Finanzen + Vorsorge Milliarden im Blick

Geld leihen von Privatleuten statt von einer Bank - auch für Selbstständige ist das reizvoll. Trotzdem nutzen nur wenige die Portale Smava und Auxmoney. Die reagieren jetzt.

An Selbstvertrauen mangelt es Alexander Artopé nicht. So groß wie Ebay könne sein Onlineportal Smava.de werden, über das sich Privatleute von anderen Privatleuten Geld leihen. Das gab der Mitgründer Anfang 2009 für eine PR-Broschüre zu Protokoll. Er sei „ziemlich zuversichtlich“, dass es so kommen werde.

Wow! Ebay. Allein in Deutschland werden über das Auktionsportal jährlich Milliarden bewegt. Daneben Smava. Die Plattform vermittelte bislang Kredite in einem Gesamtvolumen von rund 65 Mio. Euro. Nicht pro Jahr, sondern seit ihrem Start im April 2007. Fünf Jahre später sitzt Artopé im kargen Besprechungszimmer der Smava-Zentrale in einem Altbau in Berlin-Mitte, konfrontiert mit seiner alten Prognose. Würde er den Vergleich heute wieder so anstellen? Kredite in Milliardenvolumen – ist das realistisch? Der 42-Jährige zeigt keinerlei Regung. Stattdessen ein Schulterzucken, so als wolle er sagen: „Was soll die Frage?“ Mit seinen dünnen Fingern hält er locker einen Kuli, er dreht den Stift und antwortet: „Ja.“

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Peer-to-Peer Lending, Geld verleihen unter Gleichen, heißt das Konzept von Smava. Darlehen nicht mehr von der Bank, sondern von Menschen, die andere Menschen unterstützen wollen, natürlich gegen Zinsen. Neben Smava gingen andere Plattformen an den Markt und verschwanden wieder. Außer Smava überlebte nur Auxmoney – die allerdings auch nur Kredite in Höhe von 22 Mio. Euro vermittelte.

Anfangs wuchsen die Newcomer stark – auch wegen der Finanzkrise. Die Banken verloren massiv an Vertrauen, Kredite wurden knapp und teuer. Nicht mehr nur Finanzierungen für Sofas oder den Hausanstrich liefen jetzt über die P2P-Portale. Auch immer mehr Selbstständige entdeckten die Privatdarlehen aus dem Netz als Finanzierungsmöglichkeit für die Anschaffung neuer Computer, von Werkzeug oder Maschinen. Das sorgte für Aufsehen. Große Tageszeitungen und Magazine berichteten. Artopé schaffte es bis in die ARD-„Tagesthemen“. Mehr mediale Aufmerksamkeit geht kaum. Doch ab Mitte 2010 war Schluss mit dem Boom. Das Geschäft stagnierte.

Raus aus der Nische

Woran liegt’s? Dominik Faßbender von der auf den Finanzsektor spezialisierten Managementberatung ZEB hat erst kürzlich seine Doktorarbeit über P2P-Kreditmärkte veröffentlicht. Er hält es für „unwahrscheinlich, dass ohne weitere Veränderungen der P2P-Kreditmärkte noch ein stärkeres Wachstum eintreten wird“. Kurz: Smava und Auxmoney müssen ihr Angebot erweitern. Sonst wird P2P nicht massentauglich. Fest steht: Das Potenzial ist gewaltig. Rund 100 Mrd. Euro Kredit, mit Laufzeiten von einem bis fünf Jahren, haben Privatpersonen derzeit bei Banken ausstehen. Mit fast einem Drittel davon stehen Selbstständige bei den Instituten im Soll. Geldströme, die auch über P2P-Portale fließen könnten.

