Finanzen + Vorsorge Herr im eigenen Haus bleiben

Kreditgeber versuchen nicht selten, ihren Schuldnern ins Geschäft hineinzureden. Doch es gibt Geldquellen, die Unternehmer anzapfen können, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren.

Wer Kreditverträge bis ins Kleingedruckte durcharbeitet, fühlt sich bisweilen wie ein Patient nach Studium des Beipackzettels: Sind alle Nebenwirkungen bekannt, mag kaum einer mehr die Pillen schlucken. Covenants heißen im Bankerjargon die entsprechend unangenehmen Kreditklauseln.

Die sorgen dafür, dass Gläubiger ihren Schuldnern genau auf die Finger schauen dürfen, halten die sich nicht an die Spielregeln: steigende Schulden, schrumpfender Cashflow – ruck, zuck sitzt der Kreditgeber mit am Tisch, will noch häufiger und genauer informiert werden oder mischt sich gar in die Geschäfte ein. „In der Krise werden Banken regelmäßig hellhörig“, sagt Guido Hoffmann, Rechtsanwalt der Kanzlei SZA Schilling, Zutt & Anschütz, der Unternehmen und Geldgeber bei der Vertragsgestaltung berät: „Sie werden anfangen, ihre Einflussmacht auf das Unternehmen genau zu evaluieren.“

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Seit sich verklausulierte Vertragswerke bei den Banken immer mehr durchsetzen, sind Unternehmer auch bei Bankkrediten nicht vor Mitsprache geschützt – damit ist die traditionell wichtigste Bastion der Finanzierung ohne Abgabe von Entscheidungsgewalt gefallen. „Wenn es hart auf hart kommt, wollen die Gläubigerbanken mit am Tisch sitzen“, sagt Hoffmann.

Genau das aber versuchen viele Mittelständler zu vermeiden. Um Herr im eigenen Haus zu bleiben, verzichten Familienunternehmen sogar auf das Geld der Banken, fand der Roland-Berger-Berater Florian Berthold jüngst in einer Studie heraus: „Wichtig ist ihnen abzuwägen, mit welcher Finanzierungsform sie den Charakter des Unternehmens bewahren können.“

Selbstbewusste Chefs benötigen Geldquellen, die sich trotz der um sich greifenden Regel- und Kontrollwut bei Investoren wie Gläubigern anzapfen lassen, ohne dafür viele Entscheidungsrechte zu verlieren. impulse hat sich auf die Suche nach Alternativen begeben – und stellt auf den nächsten Seiten vier Finanzierungswege vor, bei denen die Freiheit nicht auf dem Spiel steht.

Genuss für die Kunden – von den Kunden

Sylvia Haslauer hat den großen Schritt gewagt. Im Juli eröffnete sie in Utting am Ammersee den Biosupermarkt La Vida. Auf 200 Quadratmetern verkauft sie Trockenobst und Tiefkühlfisch, Käse, Wurst und Cappuccino. Es ist der dritte Umzug des Lädchens „Naturwaren am Dorfbrunnen“, den ihre Mutter vor über 40 Jahren übernahm, und der mit Abstand größte Wachstumsschritt für den Traditionsbetrieb, der seine Fläche mehr als vervierfachte.

Rund 160.000 Euro hat der neue Laden gekostet – finanziert nicht etwa von Haslauers Hausbank, sondern von ihrer treuen Kundschaft: Die Unternehmerin verkaufte ihr Anfang des Jahres Genussscheine. Die Idee kam von ihrem Großhändler, der Kontakt zu zwei auf solche Beteiligungsmodelle in der Ökoszene spezialisierten Finanzberatern vermittelte. Die Gespräche mit der Bank hatten sich zuvor als höchst unerfreulich erwiesen: Die Banker wollten nicht nur die Geschäftspläne sehen, sondern auch noch ihren persönlichen Lebenswandel hinterfragen.

