Finanzen + Vorsorge Die Musterschüler: Baltische Staaten locken Investoren

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Tradition und Moderne: Estlands Hauptstadt Tallinn

Tradition und Moderne: Estlands Hauptstadt Tallinn© E.Kanash/CC-BY-3.0

Im nächsten Jahr führt Lettland den Euro ein, 2015 folgt Litauen. Schon jetzt sind die drei baltischen Staaten ein kleines, aber feines Ziel für Investitionen.

In Dirk Zwicks Paradies bröckeln die Sowjetbauten, sind die Winter streng, die Russen zahlreich, und man spielt lieber Basketball als Fußball. Doch es handelt sich mitnichten um ein fernes asiatisches Land, es liegt nicht mal wirklich im Osten Europas. Für Dirk Zwick liegt das Paradies in Litauen.

Dass der Chef des Panther-Fahrradwerks im litauischen Šiauliai sein Herz an den baltischen Staat verloren hat, liegt an den Menschen, die dort leben, an den günstigen Preisen, den kurzen Wegen. Wenn Zwick ein Problem hat, dann geht er eben mit dem Staatssekretär essen. Oder gleich mit dem Minister. Die tragen seine Anliegen, etwa die Verlängerung der europä­ischen Schutzzölle auf chinesische Fahrräder, notfalls bis nach Brüssel. „Ein großer deutscher Mittelständler ist in Litauen das, was VW in Deutschland ist“, sagt Zwick bei einem Abendessen mit anderen Unternehmern, die es aus den gleichen Gründen ins Baltikum verschlagen hat. Der 45-Jährige, kahler Kopf und warmes Lächeln, lebt seit 18 Jahren in Šiauliai im Norden Litauens – und er macht nicht den Eindruck, als wolle er noch einmal weg.

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Dabei sind die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland so ziemlich die letzten Länder, die einem Deutschen einfallen, wenn er im Geiste die nun 28 EU-Mitglieder aufzählt – zusammen kommt das Trio auf gerade 6,5 Millionen Einwohner. Für deutsche Unternehmer kann das eine Chance sein: Litauen, Lettland und Estland werben massiv um Investitionen aus dem Ausland – mit niedrigen Steuersätzen, mit Subventionen und Löhnen, für die sich hierzulande niemand an ein Fließband stellen würde.

Emsiger als die Deutschen

Gleichzeitig wird das Baltikum spätestens seit seiner Wirtschaftskrise als ein Landstrich voller Mustereuropäer gefeiert. Als in den drei Staaten 2009 die Wirtschaft zusammenbrach, reagierten Letten, Esten und Litauer mit einem geradezu brutalen Sparprogramm. Anfangs brachen wie in anderen europäischen Krisenländern massive Proteste los, dann besannen sich Regierung und Gewerkschaften und schnürten ein gemeinsames Reformpaket – eine Haltung, die viele deutsche Unternehmer heute noch loben, wenn sie über ihre motivierten Mitarbeiter im Nordosten sprechen. Und künftig wird das Baltikum noch näher an Zentraleuropa heranrücken: Im kommenden Jahr führt Lettland als 18. Land den Euro ein, 2015 zieht voraussichtlich Litauen nach – Estland hat die Währung bereits seit 2011.

Als der Fahrradhersteller Panther 1993 einen Staatsbetrieb in der ehemaligen Sowjetrepublik Litauen übernimmt, ist davon noch nicht viel zu ahnen, in dem Land wird gerade die Planwirtschaft hinausgekehrt. Nach und nach setzt sich das Baltikum bei Panther als Standort gegen die deutsche Heimat durch: Seit 2009 wird kein Fahrrad mehr im ostwestfälischen Löhne gefertigt, 2012 wandert auch die E-Bike-Produktion nach Šiauliai. Die Gründe dafür sind schnell erzählt: Die Gehälter, die Panther in Deutschland zahlen musste, waren fünfmal höher als in Litauen. Glaubt man Dirk Zwick, ist das aber nur die halbe Wahrheit.

„Die Produktivität in Litauen war einfach höher als die in Deutschland“, sagt er. Zum einen war das Werk in Šiauliai größer als das deutsche, Fixkosten hätten sich entsprechend besser verteilt. Zum anderen seien die Arbeiter in Litauen so emsig, wie man es den Deutschen manchmal nachsagt. „Die Litauer haben verstanden, dass ein höherer Lebensstandard erarbeitet werden muss“, sagt Zwick. Was er meint, lässt sich erahnen, wenn man andere litauische Betriebe besucht: Überall hängen Wochen- und Monatspläne an den Wänden – mit grünen Zahlen, wenn das Soll erfüllt wurde, mit roten, wenn das nicht der Fall ist. Oft sind die Tafeln ziemlich grün. „Den Menschen hier ist gar nicht bewusst, wie viel Power sie eigentlich haben“, sagt Zwick.

