Finanzen + Vorsorge Immer nur ein paar Cent

Jede Firma kann betroffen sein. Mit fehlerhafter Kontoführung sollen Geldhäuser gewaltige Schäden verursachen. Cent-Beträge summieren sich über Jahre auf Hunderttausende Euro - oft unbemerkt. Wie Unternehmer sich wehren können.

Wenn Michael Weilbacher mit jemandem Geschäfte macht, dann traut er ihm. Der 58-Jährige ist Inhaber von vier Autohäusern in Brandenburg. Vertrauen ist für den Unternehmer die Basis für eine gute Kundenbeziehung.

Der Lehman-Crash im Herbst 2008 brachte ihn deshalb ins Grübeln. Die Finanzkrise trieb im New Yorker Finanzdistrikt Menschen auf die Straße mit Plakaten, auf denen stand: „Jump, you fuckers!“ In Deutschland fürchteten Kleinsparer um ihre Bankguthaben, konsultierten Anwälte, gingen vor Gericht. Firmen mussten mit teils drastisch erhöhten Kreditzinsen kämpfen – wenn sie überhaupt noch Geld von der Bank bekamen. Mit befreundeten Unternehmern sprach Weilbacher später über Erfahrungen mit Krediten, Zinsen und Bankkonditionen. Seine Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit der Finanzbranche wuchsen.

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Schockierendes Gutachten

Im Herbst 2010 war Weilbachers Misstrauen so groß, dass er sich entschloss, Ralph Brendel zu engagieren. Der Leiter des Gutachterbüros Zinspruef in Berlin analysierte sämtliche Bankkonditionen und Konten des Autohändlers. Jede Zinsanpassung, jede Gutschrift und jede Abbuchung. Und zwar in den vergangenen 19 Jahren. Vier Monate später bekam Weilbacher die Ergebnisse der akribischen Analyse. „Ich war schockiert und enttäuscht“, erinnert er sich.

Die Deutsche Bank, bei der Weilbacher Kunde war, soll viel zu viele Zinsen kassiert haben. Mehr als 60 Prozent der Zahlungseingänge auf den Firmenkonten habe das Institut verspätet gutgeschrieben, teilweise um mehrere Tage. Die Konten hätten daher häufig tiefer in den roten Zahlen verharrt, als es nötig gewesen wäre – wodurch die Bank höhere Zinsen eingestrichen haben soll. „Wenn es keine anderslautenden Vereinbarungen gibt, müssen Banken Überweisungen und Einzahlungen dem Konto gutschreiben, sobald das Geld bei ihnen eingeht“, sagt Weilbachers Anwalt Benjamin Junglas von der Kanzlei Harms-Ziegler in Berlin. Also noch am selben Tag.

Der vermutete Schaden für Weilbacher ist gewaltig: Von 1992 bis Ende 2009 habe die Deutsche Bank wegen „falscher Wertstellungen“ 279.770,54 Euro zu viel Zinsen kassiert, errechnete Gutachter Brendel. Im März hat der Autohausbetreiber das Institut verklagt, ihm das Geld zu erstatten. Und er will noch mehr. Weitere 66.637,89 Euro soll die Deutsche Bank zahlen, weil der veranschlagte Zinssatz überdies zu hoch gewesen sein soll; hinzu kommen 238.844,51 Euro, weil das Geldhaus mit den zu Unrecht einbehaltenen Beträgen Erträge erwirtschaftet haben könnte – Juristen nennen das „ungerechtfertigte Bereicherung“. Weilbachers Gesamtforderung: 585.252,94 Euro. Wann der Prozess am Landgericht Frankfurt beginnt, steht noch nicht fest. Die Deutsche Bank will sich mit Verweis auf das „laufende Verfahren“ nicht zu den Vorwürfen äußern.

