Finanzen + Vorsorge Hunderttausende Iren verzweifeln an ihren Hypotheken

Irland will den EU-Rettungsschirm im Dezember verlassen, die Regierung erklärt den wirtschaftlichen Notstand für beendet. Doch Tausende Iren kämpfen ums finanzielle Überleben. Sie verzweifeln an ihren Hypotheken.

Wenn Neil über seine Schulden spricht, ist ihm seine Verzweiflung anzumerken. Der 46-jährige Landwirt aus Irland ist mit den Zahlungen für seine Hypotheken hoffnungslos im Rückstand. Dieses Schicksal teilt er mit etwa 20 Prozent derjenigen, die auf der grünen Insel eine Hypothek haben.

Seit 2010 hat das Land von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) 67,5 Milliarden Euro an Krediten erhalten. Im zweiten Quartal 2013 ließ Irland die Rezession hinter sich und will im Dezember den Euro-Rettungsschirm verlassen. Aber bis zum Aufschwung ist es noch weit. Schuld daran ist nach Ansicht von Finanzexperte Brian Lucey vom Dubliner Trinity College die Hypotheken-Krise.

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Etwa ein Zehntel der Bevölkerung gebe wegen ihrer Kreditschulden kaum Geld aus. Für den Aufschwung sei aber der tägliche Konsum zentral, meint Lucey: „In den Pub zu gehen, oder im Gartencenter Geld ausgeben.“  All das kann Neil sich nicht leisten. Er hat 1,2 Millionen Euro Hypothekenschulden und ein Jahreseinkommen von 14.000 Euro. „Ob ich essen gehe? Nein. Ich gehe nicht mal mehr zu McDonalds“, sagt er.

Viele Immobilien sind heute weniger wert als das Hypothekendarlehen

Und dann ist da noch das Problem mit dem negativen Eigenkapital. Hunderttausende können ihren Kredit zwar bezahlen, aber ihre Immobilie ist weniger wert als der Kredit, den sie aufgenommen haben. Sie sitzen auf ihren Häusern fest.

Die Generation der 35 bis 45-jährigen sei am schlimmsten betroffen, sagen Ökonomen. Sie müssen mit Steuererhöhungen, Arbeitslosigkeit oder Gehaltskürzungen zurechtkommen. „Wenn sie ein Haus gekauft, geheiratet und Kinder gekriegt haben und nun mit negativem Eigenkapital belastet sind oder ihren Job verloren haben, dann sind sie erledigt“, sagt Charles Larkin von der Cardiff Metropolitan University.

Aber auch die ältere Generation hat viel Geld verloren: Sie investierte in Immobilien, um diese zu vermieten. Doch als der irische Immobilienmarkt Mitte 2008 kollabierte, fielen die Preise um mehr als die Hälfte.

Neil kaufte fünf Häuser und zwei Geschäftsgrundstücke auf Pump

Auch Neil, ein Witwer und Vater von vier Kindern, hat es so erwischt: Die Banken ermutigten ihn, Kredite aufzunehmen, sagt er. Er kaufte – zusätzlich zu seinem eigenen Haus – fünf Häuser und zwei Geschäftsgrundstücke auf Pump. Nach Platzen der Immobilienblase fanden sich keine Mieter mehr, Neil konnte die Kredite nicht zurückzahlen.

Nun setzt ihn seine Bank unter Druck. Käufer für die Häuser gebe es nicht, und außerdem sei ihr Wert so tief gefallen, dass er vom Erlös nicht mal die Kreditzinsen zahlen könnte.

Der Anwalt Vincent Martin ist Mitbegründer von „New Beginning“ („Neuanfang“). Die Organisation bietet Rechtsberatung für Schuldner. Die Hilfesuchenden seien ein Querschnitt durch die irische Mittelschicht: Ärzte, Buchhalter, Krankenschwestern oder Lehrer. Die Krise habe den Menschen einen hohen Tribut abgefordert, sagt er. „Hunderte erwachsene Männer sind in unserem Büro in Tränen ausgebrochen.“

„Viele Banken verschliessen ihre Augen vor der Wahrheit“

Es gibt keine einfachen Lösungen. Viele Banken verschlössen ihre Augen vor der Wahrheit, kritisiert Zentralbankchef Patrick Honohan. Sie gäben den Schuldnern lieber mehr Zeit die Kredite zurückzuzahlen, statt sie abzuschreiben.

Neil sieht indes keine Alternative zur Insolvenz. Die Regierung und die Banken müssten die Notwendigkeit von Abschreibungen akzeptieren, fordert er. „Ich stehe am Rand des Abgrunds. Es ist absolut unmöglich.“

1 Kommentar
  • Verzweifelte Iren 16. Oktober 2013 07:47

    Wie lustig! Die Leute wollten mal richtige Geschäftsleute werden… und sind auf die Nase gefallen. Nun sind die bösen Banken schuld, die haben die angehenden Geschäftsleute nämlich überredet. Donnerwetter! Wenn jemand richtig Kasse machen will, indem er gleich 7 Mietobjekte anschafft, ist das O.K. Wenn er dann auf die Nase fliegt auch.
    Übrigens sind die Zustände in Deutschland in vielen kleinen Städten ähnlich, zumindest was die „Steigerung“ des Immobilienwertes betrifft. Und heulen die Leute hier auch rum? Nö.

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