Finanzen + Vorsorge Nichts Genaues weiß man nicht

Flexible Dachfonds gelten als Vermögensverwaltung des kleinen Mannes. Die Bequemlichkeit hat allerdings ihren Preis. Und die Manager arbeiten nicht sonderlich transparent.

Als Günter Schlösser im Jahr 2000 entschied, das Geld seiner Kunden in einem einzigen Produkt zu vermehren, war er seiner Zeit voraus. Der Geschäftsführer der Kölner Vermögensverwaltung Portfolio Concept und heutige Vorsitzende des Verbands unabhängiger Vermögensverwalter legte zwei sogenannte Dachfonds auf. Die investieren nicht in einzelne Aktien, sondern kaufen ganze Fonds. Die Idee dieser Schachtelkonstruktion: Das Geld der Anleger wird besonders breit gestreut. Statt dafür viele einzelne Fonds zu überwachen, reicht es, sich einen einzigen Fonds zuzulegen.

Ein Jahrzehnt später ziehen Schlössers Kollegen scharenweise nach. Die Zahl der Dachfonds in Deutschland stieg bis Ende 2008 auf ein Rekordhoch von 708 Fonds mit insgesamt über 50 Mrd. Euro Kapital. Hauptgrund für den Boom war keineswegs das überlegene Konzept. Vielmehr trieb die Abgeltungsteuer, die zum Jahresbeginn 2009 in Kraft getreten ist und die Gewinne aus Wertpapierverkäufen mit 25 Prozent belastet, den Markt an.

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Tatsächlich schützt der Mantel eines Dachfonds gleich doppelt vor Steuern. Erstens davor, dass beim Kauf und Verkauf einzelner Fonds Abgeltungsteuer fällig wird. Das heißt: Schichtet ein Anleger privat Fondsanteile um, muss er zwischendurch Gewinne versteuern. Verkauft ein Dachfondsmanager denselben Fonds, um einen besseren zu kaufen, fällt keine Steuer an. Zweitens lassen sich Kosten für Vermögensverwalter seit 2009 nur noch teilweise von der Steuer absetzen. In gewisser Weise agiert auch ein Dachfondsmanager als Vermögensverwalter, nur dass seine Kosten in der Fondsgebühr stecken. Die ziehen die Anbieter direkt vom Bruttogewinn ab. Steuerpflichtig ist später nur der Nettogewinn.

Kritiker der Dachfonds halten diese Argumente, die in den Verkaufsprospekten bis heute auftauchen, für wenig stichhaltig. „Ich sehe bei Dachfonds gar keinen steuerlichen Vorteil mehr“, sagt etwa Markus Niemeyer, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer der Wuppertaler Kanzlei Dr. Breidenbach und Partner. Denn wer heute in Dachfonds einsteigt, schiebt die Zahlung der Abgeltungsteuer höchstens hinaus. Trennt er sich von dem Produkt, muss er die Gewinne schließlich ja doch versteuern. Und die Gebühren sind nicht nur bei Dachfonds steuerfrei, sondern auch bei allen anderen Fondsarten.

So bleibt auf der Habenseite des Anlageprodukts nur ein wesentlicher Vorteil: Dachfonds ersparen Anlegern eine Menge Arbeit. „Durch die Vielzahl der Zielfonds können vermögensverwaltende Dachfonds das Vermögen diversifizieren und Verlustrisiken streuen“, sagt Marc Krzewinski, Portfolio-Controller des Family-Offices WSH Deutsche Vermögenstreuhand, eines Unternehmens, das Anlagestrategien für vermögende Kunden überprüft. Dürfen die Fonds nicht nur in Aktien und Renten, sondern ohne größere Einschränkungen in alle Anlageklassen investieren, übernehmen sie Aufgaben eines Vermögensverwalters. So kommen auch Kunden mit kleineren Summen in den Genuss einer Vermögensverwaltung, die es in individuellen Mandaten erst bei sechs- bis siebenstelligen Summen gibt. Die Dachfonds derselben Verwalter bieten das Anlage-Know-how zwar nur in abgespeckter und pauschalierter Form, sind aber zum Teil schon ab einigen Hundert Euro zu haben.

Der Markt ist unübersichtlich

Die Kehrseite: Den passenden Dachfonds zu finden ist spätestens seit dem Steuerboom schwierig geworden – zu unübersichtlich ist das Angebot. Und was die Dachfondsmanager genau tun, bleibt im Dunkeln.

impulse hat gemeinsam mit dem Münchner Datendienstleister FWW zehn vermögensverwaltende Dachfonds aus dem Angebot herausgefiltert, die zwischen null und 100 Prozent des Kapitals in Aktienfonds anlegen und so besonders flexibel auf Marktschwankungen reagieren können. In den vergangenen zwei Jahren konnten die Manager so beeindruckende Gewinne zwischen 20 und 31 Prozent pro Jahr einstreichen (siehe Tabelle auf Seite 80). Das ist nicht nur der Zeitraum seit Einführung der Abgeltungsteuer, sondern auch die Phase, in der sich die Aktienmärkte vom Lehman-Crash erholten. Das nutzte zum Beispiel dem ETF-Dachfonds der Gesellschaft Veritas, der fast ausschließlich in börsengehandelte Indexfonds (ETFs) investiert. Auch der Universal Megatrends MF, den die inzwischen eigenständige Investmentgesellschaft der Münchner Privatbank Merck Finck & Co betreut, legte kräftig zu, und das mit einem völlig anderen Anlagestil. Die Manager investieren dort, wo sie große wirtschaftliche und gesellschaftliche Trends erwarten. Ihr Gespür hat sie nicht getrogen.