Dutzende Unternehmer in Deutschland streiten sich derzeit wie Weilbacher mit ihren Hausbanken. Sie fordern Schadensersatz wegen zu hoher Zinsen oder falsch abgerechneter Konten von Instituten jeglicher Couleur – von privaten Großbanken wie der Deutschen Bank genauso wie von öffentlich-rechtlichen Sparkassen oder genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken. „Immer mehr Unternehmer lassen ihre Konten überprüfen“, sagt Gutachter Brendel. Der Grund sei ein „zunehmendes Misstrauen gegenüber den Banken“.

Kein Wunder. Seit Jahren folgt Skandal auf Skandal in der Finanzbranche. Jüngstes Beispiel ist ein Zinskartell, dem Behörden in den USA und Europa auf der Spur sind. Jahrelang sollen internationale Banken die Zinssätze, zu denen sich die Institute untereinander Geld leihen, Libor und Euribor, manipuliert haben. Nach der Höhe dieser Sätze richtet sich oft der Zins von Bankguthaben und Krediten auf der ganzen Welt, auch in Deutschland. Um Milliarden sollen die Banken Privatleute und Firmen auf diese Weise geprellt haben.

Das Kleingedruckte kontrollieren!
Ob die Bank korrekt abrechnet, können Unternehmer an den Kontoauszügen und der Zinsentwicklung erkennen
Kontobewegungen
Ob die Bank ein Konto zu Ungunsten des Inhabers führt, lässt sich anhand der Auszüge ermitteln. Wenn der Tag der Wertstellung (Valuta) und das Buchungsdatum regelmäßig voneinander abweichen, könnte das zu einem erhöhten Negativsaldo, also zu größerer Zinslast geführt haben. Nach Paragraf 675t, BGB, ist das jedoch unzulässig,, die Wertstellung muss in der Regel taggleich mit dem Zahlungseingang erfolgen.
Sollzinsen
Bei Krediten mit variablem Zins ist ein Blick in die Zinsanpassungsklauseln unerlässlich. Darin muss klar geregelt sein, wann und in welchem Umfang die Bank Änderungen des Referenzzinses – das ist meist der Euribor (Euro Interbank Offered Rate) – an Kunden weitergeben muss. So können Kunden nachprüfen, ob das Institut korrekt abrechnet. Wie hoch die Abweichungen teilweise sein sollen, zeigt das Praxisbeispiel in der Grafik links. Immer wieder, berichten Sachverständige, kämen falsche Sätze zustande, weil Banken nur verzögert auf einen sinkenden Euribor reagieren. Steigt der Euribor, erhöhten sie den Zinssatz dagegen mitunter sofort.
Hilfestellung
Laien sind kaum in der Lage, einen Schaden exakt zu ermitteln. Die Beauftragung eines Sachverständigen kann sich lohnen. Die Honorare der Experten unterscheiden sich deutlich; ein paar Tausend Euro sind es immer schnell.

Wenigstens um viele Millionen geschädigt fühlen sich zahlreiche deutsche Mittelständler, denen ihre Banken hochriskante Derivate, sogenannte Swaps, zur Minimierung der Zinslast verkauft haben. Über das hohe Verlustrisiko dieser Geschäfte hätten die Berater sie nicht aufgeklärt, klagen die Unternehmer. Die deutschen Gerichte sind bereits seit Jahren mit der Aufarbeitung befasst; einige Firmenchefs hatten bereits Erfolg mit ihren Klagen.

Der auf Bankrecht spezialisierte Hannoveraner Anwalt Ernst-August Bach rechnet nun mit der nächsten Klagewelle: „Wenn die Unternehmen auf breiter Front Liquiditätsprobleme bekommen, werden sie ihre Zinsabrechnungen intensiver überprüfen als bisher.“ Hans Peter Eibl, Kontenprüfer aus dem schwäbischen Lauffen, schätzt den Schaden, der deutschen Firmen auf diese Weise durch die Banken jedes Jahr entstehe, auf einen Milliardenbetrag. Nach seinen Erfahrungen sind Kontenfehler nicht die Ausnahme, sondern die Regel. „Ich mache diesen Job jetzt seit fast 25 Jahren und hatte in diesem Zeitraum gerade mal einen Kunden, bei dem sämtliche Konten korrekt geführt waren“, sagt Eibl. Insgesamt habe er fast 500 Fälle auf dem Tisch gehabt. Der Schaden habe im Schnitt bei rund 100.000 Euro gelegen.

