Finanzen + Vorsorge Wie der Chef über die Rente bestimmen kann

Alle Arbeitnehmer haben Anspruch auf eine Zusatzrente. Wie die aussieht, entscheiden die Chefs - je nach Situation der Firma. impulse zeigt zwei Beispiele aus der Praxis und erläutert Modelle.

Für junge Softwarespezialisten ist das Thema betriebliche Altersversorgung nicht unbedingt der Reißer. Trotzdem hat sich Stefan Damke geärgert, als beim letzten Jobwechsel diese bis dahin erworbenen Rentenansprüche verfielen. „Ich hatte einfach nicht darauf geachtet“, erzählt Damke. „Das sollte mir nicht noch einmal passieren.“

Heute arbeitet der 41-Jährige als Senior Manager beim Münchner SAP-Beratungshaus SPV und zahlt monatlich 200 Euro des Bruttogehalts in die Unterstützungskasse des Unternehmens. SPV garantiert eine feste Verzinsung von 4,5 Prozent jährlich und steuert außerdem monatlich 146 Euro als Rentenzusage bei, die ebenfalls mit 4,5 Prozent pro Jahr verzinst werden. Auf dieser Basis würde Damke zu seinem 65. Geburtstag ein sechsstelliges Sümmchen erhalten. „Ein gutes Gefühl“, findet er. Fast noch wichtiger als Endsumme, Steuervorteil und Verzinsung ist für Damke der psychologische Effekt: „Es ist gut, dass sich da jemand Gedanken macht, das spiegelt die Fürsorge des Unternehmens wider.“

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Geld gibt’s dann später
Alle fünf Wege, um Mitarbeiter mit einer betrieblichen Alters­versorgung zu beglücken, haben ihre Vor- und Nachteile:
Direktversicherung Der Unternehmer schließt für den Angestellten eine Rentenversicherung ab – bis 25 Prozent in Aktien, bei fondsgebundenen Versicherungen mehr. Sie steht allen Mit­arbeitern zu, solange der Chef keine Alternativen anbietet.
Direktzusage Der Unternehmer verpflichtet sich, Angestellten im Rentenalter bestimmte Leistungen zu zahlen.?Um Zusagen einhalten zu können, bildet er Rückstellungen in der eigenen ­Bilanz, zur Sicherheit sind Beiträge an den Pensionssicherungs-verein (PSV) fällig.
Unterstützungskasse Sie ist eine rechtlich eigenständige Versorgungseinrichtung, die für die Firma bAV-Mittel verwaltet und frei anlegen kann. Der Rechtsanspruch der Mitarbeiter auf die Rente bleibt bei der Firma, die zum Schutz gegen Insolvenz an den PSV zahlt. Bei rückgedeckten Unterstützungskassen garantiert ein Versicherer für die Leistungen.
Pensionskasse Das Unternehmen zahlt regelmäßig die Sparbeiträge seiner Mitarbeiter in eine Pensionskasse ein, die sie anlegt und Rentenleistungen daraus deckt. Laut Versicherungsaufsicht dürfen höchstens 25 Prozent in Aktien fließen. Mitarbeiter haben einen direkten Renten­anspruch gegenüber der Pensionskasse.
Pensionsfonds Auch er bekommt Beiträge zur Kapital­anlage und späteren Rentenzahlung überwiesen, auch hier besteht ein direkter Rechtsanspruch. Pensionsfonds dürfen riskanter spekulieren.

Solche Gedanken muss sich jede Firma machen. Früher war die betriebliche Altersversorgung (bAV) eine freiwillige Leistung. Seit 2002 gilt: Will der Arbeitnehmer mit Teilen seines Gehalts eine solche Altersversorgung aufbauen, ist der Arbeitgeber verpflichtet, diesem Wunsch nachzukommen – muss sich allerdings finanziell nicht daran beteiligen. In größeren Firmen gehört der Arbeitgeberzuschuss oft schon zum guten Ton. Zudem lockt der Staat mit Einsparungen bei den Sozialabgaben.

Welche Form der Altersversorgung die Chefs anbieten, entscheiden sie selbst. Die interne Variante sind Pensionszusagen. Hier fließt in der Sparphase kein Geld. Vielmehr bilden Firmen aus dem Betriebsvermögen Rückstellungen und finanzieren darüber ihre späteren Rentner. Alternativ oder auch ergänzend kommen vier externe Durchführungswege für die Firmenrente infrage (siehe Seite 104).

