Finanzen + Vorsorge Windige Geschäfte

© Jens Reitemeyer

Viele Unternehmer stecken ihr Geld in Windkraftfonds und finanzieren so die Energiewende. Doch diese Anlage birgt enorme Risiken.

Christian Herz wirkt harmlos, aber das täuscht. Der 52-Jährige mit der hohen Stirn und der sonoren Stimme ist ein Raider. Ein Firmenjäger. Ein Typ wie Gordon Gekko aus dem Film „Wall Street“, den Hollywood-Star Michael Douglas brillant verkörperte. Der entscheidende Unterschied zwischen dem ehemaligen Unternehmensbera­ter aus Mettmann und dem fiktiven New Yorker Finanzhai: Herz kämpft Seite an Seite mit den Eigentümern.

Statt Firmen gegen deren Willen aufzukaufen und zu zerlegen, hilft er deren Gesellschaftern, unfähige oder gar gegen ihre Interessen agierende Geschäftsführer loszuwerden – und übernimmt dann selbst das Management. Die Unternehmen, die Herz‘ Hilfe suchen, sind Kommanditgesellschaften, die Windparks bauen und betreiben.

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Vor etwa fünfzehn Jahren wurden die ersten Windfonds aufgelegt, mehr als 2500 bis heute. Die meisten der Beteiligungsmodelle laufen miserabel. Die Erträge sind niedriger als angekündigt, bisweilen reicht es nicht mal für Ausschüttungen. „Rund 60 Prozent der großen Massenpublikumsgesellschaften, die in der Boomphase von 1997 bis 2005 aufgelegt wurden, liegen unter Plan“, sagt Herz. „Darunter sind etliche Sanierungsfälle.“ Schlimmstenfalls droht den Teilhabern der Verlust ihrer Kapitaleinlage.

Eine Entwicklung, der sie nahezu machtlos zusehen müssen – solange sie sich nicht schlagkräftig organisieren. Die häufig komplizierten Fondskonstruktionen erschweren das jedoch. Die Leitung des Fonds bleibt meist dem Initiator überlassen, der den Fonds aufgelegt hat – und der dann auch den Geschäftsführer stellt. Herz‘ Job ist es, die Interessen der Windmühlen­eigner zu bündeln, um das Management per Mehrheitsentscheid der Gesellschafter vom Hof zu jagen. Viermal ist ihm das bereits gelungen.

An der Macht der Initiatoren störte sich zunächst kaum jemand. Schließlich galt das Modell als bombensicher; angesichts hoher garantierter Preise für den erzeugten Strom winkten satte Erträge – einmal für die Initiatoren, die hohe Gebühren kassierten. Und für die Anleger, die trotzdem ansehnliche Gewinne einstreichen konnten.

Hohe Kosten durch defekte Windräder

Dass viele Öko-Fonds trotz staatlicher Subventionen in Schieflage geraten sind, liegt zumeist an Konstruktionsfehlern. So rechneten die Initiatoren oftmals mit weit überhöhten Windstärken. Viele haben voreilig auf optimistische Prognosen vertraut, statt Sicherheitsabschläge vorzunehmen oder ein weiteres Gutachten einzuholen. Zudem liefen die Windräder keineswegs so störungsfrei wie erhofft. Die meisten Fonds mussten zum Beispiel weitaus höhere Reparaturkosten als geplant bezahlen. Die Wartungs- und Instandhaltungskosten der Windräder sind bisweilen mehr als 50 Prozent höher als vorgesehen und summieren sich auf zwölf bis 15 Prozent der gesamten Fondseinnahmen. Das zehrt massiv an den Gewinnen.

Diese Erfahrungen sollte beachten, wer überlegt, sich mit eigenem Geld für die Energiewende zu engagieren. Die unverändert hohe Windstrom-Vergütung von mehr als acht Cent pro Kilowattstunde ist das politische Lockmittel, das Fondsanbieter gern nutzen, um neue Angebote zu unterbreiten. Nach mehrjähriger Flaute zieht das Geschäft mit Windfonds wieder an: Allein im ersten Halbjahr 2012 investierten Anleger laut dem Verband Geschlossene Fonds stattliche 215 Mio. Euro, fast doppelt so viel wie im gesamten Jahr 2011 (siehe Grafik Seite 103). „Das Interesse an Windfonds wächst“, sagt Andreas Roth, auf nachhaltige Geldanlagen spezialisierter Finanzberater im hessischen Schwalmtal und Mitglied des Beraternetzwerks ökofinanz-21.