Die wenigsten Unternehmer jedoch ahnen etwas von den schleichenden Verlusten. Erhält eine Bank 1000 Euro zur Überweisung, schreibt diesen Betrag aber erst einen Tag später auf dem Empfängerkonto zinswirksam gut, liegt der Schaden bei gerade einmal 20 Cent, wenn das Institut acht Prozent Zinsen verlangt. Das fällt selbst Sparfüchsen kaum auf.

Doch die Kleinstbeträge summieren sich. Zur Veranschaulichung: Der befürchtete Schaden des Autohändlers Weilbacher allein durch falsche Wertstellungen ergäbe aus 1-Cent-Münzen gelegt eine Strecke von 450 Kilometern, Wert: knapp 280.000 Euro.

Eine Cent-Falle – mit teils dramatischer Wirkung. In einigen Fällen, berichtet Zinspruef-Chef Brendel, hätten Insolvenzen vermieden werden können, wenn die Banken korrekt abgerechnet hätten.

Fragwürdig hohe Zinsen

Das liegt vor allem daran, dass es vielfach nicht bei verspäteten Gutschriften bleibt. Nicht selten berechnen die Institute für den überhöhten Negativsaldo auch noch fragwürdig hohe Zinsen. Diesen Verdacht hat auch Autohändler Weilbacher. Über Jahre, das zeigte das Sachverständigengutachten, soll er für einen Kredit mit variablem Zins einen Satz gezahlt haben, der zeitweise mehr als doppelt so hoch gewesen sein soll, wie es nach geltendem Recht und den Vertragsbedingungen zulässig gewesen wäre. Besonders pikant: Hier war nicht die Deutsche Bank verantwortlich. Das Darlehen hatte Weilbacher bei der Mercedes-Benz Bank aufgenommen, dem Geldhaus des Autobauers, dessen Fahrzeuge er verkauft. impulse teilte das Institut auf Anfrage mit, die Zinsen seien stets „attraktiv, wettbewerbsfähig und in angemessener Weise am Markt ausgerichtet“ gewesen.

Weilbacher glaubt dem Gutachten, erhob Schadensersatzforderungen. Wenig später kam der nächste Schock für den Mercedes-Händler. Die Mercedes-Benz Bank kündigte ihm den Kredit: „Da ging es plötzlich um meine Existenz.“ Die Begründung für die Beendigung der Geschäftsbeziehung wirkte wie blanker Hohn. „Die Vertrauensbasis sei zerstört, schrieben sie mir“, sagt Weilbacher.

Bankenrechtler Bach warnt Unternehmer, dass Banken und Sparkassen sie oft in teure Kontokorrentkredite drängen würden, statt echte Darlehen zu gewähren. „Kein Wunder, denn da sind die Zinsen deutlich höher“, sagt Bach. Besonders lukrativ sei dies für die Institute, wenn die Kreditlinie überschritten sei. „Dann können sie mitunter existenzgefährdende Überziehungszinsen berechnen“, sagt Bach. Wenn dann noch falsche Wertstellungen hinzukämen und der variable Zins zu hoch angesetzt werde, sei der Schaden immens.

Diesen Vorwurf erhebt auch die Firma Cosmoplan. Als der Möbelhersteller ab Ende der 80er-Jahre in Immobilien und Produktionsanlagen investierte, finanzierte die Hausbank des Unternehmens, die Sparkasse Osnabrück, nur rund 60 Prozent der Kosten über klassische Kredite. Firmenchef Theodor Nieporte war darauf angewiesen, zusätzlich teure Kontokorrentkredite in Anspruch zu nehmen. „Das hat die Entwicklung des Unternehmens massiv gebremst“, sagt er.

