Finanzen + Vorsorge Wo bleiben die Deutschen?

Mittelständler, die nach Osteuropa gehen, machen einen Fehler: Sie fragen nicht in London bei der EBRD nach. Dort gibt es Kredite - und Schutz gegen Korruption.

Er wundert sich nicht mehr über die Witze, die er auf dem Gang zu hören bekommt. Joachim Schwarzer arbeitet seit 2006 bei der European Bank for Reconstruction and Development, kurz EBRD. Er ist Executive Director in dem stolz aus dem Nebel ragenden Hochhaus in Londons Financial District. Drinnen werden Kredite vergeben an Firmen, die gen Osten ziehen. Schwarzer vertritt die Interessen Deutschlands bei der Bank und hat gelernt: Der deutsche Mittelstand holt sich die günstigen Mittel einfach nicht ab. Deshalb machen die Kollegen stichelnde Witze: Komisch, dass gerade die Exportnation Deutschland günstiges Geld zum Expandieren verschmäht.

Die EBRD, gegründet nachdem der Eiserne Vorhang zerrissen war, wird von 61 Staaten und der Europäischen Union finanziert. Deutschland ist mit einem Anteil von 8,5 Prozent einer der größten Geldgeber und stellt mit Thomas Mirow seit drei Jahren den Präsidenten der Förderbank. Sie soll Geschäfte zwischen Warschau und Wladiwostok ermöglichen und so für Stabilität sorgen. Sprich: Kredite geben an Firmen, die es nach Osteuropa, auf den Balkan und in frühere Sowjetrepubliken in Asien zieht. Und so die Wirtschaft in 29 Staaten fördern und Arbeitsplätze schaffen.

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Wenn Schwarzer erzählt, wie das funktioniert, kann er nur wenige deutsche Mittelständler als Beispiel präsentieren: den Plastikdeckelproduzenten Bericap aus dem rheinland-pfälzischen Budenheim etwa. Er hat einen Kredit über 2,5 Mio. Euro aufgenommen, um in Ili bei Almaty in Kasachstan eine Fabrik zu finanzieren.

2,5 Mio. Euro, das ist für die Verhältnisse der EBRD etwas ganz, ganz Kleines. Die Untergrenze für Kredite liegt eigentlich bei 5 Mio. Euro. Aber der Hunger nach einem deutschen Beispiel war groß, daher die Ausnahme. Dabei wollte Bericap-Gründer Günter Krautkrämer erst gar nicht: „Ich dachte, dass die Bank nur Kraftwerke, Straßen und Brücken finanziert.“ Nicht Plastikdeckel.

Kredite mit politischem Touch

Umgelernt hat Krautkrämer, als er zufälligerweise einen Vortrag über die EBRD hörte, gehalten von einem Franzosen. „Da dachte ich, oh, là, là, das versuch ich auch mal.“ Es klappte. Geld für die Fabrik hätte Bericap – 530 Mio. Euro Umsatz, 20 Werke in 18 Ländern – auch problemlos von anderen Banken bekommen. Aber in diesem Fall ging es um mehr als Geld. „Der Kredit hatte so einen politischen Touch, so etwas Halböffentliches“, sagt Krautkrämer. „Das hat uns in Kasachstan geholfen.“ Schwarzer nennt das, was Krautkrämer nicht genauer beschreiben will, „Political Comfort“. Bedeutet übersetzt: Es trauen sich weder korrupte Apparatschiks noch gierige Provinzfürsten, Schwierigkeiten zu machen oder Bestechungsgelder zu fordern. Krautkrämer: „Stimmt. Ist so.“

Schwarzer, der früher im Bundesfinanzministerium als Abteilungsleiter für den Bundeshaushalt zuständig war: „Wir liefern eine Art politische Rückversicherung.“ In Russland, Kasachstan oder der Mongolei kann das nicht schaden. Bevor es den Kredit gibt, stimmt die Regierung des betroffenen Landes zu – durch ihren Vertreter im Board der EBRD. Vor Ort wird klar und unmissverständlich kommuniziert, dass die Regierung das Projekt stützt. „Das ist ein wichtiges Element für Unternehmen aus dem Westen“, sagt Schwarzer.

