Finanzen + Vorsorge Wie Firmen langfristig Investionen planen

Wegen der wackeligen Wirtschaftslage zaudern derzeit viele Unternehmer bei der Kreditaufnahme. Investitionen stemmen sie bevorzugt aus eigener Kraft.

Unternehmer zu sein bedeutet auch, ein wenig Hellseher zu sein, ganz besonders in turbulenten Zeiten wie diesen. Wie entwickelt sich die Euro-Krise weiter? Wie hoch werden die Energiekosten am Ende des Jahres sein? Fragen, die den Erfolg eines Unternehmens beeinflussen, die aber schwer zu beantworten sind.

Michael Glorius versucht, die Unsicherheit in den Griff zu bekommen. Der Finanzchef der Münchner Baywobau hat ein ausgefeiltes Risiko-Management-System installiert, in das er kontinuierlich die eigenen Geschäftszahlen, die aktuellen Entwicklungen an den Finanzmärkten und sogar politische Ereignisse einspeist. Aus den gesammelten Daten entwickelt er dann Zukunftspläne. „Wir spielen regelmäßig bestimmte Szenarien durch und bewerten die möglichen finanziellen Risiken“, sagt Glorius.

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Befragung unter den Führungskräften von 4000 Unternehmen in Deutschland mit einem Jahresumsatz von mind. 2,5 Mio. Euro, Nov. 2011 bis Jan. 2012, Mehrfachnennungen möglich

So überprüft er auch das Kreditportfolio des Bauunternehmens finanzmathematisch auf drohende Zinsanpassungen und Einsparmöglichkeiten. Um die Schwankungen beim Schuldendienst zu minimieren, nutzt der Manager unterschiedliche Termingeschäfte. Kompliziert strukturierte Bankprodukte lehnt er jedoch ab. Glorius setzt auf einfache Swaps und Optionen. Diese Finanzverträge konzipiert er obendrein selbst, lässt sich dann von mehreren Kreditinstituten Angebote für die Umsetzung machen. In der Regel erhält das günstigste Geldhaus den Zuschlag. Bisher haben die Einspareffekte der Absicherung die Kosten der Termingeschäfte stets deutlich übertroffen. Und die verlässliche Kalkulationsgrundlage für die Finanzierung von Projekten erleichtert der Baywobau überdies die Verhandlungen mit den Kreditinstituten. Glorius: „Man kriegt bessere Konditionen, wenn man so etwas vorweisen kann und damit aktiv auf die Banken zugeht.“

Trotz solch offenkundiger Vorteile scheuen Mittelständler einen Aufwand, wie ihn Glorius betreibt. Eine aktuelle Umfrage von TNS Infratest unter 4000 Führungskräften im Auftrag der Commerzbank ergab, dass die meisten Unternehmer sich auf eine turnusmäßige Überprüfung ihres Finanzierungsmix beschränken. Nur die Hälfte kontrolliert kontinuierlich, ob sich Fehlentwicklungen – etwa ein Anstieg der Zinslast – abzeichnen.

Befragung unter den Führungskräften von 4000 Unternehmen in Deutschland mit einem Jahresumsatz von mind. 2,5 Mio. Euro, Nov. 2011 bis Jan. 2012, Mehrfachnennungen möglich

Statt ihre Risiken besser zu managen, verzichten viele Firmen lieber komplett auf Fremdfinanzierungen. Nach den Ergebnissen der Studie denken 78 Prozent der Befragten beim Thema Kredit momentan zuerst an die „Einengung der unternehmerischen Freiheit“ – und nicht an die damit verbundenen Wachstumschancen. Die Mehrzahl der Manager steht dem Schuldenmachen grundsätzlich kritisch gegenüber. 78 Prozent denken bei Fremdfinanzierung zuerst an erhöhte Risiken.

Furcht vor dem Konjunktureinbruch

Die Zurückhaltung bei Krediten hat ihren Hauptgrund in der Furcht vor den wirtschaftlichen Folgen politischer Ereignisse. So sagen fast drei Viertel der Unternehmer, dass die anhaltende Euro-Krise ihre Planungssicherheit verringert; 63 Prozent fürchten gar einen Einbruch der Konjunktur. Und mehr als die Hälfte sehen die Wirtschaftslage als gewichtiges Hemmnis für Investitionen. Allerdings kümmert sich auch nur jeder zweite Unternehmer so intensiv wie der Baywobau-Finanzchef um die Finanzierungsstruktur.