Das Kartell
Der Skandal Internationale Banken sollen über Jahre die Zinssätze Euribor (European Interbank Offered Rate) und Libor (London Interbank Offered Rate) manipuliert haben. Die EU-Kommission leitete mehrere Kartellverfahren gegen Finanzkonzerne ein. Britische und US-Behörden ermitteln ebenfalls.
Der Schaden Libor und Euribor dienen als Referenzsätze für variabel verzinste Kredite und Geldmarktkonten auf der ganzen Welt. Der Schaden könnte im zweistelligen Milliardenbereich liegen.
Die Manipulation Ein Zinsschwindel dürfte leicht gewesen sein. Der Libor wird täglich aus den von bis zu 18 internationalen Banken genannten Zinssätzen, zu denen sie sich angeblich Geld leihen können, ermittelt. Der Euribor kommt nach dem gleichen Prinzip zustande, allerdings beteiligen sich 44 Geldhäuser. Als Erstes gab die britische Großbank Barclays Manipulationen zu, akzeptierte eine Strafe von 500 Mio. Dollar; Bankchef Bob Diamond trat zurück.

Im Konferenzsaal der Cosmoplan-Firmenzentrale am Rande Osnabrücks gerät Nieporte langsam in Rage, wenn er über die Erfahrungen der vergangenen Jahre redet. Sein Gesicht verhärtet sich, seine Stimme bebt, er schimpft. Vertraut habe er den Leuten, sagt er. Sparkassen hätten „ja einen öffentlichen Auftrag, habe ich gedacht, und werden schon keine Mittelständler abzocken“.

Stets zum Vorteil der Bank

Doch ihm kamen Zweifel. „Das Unternehmen brummte, und trotzdem blieb vergleichsweise wenig hängen“, sagt Nieporte. Immer wieder kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit seinen Kundenbetreuern und auch Führungskräften des Instituts. Im Jahr 2004 machte er schließlich einen Schnitt und löste die Firmenkonten bei der Sparkasse auf.

Dabei ließ er es bewenden. Erst 2010, im Zuge der Finanzkrise, kam Nieporte auf die Idee, die alten Konten checken zu lassen. Er beauftragte den Sachverständigen Eibl, der bei seiner Analyse feststellte, dass zwischen 1988 und 2004 rund 25 Prozent der Buchungen falsch gewesen seien. Sein Vorwurf: „Die Sparkasse Osnabrück hat nicht nur Zahlungseingänge zu spät gutgeschrieben, sondern auch immer wieder Auszahlungen rückdatiert.“ So habe das Institut 250.905,14 Euro zu viel kassiert.

Hinzu komme ein Folgeschaden von rund 1 Mio. Euro, weil Cosmoplan das Geld nicht anderweitig nutzen konnte. Die Gesamtsumme klagt Nieporte derzeit beim Landgericht Osnabrück ein. Laut Sparkasse sind die Ansprüche unbegründet, „weil fehlerhafte Wertstellungen und falsche Zinsberechnungen nicht vorliegen“.

Vor Gericht muss das Institut wohl vorerst nichts befürchten: In einem Schreiben, das impulse vorliegt, hat der zuständige Richter den Parteien mitgeteilt, dass er die Ansprüche für verjährt hält. Nieporte ficht das nicht an: „Notfalls ziehe ich bis vor den Bundesgerichtshof.“ Der Fall zeigt: Selbstläufer sind Klagen nicht – gerade, wenn es um lange zurückliegende Zeiträume geht. Es ist juristisch umstritten, wann Ansprüche aus falschen Wertstellungen und überhöhten Zinssätzen verjähren . Und die Gerichte urteilen völlig unterschiedlich: „Da ist alles möglich. Für Betroffene ist es eine Art Lotterie, an welchen Richter sie geraten“, sagt Anwalt Bach.