Außerhalb Deutschlands hat sich das längst herumgesprochen. „Unternehmen aus Frankreich und Italien haben erkannt, wie hilfreich die EBRD sein kann. Deutsche könnten die Möglichkeiten noch stärker nutzen.“ Die Bank gibt auch Kredite, wo andere Geldgeber zurückzucken. „Wir übernehmen Risiken, die private Banken nicht übernehmen“, so Schwarzer. Die EBRD beteiligt sich sogar, bei überzeugenden Argumenten, mit 20 bis 25 Prozent des Eigenkapitals an den Tochterfirmen im Osten.

Die Bank verlange marktübliche Zinsen und fackele nicht lang. „Wir entscheiden schnell hier.“ Schneller als normale Banken. Und antizyklisch. Als andere Kreditgeber vor zwei Jahren in Angststarre verfielen, verdoppelten die Geldgeber der EBRD den Etat, damit die gegen die Krise investierte.

Mittelstandsbank ohne Mittelstand

„Wir sind eine Bank auch für den Mittelstand“, sagt Schwarzer. Wenn er jedoch Kreditnehmer aufzählt, klingt das so: Fiat, Procter?&?Gamble, Danone, Vivendi, viele italienische und französische Konzerne. Auch in Deutschland nehmen nur die Großen das Geld und den „Political Comfort“ aus London: Die Schwarz-Gruppe aus Neckarsulm etwa, der die Supermarktketten Lidl, Kaufland und Handelshof gehören, baut und kauft viel in Osteuropa mithilfe der günstigen Förderkredite. 240 Mio. Euro hat die Schwarz-Gruppe bereits erhalten. In diesem Jahr kommen weitere 200 Mio. Euro hinzu, um ihre Tochter Kaufland in Bulgarien und Polen wachsen zu lassen. Und um in Rumänien und Bulgarien den Marktzutritt von Lidl zu finanzieren. Weitere deutsche Kreditnehmer sind Hochtief, Fraport, Daimler, Eon, Bosch und Henkel.

Volkswagen hat auch zugelangt. Der Autokonzern hat von 2009 ein für 1,042 Mrd. Euro gebautes Werk in Kaluga bei Moskau eröffnet, mehr als ein Viertel der Summe finanziert mit EBRD-Krediten. Die Förderbank beteiligte sich ganz am Anfang mit Kapital und gab später noch einen Kredit von 250 Mio. Euro. 150?000 Autos der Marken VW, Audi und Skoda werden dort jährlich hergestellt für den großen Markt der Zukunft, der bis zum Pazifik reicht.

Die kleinen und mittelgroßen Firmen aus Deutschland fehlen in den Listen. Zum einen fragen sie, sagt Schwarzer, einfach nicht nach Krediten. Zum anderen, wenn doch einmal, dann eher amateurhaft. Bereits 2007 kursierte im Bundeswirtschaftsministerium ein Bericht, in dem steht: „Es ist auffällig, dass deutsche Unternehmen von 2004 bis 2006 eine sehr hohe Zahl an fehlgeschlagenen Beteiligungsversuchen zu verzeichnen hatten.“ Besser wurde es bisher nicht. Die Bank wächst stark und schnell. In dem Bericht stand noch: 2006 vergab die Bank Kredite in Höhe von 776 Mio. Euro. Davon gingen schlappe 187 Mio. Euro an Firmen aus Deutschland, der größten Volkswirtschaft des Kontinents. Nur an zwölf von 98 geförderten Investitionen waren deutsche Firmen beteiligt. 2010 hat die Bank 9 Mrd. Euro investiert, der deutsche Anteil wird nicht mehr ausgewiesen. Die Bank teilt mit: „Die Informationen geben wir nicht mehr.“

Auf der Suche nach Erfolgsbeispielen

Was muss sich ändern, damit auch deutsche Mittelständler die mit deutschem Steuergeld mitfinanzierten Hilfen nehmen? Schwarzers Chef, Thomas Mirow, sagt tapfer: „Besonders dem Mittelstand können wir attraktive Angebote machen, und wir arbeiten daran, unser Profil zu schärfen und unsere Sichtbarkeit zu erhöhen.“