Geld in Dachfonds anlegen sollten grundsätzlich nur Anleger, die den Künsten ihrer Manager vertrauen. Denn einen genauen Einblick in die Strategie gewähren sie nicht: „Statt individuell festlegbarer Reporting-Stichtage bekommen Dachfondsanleger nur mit dem Halbjahres- und Jahresbericht einen Einblick in die exakte Zusammensetzung“, kritisiert WSH-Controller Krzewinski. „Ihnen fehlt damit die Möglichkeit, auf die aktuelle Streuung und das Anlagerisiko zu schließen, um in Krisenzeiten reagieren zu können.“ Selbst wenn manche Dachfondsmanager freiwillig mehr Daten zur Verfügung stellen: Bei einer echten Vermögensverwaltung kann der Kunde jeden Tag überprüfen, in welchen Papieren oder Fonds sein Geld gerade steckt.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die Kosten. Für die meisten Dachfonds werden höhere Gebühren fällig als für Einzelfonds oder eine klassische Vermögensverwaltung. In der Regel zahlen Dachfonds-Anleger zwei bis drei Prozent Verwaltungsgebühren, rechnen Branchenkenner vor. In manchen Fällen liegt die Gebühr sogar bei vier Prozent des Fondsvolumens. Eine klassische Vermögensverwaltung kostet laut Experten nur etwa ein Prozent. Bei immer mehr Dachfonds ist zudem auch noch eine erfolgsabhängige Gebühr fällig. Dazu kommen in jedem Fall die Kosten jener Fonds, in die das Geld am Ende investiert ist – das ist bei einer fondsgebundenen Vermögensverwaltung ohne Dach allerdings nicht anders.

Wer sich genauer umschaut, kann trotz Doppel- oder Dreifachgebühren auch bei Dachfonds vergleichsweise günstige Kandidaten entdecken. So verlangt zum Beispiel die Münchner Vermögensberaterin Aline Hense für ihren Dachfonds Charisma AHM nur ein Prozent Verwaltungsgebühr, dazu kassiert sie ein Zehntel aller Erträge. Erwirtschaftet sie fünf Prozent Plus, kostet der Fonds also 1,5 Prozent Gebühren. Der DWS Multi Opportunities II bescheidet sich mit 0,85 Prozent Fixkosten. Dazu fallen auch hier Verwaltungsgebühren für die Einzelfonds im Portfolio an. Manche Fonds haben auch eine Kostenbremse etabliert: Sie verlangen keine Gebühren für jenen Teil des Vermögens, den sie gerade im Geldmarkt parken. Das wiederum würde ein Vermögensverwalter kaum tun. Hier zählen Cash-Positionen zur Strategie.

Wer 2008 aus steuerlichen Gründen in einen Dachfonds investiert hat und damit unzufrieden ist, sollte jedenfalls nicht um jeden Preis investiert bleiben, sagen Experten – selbst wenn bei einem Wechsel in eine andere Anlage ein Steuerprivileg verloren geht. „Stimmen die Rahmendaten bei einer Dachfondsstrategie nicht, bleibt nur der Komplettverkauf“, rät Gerd Bennewirtz, Geschäftsführer der Fondsverwaltung SJB Fondsskyline.

Bei manchen Fonds, die anlässlich der Abgeltungsteuer aufgelegt wurden und nicht überzeugen konnten, stellt sich die Frage nach dem Rückzug gar nicht. Ihnen droht ohnehin das Aus. Über die Hälfte der Dachfonds, die seit Anfang 2007 ins Leben gerufen wurden, verwalten laut Bennewirtz weniger als 20 Mio. Euro und sind viel zu klein, um sich für ihre Anbieter auf Dauer zu rechnen. Diese Dachfonds könnten deshalb schon bald aufgelöst oder mit anderen verschmolzen werden.

„Wer einer Verschmelzung zustimmt, hat derzeit weder Abgeltungsteuer noch Transaktionskosten zu tragen“, sagt Bennewirtz. „Wer aber lieber verkaufen und neu investieren will, verliert dagegen den steuerlichen Bestandsschutz.“ Und nicht nur das: Er muss auch noch die üblichen Gebühren für die erforderlichen Transaktionen zahlen.

Dieses Schicksal hat bereits viele Anleger ereilt. Von den 708 Dachfonds Ende 2008 sind mittlerweile nur noch 640 übrig.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 11/2010.

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