Das Softwarehaus SPV hat die betriebliche Altersversorgung für die heute rund 40 Mitarbeiter lange über eine Direktversicherung gelöst. Bequem, doch „gerade für Mitarbeiter, die nach relativ kurzer Zeit ausgeschieden sind, blieb kaum etwas übrig“, erzählt SPV-Chef Wolfgang Braun. Der Grund: Bei vielen Versicherungen fallen die Gebühren zu Beginn an, sie fressen die angesparten Beträge in den ersten Jahren weitgehend auf.

Es sollte unbedingt eine attraktivere bAV-Lösung her. „Ein Modell, mit dem wir bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter punkten und unsere qualifizierten Fachkräfte langfristig binden können“, sagt Braun. Dabei half der unabhängige bAV-Berater Jörg Müller aus Lörrach. So entstand ein präziser Anforderungskatalog. Berater Müller zählt auf: Die Bilanz des Unternehmens sollte nicht durch Pensionsrückstellungen belastet werden. Gewünscht war eine flexible und klar kalkulierbare Finanzierung, die an wirtschaftliche Veränderungen angepasst werden kann und möglichst keine Verpflichtung zu laufenden Beiträgen enthalten sollte. Die bAV-Überschüsse sollten ins Unternehmen fließen und gleichzeitig die gezahlten Beiträge vor einer Insolvenz geschützt sein. Müller: „Und die Mitarbeiter sollten möglichst in voller Höhe von möglichen Steuervorteilen profitieren und nicht durch zusätzliche Kosten belastet werden.“

Am besten passt die pauschal dotierte Unterstützungskasse

Damit schied einiges aus. Bei einer direkten Pensionszusage hätte SPV Rückstellungen bilden müssen, was nicht gewollt war. Bei Direktversicherung und Pensionskasse besteht kein gesetzlicher Insolvenzschutz. Bei einer versicherungsbasierten Lösung lässt sich die Finanzierung nicht an wechselnde wirtschaftliche Gegebenheiten anpassen. Und Direktversicherung, Pensionsfonds und Pensionskasse werden nur begrenzt steuerlich gefördert.

Wahl durch Ausschluss: Am besten passt die pauschal dotierte Unterstützungskasse zu SPV. Die Verwaltung ist komplett ausgelagert und macht dem Unternehmen nicht mehr Mühe als eine Versicherung – zugleich sind die Verwaltungsgebühren niedriger, und sie verteilen sich gleichmäßig über die Laufzeit. Außerdem richten sich die Gebühren prozentual nach dem Versorgungsvolumen. Das bedeutet für SPV: Sinkt die Mitarbeiterzahl, sinken auch die Gebühren.

Finanziert wird die bAV über eine Dotierung an die Unterstützungskasse. Im Gegenzug vergibt diese ein Darlehen an SPV. Das Unternehmen kann das Darlehen frei und flexibel nutzen, investiert die Gelder in Festgeld, Depots, Fonds oder Beteiligungen. In schwierigen Zeiten kann die Firma das Darlehen zur Innenfinanzierung nutzen und so die Liquidität stärken. Es wirkt dabei wie ein günstiger Kredit.

Sollte es SPV schlecht gehen, kann das Unternehmen die Beiträge an die Unterstützungskasse vorübergehend aussetzen. Um ihre Versorgungsansprüche müssen sich die SPV-Mitarbeiter in keinem Fall Sorgen machen, denn die sind über den Pensionssicherungsverein gesetzlich gegen eine Insolvenz des Arbeitgebers geschützt.

Die Mitarbeiter entscheiden frei, ob sie wie Stefan Damke regelmäßig oder nur punktuell in die bAV einzahlen. Manche nutzen Sonderzahlungen wie Boni, Weihnachtsgeld oder die Vergütung von Überstunden, um ihre bAV aufzustocken. „Weil ich noch den Kredit für meine Wohnung abbezahle, wollte ich mich nicht zu regelmäßigen Zahlungen verpflichten“, sagt Human-Resources-Managerin Sabine Neumann. „Aber wenn ich am Ende des Jahres etwas übrig habe, schiebe ich gern etwas in unser Versorgungswerk.“

Wechselt ein Mitarbeiter in der fluktuationsreichen Branche den Job, bleiben seine selbst gezahlten Beträge voll erhalten, zusätzliche Kosten entstehen nicht. Allerdings verfällt die arbeitgeberfinanzierte Zusage, falls der Mitarbeiter binnen fünf Jahren ausscheidet. „Auf die Art gibt es einen gewissen Anreiz, die fünf Jahre vollzumachen“, sagt SPV-Chef Braun.

