Finanzen + Vorsorge Islands Schuldner ächzen trotz Aufschwung schwer

Island scheint nach dem Bankenkollaps wirtschaftlich verblüffend schnell genesen. Aber die Stimmung ist vor den Wahlen am Samstag im Keller, weil Privathaushalte unter massiv gestiegener Schuldenlast ächzen.

 

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Fünf Jahre nach Islands Bankenkollaps rollen neben verblüffend vielen Stadtjeeps mit extrem hohen Reifen auch wieder die Geschäfte. Trotz Boom im Tourismus und beim Fischexport aber gilt die Stimmung vor den Wahlen am Samstag (27. April) als mies. „Die Leute sind verbittert, weil sie die Verteilung der Krisenlast so ungerecht finden“, sagt Sparberater Ingolfur Ingolfsson in Reykjavik.

„Die Leute“ sind für ihn die knapp 80 Prozent der isländischen Privathaushalte mit Wohneigentum. Für viele Familien und Singles haben sich im Gefolge des Banken-Ruins die Kreditschulden zu gewaltigen Bergen aufgetürmt.

Nach dem Ausbruch der Krise im Herbst 2008 rächte sich doppelt und dreifach, dass etliche Isländer mit riskanten Kreditaufnahmen Bankern und „wagemutigen“ Geschäftsleuten nacheiferten: In Auslandswährungen aufgenommene Schulden haben sich wegen des tiefen Falls der heimischen Krone drastisch erhöht. Nicht viel besser ist es den Haushalten mit an die Teuerungsrate gekoppelten Krediten in heimischer Währung gegangen.

Die sozialdemokratische Regierungschefin Johanna Sigurdardottir half den Haushalten mit hoffnungslos hohen Schulden in Fremdwährung: Alles über 110 Prozent des Immobilienwertes wurde gekappt. Leer gehen bisher die Familien mit Krediten in Kronen aus. „Eine Sauerei, dass die Regierung ihnen nicht geholfen hat“, sagt der liberale Oppositionschef Sigmundur Gunlaugsson im Wahlkampf.

Sein Versprechen eines Schuldenerlasses für diese Krisenopfer hat ihm eine zeitweise klare Führung in den Umfragen gebracht. „Dabei sind nach Statistiken nur ein paar hundert bis maximal 2000 Haushalte davon betroffen“, wundert sich die TV-Moderatorin Johanna Vigdis Hjaltadottir.

„Riesenschulden, die man nie wieder los wird“

Aber es gebe eben diese Grundstimmung, dass „der Normalfall in Island Haushalte mit Riesenschulden sind, die man nie wieder los wird“. Beobachter in Reykjavik sind sich einig, dass dieses Grundgefühl entscheidend für eine Niederlage der Mittelinks-Regierung werden könnte.

Dabei hat die Regierung allseits Lob für ihre Leistungen auf der vor dem Bankrott stehenden Inselrepublik mit 320 000 Bürgern eingestrichen: Sie kann auf eine Arbeitslosenquote von unter fünf Prozent und einen fast wieder ausgeglichenen Staatshaushalt verweisen – ohne Kahlschlag im Sozialsystem.

„Die Leute machen Gott, Staat, Banken, Wikinger und alles Mögliche für ihre hohe Kreditaufnahme verantwortlich. Aber niemals sich selbst“, seufzt der Ökonom Gylfi Magnússon. Vor dem Bankenkollaps wurde er als einsamer Mahner gegen wahnsinnige Kreditabenteuer auf der Atlantikinsel ausgelacht. Nach dem Kollaps half er zwei Jahre als parteiloser Wirtschaftsminister beim Aufräumen. Jetzt sitzt er wieder in seiner Studierstube an der Uni Reykjavik und nähert sich nach eigenem Dafürhalten „langsam dem alten Status“.

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