Für Haslauer war die Sache klar: „Wir haben Werbeflyer verteilt und dann im Winter einen Infoabend veranstaltet“, erzählt sie. „20 Interessenten kamen, 13 haben nachher unterschrieben.“ Der Abend wurde ein voller Erfolg: Die 100.000 Euro, die sie neben dem eigenen Ersparten für den Laden brauchte, kamen quasi über Nacht zusammen. Darum blieben auch die Beratungs- und Werbekosten moderat: Unterm Strich zahlte Haslauer rund 5000 Euro an die Berater, dazu gab es öffentliche Zuschüsse in ähnlicher Höhe. Von den 1000 Werbezettelchen, die sie drucken ließ, um die Genussscheine anzupreisen, hat sie noch heute 700 im Schrank. „Dass viele unserer Kunden ihr Geld sinnvoll anlegen wollen, hat mir die Sache sicher erleichtert“, sagt die Biomarktchefin.

Überschaubare Erfolgsbeteiligung

Andererseits erwarten die neuen Finanziers natürlich auch Erfolg – denn daran sind sie direkt beteiligt. Haslauer zahlt auf die Investitionssumme je nach Laufzeit und Größe rund 4,5 Prozent Basiszinsen, und wenn der Gewinn des Ladens es erlaubt, kommen noch mal 1,5 Prozent Bonuszinsen obendrauf. Das Paket überzeugte nicht nur ihre Stammkundschaft, sondern auch die Steuerberaterin und die Vertreterin einer Kosmetikfirma, die zufällig am Tag des Infoabends in den Laden kam.

Das Beste an der ungewöhnlichen Kapitalsuche ist für Haslauer, dass sie Geldgeber hinter sich weiß, die ihrem unternehmerischen Gespür und Engagement vertrauen. „Die wollen nicht mitreden“, sagt sie. „Die erwarten vielmehr, dass ich selbst erfolgreich bin. Und das gibt ein supergutes Gefühl im Bauch.“

Meine Bank bin ich selbst

Wolfgang Grupp ist nach allem, was man über ihn weiß, ein erfolgreicher Textilfabrikant. Und ein höchst eigenwilliger zudem. Der alleinige Geschäftsführer und persönlich haftende Gesellschafter des Burladinger Trikotagenherstellers Trigema käme niemals auf die Idee, fremde Investoren in seine Firma zu lassen und sie so „den Heuschrecken und Finanzjongleuren zur Plünderung vor die Füße zu werfen“. Auch einen Kredit aufzunehmen ist dem Kaufmann nicht geheuer, zu sehr fürchtet er die Abhängigkeit vom Wohl und Wehe einer Bank. Das Ergebnis: „Trigema ist zu 100 Prozent eigenfinanziert“, sagt Grupp mit Stolz und voller Selbstbewusstsein.

Was das genau bedeutet, verrät ein Blick in die Bilanz. Öffentlich verfügbar ist jene aus dem Jahr 2008. Damals hatte das Unternehmen tatsächlich keinerlei Bankschulden. Und weil abgesehen von „üblichen Forderungen und Verbindlichkeiten, die ordnungsgemäß abgewickelt werden“, für Grupp keinerlei Finanzinstrumente infrage kommen, dürfte sich das auch nicht ändern, solange der 69-jährige Patriarch am Ruder steht.

Wie aber finanziert er dann die Firma? Grupp setzt auf die Kraft der Innenfinanzierung, das heißt, Eigen- und Fremdkapital kommen ausschließlich aus dem eigenen Haus – und aus seiner Tasche. So stehen in der Bilanz neben den 1,6 Mio. Euro Eigenkapital unter anderem 1,2 Mio. Euro „Verbindlichkeiten gegenüber Gesellschaftern“. Trigema steht also bei ihren obersten Angestellten in der Schuld, Grupp vergibt Gesellschafterdarlehen.

Das ist für jeden Chef, der es sich leisten kann, ein überaus sinnvolles Finanzierungsinstrument, bestätigt Rechtsanwalt Guido Hoffmann von der Kanzlei Schilling, Zutt & Anschütz. Denn Darlehen an die eigene Firma, die logischerweise die volle Unabhängigkeit erhalten, lassen sich anders als Eigenkapital flexibel auf- und wieder abbauen. Die Zinsen, die zwischenzeitlich für den Kredit an den Gesellschafter zu zahlen sind, mindern außerdem die Steuerlast des Unternehmens.