Ohnehin kommt es selten zu einem Urteil. „Banken bieten häufig Vergleiche an, wenn sie mit dem Gutachten eines Sachverständigen konfrontiert werden“, sagt Bach. Bisweilen dringe auch der Richter auf eine Einigung, um nicht in die schwierige Thematik einsteigen zu müssen.

Was lange währt – verjährt
Nur wer seinen Schaden belegen kann und nicht zu spät klagt, hat Chancen in einem Prozess. Oder aber am Verhandlungstisch – Banken einigen sich oft außergerichtlich. Doch klagende Unternehmer brauchen gute Argumente
Beweislast: schweres Unterfangen Wer seine Bank auf Schadensersatz verklagt, muss darlegen können, wie hoch dieser Schaden ist. Das heißt, jeder verspätet gutgeschriebene Zahlungseingang auf einem Konto, jede Rückdatierung von Auszahlungen und jede fehlerhafte Zinsanpassung muss dokumentiert werden. Gerichte akzeptieren Gutachten von Sachverständigen in der Regel als Beweis. Bisweilen geben sie auch ein neues Gutachten in Auftrag.
Verjährung I: die Sicht der Banken Banken berufen sich oft darauf, dass ein Großteil der Ansprüche verjährt ist. Ihr Argument: Kunden würden sofort von Fehlern erfahren, weil auf Kontoauszügen das Buchungs- und das Wertstellungsdatum stehe. Somit beginne die dreijährige „Regelverjährung“ bereits mit Erhalt der Auszüge. Wer jetzt vor Gericht zieht, könnte nur noch Ansprüche ab 2009 einklagen.
Verjährung II: die Position der Kläger Kundenanwälte glauben dagegen, dass die Frist erst beginnt, wenn ein Gutachten vorliegt. „Erst dann erfahren Betroffene, welcher Schaden entstanden ist“, sagt der Anwalt Ernst-August Bach. Demnach können Geschädigte nach Erhalt des Gutachtens Schadensersatz für Buchungsfehler der vergangenen zehn Jahre einklagen.
Vorsatz: alles Betrug? Wenn Richter meinen, dass die Verjährungsfrist bereits mit Erhalt des Kontoauszugs beginnt, haben Kundenanwälte noch einen besonders spitzen Pfeil im Köcher: Sie können versuchen zu belegen, dass die Bank nicht aus Versehen, sondern vorsätzlich falsch buchte. Dann würde sich die Verjährungsfrist von drei auf zehn Jahre verlängern. Eine Präzedenzentscheidung dazu gibt es noch nicht.
Vergleich: kompromissbereite Banken Sind die Schadensersatzforderungen wegen falscher Wertstellungen auf Konten gut belegt, sind Kreditinstitute oft bereit, den Streit außergerichtlich beizulegen. Ihr mögliches Kalkül: Würde ein Verfahren bis vor den Bundesgerichtshof gehen, könnte womöglich ein Grundsatzurteil zuungunsten der Banken drohen.

Viele Juristen wundern sich über die Häufung der Fälle: „Es spricht vieles dafür, dass die EDV-Systeme bewusst so eingestellt werden, dass es zu falschen Wertstellungen kommt“, sagt Weilbacher-Anwalt Junglas. Damit läge Vorsatz vor – was bedeuten würde, dass die Verantwortlichen strafrechtlich belangt werden könnten. Kurz: Es ginge um Betrug.

Beweisen kann Junglas diese These nicht. Und auch keine Ermittlungen, keine Urteile, die den Verdacht erhärten könnten, sind bisher bekannt geworden.

Das könnte sich womöglich ändern. Einige Rechtsexperten argumentieren, dass falsche Wertstellungen häufig als Betrug zu werten seien. „Der Bundesgerichtshof hat 2009 entschieden, dass eine vorsätzliche Täuschung vorliegt, wenn komplizierte Abrechnungen nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprechen“, sagt Bernhard Kramer, Professor für Rechtswissenschaften an der Hochschule für Polizei Villingen-Schwennigen und ehemaliger Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte in Berlin.