Einer, der bereits den Schritt vom Bankdarlehen zum P2P-Kredit gemacht hat, ist Sven Ulrich. Der selbstständige Kameramann aus Hamburg benötigte Anfang des Jahres 3000 Euro, weil das Finanzamt eine Steuernachzahlung forderte. Als er im Internet nach einem günstigen Kredit suchte, wurde er auf Smava aufmerksam. Nach Internetrecherche und genauem Studium der Nutzungsbedingungen und Gebühren ließ er es auf einen Versuch ankommen. Er meldete sich an, Smava checkte seine Kreditwürdigkeit, dann konnte Ulrich sein Kreditprojekt auf der Plattform einstellen.

Für einen Kredit mit drei Jahren Laufzeit, den er in 36 Monatsraten tilgen soll, bot er 7,34 Prozent Zins. Nach zwei Wochen hatten sich ausreichend Anleger gefunden, die kleinere Beträge in Ulrichs Projekt investieren wollten. Nur drei Tage später hatte er das Geld auf dem Konto. Warum er nicht zur Bank gegangen ist? „Schlechte Erfahrungen“, sagt er. Eine Anfrage wegen eines neuen Kredits erschien ihm sinnlos.

Ulrich ist jedoch eine Ausnahme. P2P-Experte Faßbender sieht einen Hauptgrund dafür, dass Selbstständige trotz der Probleme mit Banken die Plattformen nicht stärker nutzen, in der geringen Bekanntheit der Angebote. Der Berater verweist auf den Anteil der von Kreditinstituten online vermittelten Privatkredite, der laut Bankenverband von 2005 bis 2010 zwischen vier und sechs Prozent lag – das entsprach 1,4 bis 1,9 Mrd. Euro. „Ein Wachstum“, so Faßbenders Fazit, „ist in der Zukunft zwar sehr wahrscheinlich, derzeit aber noch nicht erkennbar.“ Lange warten auf die Wende kann Smava-Chef Artopé nicht. Das Unternehmen machte dem Vernehmen nach von Beginn an Verlust. Artopé will das nicht bestätigen: „Finanzkennziffern kommunizieren wir nicht“, sagt er. Fügt aber hinzu: „Uns geht’s gut.“

Investoren fordern Rendite

Dass Smava trotz Defizit so lange durchgehalten hat, liegt an den Finanziers. Neben einer Handvoll Privatinvestoren und der italienischen Banca Sella ist das vor allem Earlybird. Über 5 Mio. Euro hat die Hamburger Venture-Capital-Gesellschaft seit 2007 in Smava investiert. Für diesen Einsatz erwarten die Kapitalgeber Rendite. Branchenexperten schätzen, dass Smava jährlich ein Kreditvolumen von 70 bis 80 Mio. Euro vermitteln müsste, um in die Gewinnzone zu kommen – also mehr als die Summe seit der Gründung. Christian Nagel, Managing Partner bei Earlybird, gibt sich dennoch gelassen. Jeder Vertrag mit einem Kreditnehmer bringe heute schon mehr Erlös, als er Kosten verursache. Um insgesamt profitabel zu werden, müsse Smava nur weiter wachsen. Bei den Krediten seien „mehrere Hundert Millionen und mittelfristig ein Millardenvolumen denkbar“.

Von solchen Zahlen ist das Portal weit entfernt. Im vergangenen Jahr wurden lediglich rund 17 Mio. Euro für Kreditprojekte auf Smava.de vermittelt. Natürlich müsse das „Product Offering“ weiterentwickelt werden, sagt Nagel. Darüber ist er sich mit Artopé einig. Passiert jedoch ist bisher wenig. Und das liegt wohl hauptsächlich an der Bank, mit der Smava seit 2007 kooperierte, der BIW. Das Geldhaus versteht sich als Transaktions- und Onlinebank, die vor allem als Dienstleister für Unternehmen des Finanzsektors tätig ist. Direkten Kontakt zu Endkunden hat das Institut kaum. Für Smava trat die BIW-Bank juristisch als Darlehensgeber auf. Wurde über die Plattform ein Kredit vermittelt, kam das Geld zunächst von der Bank. Diese Forderung verkaufte sie dann sofort an die Privatanleger weiter, die auf Smava.de dafür geboten hatten. Ohne die Zwischenschaltung einer Bank wäre das P2P-Geschäft in Deutschland nicht möglich, andere Konstrukte würde die Finanzaufsicht BaFin schnell verbieten.