Doppeltes Risiko für Eigentümer

Zwei Haken hat die Sache: Erstens ist das Geldverleihen ans eigene Geschäft riskant. Rutscht die Firma in eine Schieflage, sind andere Gläubiger vorrangig zu bedienen, die Gesellschafterdarlehen also womöglich futsch. Zweitens scheitert die Sache oft am Geld: „Ein Unternehmen komplett aus dem privaten Vermögen zu finanzieren kann auf die Dauer nur sehr vermögenden Unternehmern gelingen“, sagt Hoffmann. Und die holen sich dann ein zusätzliches Risiko ins Haus: Scheitert die Firma, wird auch das Privatvermögen in Mitleidenschaft gezogen – zumal niemand anders in einer Krise Geld nachschießen wird.

Wolfgang Grupp ficht das nicht an. Im Gegenteil: Der Unternehmer findet, dass es sich für einen Chef gehört, mit vollem Einsatz für die Firma einzustehen. Besonders, wenn es einmal nicht laufen sollte. „Wir brauchen mehr Unternehmer, die sich für ihr Tun in Haftung nehmen lassen“, sagt Grupp. Das ist der Preis der völligen unternehmerischen Freiheit.

Je höher die Zinsen, desto stummer der Geldgeber

Dirk Lehmann führt die Hamburger Firma Becker Marine Systems mit einem Grundsatz: „Ich will im eigenen Haus auch mein eigener Herr sein.“ Dieses Prinzip erwies sich Ende 2010 als problematisch. Der langjährige Industriepartner und Mitgesellschafter des auf Schiffsruder spezialisierten Unternehmens, die Maschinenfabrik Hatlapa, wollte ihre Anteile an Becker Marine Systems verkaufen.

Lehmann brauchte einen neuen Investor. Der Gedanke, die Anteile selbst zu übernehmen, scheiterte bei einem zweistelligen Millionenbetrag am Kapital. Ein neuer Gesellschafter aus dem näheren Geschäftsumfeld, mit dem sich der Unternehmer hätte anfreunden können, war nicht auszumachen. Und den industriellen durch einen strategischen Finanzinvestor zu ersetzen, der dann womöglich anfinge, sich in Geschäftspläne und Bilanzstruktur einzumischen, widerstrebte Lehmann umso mehr, je länger er sich mit der Investorenwahl befasste. „Ich habe mit jeder Menge Bankern gesprochen.“

Seine Erfahrung: Statt verbindlicher Abmachungen bleiben die Gespräche meist im Ungefähren, zwei mündliche Zusagen kassierten die Banker gar tags darauf wieder. Hauptthemen der Diskussionen immer wieder: Konditionen und Mitentscheidungsrechte. „Seriosität und Verbindlichkeit habe ich am meisten vermisst“, sagt Lehmann.

Um trotz eines neuen Beteiligten am Ruder zu bleiben, entschied er sich Ende 2010 schließlich für einen Genussrechtsvertrag mit der Volksbank-eigenen Gesellschaft DZ Equity Partner. Über die genauen Konditionen mag er nicht reden, aber klar ist: Er findet den neuen Miteigentümer mit so viel Zinsen ab, dass der sich bei Entscheidungen vornehm zurückhält.

„Der Alltag sieht so aus, dass ich pünktlich die vereinbarten Reportings liefere“, sagt Lehmann. „Außerdem gibt es einen festen Katalog zustimmungspflichtiger Geschäfte, zu denen man sich trifft.“ Oder auch mal mailt und telefoniert, wenn es schnell gehen muss: etwa, als Becker Marine Systems, deren Kunden zu 90 Prozent in Asien sitzen, Anfang dieses Jahres in Korea eine neue Niederlassung eröffnete. „Da hat unser Controller vorab einen Dreiseiter mit dem groben Konzept und den wichtigsten Zahlen erstellt, und innerhalb einer Woche hatten wir die Zusage.“ Der Investor sei da weitaus pflegeleichter als eine Bank.