Wettbewerbsfähigkeit stieg rasant

Für die Power sorgen nicht zuletzt die Regierungen. Die Körperschaftssteuer liegt in Litauen und Lettland bei 15 Prozent. In Estland wird mit 21 Prozent besteuert. Werden die Gewinne dort thesauriert, also im Unternehmen investiert, ist der Steuersatz null. Zwei Sonderwirtschaftszonen gibt es in Litauen, in denen Firmen in den ersten sechs Jahren keine Steuern zahlen müssen, wenn sie mehr als 1 Million Euro investieren, danach wird ein reduzierter Satz fällig. Fünf weitere Zonen sind in Planung, auch in Lettland gibt es ähnliche Gebiete. Die Bedingungen dafür werden aus dem Strukturfonds der EU finanziert. Nur in Rumänien und Bulgarien sind die Löhne im EU-Vergleich niedriger.

Wenn ein Mittelständler im Baltikum sein Werk errichtet, ist das eine große Sache, besonders in ländlicheren Gebieten. Der Fahrradhersteller Panther beschäftigt 600 Arbeiter in Šiauliai – also jeden fünftausendsten Litauer insgesamt. Die Größenverhältnissse sind im Baltikum eben andere. Wer als Deutscher ein Thema für einen Plausch sucht, sollte es einmal mit der Wirtschaftskrise versuchen. Letten, Litauer und Esten sehen sich fest an der Seite von Skandinavien, Großbritannien und vor allem Deutschland. In Lettland und Estland sind wirtschaftsliberale Parteien an der Regierung, in Litauen war das bis vergangenes Jahr der Fall. Als 2009 in allen drei Staaten die Wirtschaft um rund 15 Prozent schrumpfte, reagierten alle drei Länder nach einfacher Logik: Was man nicht hat, kann man nicht ausgeben. Überall fielen die Löhne drastisch, doch ebenso rasant stieg die Wettbewerbsfähigkeit. Heute wächst die baltische Wirtschaft im Jahr wieder um knapp 4 Prozent.

Entsprechend stolz sind die Menschen, es geschafft zu haben, wenn auch mit ein bisschen Nachhilfe der EU. „Wir könnten uns jetzt hinstellen und sagen: Wir sind ein tolles Beispiel für Griechenland“, meint Nerijus Maciulis, Chefökonom der Swedbank in Litauen. „Aber ganz so einfach ist das nicht.“ Denn die Krise hat den baltischen Staaten in einem anderen Bereich nachhaltig geschadet: Zwischen 2008 und 2012 schrumpfte die Bevölkerung in Estland um 3,5 Prozent, in Lettland um 5,5 Prozent und in Litauen um 6,5 Prozent. Besonders junge, gut ausgebildete Arbeiter verlassen die drei Staaten an der Ostsee; Facharbeiter, so sagen viele deutsche Unternehmer, müssten sie erst vor Ort ausbilden.

„Die Absatzchancen sind überschaubar“

Und noch etwas mag ein Nachteil der baltischen Staaten sein: Der Binnenmarkt ist nicht besonders groß – selbst wenn man die drei Länder als eine Region betrachtet. „Gerade wirtschaftlich wachsen Estland, Lettland und Litauen zusammen“, sagt Michael Gutting, Chef der Saalemühle in Sachsen-Anhalt, die auch an Betrieben in Estland und Lettland beteiligt ist. Ein Handelspartner hätte ihn zur Jahrtausendwende auf das Baltikum gebracht, wo die Regierungen mit Steuervergünstigungen und Subventionen warben. Das erinnerte Gutting an „die Programme, die es nach der Wende für Ostdeutschland gab“. Allerdings seien die Absatzchancen in den baltischen Staaten allein überschaubar, und so liefert er von dort aus auch nach Schweden, Finnland und Polen.

Neben der verarbeitenden Industrie ist der Handel einer der größten Wirtschaftsfaktoren. Abgesehen von Skandinavien, Deutschland und Polen zählt auch Russland zu den wichtigsten Handelspartnern. Nicht nur geografisch, auch kulturell sieht man sich in den baltischen Staaten deshalb als Drehscheibe für die großen Märkte in Osteuropa. „Jammerschade, dass Russland eine protektionistische Wirtschaftspolitik betreibt“, sagt Gutting. Von der Mentalität her sieht er die Menschen aus dem Baltikum aber ohnehin näher bei den west­lichen Ländern – was auch schon vor der Euro-Einführung in Lettland und Litauen so gewesen sei. „Beide Länder haben ihre Währung ja schon an den Euro gekoppelt“, meint er. „Ihre Aufnahme in den Euro-Raum ist eigentlich nur noch ein Vollzug.“

 

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