Finanzen + Vorsorge Turbulenzen in den Schwellenländern: Die fetten Jahre sind vorbei

Seit die US-Notenbank ein Ende des billigen Geldes in Aussicht gestellt hat, fließt massiv Kapital aus den Schwellenländern ab. Die Angst vor einer neuen Finanzkrise überschattet den G20-Gipfel.

Droht jetzt in den Schwellenländern eine neue Finanzkrise? Die Währungen in Indien, Brasilien, Indonesien und anderen Staaten verlieren dramatisch an Wert. Die Aktienmärkte gehen auf Talfahrt. Investoren ziehen ihr Geld ab. Alarmiert fordert die Präsidentin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, „weitere Verteidigungslinien“, die eine Ausbreitung der Gefahren verhindern sollen und die gegenseitige Abhängigkeiten der Volkswirtschaften widerspiegeln müssten.

Die Turbulenzen in den Schwellenländern rücken zu einem der Hauptthemen auf dem Gipfel der 20 Industrie- und Schwellenländer diese Woche in St. Petersburg auf. Die Brics-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika wollen über einen neuen Rettungsfonds in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar sprechen. Er soll kurzfristige Liquiditätsengpässe überbrücken und für Stabilität sorgen. Der Fonds werde in „absehbarer Zeit“ gestartet, kündigte der Vizegouverneur der chinesischen Zentralbank, Yi Gang, in Peking an.

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Dass die Schwellenländer mit ihren größten Problemen seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 konfrontiert sind, hat die schon im März ins Auge gefassten Pläne für den Brics-Fonds beschleunigt. Ursache der Turbulenzen sind die Signale der USA, ihre lockere Geldpolitik auslaufen zu lassen und die Zinsen anheben zu wollen. Nach der Finanzkrise 2008 hatte die US-Notenbank den Geldhahn aufgedreht, um Rezessionsgefahren vorzubeugen. Billiges Geld floss in die Schwellenländer, wo stärkeres Wachstum und höhere Zinsen lockten. Doch jetzt, wo es der US-Wirtschaft langsam wieder besser geht, kann die Liquidität wieder gedrosselt werden und Normalität eintreten.

Indien ist besonders betroffen

Aber geht den Boomländern jetzt ohne diese Kapitalzuflüsse die Luft aus? „Ich glaube nicht, dass alles nur eine Blase ist“, sagt Professor Shi Yinhong von der Volksuniversität in Peking. Mit Blick auf das verlangsamte Wachstum in Indien und Brasilien spricht der Experte gleichwohl von mehreren, kleineren Blasen. Die knappere Geldpolitik werde zwar „negative“, aber nicht „tödliche“ Auswirkungen haben, glaubt Shi Yinhong.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist nicht so stark betroffen wie andere Schwellenländer, da der Yuan nicht konvertibel und der Kapitalverkehr nach China stark reglementiert ist. „China ist besser geschützt“, sagt der Experte. Aus seiner Sicht ist Chinas Wirtschaft auch robuster, auch wenn sich das chinesische Wachstum durch geringere Exportnachfrage und Kreditvergabe auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten verlangsamt hat.

Aber kein Zweifel: Die fetten Jahre sind überall vorbei. Besonders betroffen sind Länder wie Indien, die den bisherigen Boom nicht für nötige Reformen genutzt haben. Die indische Rupie ist auf ein Rekordtief gefallen. Auch der brasilianische Real hat stark an Wert verloren – ähnlich die Währungen in Indonesien, Südafrika, Russland, der Türkei, Thailand und Malaysia. So verteuern sich ihre Importe, was die Wirtschaften zusätzlich belastet, auch wenn die Exporte auf dem Weltmarkt billiger und damit wettbewerbsfähiger werden.

Pläne für Brics-Entwicklungsbank

Der Aufruhr an den Devisen- und Aktienmärkten weckt das Gespenst einer neuen Asienkrise wie 1997/98. Doch glauben Experten, dass die Schwellenländer heute besser gewappnet seien. Angesichts der Krise rückt auch die höchst ungleiche Gruppe der Brics-Staaten zusammen. Es gab auf einem Treffen Anfang August in Neu Delhi nicht nur die Einigung bei dem 100-Milliarden-Krisenfonds, sondern endlich auch Fortschritte bei den Plänen für eine Brics-Entwicklungsbank, die Projekte in ärmeren Ländern finanzieren soll.

Das Bankkapital in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar (rund 38 Mrd. Euro) bringen die fünf Staaten zu gleichen Teilen auf, sind damit auch gleich stimmberechtigt. Anteile bis 40 oder 45 Prozent sollen reiche Industrienationen angeboten werden, damit die Bank kreditwürdiger wird und billiger Kapital aufnehmen kann. In den 100-Milliarden-Fonds hingegen soll China als größte Brics-Volkswirtschaft 41 Milliarden einzahlen, während Russland, Brasilien und Indien jeweils 18 Milliarden und Südafrika 5 Milliarden beitragen dürften, wie indische Medien berichteten.

Der Brics-Fonds und die Entwicklungsbank sind Ergänzungen zu Weltbank und Währungsfonds, dürften die internationale Finanzarchitektur aber langfristig verändern. Chinesische Experten machen keinen Hehl daraus, dass ihnen die Entscheidungsmechanismen in den – von den USA dominierten – traditionellen internationalen Finanzinstitutionen ohnehin viel zu kompliziert sind.

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