Finanzen + Vorsorge Leben lohnt sich nicht

Seit Jahren sinken die Renditen von Lebensversicherungen, Unternehmer sollten prüfen, ob sich die Policen noch lohnen. Tot ist der Vorsorgeklassiker aber nicht: Steuervorteile bleiben.

Seit einiger Zeit hatte Hans S. ein mulmiges Gefühl. „Überall war zu lesen, dass Lebensversicherungen nicht mehr so laufen, wie sie sollen. Das hat mich verunsichert“, erinnert sich der Handwerker aus Hessen an den Herbst des vergangenen Jahres. Der 55-jährige Unternehmer, der seine 25-Mann-Firma vor einigen Jahren verkauft hat und seitdem als Sachverständiger in seiner Branche arbeitet, besitzt mehrere Immobilien – damals überwiegend finanziert über Darlehen, die nicht in Raten, sondern am Ende der Laufzeit auf einen Schlag zurückgezahlt werden müssen. Um das Geld dann parat zu haben, zahlte S. regelmäßig in Kapitallebensversicherungen ein, die zeitgleich mit den Darlehen endeten. 20 Policen hatte er abgeschlossen, die ältesten datierten zurück bis 1980.

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Magere Renditen

Der Unternehmer wandte sich an einen Finanzberater, ließ die Verträge durchrechnen. Und war schockiert: „Ich ahnte, dass sich viele Policen wohl nicht mehr rentierten“, sagt S., der mit dem kleinen Finanzdebakel lieber nicht namentlich genannt werden will. „Aber ich wusste nicht, wie wenig sie tatsächlich abwarfen.“ Der schlechteste Vertrag hätte eine zukünftige Rendite von gerade einmal 0,14 Prozent geschafft. Der Handwerker kündigte sofort. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

So wie Hans S. geht es immer mehr Unternehmern. Die Auszahlungsbeträge, also die Summe, die Versicherte am Ende der Laufzeit für Kapitallebensversicherungen bekommen, sinken seit Jahren. Bekamen Versicherte, deren Zwölf-Jahres-Police im Jahr 2000 auslief, laut Branchendienst „Map-Report“ durchschnittlich 6,22 Prozent Rendite auf die eingezahlten Beiträge, waren es für Policen, die 2011 zur Auszahlung kamen, nur noch 3,24 Prozent. Das ist kaum mehr als die Inflation. „Die Situation wird anhalten, sogar eher noch schlimmer werden“, prognostiziert Stefan Bauer vom Vermögensberater Franz Heinrich Bauer aus Münster.

Unternehmer wie Handwerker Hans S. erkennen die Talfahrt der Branche an den jährlichen Schreiben ihrer Versicherer: Darin sagen die Anbieter voraus, mit wie viel Geld die Versicherten am Ende der Laufzeit rechnen können. Wenn sie die Schreiben vergleichen, stellen sie immer öfter fest: Die Beträge verringern sich mit den Jahren.

Unterm Strich bestensfalls eine Minirente

Gerade für Mittelständler kann das mitunter Probleme mit sich bringen, denn sie sorgen traditionell gern per Versicherungsvertrag vor. Sie nutzen die Policen zum Sparen, um später damit Darlehen zurückzuzahlen, stellen irgendwann aber fest, dass vom einst prognostizierten Auszahlungsbetrag von 500.000 Euro, berechnet mit üppigen Fantasiezinsen von sieben Prozent oder mehr, nur 350.000 Euro übrig bleiben werden. Andere zahlen in Lebensversicherungen ein, um später ihre eigene Pensionszusage damit zu finanzieren – und merken dann, dass das Geld dafür überhaupt nicht reichen wird. Oder sie wollen mit einer Police selbst fürs Alter vorsorgen – und wissen heute schon, dass unterm Strich bestenfalls eine Minirente stehen dürfte.

Zwar bescheinigten die Analysten von Morgen & Morgen deutschen Lebensversicherern noch Ende Oktober, dass sie einigermaßen krisenfest seien. Die Experten stellten aber auch fest: Eigenmittel und Überschüsse sinken. Das niedrige Zinsniveau macht es schwierig, Vermögen aufzubauen. Und eine Wende ist derzeit nicht in Sicht, hat die Europäische Zentralbank doch gerade erst wieder die Zinsen gesenkt.