Vor allem Freiberufler und Unternehmer beteiligen sich mit hohen Summen, so Roth, „oft im niedrigen sechsstelligen Bereich“. Andreas Zittlau, dessen Vermögensverwaltung Privacon vor allem Familienunternehmer berät, bestätigt den Trend. „Seit sich die Negativmeldungen aus der Solarbranche häufen, rücken Beteiligungen an Windparks stärker in den Fokus.“

Platz genug gibt es immer noch für die Windparks. Zwar sind die besten Standorte in den windreichen Gegenden an Nord- und Ostsee bereits belegt. Aber es existieren noch etliche attraktive Flächen für neue Parks, „zum Beispiel in Bayern, wo wegen politischen Widerstands bislang kaum Windräder aufgestellt wurden“, sagt Finanzberater Roth. Die raue und windige See bleibt weiter den Profis vorbehalten. In sogenannte Offshore-Anlagen im Meer können Privatanleger bislang nicht investieren, diesen Markt teilen die Großinvestoren unter sich auf, darunter Energieversorger und Versicherer.

Aber taugen die Windparks tatsächlich als Geldanlageobjekt? Besteht nicht weiterhin die Gefahr, dass die Anbieter mit ihren Prognosen derart weit daneben liegen wie bei vielen Fonds der ersten Generation?

Gefährliche Konstruktionsfehler

Die Experten sind sich uneins. Die Branche habe dazugelernt, inzwischen würden bei Windstärken und Wartungskosten in aller Regel deutlich realistischere Werte angesetzt, sagt Verbandsexperte Roth. Die Fondsgesellschaften hätten wenig aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, glaubt dagegen Vermögensberater Zittlau und rät zur Vorsicht: „Ich halte die Risiken bei Windfonds weiterhin für hoch.“

Tatsächlich gibt es noch immer gefährliche Konstruktionsfehler, die die Renditeprognosen gehörig ins Wanken bringen können. Da wären zunächst die hohen Gebühren. Bei Windfonds gingen noch immer 15 bis 20 Prozent des investierten Kapitals für Nebenkosten drauf, moniert Zittlau; der Löwenanteil davon für die „Eigenkapitalvermittlung“, also die Verkäuferprovi­sion für Banken oder Finanzvertriebe. Zudem lassen sich die Initiatoren ihre Dienstleistungen, etwa die „Fondskonzeption“, üppig vergüten. Von den branchenüblichen diversen Startgebühren von insgesamt rund 20 Prozent der Einlagesumme könnten die Fonds vier Jahre lang eine fünfprozentige Rendite ausschütten.

Als besonders brisant hat sich in den ver­gangenen Jahren erwiesen, dass Anleger bei geschlossenen Fonds kaum Einfluss auf das Management und dessen Strategie haben – obwohl sie es doch sind, die das unternehmerische Risiko tragen. Eine Erfahrung, die besonders für die Selbstständigen unter ihnen schmerzhaft ist. „Unternehmer investieren gern in Windfonds, weil sie es gewohnt sind, Risiken einzugehen“, sagt Patrick Elixmann, auf Kapitalanlagen spezialisierter Anwalt bei der Kanzlei Göddecke in Siegburg. „Das ergibt allerdings nur einen Sinn, wenn man auch Einfluss hat.“

Immer wieder müssen die Investoren zusehen, wie Fondsgeschäftsführer auf ihre Kosten absahnen. „Ich erlebe häufig, dass Initiatoren viel zu hohe Geschäftsführungsvergütungen einstreichen, obwohl der Fonds schlecht läuft“, sagt Fondsexperte Herz. Diese Vergütungen liegen oftmals bei bis zu 90 000 Euro oder betragen sogar über 100 000 Euro pro Jahr. Zudem würden Aufträge, etwa für Reparaturen der Windräder, oft ohne Ausschreibung zu überhöhten Preisen an Tochtergesellschaften des Initiators vergeben. „Auf diese Weise sichern sich die Initiatoren hohe laufende Er­träge, selbst wenn für Anleger nichts übrig bleibt“, sagt Herz.

