Finanzen + Vorsorge Russland wirbt in St. Petersburg um Investoren

Beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg will Russland bei Konzernchefs und Politikern um Investitionen werben. Auch Kanzlerin Merkel wird erwartet. Experten sehen das Land nach rund 13 Jahren mit Putin an der Macht noch vor großen Problemen.

Es ist für Russlands Führung der „Wirtschaftstermin des Jahres“, und auch die Kanzlerin kommt nach St. Petersburg – doch der wirtschaftliche Neubeginn lässt auf sich warten, denn die Energiegroßmacht kämpft weiter mit massiven Strukturproblemen. Kapitalabfluss, Flucht von Akademikern sowie Korruption machen dem Land zu schaffen. „Russlands Wirtschaft ist wie ein Auto, das im Schlamm steckt“, sagt der Ökonom Dmitri Beloussow der Agentur Ria-Nowosti. „Es versinkt nicht, aber es kommt auch nicht voran.“

Angela Merkel, Kremlchef Wladimir Putin und viele Konzernbosse werden als Gäste erwartet: Beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg dreht sich von diesem Donnerstag an alles um Kapitalfluss und Hochfinanz. Großes Thema bleiben die benötigten Auslandsinvestitionen. Vor 310 Jahren, als Zar Peter der Große das Sumpfgebiet am Finnischen Meerbusen zu Russlands „Fenster zum Westen“ ausbaute, war dieser Begriff noch völlig unbekannt.

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Russische Medien betonen besonders, dass Merkel „mitten im Bundestagswahlkampf“ Zeit für einen Trip nach Russland finde, „obwohl doch ihre Beziehung zu Putin nicht als besonders gut gilt“. Bereits in den vergangenen Tagen seien beide Politiker beim G8-Gipfel wiederholt im Gespräch gesehen worden, schreiben Moskauer Zeitungen, und im April sei Putin Gast der Hannover Messe gewesen.

Das Land verliert Kapital
„Merkel und Putin können in St. Petersburg wichtige Impulse geben“, meint Wirtschaftsexperte Waleri Mironow. Er plädiert etwa für eine Visafreiheit für ausländische Investoren, die der weltgrößte Öl- und Gasförderer zur Sanierung seiner Industrie benötigt. „Russlands Markt mit über 140 Millionen Menschen braucht endlich jene Modernisierungspartnerschaft, die Moskau und Berlin seit Jahren beschwören“, sagt Mironow.

Vor Beginn des Forums sind aber die Negativnachrichten für den Kreml unübersehbar. Der Kapitalabfluss aus Russland sei „unerwartet groß“, räumt Zentralbankchef Sergej Ignatjew ein. Experten sprechen von acht Milliarden US-Dollar monatlich – darunter ist das benötigte Geld von Investoren, die lieber Länder mit mehr Sicherheit suchen.

Ausgerechnet einer der geplanten Hauptredner des Forums, der Spitzenökonom Sergej Gurijew, setzte sich aus Angst vor politischem Druck vor kurzem nach Paris ab. Der Leiter der angesehenen Moskauer Wirtschaftshochschule hatte sich unter anderem mit dem verfolgten Anti-Korruptions-Kämpfer Alexej Nawalny solidarisiert.

„Trübe Stimmung“
Es herrsche eine „insgesamt trübe Stimmung“, räumt Finanzminister Anton Siluanow ein. Die Regierung habe beschlossen, die heimische Wirtschaft durch die kontrollierte Schwächung des Rubels anzukurbeln, sagt Siluanow. Experten warnen aber von einer „kurzsichtigen Politik“, die zu einer Beschleunigung der Inflation und einer Verringerung ausländischer Investitionen führen könnte. Auch dass Putin trotz internationaler Kritik die Privatisierung von Staatsbetrieben nur schleppend angeht, sehen sie als Hindernis.

Als Lichtblick in Krisenzeiten war noch vor einem Jahr Russlands Aufnahme in die Welthandelsorganisation WTO bezeichnet worden. Doch der Beitritt der Energiegroßmacht habe nicht die erhofften Vorteile gebracht, sagen Investoren. Sie beklagen weiter „Protektionismus“.

Das größte Land der Erde unter den wichtigsten Schwellenländern Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – kurz BRICS – bleibe aber interessant, betonen Investoren wie BP-Chef Robert Dudley, der auch in der Newa-Stadt erwartet wird. Aber auf eine Neuausrichtung der russischen Wirtschaft, die fast nur von Rohstoffexporten lebt, warten Beobachter schon seit Jahren.

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