelt. Erfüllt das nicht Ihre Forderungen?

Reuther: Nein, absolut nicht. Das Problem ist, dass der IFRS for SME aus den sogenannten Full IFRS abgeleitet und daher an den Erfordernissen kapitalmarktorientierter Unternehmen ausgerichtet ist. Die Offenlegungspflichten sind weitgehend dieselben. Es gibt keine Möglichkeit, zwischen Unternehmen wie Freudenberg und dem kleinen Bäcker von nebenan zu unterscheiden. Für Kleinunternehmen sind die Vorschriften immer noch überdimensioniert. Der IFRS for SME ist deshalb völlig untauglich.

impulse: Frau Knorr, als Präsidentin des Deutschen Standardisierungsrats haben Sie die Entwicklung des IFRS for SME begleitet. Wundert Sie die Ablehnung?

Knorr: Die Debatte über einige Jahre hat sicher sehr deutliche Ablehnung hervorgebracht, aber nicht nur. Der Bedarf an Regeln, die über die Landesgrenzen hinweg anwendbar sind, besteht nicht bei allen Unternehmen, aber auch nicht ausschließlich bei den kapitalmarktorientierten. Das heißt, wir brauchen Regelungen für global agierende Unternehmen am einen Ende der Skala und für regional tätige Kleinstunternehmen am anderen, sowie Zwischen- und Übergangsregelungen.

Alle Versuche, in Europa einheitliche Regeln jenseits der Kapitalmärkte einzuführen, sind bislang gescheitert. Die für den Herbst angekündigte Überarbeitung der EU- Richtlinien wird zeigen, ob ein europäischer Konsens möglich ist.

impulse: Könnte der IFRS for SME das HGB ablösen?

Reuther: Ich befürchte es. Es wäre der bequemste Weg für den Gesetzgeber. Selber Standards zu erarbeiten ist außerordentlich aufwendig. Deshalb hätte das für die staatlichen Stellen seinen Reiz.

impulse: Das deutsche Normierungsgremium für Bilanzstandards, das DRSC, hat sich gerade neu konstituiert. Im Verwaltungsrat stellen die Börsenkonzerne die mit Abstand stärkste Gruppe. Kann das DRSC so überhaupt die Interessen des Mittelstands vertreten?

Reuther: Die Sitzverteilung ist ärgerlich. Schließlich war einmal eine paritätische Besetzung angedacht.

Knorr: Ab Februar haben wir herumgefragt, wer mitmachen wolle. Von den nun etwa 65 Mitgliedsunternehmen sind gut 40 kapitalmarktorientiert. Diese Firmen haben dann gefragt: Warum sollen wir uns mit der gleichen Sitzzahl wie die anderen Gruppierungen zufriedengeben, wenn wir nach Mitgliederzahl und Beitragssumme deutlich mehr als die Hälfte stellen?

Reuther: Ich sehe hierin einen grundsätzlichen Webfehler beim DRSC. Obwohl es hoheitliche Aufgaben wahrnimmt, ist es weitgehend wie ein privater Verein organisiert, dessen Ausrichtung die Mitglieder festlegen. Die Mitglieder aber sind nur ein winziger Ausschnitt aus der deutschen Wirtschaft. Es wird also nicht darauf geachtet, dass die deutsche Wirtschaft repräsentativ abgebildet wird. Stattdessen bestimmt, wer bezahlt.

Knorr: Was die hoheitliche Aufgabe betrifft, sehe ich das anders. Wir sind rein privatwirtschaftlich organisiert, bekommen keine staatlichen Gelder. Wir haben mehrfach beim Justizministerium eine öffentliche Mitfinanzierung angefragt und stets eine Abfuhr bekommen.

Wer setzt die internationalen Bilanzstandards? Und wie werden die Interessen deutscher Firmen vertreten?
Internationale Regeln
Das Ziel ist bessere internationale Vergleichbarkeit. Seit 2005 müssen Konzerne, deren Aktien oder Anleihen an der Börse notiert sind, ihren Jahresabschluss nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) erstellen. Das Regelwerk wird laufend überarbeitet vom International Accounting Standards Board (IASB) mit Sitz in London. Firmen, die keinen IFRS-Abschluss erstellen müssen, können dies freiwillig zusätzlich zur Bilanz nach deutschem Handelsgesetzbuch (HGB) tun.
Deutsche Interessenvertretung
Beim IASB, bei der Europäischen Union und beim Bundesjustizministerium ist das Deutsche Rechnungslegungs Standards Committee (DRSC) Sprachrohr der deutschen Unternehmen in Fragen des Bilanzrechts. Allerdings war der Verein zuletzt nahezu gelähmt, da es Streit um die Finanzierung gab. Inzwischen hat sich das Gremium neu konstituiert; bezahlt wird es weiterhin von den Mitgliedern. Das meiste Geld kommt von den aktuell etwa 40 börsennotierten Mitgliedsfirmen, die sich – wohl auch deshalb – die Hälfte der Sitze im Verwaltungsrat sichern konnten. Hinzu kommen Banken, Versicherer, Wirtschaftsprüfer sowie derzeit fünf Familienunternehmen.
Standard für Mittelständler
Das DRSC soll auch die Fortentwicklung des internationalen Mittelstandsstandards, des IFRS for SME, begleiten. Diese 2009 in Kraft getretene abgespeckte Version der IFRS will das IASB global für alle nicht kapitalmarktorientierten Unternehmen durchsetzen. Deutsche Mittelständler kritisieren den Standard als zu kompliziert und die Offenlegungspflichten als zu weitgehend. Derzeit ist nicht absehbar, ob der Standard gesetzliche Vorschrift wird. Weltweit haben ihn erst 73 Länder übernommen.

Dieses Interview stammt aus dem impulse-Heft Ausgabe 09/2011.

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