Gläubiger und Investor ticken ähnlich

Michael Sörgel von der Wirtschaftskanzlei DLA Piper bestätigt diese Einschätzung: Die Mitspracherechte und die Lust, Geschäftsvorfälle zu kommentieren, sind nach seiner Erfahrung keineswegs allein davon abhängig, ob ein Geldgeber nun Gläubiger oder Investor ist – sondern auch davon, wie groß deren Anteil ist: „Minderheitsbeteiligungen unter 25 Prozent können durchaus die Finanzierung sicherstellen, ohne dass der Inhaber nennenswert Einfluss auf die Gesellschaft verliert“, sagt Sörgel. Bei Kreditfinanzierungen steigt umgekehrt der Einfluss der Bank mit dem Verschuldungsgrad. Chefs müssten jedoch auch wissen: „Der Banker ist ruhig, solange ich zahle. Ein Investor wird dagegen nervös, wenn der Firmenwert sinkt.“

Wie die Massen angezapft werden

Michael Kraus hat fremden Geldgebern nicht viel zu bieten. Aber er hat eine Geschäftsidee. Und die will er umsetzen, gemeinsam mit seinem Studienfreund Gilbert Souvignier und möglichst ungestört. Die beiden Gründer betreiben seit Ende 2009 von Düsseldorf aus den Internetshop Cosmopol, der Geschenkartikel aus aller Welt anbietet. Im Laufe dieses Jahres ging ihnen langsam das Geld aus. „Die erste Gründungsphase haben wir aus eigenen Mitteln gestemmt“, sagt Kraus. „Aber um zu wachsen, brauchten wir externe Unterstützung.“

Die fanden sie im Internet, und zwar über die Plattform Seedmatch, die ein sogenanntes Crowdfunding anbietet, eine Dienstleistung, die in den USA, in Großbritannien und in der Schweiz bereits erprobt ist. Seedmatch wirbt auf seiner Internetseite Kleinanleger für junge Firmen an, die dann gemeinsam auch größere Investitionssummen bereitstellen können.

Beim Startup Cosmopol, der ersten geglückten Finanzierung dieser Art hierzulande, kauften sich zwischen August und Oktober dieses Jahres 189 Investoren mit Beträgen ab 250 Euro ein. 95.250 Euro kamen am Ende zusammen – mehr als erhofft. Den Investoren gehören insgesamt knapp 16 Prozent der Firma, jeder einzelne ist nur mit einem Bruchteil beteiligt. Für ihr Engagement steht ihnen ein Anteil am hoffentlich bald positiven Geschäftsertrag zu, sie erhalten bestimmte Boni und bekommen Rabatt im Shop.

Diese Konstruktion sichert nicht nur die geplante Werbekampagne, den Shopumbau und die Erweiterung des Sortiments. Sie hält die Gründer auch unabhängig – jedenfalls weitgehend. „Für den Aufbau neuer Geschäftsfelder oder wesentliche Kapitalerhöhungen brauchen wir eine einfache Mehrheit der Beteiligten“, sagt Kraus. „Aber es war uns wichtig, das tägliche Geschäft nicht durch Mitspracherechte blockieren zu lassen.“ Er ist überzeugt, dass ein großer Finanzier mehr reinreden würde als viele kleine: „Ein Venture-Capital-Geber hätte sicherlich mehr Rechte eingefordert.“

Mitsprache im Kleinen hält unabhängig

Der Cosmopol-Weg ist ungewöhnlich – leistet aber im kleinen Stil das, was Firmen sonst nur am Kapitalmarkt mit gestreuten Aktien oder Anleihen erreichen: eine breite Kapitalbasis ohne großen Einfluss einzelner Geldgeber. „Das ist grundsätzlich ein reizvoller Aspekt der Kapitalmarktfinanzierung“, sagt Wirtschaftsanwalt Michael Sörgel. „Man hat idealerweise keinen bestimmenden Gläubiger oder Investor, der aufgrund seines finanziellen Engagements Einfluss auf das Unternehmen nehmen kann.“ Für Unternehmen, die einen guten Ruf haben und Offenlegungspflichten nicht scheuen, sei es durchaus eine aussichtsreiche Alternative, den Kapitalmarkt anzuzapfen. Es muss ja nicht gleich ein Börsengang sein – auch eine Anleihe kann sich eignen. „Dort ist man selbst Herr des Verfahrens: Man bestimmt Zinsen und Laufzeit – trägt allerdings das Risiko, genügend Käufer dafür zusammenzubekommen.“ Was angesichts der oft zins- und ertragsschwachen Konkurrenz in diesen Tagen durchaus gelingen kann. Sogar im kleinen Stil, wie Cosmopols Erfolg zeigt.

Hinweis

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Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 12/2011.

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