Finanzen + Vorsorge Verwirrung um EZB: Euro-Retter bringen Euro unter Druck

Die EZB wollte die Märkte beruhigen, nun sorgen Äußerungen von Direktoriumsmitglied Asmussen für Aufregung - und bringen den Euro unter Druck. Die Verwirrung erinnert an frühere - eigentlich längst vergessene - Kommunikationspannen.

Eigentlich wollte die EZB für Klarheit sorgen. Doch nun bringt ausgerechnet die historisch neue Offenheit der Europäischen Zentralbank (EZB) den Euro unter Druck. Niedrige Zinsen „für einen längeren Zeitraum“, hatte Notenbankpräsident Mario Draghi am Donnerstag versprochen. Seither wird gerätselt, was genau er damit meint.

Für Klarheit schien EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen zu sorgen: Es gehe nicht um sechs Monate, es gehe nicht um zwölf Monate, „es geht darüber hinaus“, sagte er am Dienstag Reuters TV. Hat sich der EZB-Rat also auf Niedrigzinsen bis weit ins Jahr 2014 hinein festgelegt? Hat Asmussen Draghi nur ungenau zitiert?

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Die Verwirrung weckt Erinnerungen an Kommunikationspannen der Vergangenheit. Wim Duisenberg etwa, 1998 bis 2003 erster Präsident der EZB, sorgte häufiger mit Bemerkungen für Verwirrung an den Finanzmärkten. So brach im Oktober 2000 der Euro-Kurs ein, nachdem sich der Niederländer in einem „Times“-Interview zu Interventionen am Devisenmarkt zugunsten der damals noch jungen Gemeinschaftswährung geäußert hatte. Duisenberg hatte gesagt, ein Eingriff bringe wenig, solange der Nahostkonflikt heftige Kursausschläge verursache. Schränkte die EZB damit ihre Handlungsbereitschaft ein?

Jede Silbe wird auf die Goldwaage gelegt

Auch Duisenbergs Nachfolger, der Franzose Jean-Claude Trichet (2003-2011) wurden bisweilen unvorsichtige öffentliche Äußerungen vorgehalten, etwa als er im ohnehin schon nervösen Sommer 2011 davon sprach, dass sich die Märkte in der „schlimmsten globale Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“ befänden. Allerdings wurde die Geldpolitik der EZB zu Trichets Zeiten wegen bestimmter Codeworte deutlich berechenbarer.

Die Beispiele belegen: Jede Silbe, die aus den Zentren des Geldes an die Öffentlichkeit dringt, wird an den Märkten auf die Goldwaage gelegt. Am Dienstag reichten drei englische Worte („it goes beyond“ – „es geht darüber hinaus“) Asmussens in dem gut zehnminütigen Interview, um die Teilnehmer an den Finanzmärkten in Aufregung zu versetzen und den Euro auf Talfahrt zu schicken.

Für Händler war klar: Asmussen präzisiert damit den EZB-Zinskurs. Denn Draghi hatte sich nach der jüngsten EZB-Sitzung auch auf hartnäckige Nachfragen nicht weiter festlegen wollen: „Ein längerer Zeitraum ist ein längerer Zeitraum. Das sind nicht sechs Monate, das sind nicht zwölf Monate – es ist ein längerer Zeitraum.“

EZB bemüht sich um Klarstellung

Die Notenbank bemühte sich zwar rasch um Klarstellung der Asmussen-Äußerungen: „Es wurde kein Hinweis auf die exakte Länge des Zeitraums gegeben und es war nicht Herrn Asmussens Absicht, das zu tun.“ Doch die Gemeinschaftswährung erholte sich am Mittwoch zunächst kaum von ihren starken Verlusten.

Dabei wollten Europas Währungshüter die Marktteilnehmer beruhigen. Ihre Botschaft: Zentralbankgeld im Euroraum bleibt so lange wie nötig billig, angehoben wird der Leitzins von derzeit 0,5 Prozent so bald jedenfalls nicht. „Unser Ziel ist, die Erwartungen der Marktteilnehmer an unsere Politik für die absehbare Zukunft klar zu verankern“, bekräftigte Asmussen in dem Interview.

Signale der US-Notenbank Fed

Denn nach entsprechenden Signalen der US-Notenbank Fed war spekuliert worden, auch die EZB könnte ihre Geldschleusen in absehbarer Zeit schließen. Fed-Chef Ben Bernanke hatte vor drei Wochen den Einstieg in den Ausstieg der lockeren Geldpolitik in den USA in Aussicht gestellt – und damit die Aktienmärkte auf Talfahrt geschickt, die längst abhängig sind von dem vielen billigen Zentralbankgeld. Marktbeobachter hoffen auf noch präzisere Angaben Bernankes zu einem Auslaufen der milliardenschweren Anleihenkäufe der Fed – womöglich schon am späten Mittwochabend deutscher Zeit.

Trotz allem Bemühen um einen längerfristigen Ausblick („Forward Guidance“): Immer wieder laden Notenbanker zur Interpretation ihrer Äußerungen ein. Mancher Volkswirt kann denn auch der Klarstellung der Asmussen-Äußerungen aus dem Frankfurter Euro-Tower nicht ganz glauben: Asmussens Wortwahl „könnte die Sicht eines Großteils des EZB-Rates widerspiegeln, wenn auch nicht der Mehrheit“, meint Berenberg-Ökonom Christian Schulz.

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