Um für ihre Kunden dennoch einigermaßen Geld zu verdienen, weichen Versicherer vermehrt auf riskantere Anlagen aus. Sie sind zwar angehalten, einen Großteil der Mittel in festverzinsliche Wertpapiere zu investieren. Bundesanleihen, lange das Produkt der Wahl, werfen zu wenig ab. Die Versicherer finanzieren stattdessen private Hypothekendarlehen, kaufen Pfandbriefe oder Unternehmensanleihen. Das seien überwiegend Anlagen mit Investmentgrade, betont Peter Schwark vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Aber die Branche braucht die Risikoprämien.

Im Herbst sorgten die Finanzaufseher der BaFin für Aufregung, als sie prüften, wie viele Anleihen von Banken und insolvenzgefährdeten Staaten die Versicherer in ihren Portfolios halten. Das Ergebnis gab Entwarnung: Deutsche Versicherer besitzen im Mittel drei Prozent Staatsanleihen aus Schuldenstaaten wie Portugal, Italien und Irland – und nur 0,3 Prozent Papiere aus Griechenland. „Ein Schuldenschnitt würde sich kaum auf die deutschen Versicherer auswirken“, sagt GDV-Experte Schwark.

Die Schuldenkrise trifft die Versicherer dennoch, nur an ganz anderer Stelle: Seit halb Europa wie verrückt deutsche Staatsanleihen kauft, sind deren Kurse in die Höhe geschossen. Auch Versicherer halten diese Anleihen in großen Mengen, durch den Kursanstieg haben sie nun aber einen höheren Wert. Das Problem: Seit 2008 sind die Anbieter verpflichtet, die Hälfte dieser Wertsteigerung auf die Überschussbeteiligung anzurechnen, also Kunden einen Teil davon gutzuschreiben.

„Da geht es um einen hohen Milliardenbetrag“

Nur ist das Geld gar nicht da, sagt Manfred Poweleit, Chefredakteur des „Map-Report“, schließlich wollen die Versicherer die Anleihen erst in vielen Jahren wieder verkaufen. „Da geht es um einen hohen Milliardenbetrag, der nicht wenige Versicherer in Schwierigkeiten bringen könnte.“ Die Branche will jetzt per Lobbyarbeit auf die Politik einwirken, um die Vorschrift zumindest aufzuweichen.

Die wachsenden Risiken der Versicherer sind neben den sinkenden Zinsen ein weiterer Grund, warum Unternehmer ihre Policen gründlich überprüfen sollten, findet Andreas Böker, Mitinhaber der Vermögensberatung Böker & Paul aus Montabaur. Immer mehr Unternehmer haben sich in den vergangenen Monaten an ihn gewandt, weil sie ihren Vorsorgeverträgen nicht mehr trauen. „Wir stoßen häufig auf Policen, die nur noch sehr geringe oder sogar negative Renditen bringen“, sagt der Berater.

Böker nimmt die aktuell prognostizierten Auszahlungsbeträge der Versicherer und errechnet so, welche Rendite die Summe der Beiträge am Ende abwirft. Liegt diese unterhalb einer angenommenen Inflationsrate von drei Prozent, empfiehlt er, die Verträge beitragsfrei zu stellen, Risikoabsicherungen herauszunehmen oder gleich zu kündigen. Ist die Police verpfändet, etwa für ein Immobiliendarlehen, muss man mit der Bank reden, sagt Böker. „Die Banken akzeptieren als Ersatz aber meist auch andere Sicherheiten.“ Oder sie wandeln die Finanzierungen in Darlehen mit klassischer Ratenrückzahlung um.

Ein Hauptargument der Branche, wonach Lebensversicherungen ja nicht nur der Altersvorsorge dienen, sondern man in die Policen auch einen Schutz gegen Berufsunfähigkeit oder schwere Krankheiten einbauen könne, kontern Vermögensberater eiskalt: „Sicher gibt es Risiken, die sich nur über eine Versicherung abdecken lassen“, sagt der Finanzexperte Stefan Bauer aus Münster. „Aber ich bin kein Freund davon, Vermögensaufbau über Versicherungen zu betreiben.“ Er plädiert dafür, Altersvorsorge und Risikoabsicherung klar voneinander zu trennen, das senke Kosten und erhöhe damit die Rendite. Also: eine Berufsunfähigkeitspolice. Eine Risikolebensversicherung. Und Vorsorge extra, per Sparplan.