Auch Investor Volker Hippe, der in den Anlegerbeiräten mehrerer Windfonds sitzt, um die Geschäftsführer zu kontrollieren, sieht einen „erheblichen Interessenkonflikt zwischen Geschäftsführung und Gesellschaftern“, weil die Initiatoren unabhängig vom Erfolg des Fonds Geld verdienen. Das führe immer wieder dazu, dass sich die Geschäftsführer nicht ausreichend kümmern; beim Windpark Amesdorf-Wellen in Sachsen-Anhalt zum Beispiel habe der Initiator die Chance zu einer günstigen Umschuldung verstreichen lassen.

Wenn Interessenkonflikte und handwerkliche Fehler überhand nehmen, bleibt Anlegern oft nur eins: ein Putsch gegen die Geschäftsführung. Kein leichtes Unterfangen: „Oft erscheinen nur wenige Anleger auf den Gesellschafterversammlungen“, sagt Finanzberater Roth. Deshalb sei es schwierig, die notwendige qualifizierte Mehrheit zur Abwahl des Geschäftsführers – je nach Gesellschaftsvertrag meist 75 Prozent – zu erhalten. Dass es dennoch gelingen kann, hat Windpark-Raider Herz bewiesen. Mit seiner Ökofair Energie, die er mit seinem Kollegen Holger Schneider leitet, übernahm er inzwischen bei vier Fonds das Kommando, zum Beispiel beim Fonds Rakow-Gardelegen und beim Windpark Möbisburg in Erfurt, wo die 175 Gesellschafter 2011 den vom Initiator Ventimotor eingesetzten Geschäftsführer Stephan Hloucal absetzten.

Den Übernahmen sei stets „ein harter Kampf“ vorausgegangen, sagt Herz. Zunächst müssten ja sämtliche Adressen der Gesellschafter beschafft werden, um den Widerstand zu organisieren. „Initiatoren verweigern aber oft die Herausgabe, trotz eindeutiger Rechtslage.“

Kämpfe mit dem Fondsmanagement

Selbst wenn eine Mehrheit zustande kommt, sind die Anleger noch nicht am Ziel. „In der Regel fechten Geschäftsführer die Abwahl an“, sagt Herz. „Da geht es schließlich um viel Geld.“ Mehrfach musste er durch mehrere Instanzen gehen, um die Geschäftsführung übernehmen zu können, am Ende aber meist mit Erfolg.

Rechtsanwalt Elixmann rät Windfonds-Anlegern deshalb, sich stärker zu engagieren. „Gerade Fonds der ersten Generation aus den Jahren bis 2005 haben meist hervorragende Standorte. Wenn die Gesellschafter ihren Einfluss geltend machen, lassen sich die Erträge deutlich verbessern.“

Dass es durchaus sinnvoll ist, sich einzumischen, zeigt der Windpark Holßel in Niedersachsen. Dort haben der Initiator Energiekontor und der Anlegerbeirat nach zähen Verhandlungen die alten Windräder durch neue ersetzt. Beirat Hippe: „Seit September laufen sämtliche Neuanlagen, und die ersten Zahlen sind sehr vielversprechend.“

Vor dem Einstieg in einen Windpark, sollten Interessenten angesichts der Erfahrungen mit der ersten Generation genau prüfen, ob eine Einflussnahme auf die Fondsgeschicke möglich ist. „Wenn nicht mal ein Anlegerbeirat vor­ge­sehen ist, würde ich nicht investieren“, sagt Finanzberater Roth. Auch bei Windpark-Betei­ligungen in Form von Genussrechten, einer Mischung aus Aktien und Anleihen, ist er vorsichtig: „Dort haben Investoren keinerlei Mitspracherechte und werden auch nicht Mit­eigentümer.“

Eine interessante Variante seien Bürgerwindparks, die derzeit überall im Land aus dem Boden schießen – und häufig als Genossenschaften organisiert sind. Statt einer Fondsgesellschaft stehen hinter den Projekten meist engagierte Bürger und die örtliche Politik. „Wer mit kleineren Beträgen in Windkraft investieren will, sollte lieber einen genossenschaftlich organisierten Bürgerwindpark wählen statt eines klassischen geschlossenen Fonds“, meint auch Privacon-Geschäftsführer Zittlau.

Von hohen Investitionen oberhalb von fünf Prozent des frei verfügbaren Vermögens rät Zittlau jedoch dringend ab. „Anleger sollten sich bewusst sein, dass sie in einen Markt investieren, der vom Staat dominiert ist.“ Das berge stets die Gefahr, dass Subventionen plötzlich gekürzt oder Zusagen zurückgezogen werden würden.

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