Finanzen + Vorsorge Wetterderivate: Sonnenschein für die Bilanz

Wetterderivate: Sonnenschein für die Bilanz

Wetterderivate: Sonnenschein für die Bilanz

Vollgelaufene Keller in Oberbayern, überflutete Straßen in Norddeutschland, Katastrophenalarm in Österreich und Notstand in Italien. Grund: die schlimmsten Regenfälle seit vierzig Jahren. "Sommerwetter: Sintflut in Europa", titelt lakonisch der Spiegel in seiner Online-Ausgabe.

Der nasse Sommer ist eine Umsatzkatastrophe für viele Unternehmer. Gastronomen stehen vor leeren Biergärten, den Obstbauern im Alten Land bei Hamburg verfaulen die Äpfel am Baum und Boutiquen bleiben auf T-Shirts und Sommerkleidern sitzen.

Doch manche Firmenchefs lassen die düsteren Regenwolken am Himmel kalt. Sie haben sich dagegen versichert – mit Wetterderivaten. „Nahezu 70 Prozent der Unternehmen sind mehr oder weniger vom Wetter abhängig“, sagt Hans Esser, Chef der Unternehmensberatung Finanztrainer.com, die als erste solche Derivate in Deutschland entwickelt, „doch in Deutschland erkennen das Firmenchefs erst nach und nach.“

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Wetterderivate sind Sicherungsinstrumente für wetterabhängige Branchen. Finanztechnisch ist der Vertrag ein Optionsgeschäft. Für jeden verregneten Tag garantiert der Partner eine vorher festgelegte Entschädigung. Die Übernahme des Risikos bekommt er nach Vereinbarung bezahlt. Mit einer Versicherung hat das Konstrukt nichts zu tun. Diese sichern nur das Risiko von Unwetterschäden ab, nicht die Einnahmeausfälle oder Mehrausgaben durch schlechtes Wetter.

Jedes Derivat wird auf die Bedürfnisse des Unternehmens zugeschnitten. Will beispielsweise ein Biergarten seine wetterbedingten Umsatzschwankungen absichern, ermittelt Finanztrainer.com die lokalen Durchschnittswerte für Sonnenstunden, Temperatur und Niederschlag. Stellt sich heraus, dass der Biergarten bei einer Durchschnittstemperatur von 20 Grad und 180 Sonnenstunden gute Geschäfte macht, kann er sich gegen Schwankungen dieser Durchschnittswerte absichern. Und zum Beispiel eine Entschädigung vereinbaren, wenn der Umsatz aufgrund einer niedrigeren Durchschnittstemperatur oder mehr Niederschlag zurückgeht.

Was genau abgesichert wird, hängt von Geschäft ab. „Für einen Golfplatz oder Biergarten ist die Anzahl der Sonnenstunden wichtiger, ein Bauer achtet auf die Höhe des Niederschlages“, weiß Hans Esser. Die Wetterdaten kosten ein paar hundert Die Prämie für die Option richtet sich nach dem abgesicherten Umsatz. „Es lohnt sich schon, wenn nur 10.000 Euro Umsatz vom Wetter abhängen“, sagt Derivate-Fachmann Esser.

In Deutschland nutzen erst wenige Unternehmen solche Papiere. Vor allem Energieunternehmen wie die Berliner Bewag oder die Mannheimer MVV Energie AG sichern sich gegen milde Winter ab, weil diese den Absatz von Fernwärme mindern. Aber auch die Gastwirte vom Münchner Oktoberfest oder Betreiber von Golfplätzen schützen sich mit Wetterderivaten vor regenbedingten Einnahmeausfällen. Doch das Spektrum potenzieller Interessenten ist viel größer. So zählt die Investmentbank „Dresdener Kleinworth Wasserstein“ unter anderem die Freizeit- und Touristikindustrie, Gartenbaumärkte, Land- und Forstwirtschaft, Bekleidungsindustrie, Bauwirtschaft und die Nahrungsmittelindustrie zu den möglichen Abnehmern von Wetterderivaten.

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