Die Mehrheit der Mittelständler bevorzugt die Finanzierung aus eigenen Mitteln: Gewinne, Rücklagen, laufende Einnahmen. Besonders ausgeprägt ist diese Haltung im verarbeitenden Gewerbe mit einem Anteil von 66 Prozent der Befragten. „Ich überlege mir dreimal, ob ich einen Kredit aufnehme“, sagt etwa Kai Winkelvoss, Geschäftsführer des Herstellers von Lacken und Farben Einza, stellvertretend für viele. „Und wenn es doch sein muss, so hat eine lange Laufzeit unbedingt Priorität.“

Auch Frank Blumenthal gehört zu denen, die lieber langfristig planen. „Kurzfristiges Denken ist falsch“, sagt der Geschäftsführer der Baumarktkette Hellweg. „Man muss seine strategische Ausrichtung konsequent verfolgen.“ Deshalb expandiert das Dortmunder Familienunternehmen trotz der aktuellen Unsicherheit weiter: Zu den bereits bestehenden 89 Hellweg-Märkten in Deutschland kommen in diesem Jahr fünf weitere hinzu.

Bei der Finanzierung arbeitet Hellweg mit einer Mittelfristplanung über drei bis fünf Jahre. Investitionen bestreitet das Unternehmen mit Eigenmitteln und klassischen Bankkrediten. Dabei hält es sich an die Grundregel, dass sich die Laufzeit der Kredite an der Nutzungsdauer von Anlagen orientieren sollte.

Darüber hinaus, sagt der Hellweg-Mann, seien für Unternehmen seiner Art flexible Finanzierungselemente wichtig, um auf konjunkturelle oder saisonale Schwankungen reagieren zu können. Beim Wareneinkauf nutzt er daher statt starrer Kreditlinien einen sogenannten Borrowing-Base-Finanzierungsrahmen, der an die Höhe der jeweiligen Bestände gekoppelt ist. Solche Modelle bieten inzwischen viele Banken an.

Flexibilität und bessere Konditionen – mehr als vier Fünftel der für die Commerzbank-Studie befragten Führungskräfte, die eine Optimierung der Finanzierung ihrer Firma planen, wollen diese Ziele erreichen. Im aktuell günstigen Zinsumfeld stehen die Chancen gut.

Auffällig: Gute Planer wirtschaften besser. Fast die Hälfte der Unternehmen, die überdurchschnittlich erfolgreich sind, blicken mit ihrem Finanzplan drei Jahre voraus. Wie Oliver Wönnmann, Geschäftsführer des Automobilzulieferers Feuer Powertrain.

Bei den Finanzierungsinstrumenten nutzt der Kaufmann nicht nur die üblichen Kredite. Vor sechs Jahren holte er eine mittelständische Beteiligungsgesellschaft ins Unternehmen. Den 30-Prozent-Anteil kaufte Feuer Powertrain im vorigen Jahr zurück. Das Geld dafür erhielt die Firma aus dem Mittelstandsfonds der Deutschen Bank – kein Kredit, sondern Mezzanine-Kapital. Das wird verbucht wie Eigenkapital, belastet daher nicht das Rating, muss aber üppig verzinst werden. Wönnmanns Plan hinter solchen Finanzierungsinstrumenten: „Wir investieren bewusst antizyklisch.“ So baute das Unternehmen 2008 trotz der damaligen Krise ein zweites Werk – und stand mit höheren Kapazitäten bereit, als die Konjunktur wieder ansprang.

Die Expansion treibt Wönnmann munter weiter. In diesem Jahr soll das mittlerweile vierte Werk fertig werden. In den zehn Jahren seit der Gründung investierte Feuer 170 Mio. Euro in Fertigungsanlagen und stieg so zum größten konzernunabhängigen Hersteller von Kurbelwellen in Europa auf. Die Geschäftsentwicklung verläuft rasant: Noch vor drei Jahren betrug der Umsatz 29 Mio. Euro. Dieses Jahr peilt Wönnmann mehr als 80 Mio. Euro an.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 06/2012.

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