So weit, so unproblematisch. Der Zoff begann Anfang 2011. Dem Vernehmen nach blockierte die BIW-Bank die Einführung neuer Angebote durch Smava. Unter anderem soll es um die Kreditvergabe an Firmen gegangen sein. Weder Smava noch die BIW-Bank wollten das kommentieren. Im Dezember schließlich beendeten die Parteien ihre Zusammenarbeit.

Nun will Smava mit neuen Kooperationspartnern angreifen und bietet ab sofort auch Finanzierungen von Banken an. Die Plattform kooperiert hierfür mit der Targo Bank, der Postbank, der SWK Bank sowie Barclaycard. Darlehen von Privatleuten gibt es weiterhin unter dem Namen „smavaprivat“. Das ursprüngliche Geschäftsmodell „Kredit von Mensch zu Mensch“ wird zwar nicht aufgegeben, könnte aber schnell zum Randprodukt der Plattform.

Kleine Summen, gewaltige Unterschiede

Der Portalvergleich: Was Kreditnehmer bei Smava und Auxmoney beachten müssen:

Smava.de Auxmoney.de
Kreditvoraussetzung Prüfung der Kreditwürdigkeit; Monatseinkommen mindestens 1000 Euro grundsätzlich keine; bei negativem Schufa-Eintrag ist Ablehnung möglich
Höchstbetrag 50.000 Euro 20.000 Euro
Zinsen bestimmt Kreditnehmer bestimmt Kreditnehmer; übersteigt das Geldangebot den Kreditbetrag, sinken die Zinsen
Finanzierungs-
wahrscheinlichkeit
bisher wurden gut 95 Prozent der Kreditprojekte von Anlegern finanziert für rund 20 Prozent der Kreditgesuche gab es ausreichend Anleger*
Gebühren im Fall der erfolgreichen Finanzierung eines Projekts zahlt der Kreditnehmer eine Gebühr in Höhe von 2,5 Prozent der Leihsumme bei 36 Monaten Laufzeit; bei 60 Monaten Laufzeit werden drei Prozent fällig Einstellen der Kreditanfrage: 9,95 Euro für die ersten zwei Wochen, danach kostet jeder weitere Tag 1 Euro**. Zur Verbesserung der Finanzierungschancen bietet Auxmoney Bonitätszertifikate zu je 9,95 Euro an. Wird der Kredit finanziert, erhält Auxmoney noch 2,95 Prozent des Kreditbetrags
Laufzeit 36 oder 60 Monate 12 bis 60 Monate

* bei unbesicherten Krediten 15 Prozent; besicherte Kfz-Kredite: 78 Prozent; ** gilt für unbesicherte Kredite; Anfragen für besicherte Kfz-Kredite sind kostenlos

Denn die angestrebten Geldmassen zu bewegen dürfte allein Darlehen von Privatanlegern – wenigstens kurzfristig – unmöglich sein. Zu unattraktiv erscheinen derzeit Investments in P2P-Kredite. Im Forum auf Smava.de beklagen sich einige langjährige Anleger über magere Renditen und hohe Risiken.