Mehr Eigenverantwortung und höheres Engagement

Einen anderen Weg schlägt die Juwelierkette Kraemer ein. Sie hat ihren Ursprung in der Kölner „Werkstatt für Goldschmiedekunst“, die der Goldschmied Paul Kraemer 1941 eröffnete und nach dem Kriegsende zusammen mit seiner Frau leitete. Durch stete Expansion und die Übernahme mehrerer Wettbewerber baute Kraemer eine Kette mit heute 36 Filialen in Deutschland und den Niederlanden auf. Seitdem der Senior 2007 im Alter von 90 Jahren starb, leiten familienfremde Geschäftsführer das Unternehmen, das heute im Besitz der karitativen Gold-Kraemer-Stiftung ist. „Nach dem Tod von Paul Kraemer standen wir vor der Herausforderung, das bis dahin streng patriarchalisch geführte Unternehmen behutsam zu modernisieren“, erzählt Geschäftsführer Claus Peter Nick.

Zum Beispiel indem eine betriebliche Altersvorsorge eingeführt wird. Die können viele Kraemer-Mitarbeiter gut gebrauchen. 267 von 318 Angestellten sind weiblich, die meisten gehören als Verkäuferinnen kaum zu den Besserverdienern, zumal 43 Prozent Teilzeit arbeiten. Entsprechend niedrig fallen ihre gesetzlichen Rentenansprüche aus. „Wir wollten die Mitarbeiter zu mehr Eigenverantwortung und einem höheren Engagement anregen“, sagt Nick, „wir haben uns gleichzeitig Gedanken über unsere soziale Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern gemacht.“ In den vergangenen Jahren waren die Gehälter der Kraemer-Angestellten nur unwesentlich gestiegen. Eine bAV-Lösung sollte das kompensieren und zugleich das Image des Arbeitgebers verbessern.

Die bAV-Lösung entwarf der Kölner Versicherungsmakler Providass. „Der Geschäftsführung war es wichtig, dass alle Versorgungspflichten voll ausfinanziert sind“, erzählt Providass-Vorstand Alexander Siegmund. „Die bAV-Lösung sollte Bilanz und Jahresabschluss nicht beeinflussen, eine direkte Pensionszusage schied daher von vornherein aus.“

Das duale System

Damit die Mitarbeiter beim Jobwechsel ihre Verträge problemlos mitnehmen können, entschied sich die Kraemer-Gruppe schließlich für eine Direktversicherung. Die Mitarbeiter können bis zu 216 Euro ihres Bruttogehalts monatlich im Zuge einer Entgeltumwandlung steuer- und sozialabgabenfrei einzahlen. Für jeden umgewandelten Euro zahlt Kraemer 50 Cent dazu. Der Arbeitgeberzuschuss beträgt also maximal 108 Euro im Monat. Teilzeit- und Vollzeitangestellte sind dabei gleichgestellt.

Um beim Arbeitgeberzuschuss in den Genuss einer maximalen steuerlichen Förderung zu kommen, setzt die Kraemer-Gruppe auf ein „duales System“. Während die Mitarbeiterbeiträge in die Direktversicherung fließen, zahlt die Kraemer-Gruppe ihre Zuschüsse an eine Unterstützungskasse. Anders als SPV entschied sich Kraemer für eine rückgedeckte Unterstützungskasse, weil es vorrangig um die komplette Auslagerung aller Risiken ging und die Pensionszusagen nicht als Finanzierungsinstrument eingesetzt werden sollten. Der Clou dabei: Durch die Einsparungen bei Sozialversicherung und Steuern kann die Juwelier-kette den Arbeitgeberzuschuss fast vollständig refinanzieren.

Drei Viertel der Kraemer-Angestellten haben die Chance genutzt. „Gerade die, die wenig verdienen, brauchen später dringend eine Aufstockung ihrer Rente“, sagt Andrea Glattfelder, die seit elf Jahren als Verkäuferin in der Bonner Kraemer-Filiale arbeitet. „Die meisten meiner Kolleginnen sind deshalb gern dabei“ und zahlen durchschnittlich 110 Euro monatlich ein. Auch Kraemer-Geschäftsführer Nick ist zufrieden: „Mit so einer hohen Quote hatten wir gar nicht gerechnet.“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 05/2011.

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