Wann, wo, wie gibt es Förderkredite?
Unternehmer, gehst du gen Osten, vergiss die Fördermittel nicht. Nach diesen Regeln vergibt die EBRD ihr Geld:
Anklopfen im Internet Auf der EBRD-Website erklärt der „Guide to EBRD Financing“, wie man an die Kredite kommt.
Die Konditionen Die Bank gibt Kredite von 5 bis 250 Mio. Euro, in Ausnahmefällen auch kleinere Beträge. Die Kredite können Laufzeiten von einem Jahr bis 15 Jahre haben, die Zinsen können festgeschrieben oder flexibel sein. Manchmal übernimmt die EBRD das Kreditrisiko sogar komplett. Auch Garantien für Kredite anderer Banken übernehmen die Londoner.
EBRD-Equity Die Förderbank beteiligt sich auch an Firmen in den Förderländern, allerdings mit Minderheitsanteilen.
Geld für 29 Länder Investitionen werden unterstützt in Albanien, Armenien, Aserbaidschan, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Estland, Georgien, Kasachstan, Kirgistan, Kroatien, Lettland, Litauen, Mazedonien, Moldawien, der Mongolei, Montenegro, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, der Slowakei, Slowenien, Tadschikistan, der Türkei, Turkmenistan, der Ukraine, Ungarn, Usbekistan und Weißrussland.
Geld für zehn Branchen Die Kredite müssen in folgende Branchen fließen: Landwirtschaft und Lebensmittel, Banken, kommunale und Umweltinfrastruktur, nachwachsende Rohstoffe, Atomanlagensicherheit, Strom und Energie, Immobilienwirtschaft, Tourismus, Güterproduktion und Telekommunikation.
Kreditstopp Haben die geplanten Investitionen mit Waffen oder Tabak zu tun, gibt es kein Geld.

Schwarzer will „Erfolgsbeispiele“ präsentieren. Globus ist so eins. Die Firma aus St. Wendel im Saarland betreibt in Deutschland Bau-, Lebensmittel- und Elektromärkte. Und hat im Großraum Moskau 2008 fünf große Märkte eröffnet, mit 134,5 Mio. Euro EBRD-Kredit.

Geschäftsführer Christian Heins: „Wir hatten Kontakt zur EBRD aufgenommen.“ Es gab Auflagen: Weil die Bank die russische Wirtschaft vor Ort fördern will, kommen „wesentliche Teile der Sortimente von russischen Lieferanten.“ Was kein Problem sei, weil „unser Konzept Eigenproduktionen in den Bereichen Metzgerei und Bäckerei vorsieht“.

Heins, bei Globus für die Finanzen zuständig, klingt kurz wie ein Entwicklungshelfer: „Im Frischebereich haben wir mit russischen Lieferanten Entwicklungsarbeiten geleistet.“ Der Marktzutritt hat funktioniert. Im Herbst eröffnet der sechste russische Globus.

Die Geldspritze aus London

Was deutsche Konzerne mit Krediten der EBRD anzufangen wussten. Und um welche Summen es geht:

Projekte Unternehmen Kosten EBRD-Anteil
Autofabrik in Kaluga nahe Moskau Volkswagen 1,042 Mrd. Euro 280 Mio. Euro Kredit und Kapitalbeteiligung
Flughafen Mutter Teresa in Tirana, Albanien Hochtief 455 Mio. Euro 112 Mio. Euro Kredit
Getreide- und Saatguthandel in der Ukraine Alfred C. Toepfer International 230 Mio. Dollar 100 Mio. Dollar Kredit
Flughafen Pulkowo, Sankt Petersburg, Russland Northern Capital Gateway (Fraport) 1,2 Mrd. Euro 100 Mio. Euro Kredit
Strom- und Gasversorger in Rumänien Eon 25 Mio. Euro 20 Mio. Euro Kredit und Kapitalbeteiligung
Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 02/2011.

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