Finanzen + Vorsorge Ratings als Wettbewerbsfaktor

Private-Equity-Firmen, die hierzulande investieren, lachen sich ins Fäustchen. Deutsche Mittelständler kosten sie 15 Prozent weniger, weil sie ihre Verhandlungsposition selten mit einem externen Rating stärken. Viele wären damit durchaus in der Lage, ihre Konditionen erheblich zu verbessern oder sich am Kapitalmarkt mit nur sechs bis acht Prozent Zinsen zu finanzieren.

Doch heimische Mittelständler verzichten aus Nachlässigkeit oder Unwissenheit darauf, Ratings auch aktiv einzusetzen. Noch immer herrscht bei Unternehmen die Meinung vor, dass der Aufwand für Basel II höher sei als der Nutzen.

Bisher beschränkt sich der Nutzen vor allem bei internen Ratings der Banken häufig darauf, vom Gesetzgeber geforderte Maßnahmen zu erfüllen. Dass deutsche Mittelständler speziell die externen Ratings nicht nur für günstige Kapitalbeschaffung, sondern auch als Wettbewerbsfaktor nutzen können, erschließt sich erst langsam. Im Fokus müssen dabei branchenspezifische Ratings stehen.

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Der Verband der Automobilindustrie (VDA), der Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) und andere machen uns das vor. Unternehmen dieser Branchen verwenden ihre Ratingstandards nicht nur zur Finanzierung. Sie setzen die Standards auch als Gütesiegel ein, um Lieferanten zu bewerten oder um in wettbewerbsintensiven Märkten ihre Stärken und Schwächen auszuloten. Zulieferer mit dem VDA-Ratingstandard signalisieren damit Automobilherstellern ihre technische Leistungsfähigkeit und messbaren Lieferstandards, aber auch ihre finanzielle Stabilität. Gerade in Zeiten verstärkter Auslagerung setzen Hersteller auf solche Gütesiegel. Damit minimieren sie das Ausfallrisiko eines Schlüssellieferanten.

Ein solch umfassendes Ratingverständnis findet in den USA traditionell wesentlich breitere Anwendung als bei uns. Das kurzlebige, transaktionsgetriebene und schnelle Business wäre ohne diese Ratingkultur nicht möglich. Einigen sich beispielsweise auf einer Industriemesse Geschäftspartner über Qualität, Preis und Lieferfrist, dann unterschreiben sie sehr schnell einen Vertrag – immer vorausgesetzt, das Rating stimmt auch. In vielen Städten haben sogar Autohäuser, Handwerksbetriebe oder Frisörsalons ihr eigenes Rating. Unternehmen aller Branchen und Größenklassen werben dabei öffentlich mit ihren Bewertungen.

Mit Ratings können wir bessere Entscheidungen treffen, denn Rating bedeutet bewerten. Nur absolute Zahlen helfen dabei nicht. Wir müssen zwischen Alternativen wählen können. Hier haben wir von der US-Ratingkultur noch viel zu lernen.

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