Claus Lehmann etwa. Er hat dort in über 50 Kredite investiert. Neues Geld anlegen will er vorerst nicht. Lehmann betreibt die Internetseiten Wiseclerk.com und P2P-kredite.com. Dort veröffentlicht er Statistiken und Analysen der Smava-Kredite. Er stellte fest, dass die tatsächlichen Ausfallraten bei Smava höher sind als die von den Betreibern prognostizierten. Lehmann: „Die möglichen Renditen sind in Anbetracht der Risiken derzeit zu niedrig.“

„Fair enough“, ruft Artopé beim Hinweis auf die Kritiker. Dann sagt er: „Die Fakten sind anders“, und verweist auf die bisherige durchschnittliche Rendite der Anleger von rund fünf Prozent, „nach Abzug aller Risikokosten und Gebühren“. Für Festgeld mit vergleichbaren Laufzeiten gäbe es bei einer Bank derzeit allenfalls drei bis vier Prozent Zinsen.

Immerhin: Bisher fanden sich für rund 95 Prozent der Kreditprojekte bei Smava ausreichend Anleger. Problematischer ist die Kreditfinanzierung bei Auxmoney. Nur rund 15 Prozent der Kreditgesuche, die bis Herbst 2011 auf der Plattform eingestellt wurden, waren erfolgreich. Der Grund für die Diskrepanz: Bei Smava bekommt nur einen Kredit, wer nach einer Prüfung als kreditwürdig eingestuft wurde. Die Kriterien sind ähnlich streng wie bei einer Bank. Auxmoney dagegen will jedem eine Chance geben. „Bei uns kann auch einen Kredit bekommen, wer bei Smava oder einer Bank keinen erhält“, sagt Gründer und Geschäftsführer Philipp Kriependorf. Smava und Auxmoney seien daher „keine direkten Konkurrenten“.

Im Wettbewerb stehen sie dennoch, vor allem um Privatanleger. Zufall oder nicht: Kaum hatte Smava die Kooperation mit der BIW-Bank gelöst, vereinbarte Auxmoney mit dem Institut eine Werbeaktion. Die BIW-Bank schrieb Smava-Anleger an, die bei ihr ein Transaktionskonto für die Kreditinvestments unterhielten, und empfahl Auxmoney. Beigelegt war Werbematerial der Düsseldorfer Plattform. „Das war kein Angriff auf Smava“, sagt Kriependorf. In Berlin sah man das offenbar anders und erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen die BIW-Bank. Das Landgericht Düsseldorf untersagte ihr, in dieser Form weiter Werbung für Auxmoney zu betreiben. Die BIW-Bank wollte zu dem Vorgang keine Stellung nehmen.

Viel Neugeschäft hat die Aktion ohnehin nicht gebracht. Trotzdem konnte Auxmoney zum Jahresbeginn einen deutlichen Sprung beim vermittelten Kreditvolumen verzeichnen. Erstmals wurden binnen einem Monat Kreditprojekte im Volumen von mehr als 1 Mio. Euro vermittelt. Der Grund ist eine Produktneuheit. Auxmoney bietet seit einigen Monaten die Vermittlung von Krediten für den Autokauf an. Der Unterschied zu herkömmlichen Darlehen besteht in der Möglichkeit, den Wagen als Sicherheit anzubieten. Ein Angebot, das bei Anlegern sehr gut ankam. Die Finanzierungsquote bei den Gesuchen für die besicherten Autokredite lag laut Auxmoney bei 78 Prozent.

Nun denkt man bei den Düsseldorfern über die Einführung weiterer Produkte nach. Auch Lebensversicherungen oder Immobilien könnten als Sicherheiten dienen. Die Zukunft sieht Kriependorf daher optimistisch. Auxmoney sei im Gegensatz zu Smava ohnehin längst profitabel. Und wenn das Geschäft mit den Autokrediten erst richtig laufe, könnten schon bald etwa 400 Mio. Euro im Jahr vermittelt werden.

Das Potenzial sei damit aber noch lange nicht ausgeschöpft: „Es gibt etwa zehn Millionen Menschen, die nur schwer einen Kredit bei der Bank bekommen“, sagt er. Irgendwann mehr als 1 Mrd. Euro Darlehen pro Jahr zu vermitteln sei deshalb möglich. Da ist er sich mit Smava-Chef Artopé einig.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 05/2012.

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