Zwar ging es in dem entschiedenen Fall nicht um Bankkonten, sondern um falsche Abrechnungen für die Straßenreinigung (Az.: 5 StR 394/08). Kramer ist aber überzeugt, dass der Richterspruch auf Bankgeschäfte übertragbar sei und „deshalb in der Praxis erhebliche Auswirkungen haben“ werde. Er rechnet schon bald mit Strafprozessen. „Es liegt auf der Hand, dass falsche Wertstellungen über längere Zeiträume hinweg meist keine technischen Fehler, sondern vorsätzliche Falschbuchungen sind.“

Der Vorwurf des Betrugs steht nicht nur bei falschen Wertstellungen, sondern auch bei fehlerhaften Zinsanpassungen im Raum. Doch auch hier fehlt es an Belegen für eine vorsätzliche Schädigung von Bankkunden.

Fest steht indes: Einige Banken haben sich über klare gesetzliche Vorgaben hinweggesetzt und eine viel beachtete Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) schlicht ignoriert. Bereits 2009 hatte der BGH klargestellt, dass Banken Zinsen bei variablen Krediten nicht „nach Gutsherrenart“ anpassen dürfen.

Aus den Kreditbedingungen müsse klar hervorgehen, wann eine Bank den Zinssatz verändern darf, sagt Jonathan Ruff, Anwalt bei der Wirtschaftskanzlei Osborne Clarke in Köln. „Zudem muss klar geregelt sein, dass die Bank auf sinkende Referenzzinsen genauso schnell reagiert wie auf steigende.“ Oft würden Banken steigende Zinsen so schnell wie möglich an die Kunden weitergeben, während sie auf sinkende Zinsen erst verzögert reagierten.

Bisweilen arbeiten die Banken mit Klauseln, in denen sie sich selbst großen Spielraum bei der Zinspolitik gewähren. Zum Nachteil der Kunden. „Mein Eindruck ist, dass seit Ausbruch der Finanzkrise vermehrt mit falschen Zinssätzen gearbeitet wird“, sagt Gutachter Eibl. Gerade erst habe er die Konten eines Mittelständlers geprüft, bei dem bis 2007 alles weitgehend korrekt lief. „Danach ist die Zahl falscher Zinsanpassungen plötzlich deutlich angestiegen.“ Eibl hegt deshalb den Verdacht, dass sich einige Banken auf Kosten ihrer Firmenkunden sanieren wollen.

Kreditinstitute weisen den Verdacht, sie würden ihre Kunden bewusst schädigen, entschieden zurück. Die Sparkasse Osnabrück betont zudem, dass schon der Vorwurf falscher Wertstellungen unberechtigt sei.

Das Problem der Beweislast

Unternehmer, die sich geschädigt fühlen, müssen ihre Schadensersatzforderungen mit schwerwiegenden Argumenten unterstützen. Sie tragen die Beweislast – bei Vorgängen, die oft zehn Jahre und länger zurückliegen, kein leichtes Unterfangen. Das zeigt etwa der Fall von Gerhard Eggersglüß, einem selbstständigen Bauingenieur aus dem kleinen Örtchen Bomlitz-Borg in Niedersachsen.

Der 72-Jährige, der immer noch beruflich aktiv ist, residiert mit seiner Frau in einem schicken Haus am Rand eines Wäldchens; im Büro hängen die Grundrisse erfolgreicher Projekte. Eggersglüß könnte sein Leben genießen, doch die Vergangenheit lässt ihm keine Ruhe: Er glaubt, dass ihn die Kreissparkasse Walsrode mit falschen Wertstellungen über den Tisch gezogen hat – und zwar in den 70er- und 80er-Jahren.

Eggersglüß forderte ab 2002 in mehreren Prozessen Schadensersatz. Seine Klagen wurden abgewiesen. Wohl auch weil er sie nicht hinreichend begründen konnte. Es fehlte an beweiskräftigen Unterlagen. Eggersglüß waren die Kontoauszüge irgendwann im Lauf der Jahre abhandengekommen.

