Finanzen + Vorsorge Worauf Unternehmer bei privaten Kranken-Zusatzversicherungen achten sollten

Ein  Wechsel von der private Krankenversicherung in die gesetzliche Krankenversicherung ist nur in bestimmten Fällen möglich.

Ein Wechsel von der private Krankenversicherung in die gesetzliche Krankenversicherung ist nur in bestimmten Fällen möglich.© Fotolia

Firmen können ihren Mitarbeitern private Zusatzpolicen anbieten. Das macht sie als Arbeitgeber attraktiver. Unternehmen sollten die Angebote jedoch genau prüfen.

Gute Mitarbeiter sind schwer zu finden – beim Callcenter-Betreiber Te­le­performance hat man sich deswegen die Sache mit den Zähnen ausgedacht. Seit Mai sind alle 1500 Mitarbeiter, die länger als zwei Jahre im Unternehmen sind, automatisch privat krankenversichert, Zusatzzahlungen beim Zahnarzt inklusive – und zwar auf Firmenkosten. „Das soll Anerkennung für unsere Angestellten ausdrücken“, sagt Personalchef Ulrich Ramoser. Zudem will er mit dem Extraversicherungsschutz Talente anlocken und binden.

Ob Zahnimplantat, Krebsvorsorge oder Chefarztbehandlung – Mitarbeitern über private Zusatzversicherungen Leistungen zu bieten, an die sie über die gesetzlichen Krankenkassen nicht kommen, ist eine gute Idee. Zumal in Zeiten des Fachkräftemangels, in denen Firmen um die besten Kräfte kämpfen, und vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft, in der die Gesundheit von Mitarbeitern ein großes Thema ist. Gerade für ältere Angestellte ist der Weg über die Firma oft der einzige, um überhaupt an eine Privatversicherung zu kommen. Die Tarife sind günstiger, der Einstieg ist einfach. Also ein Gewinn für alle, wie der Privatversicherer-Verband PKV jubelt?

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So einfach ist es nicht. Nicht alle Angebote lohnen sich. Derzeit haben Schmalspur-Policen zu Kampfpreisen Konjunktur, die zu einer Belastung für die Firma werden können. Unternehmer tun gut daran, sich die Offerten genau anzusehen. Und sollten eines im Hinterkopf haben: Die privaten Krankenversicherer sind derzeit auf Verkaufstour in den Betrieben, weil sie mit dem Rücken zur Wand stehen. SPD und Grüne werben für eine einheitliche Bürgerversicherung. Setzen sie sich durch, wird es eng für die private Vollversicherung. Da kommt der Unternehmer als Käufer der Zusatzpolicen gerade recht. Erst 14 Prozent der deutschen Firmen bieten eine betriebliche Krankenversicherung (bKV) an, ermittelte das Forsa-Institut. Die Assekuranzen wittern großes Potenzial. So startete der Marktführer Debeka kürzlich eine Kooperation mit dem privaten Klinikbetreiber Helios. Die Krankenhauskette soll Unternehmer für das gemeinsame bKV-Angebot werben.

Billigangebote gehen am Bedarf vorbei

Im Fokus der Versicherungskonzerne stehen nicht mehr nur die großen Unternehmen, sondern auch der Mittelstand – Gruppenrabatte gibt es bereits ab fünf Mitarbeitern. Damit gehören selbst mittelgroße Handwerksbetriebe zur Zielgruppe. Die Assekuranzen verzichten dabei teils auf eine vorherige Gesundheitsprüfung. Zu haben sind die Policen schon ab rund 20 Euro im Monat. Doch viele der Angebote sind selbst dieses Geld nicht wert.

Das gilt auch für das Beispiel Teleperformance. Das Unternehmen hat die Versicherung bei der Hanse Merkur abgeschlossen – und zahlt gerade einmal 17 Euro im Monat pro Mitarbeiter, unabhängig vom Alter. Beim Konkurrenten Barmenia liegen die Preise ähnlich. Man ahnt: Zu diesen Tarifen ist ein sinnvoller Versicherungsschutz nicht zu haben. Bei den Billig­angeboten gehen die Leistungen oft völlig am Bedarf der Versicherten vorbei. Bei Teleperformance übernimmt die Hanse-Merkur-Police lediglich 30 Prozent der privaten Zahnarztrechnung. Dazu kommen Leistungen wie Tests auf Grünen Star oder Hautkrebs. Doch nach der Diagnose ist es mit den Annehmlichkeiten der privaten Versicherung schlagartig vorbei: Wer krank ist, muss sich für die Behandlung dem gesetzlichen Krankenwesen aussetzen.

Der Markt der Policen ist unübersichtlich: Gesundheitsvorsorge, Reiseschutz, Zulage für den Heilpraktiker – vereinbaren lässt sich praktisch alles, doch längst nicht alles macht Sinn. Problematisch seien etwa Angebote für Naturheilverfahren, kritisiert Versicherungsberater Detlef Lülsdorf. Heilpraktiker-Behandlung sei viel zu speziell. Extrareiseschutz im Ausland hält er gar für Augenwischerei: „Reiseschutz kann jeder überall für 10 Euro pro Jahr ohne jede Gesundheitsprüfung privat absichern.“ Sinnvoll findet der Berater dagegen ambulanten oder stationären Schutz, damit Mitarbeiter schnell einen Facharzttermin oder eine Operation bekommen.