Doppelter Steuervorteil

Trotz allem: Tot ist die Lebensversicherung nicht, betont Vermögensberater Böker. Im Gegenteil: „Lebensversicherungen bieten enorme Steuervorteile.“ Zum einen werden während der Ansparphase keinerlei Abgaben fällig. Zum anderen ist bei der Auszahlung nur die Hälfte der Erträge steuerpflichtig, wenn der Kunde ein Mindestalter erreicht hat und die Versicherung zwölf Jahre lief. Um diesen doppelten Steuervorteil zu nutzen und gleichzeitig eine Chance auf höhere Erträge zu haben, betten die Versicherer Wertpapierfonds in Versicherungsverträge ein, die dann auch in Aktien investieren dürfen. „Diese Variante kann sich auch im jetzigen Umfeld lohnen“, sagt Böker.

Auch Handwerksmeister Hans S. hat das Geld, das er nach der Kündigung seiner klassischen Lebensversicherungen erhalten hat, so angelegt: „Durch den Steuervorteil lohnt sich das.“ Und wenn die Zinsen wieder steigen? „Dann schließe ich vielleicht wieder klassische Versicherungsverträge ab“, sagt S. Er glaubt allerdings nicht, dass das bald passiert.

So sortieren Sie schlechte Verträge aus
Vermögensberater Andreas Böker erklärt, wie Unternehmer ihre Lebensversicherungspolicen analysieren – und umsteuern
Reale Rendite?
Lebensversicherungskunden erhalten jedes Jahr einen Brief, in dem die aktuell prognostizierte Ablaufleistung ausgewiesen ist. Chefs sollten ihre Buchhalter bitten, nach der Methode der „internen Rendite“ auszurechnen, wie sich die eingezahlten Beiträge verzinsen, wenn die Ablaufleistung so bleibt. Unterm Strich sollten nicht weniger als drei Prozent herauskommen – sonst gleicht der Vertrag nicht mal die Inflation aus. Kapital wird vernichtet.
Sonderklauseln?
Viele Policen enthalten Sonderklauseln, um Zusatzrisiken wie Berufsunfähigkeit (BU) mit abzusichern. Oft fällt der Schutz im Vergleich zur separaten BU-Police aber gering aus, die Komponente ist dennoch teuer. 60-Jährige haben zudem für den Sterbefall unnötig hohe Schadenssummen im Vertrag stehen – die nur ein junger Familienvater braucht. Nimmt man die Klauseln heraus, steigen Ablaufleistung und Realrendite.
Beiträge stoppen?
Kunden können den Vertrag auch beitragsfrei stellen. Dafür muss je nach Police ein bestimmtes Mindestguthaben vorhanden sein. Die Ablaufleistung sinkt, denn der Kunde zahlt ja weniger ein. Oft berechnen die Anbieter auch Stornogebühren. Dennoch: Die Schlussrendite auf das eingezahlte Kapital steigt, weil zukünftige Beiträge dann natürlich nicht mehr schlecht verzinst werden können.
Vertrag kündigen?
Reicht die Beitragsfreistellung nicht, bleibt die vorzeitige Kündigung. Laut Gesetz geht das zum Ende der laufenden Versicherungsperiode. Bei Kündigung wird die Rendite auf das bisher eingezahlte Kapital zwar fast immer negativ. Aber das Geld ist frei für neue Anlagen – etwa eine bessere Lebensversicherung. Verträge auf dem sogenannten Zweitmarkt zu verkaufen lohnt inzwischen kaum noch, denn es fehlen Interessenten.
Anbieter finden?
Prüfen Sie, wie solide Lebensversicherer wirtschaften, etwa mit den Ratings von Experten wie Morgen & Morgen. Dann fragen Sie dort gezielt nach Policen, die per Wertpapierfonds sparen. Solche Sparverträge lassen sich im Alter verrenten. Anleger müssen aber sehr genau hinschauen: Nur wenige Fondspolicen bringen gute Renditen. Und: Sie sollten nicht mehr als ein Prozent Gebühr pro Jahr kosten.
Steuer mindern?
Ein Fondssparplan im Versicherungsmantel ist abgeltungsteuerfrei. Wird das Kapital nach dem 60. Lebensjahr ausgezahlt (ab 2012: 62 Jahre) und ist der Vertrag mindestens zwölf Jahre lang gelaufen, erhalten Anleger die Hälfte des Ertrags steuerfrei. Bei einer Einmalanlage von 500.000 Euro und sonst identischen Kosten bringt der Steuervorteil nach 20 Jahren fast 42 Prozent mehr Ertrag als ein Wertpapierdepot. Und das, obwohl die Fondspolice anfangs hohe Abschlusskosten verursacht.
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 12/2011.

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