Trotzdem will der Ingenieur einen neuen Anlauf starten. „Ich will das Ding noch mal aufdröseln und werde nicht lockerlassen“, sagt er. Notfalls will er, wie schon einmal, auf Herausgabe der Unterlagen durch die Sparkasse klagen. Die, so glaubt der kämpferische Senior, müssten doch in den Archiven zu finden sein.

Das Geldhaus sieht den Bemühungen des Bauingenieurs gelassen entgegen. Dieser habe bislang „alle Schadensersatzklagen“ verloren, heißt es in einer Stellungnahme. In einem Schreiben an Eggersglüß betont der Anwalt des Instituts, es gebe „rechtskräftige Urteile“, denen zufolge keinerlei Ansprüche bestünden. Womöglich wird sich niemals aufklären lassen, ob Eggersglüß‘ Vorwürfe zutreffen.

Kein Glück bei Gericht hatte bisher auch Johannes Hillmann. Der Landwirt aus dem Münsterland hatte die Volksbank Gronau-Ahaus auf Schadensersatz in Höhe von 180.563,26 Euro verklagt, weil ihm ein zu hoher Zinssatz berechnet worden sei und bis zu 38 Prozent der Wertstellungen auf seinen Konnten falsch gewesen sein sollen. Das Landgericht Münster hat Hillmanns Ansinnen in erster Instanz abgewiesen. Nun soll das Oberlandesgericht Hamm ein Urteil fällen. Die Volksbank Gronau-Ahaus äußert sich derzeit nicht zu den Vorwürfen. „Wir halten es für sinnvoll, den endgültigen Ausgang des Verfahrens beim OLG Hamm abzuwarten“, teilt das Institut mit.

Was Hillmann besonders wütend macht: „Ich war lange Zeit überzeugt, dass man bei Genossenschaftsbanken keine Abzocke befürchten muss“, sagt er. „In den Satzungen steht schließlich ausdrücklich drin, dass sie im Interesse ihrer Mitglieder – also der Kunden – handeln müssen.“ Hillmann zog die letzte Konsequenz, so etwas wie die Ultima Ratio eines enttäuschten Bankkunden. Er gründet seine eigene Bank, gemeinsam mit anderen Mittelständlern.

Einen Namen hat das Institut bereits: „Die konservative Bank“ (Dikoba). Das genossenschaftliche Geldhaus soll Ende 2013 an den Start gehen. Bis dahin wollen Hillmann und seine Mitstreiter 2500 Investoren finden, die gemeinsam 5 Mio. Euro beisteuern. Bisher gibt es jedoch erst eine „dreistellige Zahl“ von Gründungsgenossen.

Eine „Bank alten Stils“ solle die Dikoba werden, sagt der Landwirt. Keine Anlageberatung, keine Spekulationsgeschäfte, sondern schlicht: Einlagen sammeln und Kredite an Mittelständler vergeben. Und zwar stets korrekt.

Aus dem Magazin
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2 Kommentare
  • Franz Jakob 10. November 2014 17:22

    Hallo,

    auch ich finde den Artikel super. Hat uns als Autohaus auch auf die Kontenprüfung gebracht, ist gerade in Arbeit.

    Vielen Dank für den Artikel

    Herrn Weilbacher hat der Streit gegen Goliath bekanntermaßen viel gekostet, trotzdem ein bewundernswerter Weg den er beschritten hat.

  • maier sieglinde 13. März 2014 15:55

    hallo
    erst mal der artikel ist super, ich wurde von der bank betrogen, hatte einen kredit der variabel ist und muß fast 7 % bezahlen, als ich darauf hin wies.. wurde nichts geändert, jetzt lasse ich es auch prüfen.. eine frechheit, gibt es da keine gesetzte … die bank muss sich daran halten, was ist das….

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