Gute Angebote haben ihren Preis

Besonders ärgerlich ist, dass selbst eine unnütze Versicherung auf Dauer richtig teuer werden kann. Denn niemand garantiert, dass die Beiträge auf niedrigem Niveau bleiben. „So, wie die Versicherer ticken, gibt es oft günstige Tarife zum Anbeißen für die Unternehmen“, sagt der Hamburger Versicherungsmakler Rüdiger Falken. „Wenn dann die Leistungsfälle kommen, explodieren die Bei­träge.“ Bei einigen Versicherungen sind die Beiträge an das Alter der Beschäftigten geknüpft, steigen also automatisch. Falken rät, genau zu hinterfragen, ob die Preise solide kalkuliert sind. Denn wenn ein Unternehmer eine Sozialleistung eingeführt hat und sich die Mitarbeiter daran ­gewöhnt haben, ist sie praktisch nicht mehr rückgängig zu machen.

Die guten Angebote – auch die gibt es – haben ihren Preis. So bieten Versiche­rungen an, einen Großteil der Kosten für Behandlungen, Medikamente und Vorsorge­untersuchungen zu tragen, die von der gesetzlichen Krankenversicherung nicht gedeckt sind. Manche Anbieter räumen den Versicherten sogar den vollen Privatpatienten­status ein – freilich nicht für 20 Euro im Monat. Unternehmer müssen eher mit Beiträgen ab etwa 80 Euro rechnen, für ältere Angestellte geht es deutlich über 100 Euro hinaus. Der Staat macht es Firmenchefs nicht gerade leichter, sich für eine vernünftige Versicherung zu entscheiden. Es können nur bis 44 Euro pro Monat und Mitarbeiter beim Finanzamt angerechnet werden und sind damit frei von Steuern und Sozialabgaben, hat der Bundesfinanzhof entschieden (Az.: VI R 24/10). Wird die Grenze überschritten, muss der gesamte Beitrag versteuert werden.

Beim Pforzheimer Medizintechnik-Anbieter Admedes mit 700 Mitarbeitern scheiterte der vorgesehene stationäre Schutz erst einmal ­daran, dass das Unternehmen unterhalb der 44-Euro-Grenze bleiben will – zumal der Ver­sicherer Allianz keine Preisgarantie abgeben will. „Höhere Preise vollkommen auszuschließen wäre unseriös“, sagt Karl-Josef Schwojer von der Allianz. Einfach wieder über Bord werfen will Admedes-Geschäftsführer Stefan Gimber die ambulante Versicherung in keinem Fall: „Wir halten aber an dieser Leistung auch dann fest, wenn die Prämien steigen oder die Grenze, wie politisch diskutiert wird, auf 25 Euro gesenkt werden sollte.“ Ein Luxus, den sich vor allem große Unternehmen leisten können: Bei 42 Millionen Euro Personalkosten fallen 300 000 Euro für den Gesundheitsschutz kaum ins Gewicht.

Beitragserhöhung in der Fußnote

Die Personalchefin eines süddeutschen IT-Dienstleisters mit 60 Mitarbeitern muss anders rechnen. Sie war gerade auf der Suche nach einer passenden Police und hatte bereits ein Angebot im Auge, als der Frankfurter Versicherungsmakler Carlos Reiss von Hoesch & Partner sie auf eine Fußnote aufmerksam machte, in der es lapidar hieß: „Beiträge können sich durch eventuell erforderliche Beitragsanpassungen verändern.“ Gegen die möglichen Prämienerhöhungen will sich der Mittelständler vorsorglich absichern. „Wir wollen per Betriebsvereinbarung Essens- und Fahrtzuschuss gegen die betriebliche Krankenversicherung tauschen, damit wir Beitragsanpassungen abfedern können“, sagt die Personalerin.

Die richtige Kalkulation reicht nicht – auch Fehler bei der Einführung können sich rächen. So sollten Unternehmer beispielsweise klar definieren, welche Gruppen von Angestellten welche Leistungen erhalten und diese Gruppen nach objektiven Gründen bilden, etwa der Betriebszugehörigkeit. Sonst könnten Mitarbeiter wegen vermeintlicher Benachteiligung klagen.
Auf ein anderes Risiko kommt die Versicherungslobby selbst zu sprechen: Was passiert, wenn ein Angestellter den Betrieb verlässt? Der PKV-Verband rät zu Verträgen, die sicherstellen, dass der Versicherungsschutz bei Ausscheiden aus dem Unternehmen privat weitergeführt werden kann, auch wenn die Firma in die Insolvenz geht. Die günstigen Gruppen­rabatte gehen zwar verloren, aber die Versicherten behalten die Leistungen. Immerhin.

 

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